Dienstag, 13. Juni 2017

Kinderlähmung

'Ich bin so urlaubsreif! Noch 2 Wochen, dann geht's endlich nach...'

So höre ich es zur Zeit recht häufig von Müttern im Kindergarten. Man wechselt ein paar Worte beim Kinderabholen. Die Urlaubszeit steht vor der Tür. Nach den Ferien kommt von allen der gleiche Satz: Es war total schön aber auch sehr anstrengend!

Ich glaube diesen Eltern, dass sie urlaubsreif sind. Ich glaube ihnen auch, dass der Urlaub mit ein bis zwei Kleinkindern anstrengend ist. Ich bin dennoch fasziniert, wie sich doch alle jedes Jahr auf die Reise machen, mit dem Flugzeug oder dem Auto, einem Haufen Gepäck und ewig lange im Voraus festgelegten Buchungszeiten. 

Es irritiert mich wirklich. Auch diese Mutter-Kind-Kur Geschichten mit Kleinkindern irritieren mich. Oder besser gesagt, es irritiert mich, dass sich Menschen davon offensichtlich Erholung versprechen. Das leuchtet mir einfach nicht ein.

Der Tapetenwechsel, das versteh ich schon. Aber es ist doch so, Kinder lähmen uns. Am Tag des Abfluges fängt eines an zu Kotzen, das andere schläft im fremden Bett schlecht und krabbelt ins viel zu kleine Bett zu Mama. Man hat immer das nicht dabei, was man gerade bräuchte, oder wenn doch, dann hat man zuvor wochenlang gepackt und Listen geschrieben. 

Reisen mit Kindern stelle ich mir spannend vor, aber nicht für 2 Wochen an den Strand nach Spanien, oder nach St. Peter-Ording.

Es schockiert mich irgendwie, dass die dringend benötigte Erholung nicht konsequent eingefordert wird. Urlaub mit Kleinkindern ist so eine Sache, vor allem, wenn man eben wirklich nur die 2 Wochen hat, die dann erholsam sein müssen, weil man bis Weihnachten durchhalten muss.

Aber ohne Kinder Urlaub zu machen scheint irgendwie ein Tabu zu sein. Wie wäre es wohl, wenn erst der eine, dann der andere mal 5 Tage alleine wegfährt, die Nächte durchschläft, anständig in Ruhe isst, mal etwas tun kann, das ihn/sie wirklich interessiert? Würde das nicht viel mehr Erholung bringen?
Macht man das nicht, weil eben der Job als Eltern gar nicht als Job angesehen wird von dem man sich mal erholen muss? Macht mich ein Bürojob wirklich so urlaubsreif wie 1,5 Jahre schlechten Schlafes mit Baby?

Es gibt ja Jobs, die tatsächlich körperlich und psychisch so auslaugen. In der Pflege, an der Kasse bei Aldi, alles mit hohem Druck und hoher Geschwindigkeit und hohem Frustpotential. Aber will man dann nicht einfach im Urlaub seine Ruhe, schlafen und eben mal kein 24/7 Krawallprogramm? Und ist Elternsein nicht genau so ein Job, wie oben beschrieben? Ich finde schon.

Ich würde ja auch zwischen Ferien und Reisen unterscheiden. 2 Wochen Kanaren sind nicht 2 Monate mit den Kindern durch Asien/Skandinavien/Balkan etc. Der Unterschied liegt in der Zeit und Muse, dem Sichnichterholenmüssen, sondern im Erholtseinundwaserlebenwollen.

Mir macht das Sorgen. Dieser Vereinbarkeitswahn von eigenen und Kinderbedürfnissen. Denn sich von Doppel- und Dreifachbelastungen erholen zu wollen und müssen ist ja sowas von ein wichtiges, legitimes Elternbedürfnis. Einfach mal zu schlafen. Einfach mal keinen Lärm in der Umwelt - aber auch im eigenen Kopf. Einfach mal kein sich um tausend Sachen kümmern müssen. Das wäre doch Urlaub, wenn man urlaubsreif ist!

Tun wir das nicht, weil es in unseren Ohren zu hart klingt 'Ich will mich mal erholen. Ohne dich. Von dir.' ? Können unsere Kinder tatsächlich nicht verstehen, dass Eltern auch mal ne Pause wollen? Schreien sie nicht manchmal selbst 'Lass mich in Ruhe! Ich will mal allein sein?'

Klar gibt man Babys nicht lange weg. Aber Dreijährige? Mal ne Woche zu Oma oder ein Wochenende zur Tante? 
Viele Eltern machen das ja - ein paar Tage Oma. Aber dann sagen sie 'Jetzt hab ich endlich mal Zeit das Liegengebliebene abzuarbeiten.' Das ist doch falsch. Wäre es nicht besser zu sagen 'Du fährst zu Oma, ich fahr in die Toskana.' ?
Die gemeinsame Zeit in Ehren, aber was bleibt von der gemeinsamen Alltagszeit, wenn die Eltern völlig am Ende ihrer Kräfte sind? Wäre eine Woche getrennter Urlaub und hinterher sind die Eltern wieder aufnahmefähig und klar im Kopf nicht besser für die Alltagsstunden als Familie? Oder besser gleich zwei Wochen, damit es wirklich Erholung ist...

Würdet ihr das tun, meine lieben Leser? Sehnt ihr euch nach der Ruhe, nach einer ununterbrochenen Nacht? Würdet ihr nicht auch gerne mal wieder etwas nur für euch machen? Tut ihr es, oder tut ihr es nicht?

Ich muss zugeben, ich habe den Stein der Weisen selbst noch nicht gefunden. Im Sommer sind immer 2 Wochen Kita-Ferien. In dieser Zeit fahren wir zu den Schwiegereltern. Alle zusammen. Das bedeutet für die Erwachsenen zwar Stress, aber auch viel Familienzeit. Nach einer Woche fahren wir Erwachsenen und das Baby wieder zurück. Die Großen bleiben bei der Oma für eine weitere Woche.

Alle drei auf einmal werden wir den Großeltern wohl nie zumuten können. Aber zwei gehen im Moment noch. Wenn das Baby allerdings groß genug ist, schwebt mir durchaus vor, dass 2 bei der Oma sind, einer mit 1 Kind zu Hause und einer in Urlaub fährt. 

Später, wenn die Kinder größer sind, T3 vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, dann kann ich mir auch vorstellen 4 Wochen mit dem Wohnmobil durch Frankreich, oder ein anderes europäisches Land. Fernreisen kann ich mir ehrlich gesagt mit Kindern so nicht vorstellen. Dafür müssten sie alle so groß sein, dass lange Flüge stressfrei sind und jeder nur 1 Koffer hat, den er selber ziehen kann. Und wenn alle Teenager sind, dann sollte es auch kein Problem sein, mal eines mit in en Urlaub zu nehmen, oder wenn ein Elternteil in Urlaub während der Schulzeit.

All die tausend Alltagsstunden mit den Kindern, sind die nicht viel wichtiger, als die Ferienwoche am Strand? Dafür sollte man doch fit sein, oder? Abgesehen davon, dass ich es krass finde, wieviel so ein Urlaub kosten kann. Wir sind jetzt 5 Personen. Aber hallo.

Dieses eigentlich was für sich selbst tun wollen, es aber dann doch nicht wirklich tun, nur so halb und dann nahtlos im Alltag weitermachen müssen - das klingt für mich so ungesund. Warum trauen wir uns nicht, Nägel mit Köpfen zu machen? Warum stellen wir grundsätzlich unsere Bedürfnisse hintenan? Immer. Wir machen noch nichtmal ein paar Tage eine Ausnahme. 

Nach nunmehr sieben Jahren am Stück schwanger und Baby, da freue ich mich darauf, wenn diese Babyzeit endlich vorbei ist. Ich hab so viel Babygedöns am Stück gehabt, ich bin wirklich satt. Da ist kein 'aber sie wachsen ja so schnell' mehr übrig. Ich bin froh, wenn die letzten Babyhürden hinter uns liegen. Und wenn T3 dann mal abgestillt ist und bei der Oma bleiben kann. Ich hab so viel nach den Bedürfnissen der Kinder organisiert, dass es Zeit für eine Veränderung wird. T3 ist jetzt 14 Monate. Ich meine ein Licht am Ende des Babytunnels erkennen zu können.

Wir fahren übrigens bewusst nicht in die typischen Ferien, allein weil ich es als einzige ablehne. Ich lehne das Packen, die Fahrt und das konstante Anmirdrangehänge der Kinder in fremder Umgebung ab. Und das Geld haben wir auch nicht, das haben wir schon für's ständige Kinderkriegen ausgegeben.

Ich fahre auch nicht gern zu den Schwiegereltern. Allerdings sind wir dort 4 Erwachsene für 3 Kinder in großem Haus mit Garten. Das ist sehr viel besser als 2 Erwachsene mit 3 Kindern in winzigem Hotelzimmer oder Ferienhaus und ich muss Kochen und Putzen. Also ertrag ich halt die Schwiegermutter. 

Aber wenn ich mal ein paar Tage alleine wegfahren kann, dann flieg ich nach England. Eine Woche in einem kleinen Bed & Breakfast an der Südküste. Oder in die Bretagne. Oder nach Barcelona. Oder nach Siena. Oder in die Tourraine. Ach, ich bräuchte ein ganzes Jahr lang Urlaub!

Kommentare:

  1. Ich kann deine Argumentation gut nachvollziehen. Zwar haben wir es noch nicht geschafft allein in den Urlaub zu fahren wenn die Kinder bei den Großeltern waren, aber alleine so ein paar Tage ohne die beiden großen letztes Jahr waren schon toll. Mal sehen, ob wir auch mal alle drei gleichzeitig verborgt bekommen, immerhin ist der kleine schon mehr als 18 Monate alt. Dafür hatte ich dieses Jahr schon zweimal je vier Tage Dienstreise und das ist schon echt erholsam nicht jeden morgen und abend die liebe Bagage durch's Bad und ins Bett zu schleusen, auch wenn ich das ja eigentlich nur seltenst komplett alleine mache und Dienstreisee andere Möglichkeiten für Nicht-Erholung bieten.
    Zum Glück verstehe ich mich sehr gut mit den Schwiegers und dort die Kinder einfach in den Garten schicken zu können ist super, 4:3 eh... und im Spätsommer geht es dann für 2 der 3 auch erst eine Woche dahin, dann eine Woche zu der anderen Großmutter und ein Kind ist ja kein Kind, oder? 14 Tage zu fünft in einer bereits bekannten Ferienwohnung an der Ostsee sind auch noch geplant. Da ist der Reise-Erholung-Nutzen hoffentlich gut austariert.
    Und ja, das Ende der bei mir ja nur 6 Jahre Schwanger-Baby-Phase fühlt sich super an :) Es wird, ganz bestimmt! Es wird auch bei Dir!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, bei drei Kindern ist das Verborgen gar nicht so einfach. Die Großeltern arbeiten vielleicht noch, oder sind schon was älter und haben Hüfte, Bandscheibe - irgendwas... Drei so Wuselkinder hat man halt nicht mal so nebenher. Allerdings haben meine Eltern T1 jetzt mal mit nach Spanien genommen und das war richtig klasse, weil sie schon so groß ist und das auch gut klappt. So ungefähr kann ich mir das auch vorstellen. Vielleicht mit einem der Kinder wegzufahren später. Wär doch super.

      Erholt euch trotz des Gewusels im Sommer!

      Löschen
  2. Wir waren mit meinen Eltern das erste Mal auf Auslandsurlaub, als wir 10 bzw. 13 waren. Dann allerdings die volle Dröhnung, 4 Wochen mit VW-Bus, aufregendstes Gegondel durch Jugoslawien und Griechenland und wieder retour. Es war wunderbar. Wie uns unsere Eltern so lange auf engstem Raum ertragen haben, weiß ich allerdings nicht, in meiner Erinnerung waren wir alle lässig und entspannt. Wir hatten eine wunderschöne Kindheit, Urlaube sind mir nie abgegangen. Wir hatten einen Garten und Schwimmbad in der Nähe, das war völlig ausreichend für uns.
    Also: mehr Mut zu Urlaub auf Balkonien! Viele Mamas, die ich kenne, sind momentan in Italien - ich hätte überhaupt keinen Bock auf so viele Autostunden mit Kind, da kommt man doch völlig erschöpft und gerädert an. Die Variante, getrennt zu reisen, finde ich gar nicht schlecht, würde das aber im Moment nicht umsetzen wollen. Kind ist 20 Monate. Aber Bekannte hatten den Pakt, nach 1 Jahr mit Zwillingsbabies sollte erst der eine, dann der andere 14 Tage allein Urlaub machen können. Die haben das auch beinhart durchgezogen trotz des Unverständnisses diverser Omas und Tanten) und es anscheinend auch sehr genossen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist ein Punkt. Unsere fahren gut Auto, aber dennoch 8 Stunden im Auto? Das ist doch scheiße. Dieses unbedingt Urlaub machen müssen, weil wenn man das nicht macht heißt das, man kann sich das nicht leisten und ist ein Versager. Und die kleinen Kinder können sich ja an die Reisen eh nicht erinnern. Mit einem Kind ist es aber tatsächlich noch einfacher als Familie wegzufahren. Haben wir mit K1 auch gemacht. Sogar mit K1 & K2 an die Nordsee und ich fand's voll anstrengend und mach das seither nimmer. Ich lehne das einfach ab, auch wenn der Trüffel gern würde. Aber jetzt mit 3 ganz Kleinen ist es mir viel zu aufwendig.

      Löschen
    2. Von uns aus sind es 4 Autostunden bis Italien, mir wär das trotzdem schon zu lang. Haben aus dem gleichen Grund für heuer die Niederlande gestrichen. Wär schon schön, aber acht Stunden Fahrt...nee, das zerstört den Erholungseffekt gleich wieder. Und das Ganze mit 2 Tagen Pack- und Auspackzeit und einem vollgerammelten Auto...kann man machen. Muss man nicht.

      Löschen