Mittwoch, 11. Januar 2017

Ein guter Mensch

 Als ich mit T1 schwanger war besuchte ich eine Veranstaltung, eine Diskussionsrunde, der Uni Basel über die Vereinbarkeit von Familie du Beruf. An diesem Abend erzählten fünf Professoren von ihren Erfahrungen.
Ich muss gestehen, fast alle faselten erkennbar wirren und gehaltlosen Quatsch. Einzig eine Juraprofessorin mit Kleinkind gab vernünftige, nachvollziehbare Antworten.

Es wurde an diesem Abend vom Moderator eine sehr schöne, sehr gute und wichtige Frage gestellt:

Hat Sie das Kinderkriegen und –haben zu einem besseren Menschen gemacht?

Unnötig zu erwähnen, dass darauf nur blödsinnige Antworten kamen, die dümmste von einem hochdekorierten Medizinprof. Die erwähnte Juraprofessorin jedoch gab eine wunderbare Antwort. Sie sagte, sie habe mit Kind ihre Empathiefähigkeit ungemein trainieren müssen. Das sei für sie eine echte Bereicherung.

Über die Frage, ob mich meine Kinder zu einem besseren Menschen gemacht haben, habe ich seither unzählige Male nachgedacht.

Ich möchte der Juristin zustimmen, meine Kinder zwingen mich sehr viel mehr als die Gesellschaft im Allgemeinen zur Empathie. Ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen, mich in sie hinein versetzen, sie verstehen – schon allein um mit ihnen irgendwie umgehen zu können ohne durchzudrehen.

Ich musste mich auch nicht nur mit ihren äußeren Bedürfnissen, sondern sehr viel mehr mit ihren inneren Bedürfnissen nach Geborgenheit und Sicherheit auseinander setzen. Ich muss täglich darüber nachdenken, wie ich ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubere und Kinder sind zu Glück ein dankbares Ziel solcher Überlegungen.

Viel mehr als meine Auseinandersetzung mit meinen Kindern hat mich jedoch die Auseinandersetzung meiner Kinder mit mir verändert und nachhaltiger geprägt. Meine Kinder gaben mir die Chance, mich selbst noch mal ganz neu kennen zu lernen.

Klar hätte ich das auch auf verschiedenen Wegen ohne Kinder erreichen können, aber doch muss ich zugeben, dass mich das Kinderkriegen direkt mit der Nase darauf gestossen hat.
Denn Kinder stellen schon als Zygote allerlei Fragen – vor allem an die Mütter.

Wer bist du? Was willst du? Was kannst du? Was willst du nicht? Was kannst du nicht?

Kinder stellen diese Fragen nicht, um uns zu ärgern oder gar zu therapieren. Sie stellen den Eltern diese Fragen, um ein Bild von sich selbst zu bekommen, um im Diskurs mit dem Gegenüber ein Ich auszubilden.
Auf die Frage: Wer bist du? Folgt im nächstens Schritt automatisch die Frage: Wer bin ich?

Nun ist es aber so, dass wir Erwachsenen uns meist zuletzt im Teeniealter so grundlegend mit diesen Fragen beschäftigt haben. Wir haben dann irgendeine Antwort gefunden, meist geprägt von dem Bild, wer wir gerne wären und weniger, wer wir wirklich sind. Und seither waren wir damit beschäftigt, diese Projektion, die wir damals von uns aufgestellt haben, irgendwie zu erreichen. Seither optimieren wir an uns herum, arbeiten und sparen um uns materielle Werte zu generieren, suchen den perfekten Partner usw.

Ja und dann kommt da jemand, der aus uns heraus (im wörtlichen Sinne) wissen will, wer wir denn jetzt eigentlich sind? So ganz wirklich: Mama, wer bist du?

Ich sag mal so: Wehe dem, der dann keine Antwort parat hat.

Das kann schon sehr schwierig werden, auf die oben genannten Fragen keine Antworten zu haben. Zumal wir dem fragenden Kind auch nicht entkommen können. Wir können uns ja nicht einfach umdrehen und gehen. Nein, wenn ich heute keine Antwort geben kann, so fragt mich dieses Kind morgen direkt die selben Fragen und übermorgen auch und jeden weiteren Tag. Das wird wohl erst weniger penetrant, wenn mein Kind sich von sich selbst ein vorläufiges Bild gemacht hat. Aber auch dann sind die Fragen nicht endgültig beantwortet, ist der Diskurs nicht einfach vorbei.

Und so muss ich sagen, ja meine Kinder haben einen sehr viel besseren Menschen aus mir gemacht, weil sie mich zwingen zu reflektieren, jeden Tag auf’s Neue zu beantworten, wer ich bin, was ich kann und was ich will. Und was ich alles nicht kann und nicht will.

Ich bin sehr viel klarer geworden, mein Selbstbild hat sich sehr stark geschärft und ich habe auch realisiert, dass es in meiner Macht liegt, nicht nur getrieben zu sein, sondern was ich will und was ich kann selbst zu bestimmen und das auch klar zu formulieren. Ich kann mich bewusst dazu entscheiden mich auf eine Weise zu verhalten. Und ich kann das auch bewusst so umsetzen, wenn ich will. Eine vielleicht triviale, aber für mich nicht selbstverständliche Erkenntnis, dass ich nicht nur abhängig bin.

Leider stelle ich fest, dass manche Eltern mit diesen Fragen kämpfen. Ich möchte behaupten, dass ein guter Teil der heutigen Verunsicherung, was wann wie richtig ist in Bezug auf Kinder, von der Tatsache herrührt, dass es auf diese Fragen keine einfachen endgültigen Antworten gibt. Man muss sie jeden Tag wieder beantworten und man braucht wirklich starke Nerven und viel Überlegung, Muse, Auseinandersetzung und Durchhaltevermögen, um Antworten zu finden, mit denen man gut leben kann. Manche bräuchten gar Unterstützung von außen, weil sie in der Reflexion allein überfordert sind. Und eigentlich hat man ja ganze vierzig Wochen Zeit, sich schon einmal Gedanken über diese Fragen zu machen. Denn wenn das Kind auf der Welt ist, dann ist es eigentlich zu spät. Dann gerät man massiv in Stress, weil eben kaum mehr Musestunden vorhanden sind, weil einem die Müdigkeit und die Hormone den Kopf vernebeln.

Die Kinder jedenfalls lassen sich von so Kleinigkeiten wie Zeit oder Schlaf nicht daran hindern die Eltern permanent mit den Fragen zu bombardieren.

Ich wünschte, Schwangeren würde die Zeit und Unterstützung gegeben, sich ihrem Selbstbild zu stellen, bevor es das Kind tut. Das würde allen wahrscheinlich einiges an Frust und Druck und Stress und Angst ersparen.



Der Medizinprofessor antwortete damals im Übrigen, er sei ein besserer Mensch geworden, weil er nachts, als er das weinende Kind herumtrug, seine medizinische Probleme wälzte und so zur Rettung der Menschheit beitrug. Was für ein Versager...

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