Donnerstag, 18. Januar 2018

Vom Durchhalten

Im letzten Post beschrieb ich meine Veränderung durch die Geburten der Kinder.

Nun will ich über die Zeit des Stillstandes, des Ruhens schreiben.

Es ist diese Zeit, wenn das Kind auf der Welt ist und alles still steht. Diese Zeit, in der völlig wurscht ist, was in der Welt passiert, weil man auf den wenigen Quadratmetern zu Hause derart beschäftig ist, dass da einfach keine Welt da draußen mehr ist.

Es ist diese Übergangszeit, in der das Baby in der Welt ankommen soll und sich die Familie neu ordnet und sich alle Rollen neu fügen. 

Diese Zeitspanne beträgt mitnichten einige Wochen oder Monate. Es sind die ersten 1,5 Jahre.
!,5 Jahre des permanenten Umbruchs, bis das jüngste Familienmitglied soweit entwickelt ist, dass es der Mama zentimeterweise mehr Luft zum Atmen lässt. Zwischen 18 und 24 Monaten wird einiges einfacher, weil nicht ausschließlich mehr Mamas Arm der bevorzugte Aufenthaltsort ist, weil halbwegs normales Essen möglich ist, weil 'selba' an Bedeutung gewinnt, weil Sprache ins Spiel kommt.

In den ersten 2 Jahren jedoch lag mein Augenmerk immer sehr auf dem Kleinstkind der Familie. Meist war ich sogar wieder schwanger und versuchte Kind und Fötus unter einen Hut zu bekommen. 

Diese ersten Jahre, in denen stand hier zuhause immer die Zeit still. Jedenfalls die Zeit in meinem Kopf. Es war mir unmöglich mich an zukunftsgewandten Gedanken zu orientieren.

Heutzutage soll ja alles so schnell gehen, nach ein paar Monaten sollte man sich eingespielt haben und weiter geht's dann mit dem Hamsterrad. Nach nem Jahr wieder zu arbeiten, Alltag zu stemmen - natürlich ist das möglich. Allerdings hat das dann mit Zukunft gar hinzu tun. Es fehlt ja die Zeit der Muse und Orientierung, die Zeit des geistigen Aufatmenkönnens, die Zeit sich Fragen über die eigenen Perspektiven zu stellen.

Bei T3 bin ich oft froh, gerade nicht zu arbeiten. Zum Einen kann ich zum ersten Mal das Kleinstkindalter voll genießen, ohne mit einer weiteren Schwangerschaft kämpfen zu müssen.
Zum Anderen kann ich mit dem Kinderkriegen wirklich abschließen, mich fragen, wer ich bin, was ich will, wohin es mit mir gehen soll, in welchem Umfang... 
Mit den drei Kindern ist ein echter Neuanfang nötig. Aus den alten Mustern bin ich zu sehr raus, aus den alten Ansprüchen, mein Marktwert ist inexistent, an der beruflichen Vergangenheit anknüpfen völlig unmöglich geworden. 
Dennoch hat es auch diesmal 1,5 Jahre gedauert, um den Kopf frei zu bekommen. Soweit zu kommen, die Muse zu haben und die Fokussierung überhaupt über mein weiteres Leben und vielleicht sogar Ziele, nachzudenken. Überhaupt realistische Ziele zu definieren, Träume zu träumen...
Neu Anfangen. Auf Level 2: mehr Kinder, weniger Chancen, keine Zeit.
Mal so nebenher geht das nicht. 
Doch jetzt, jetzt kann ich es mir gerade leisten, mir grundsätzliche Fragen zu stellen. Ein echter Luxus. Allerdings auch keine lustige Aufgabe. Aus sich selbst neue Träume zu generieren, neue Gedanken zu wagen, die Vereinnahmung abzulegen und mit so viel mehr Lebenserfahrung zu fragen: Was will ich? Wer bin ich denn jetzt?

Jetzt, da mein Kopf die Ecken vom Kinderkram entrümpelt. Was ist da noch da von mir?
Es ist, als müsste ich das Haus meiner verstorbenen Eltern räumen und mich bei jedem Teil fragen, ob ich das als Erinnerung behalten will, ob das weg kann, ob das noch gut ist... Dabei ist niemand gestorben. 

Nur die junge Frau mit einem gänzlich anderen Leben und Lebensentwurf ist gewichen. An ihrer Stelle ist nun eine erwachsene Frau, die Verpflichtungen hat, Verantwortung trägt, eine Frau die ganz neue Welten erschaffen hat in den letzten Jahren - nur nicht für sich selbst.

Die Zeit des Stillstandes geht zu Ende. Meine Welt beginnt sich wieder zu drehen. Begleitet von Ängsten und Hoffnungen. 
Die junge Frau von damals ist zu einer leisen Erinnerung verblasst. 
Und wenn ich heute in den Spiegel schaue, so frage ich mich oft auch laut: 'Wer bist du, du da im Spiegel, nicht alt, nicht mehr jugendlich, wer zum Teufel bist eigentlich?'


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