Mittwoch, 4. Oktober 2017

ohhohooo - we're in the army now

Die letzten Wochen waren anstrengend für mich. Ich spürte einen unglaublichen Druck auf mir und unser Leben geriet ein bisschen aus den Fugen.

Was passiert ist? Nicht viel. Und doch alles.

T1 kam vor zwei Wochen in die Schule.


Schule. Bildung. 
Große Worte. Schlagwörter. Unser Privileg als reiches westliches Land. Wir schicken hier jedes Kind zur Schule auf dass es eine grundlegende Bildung genieße. 
Muss man sich leisten können.
Muss man sich leisten wollen.
Bildung ist eine Verheißung auf ein gutes Leben. Mehr Bildung verheißt gar ein besseres Leben. Auch wenn ich das so nicht bestätigen kann, denn im postindustriellen Zeitalter, was ist da schon die Verheißung?


In der Realität stand ich beim Thema Schule jedoch vor riesigen Problemen. Nich wegen der Schulart. Schließlich bin ich meiner Intuition gefolgt und hab die passende Schule gewählt. 
Nein, emotional war die Schule ein Problem.


Zum einen bin da ich: 
Ich habe mir vor 15 Jahren geschworen, nie nie wieder so ein verkacktes Schulgebäude zu betreten und das Thema Schule endgültig für immer abzuschließen. Ich habe die Schule gehasst - vor allem das Gymnasium. Für mich war es dort eine Tortur.
Ich hatte zwar gute Noten, war aber das einzige Arbeiterkind auf einem Elitegymnasium, immer Außenseiter und bis auf 3 Lehrer innert 10 Jahren bin ich mir bis heute sicher, waren die Oberstudienräte_innen dort alle dämliche Flitzpiepen. Jedenfalls Schule ist und war nicht mein Lieblingsthema.
Leider hab ich das nicht bedacht, als ich mir Nachwuchs zulegte, der mir eventuell Elternabende bescheren wird, bis ich auf die 60 zugehe. Es ist zum Heulen.

Schule war und ist bei mir also besetzt mit vielen Ängsten, Vorurteilen und - glücklicherweise - einer pensionierten Grundschullehrerin als Schwiegerdrachen. Mich treibt auch immer noch der systembedingte Freiheitsverlust um. Zwar sind Schulen heute nicht mehr auf den ersten Blick militärische Bildungsanstalten, dennoch gibt es einen immanenten Unterschied zum Kindergarten.

Ging es im Kindergarten prinzipiell um das Kind, seine Potenziale, seine Bedürfnisse und seine Neugierde (zudem sind wir Eltern dort ja Kunden und genießen bei unserer Privatkita einen gewissen Service), so hat die Schule fast das gegenteilige Ziel. Es ist die Eingliederung der Kinder ins staatliche Bildungssystem mit dem Ziel systemkonforme Bildungsbürger hervorzubringen. Klar gibt es keinen gestrengen Lehrer mehr, der mit der Rute durch die Reihen geht, aber das Schulsystem ist nicht den Schülern zu Diensten, die Schüler haben dem System eine Art Gehorsam zu leisten. Eine im wahrsten Sinne des Wortes Klassengesellschaft im Kleinformat, mit für mich fragwürdigen Definitionen von Beurteilung, Lehrern und Lernenden und zuletzt einem für mich völlig unverständlichen Anspruch von Bildung. 

Bildung wird meinen Kindern zuhause zuteil. Was man in der Schule für Noten auswendig lernt ist keine Bildung. Es ist meiner Erfahrung nach verlorene Lebenszeit. Aber mit dieser Meinung scheine ich nicht die Mehrheit der Eltern zu vertreten. Und schon gar nicht die Meinung der Lehrer.

Ich meine auch nicht, dass sich die Klassenlehrerin meiner Tochter nicht anstrengt und nen schlechten Job macht. Ich meine, dass die Frau die blödsinnige Aufgabe übernommen hat mit diesen Kindern einen Bildungsplan durchziehen zu müssen, der eventuell vielleicht, naja... Also für mich klingt das eher nach 'Was nicht passt, wird passend gemacht.'

Ja und genau davor habe ich Angst, denn mir hat dieses passend-gemacht-werden gar nicht gut getan und T1 ist mir nunmal furchtbar ähnlich und eigentlich hab ich mir jetzt 6 Jahre lang den Arsch aufgerissen, damit sie sich als Persönlichkeit frei entfalten kann... Und nun folgen halt viele Jahre Konditionierung. Das ist irgendwie nicht das bessere Leben, dass ich mir für meine Kinder wünsche. 
Bildung fände ich super. Gute Noten und Reüssieren und unserer Leistungsgesellschaft - nicht ohne nen guten Psychiater. Oder eben eine Mutter, die zumindest zu Hause einen Schutzraum für die Kinderseelen errichtet.

Das mag jetzt für manchen etwas melodramatisch klingen, aber aus so vielerlei Gründen finde ich unser Bildungssystem krankmachend statt chanceneröffnend.

Und dann ist da auch noch die Persönlichkeit meiner Erstgeborenen. Zart, unsicher, gefallenwollend, schon immer sehr fremdbestimmt, schon immer zaghaft und vor allem verträgt sie keine Veränderungen. Sie hasst Veränderungen. Sie würde von sich aus nur nach seeeeehr gründlichen Analysen der Situation und langfristigen Beobachtungen ihr Näschen aus ihrem Schneckenhaus stecken. So war sie schon in der 5. Schwangerschaftswoche. 

Jedenfalls war das letzte viertel Jahr nicht witzig für sie. So liebevoll und behutsam sie von allen auf die Veränderung vorbereitet wurde, so wenig konnten wir ihr die Ängste nehmen. Sie hatte schlicht keine Vorstellung von dem, was da auf sie zukommt, was sie jetzt leisten muss, Angst zu Versagen, Angst alleine zu sein, Angst nicht gemocht zu werden, Angst nicht zu genügen...
Nein, natürlich mache ich hier zu Hause keinerlei Druck. Nein, natürlich habe ich immer und immer wieder erklärt, relativiert, ermutigt. 

Und doch konnte ich die ständigen Fragen der Außenwelt nicht entkräften: 'Jetzt fängt ja der Ernst des Lebens an, freust du dich denn auf die Schule?' Mein wunderbares Kind hat tapfer und mutig jedem 'Nein, ich will gar nicht in die Schule gehen!' entgegen geschleudert. Immerhin das. Manchmal könnte man aber auch die Leute an die Wand klatschen, die einfach so mein Kind zumüllen mit ihren Phrasen!

Das Kind wurde immer unruhiger, ich wurde immer besorgter und so wandte ich mich an hiesige Beratungsstellen und hatte mehrere Gespräche und habe versucht alles richtig zu machen und hab trotzdem nächtelang nicht geschlafen.

Jedenfalls kam der Tag der Einschulung und ja, es gefällt ihr in der Schule. Sie hat gemerkt, dass sie nicht zu dumm ist und erstmal keine Angst zu haben braucht und dass alle nett sind und dass ihr viele Sachen Spaß machen etc.

Jedoch reagierte das Kind so wie es reagiert, wenn jemand mit Forderungen an es heran tritt und Druck ausübt: mit Todstellen.
Und gemeinsam mit Kindergartenpädagogen konnte ich dann die Lehrerin davon überzeugen, dem Kind erstmal ne Chance zu geben aufzutauen. Dabei haben sich natürlich fast alle meine Vorurteile Lehrern gegenüber bestätigt. Und die Rektorin ist ehrlich gesagt der Zwilling meiner Schwiegermutter. Ihr Jahrgang, ihr Werdegang, gleiche Frisur, gleicher Umgangston, gleiches Beharren auf Gehorsam. Voll mein Ding.

Zwei Wochen Schule liegen hinter uns. Ich bin der Lösung meines Problems nicht näher gekommen:
Wie bewahre ich mein Kind vor der Systemkonformität ohne sie in noch schlimmere Schwierigkeiten zu stürzen?
Das Vertrauen ist am schwierigsten. Sie hat einen sehr gut gepackten Rucksack. Sie hat bei mir einen Rückzugsort. Sie ist klug und stark. Aber sie in die Welt mit all ihren Tücken zu entlassen, erscheint mir immer noch unmöglich.

Kommentare:

  1. Oh, ich kann deine Erfahrungen und Bedenken so gut teilen! Die Diskrepanz zwischen den eigenen Lebensvorstellungen, mütterlichem Schutzverhalten immer das Beste für sein Kind zu wollen und gefangen sein im System. Wir müssen wohl alle unseren Weg "da durch" finden. Nicht einfach. Ganz viel Mut und Kraft!

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  2. Ich kann nur sagen: 1. die Lehrer/innen sind mit dem System größtenteils auch unglücklich. Niemand wird Lehrer/in, damit er dann Leute, für die er keine Zeit hat, auf Linie bringt. Die Erkenntnis hilft natürlich nicht wirklich weiter. Vielleicht mal im Gespräch erwähnen, dass man sieht, wie gern sie sich mehr individuell den Kindern widmen würden und man erkennt, wie schwierig das ist - schafft vielleicht eine gute Atmosphäre, und Lehrer tendieren dazu, sich positive Elterngespräche zu merken.
    Wobei ich sagen muss bei Grundschule kenn ich mich nicht so aus.
    Bei mir wird das erst wieder in ein paar Jahren virulent. *würg

    Alles Gute der "Kleinen"!

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