Donnerstag, 9. November 2017

Aina für alle ist Aina von uns.

Aina ist meine Freundin. Sie kommt aus Shanghai und lebt seit 5 Jahren in Deutschland. Sie ist nach dem Studium hierher gekommen. Mit ihrem Mann. Aina hat ihre große Liebe geheiratet. Sie hat ihn schon in der Grundschule kennen gelernt. Die beiden sind Einzelkinder. Das ist in China so.
Ainas Mann ist Physiker am MPI. Und sie zog ihm um die halbe Welt hinterher. Sie ist Chinesischlehrerin und hat hier in der Erwachsenenbildung gearbeitet: Chinesisch-Deutsch für Deutsche.
An Deutschland liebt Aina die Freiheit und die Individualität. In Shanghai ist alles viel strenger, der Druck viel höher, die Gesellschaft viel rigider. 

Ainas Tochter Dorin ist genauso alt wie T3. Eines dieser zuckersüßen asiatischen Babys, natürlich mit schwarzen Kulleraugen und glänzendem, schwarzem, langem Haar - schon bei der Geburt.
Dorin ist und war eigentlich ein relativ unkompliziertes Kind. Gut, sie war zur Geburt in Beckenendlage, weswegen man unbedingt einen Kaiserschnitt machen musste. Aber Aina hatte damit kein Problem. Mit den Schmerzen und den langanhaltenden Problem mit der Narbe ein bisschen. Aber das Stillen lief super. Eigentlich war alles ok. anstrengend, aber ok. 

Es gab gute Nächte und schlechte. Es gab einfaches Einschlafstillen und ewiges Geschrei. Es gab Schnupfen und Brei und viele Spaziergänge. Aina fragte mich auf diesen Spaziergängen oft, wie ich dies oder jenes mache und war ganz überrascht, dass so Vieles mit Kindern einfach Machen ist. Klar hat sie viele Ratgeber gelesen. Und dann war sie verwirrt, weil das Baby nicht so wollte, wie's im Ratgeber stand und überhaupt... 
Wir kennen das alle. Wir sind da alle durch einen ähnlichen Erfahrungsmarathon gegangen.

Aina ging mit Dorin ins PeKiP und zum Babyschwimmen. Sie machte alles genau so, wie man es machen sollte. Weil ihr Mann nur 1 Monat Elternzeit nach der Geburt hatte, war sie leider allein für die tägliche Babyversorgung zuständig. Aber Wissenschaftler können nunmal nicht ewig zu Hause bleiben. Geld und befristete Verträge und Paper und so. 
Aina meldete das Töchterlein im nächsten Montessori-Kindergarten an. Mit 12 Monaten sollte die Eingewöhnung sein. Dann wollte Aina wieder halbtags arbeiten gehen. Darauf freute sie sich sehr, denn aus verständlichen Gründen hatte sie ja keine Familie in der Nähe. 

Sie haben auch nur eine kleine Wohnung, weil beide ihre inzwischen pensionierten Elternpaare finanziell unterstützen. Die wohnen am Rande von Shanghai und dort ist alles fürchterlich teuer. Aber von dort waren sie ja auch gewohnt auf engem Raum zurecht zu kommen. Hier an ihrer Haustür hängen riesige Spruchbänder mit chinesischen Zeichen. Traditionelle Segenssprüche und Glückssymbole.

Nach 6 Monaten kamen Ainas Schwiegereltern zu Besuch. Natürlich wohnten sie auch in der 50qm Wohnung und blieben 3 Monate - so lange geht das Besuchsvisum maximal. Aina war schon irgendwann genervt, aber immerhin waren das Oma und Opa und sie mochte beide und naja, es waren ja nur 3 Monate.

Jedenfalls kam also irgendwann die Eingewöhnung und das Abstillen und es sollte jetzt alles viel viel leichter werden. Ja und die Zähne kamen ja auch. Egal.
Blöd war irgendwie, dass Dorin vollkommen auf Aina fixiert war. Auch nach Wochen des Eingewöhnens weinte das Kind stundenlang im Kindergarten. Also kündigte Aina den Platz und beschloss einfach noch eine Weile länger zu Hause zu bleiben. Manchmal ist das halt so. Ist ja ein Kind und keine Maschine.

Dann kam der Sommer und endlich war Dorin groß genug für den Spielplatz. Ab jetzt würde das Kinderhaben mehr Spaß machen. Man konnte raus und das Kind konnte mit anderen Babys im Sandkasten buddeln. 
So saßen wir also im Sommer auf dem Spielplatz und Aina sagte zu mir: 'Du, kann ich dir was erzählen?'
Ich nickte, auch weil das schon so unheilvoll klang.
'Ich bin wieder schwanger.'
'Oh.'
'Erst ganz frisch.'
'Darf ich gratulieren, oder brauchst du ne Schulter zum ausheulen?'
'Ich glaub beides.'
'Klar.'
'Ich wollte schon ein 2. Baby. Aber nicht so schnell. Das war nicht geplant.'
'Ja, das glaub ich. Passiert halt.'
'Was mach ich denn jetzt? Zwei so ganz kleine Kinder...'
'Durchhalten. Was besseres fällt mir nicht ein. Kann ich helfen?'

Aina gewöhnte sich an den Gedanken. 
Dorin konnte zwar noch nicht laufen, aber sie würde das schon schaffen.
Dann kam die Übelkeit. Und die Müdigkeit. Und die Rückenschmerzen. Und irgendwann kamen die Tränen.

'Ich schaffe das nicht. Dorin will nur auf den Arm. Sie läuft noch nicht dabei ist sie schon 16 Monate!'

'Dorin schläft nicht. Sie bekommt Zähne. Ich bin so müde. Und mir ist so schlecht. Ich habe schon 5 Kilo abgenommen.'


'Mein Mann hat jetzt eine neue Arbeit in Konstanz. Aber ich bleibe noch hier. Ich habe hier ja den Arzt und ich schaffe keinen Umzug.'


'Meine Schwiegereltern kommen wieder her. Sie wollen mir helfen mit Dorin. Weil ich ja immer allein mit ihr bin. Ich schaff es nicht mehr in die Babygruppe oder zum Einkaufen.'


'Der Arzt hat gesagt, ich habe Diabetes und das Baby wird krank. Aber mir ist immer noch so schlecht. Ich kann gar nichts essen.'


'Dorin schläft immer nur 20 Minuten Mittags und dann um 17 Uhr nochmal.'


'Wenn ich in Konstanz bin, dann werd ich ganz alleine sein. Ich kenne da doch niemanden. Was soll ich denn bloß tun?'


Ich sitze bei Aina auf der Couch, hab ihr ein Ensemble genäht für das Söhnchen und für Dorin unser altes Wutsch mitgebracht. Ich tröste, relativiere, beruhige, spreche Mut zu. Und ich höre zu. 
Ich besorge Sachen, biete an mit zum Arzt zu gehen. 

Aber alle Hilfe ändert nichts.

Ainas Geschichte ist die einer ganz normalen, gut gebildeten, engagierten jungen Frau, die nichts falsch gemacht hat.
Ainas Geschichte ist die eines ganz normalen Zerfalls eines Lebensentwurfs in Deutschland 2017. 

Aina sitzt tief in der Falle. Das weiß sie. 
Aber sie weiß nicht, wie sie da hineingeraten konnte. Ausgerechnet sie. Sie hat doch studiert und war ambitioniert und hat keinen Macho geheiratet und sie wollten beide Kinder.
Und jetzt weiß Aina weder, wie sie in diese Situation geraten ist, noch wie da wieder rauskommen soll. Und ihre Kraft reicht gerade so bis zu jedem neuen Tag. Aber nicht weiter.

Aina ist eine von uns. Wir sind viele. 

1 Kommentar:

  1. Die gesellschaftliche Strömung ist halt auch bei uns noch immer, dass eine Frau kein eigenes Leben hat, vor allem nicht mit Kindern. Und wie beim Schwimmen gegen den Strom braucht es ständige Anstrengung und Wachsamkeit um nur auf der gleichen Stelle zu bleiben. Mit einem Kind mag es noch gehen es mitzuziehen, aber zwei oder drei sind einfach zu viel. Und dann ist natürlich noch die Frage ob der Vater mitzieht oder am Ufer steht. (Und jetzt lasse ich die arme Metapher in Ruhe. :-)

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