Freitag, 13. Januar 2017

Das Geschlecht denken

Da gibt es nun diesen Blogpost von der Rabenmutti, in dem sie ihre Enttäuschung darüber beschreibt, dass das zweite Kind, ein Wunschkind, kein Mädchen ist. Der Shitstorm, der darauf über die Bloggerin hinwegfegte ist noch nicht am Ende und ich muss sagen, spiegelt vor allem die selbstgerechte Art der heutigen Eltern wider, die immer und überall die Kinder und deren Gefühle und Entwicklung in den Vordergrund stellen.
Ich kann das schon nicht mehr hören und finde diese Einstellung auch falsch. Mal ernsthaft, Kinder sind psychisch nicht gar so zerbrechlich, wie gerne behauptet wird und sie können auch eine gewisse Resilienz entwickeln – müssen das sogar – sonst wären wir schon längst als Menschen ausgestorben. Und sich medial empörende Muttis find ich einfach nur scheiße.

Jetzt kennt der langjährige Leser aber meine Einstellung zum eigentlichen Thema, dem Geschlechterproblem beim Kind.

Ich kann der Rabenmutti zustimmen. Hätte ich einen Jungen bekommen, so hätte ich sicherlich auch aus Enttäuschung geflucht und geweint. Ich wollte und will keinen Sohn.

Nun ist das Geschlecht der eigenen Kinder für die meisten von uns, jedoch für immer weniger Paare, kein Wunschkonzert. Und sich eine Tochter zu wünschen ist definitiv kein Angriff auf Jungseltern. Vielmehr hat dieser sehr persönliche Wunsch leider garüberhauptnix mit anderen Eltern und deren Kindern zu tun. Dass die sich angesprochen fühlen, sagt lediglich etwas darüber aus, wie wenig diese abstrahieren und differenzieren können.

Um es noch deutlicher zu sagen: Mir ist scheißegal, welches Geschlecht dein Kind hat. Mir ist jedoch nicht egal, welches Geschlecht mein Kind hat!

Andere Mütter sollten so langsam lernen, dass Mamablogger in kleinen Blogs vorwiegend für sich selbst, nicht für andere schreiben. Es gilt klar der Satz: Wenn es dir nicht gefällt, dann lies es halt nicht!
Diese mediale Aufschrei- und Kränkungsmentalität suggeriert offensichtlich, dass sich irgendjemand für die Einzelmeinungen tausender anderer Interessiert. Dem ist nicht so.

Zurück zum Thema, nachdem ich mich über dieses Befindlichkeitsgedönse aufgeregt habe.

Wie schon öfter erwähnt, sehe ich mich bis heute nicht mit einem Jungen auf dem Arm. Nicht weil Jungs blöd sind, sondern weil ich es nicht sehe. Jungs sind mir fremd, Mädchen sind mir nah. Ich kann mich mit kleinen Mädchen identifizieren weil ich selbst eines war. Zwar sind meine Töchter charakterlich von mir verschieden, aber doch ist mir die Identifikation mit einem Mädchen leichter.

Und nicht nur mir geht es so, sondern auch meinen Töchtern. Ich würde die Hypothese wagen, dass diese extrem enge Verbundenheit und Identifikation die meine Töchter untereinander haben auch ihrem Geschlecht geschuldet sind. Sie tragen in ähnlichem Alter die selbe Kleidung, sie sehen sich verdammt ähnlich, vor allem die Kleinen haben in T1 eine unglaublich starke Identifikationsfigur. T2 ist sehr viel enger mit K1 verbunden, als mit jedem andern Kind, mit dem sie sonst spielt. Es gibt relativ wenig Streit, und im Moment auch kaum Versuche sich abzugrenzen. Und T3 entwickelt sichtbar die gleiche Tendenz. Sie hasst es ohne ihre großen Schwestern zu sein.

Nun ist das natürlich nicht prinzipiell bei Schwestern so und eine enge Verbundenheit besteht zweifellos auch zwischen Bruder und Schwester. Dennoch könnte ich mir gut vorstellen, dass dieser Verbund anders aufgestellt wäre, wenn es keine drei Mädchen wären. Möglich auch, dass sich drei Mädchen untereinander nur mäßig gut verstehen. Das ist und bleibt ja ein Gedankenexperiment.

Der eigentlich krasse und heftige Diskussionspunkt in der Geschlechterdiskussion ist nicht, ob diese Mutter auch einen Sohn lieben kann. Ein viel grundlegenderer Punkt ist für mich die Frage, kann es ein Problem sein, wenn aus dem Sohn ein Mann würde, der Dinge tut, die man selbst als Frau grundlegend ablehnt?

Für mich persönlich ist das ein Argument. Meine persönliche Erfahrung sagt mir, dass ich mit mindestens 85% der Männer negative Erfahrungen gemacht habe. Als Lehrer, mit stark sexistischen Tendenzen. Als gewalttätige oder bloß bedarfsorientiert empathische Partner, eine ganz gemeine Sache. Als machthungrigen, opportunistischen Chef, eine grundlegend änderungsbedürftige Sache. Als Bekannter/Freund/Kollege sehr oft mit sexistischen und/oder abwertenden Begegnungen. Und nun, da ich Mutter bin sehr krass z.B. als Konkurrenten am Arbeitsmarkt.

Das alles verleitet mich nicht direkt zu behaupten Jungs seinen schlecht. Sehr wohl gedenke ich, meinen Töchtern klar feministische Werte und Verhaltensweisen vorzuleben und sie ebenso darauf vorzubereiten, dass sie aufgrund ihres Geschlechtes Gewalt und Diskriminierung erleben werden. Ich werde diese Erfahrungen nämlich nicht verhindern können, jedoch kann ich dann vielleicht Ansprechpartner sein, oder mit ihnen Strategien entwickeln sich zu wehren.

Und genau an diesem Punkt darf sich jetzt jede Jungsmama angegriffen fühlen. Denn wenn eine meiner Töchter in 10 Jahren mit ihrem ersten Freund heim kommt, so werde ich ihr klar vermitteln: Sag nein, wenn du etwas nicht willst und hau ihm direkt auf die Nase, wenn er es trotzdem tut! Auch, wenn er dir unbeabsichtigt weh tut.

Ich weiß wohl, dass es bei Teenies zu Situationen kommt, die keiner will, einfach weil keiner weiß, was er tut. Und wegen der Hormone. Aber auch, weil einer von beiden unsensibler und weniger empathisch dem anderen gegenüber ist. Und da sind die Eltern gefragt.

Nun versuchen wir natürlich alle möglichst wenig falsch zu machen und unsere Kinder achtsam und empathisch gedeihen zu lassen (oder auch nicht), aber die Wahrscheinlichkeit ist doch gegeben, dass meine Tochter an nen Typen oder Chef oder Kollegen gerät, dessen Eltern da nicht besonders erfolgreich waren und dessen Charakter das nicht aus sich selbst gebiert.

Wenn ihr mich persönlich als Mutter dreier Töchter fragt: Ja, eure Söhne könnten eine potentielle Bedrohung für meine Mädels sein.

Diese Überlegungen entfremden mich tatsächlich noch sehr viel mehr dem Gedanken an einen Sohn. Und zu Beginn sind die ja auch so niedlich und harmlos. Die Mütter der Söhne, mit denen ich heute kämpfen muss, haben diese abgöttisch geliebt, wollten alles richtig machen und doch sind dann daraus Männer geworden, die in bestimmten Situationen Frauen nicht genug respektieren.

Ich sag mal so: Das ist ein echtes Problem.

Und wenn jetzt Jungsmütter mir Tod und Teufel an den Hals wünschen, so kann ich das verstehen. Berechtigt. Ihr wollt alle nicht, dass Eure Söhne irgendwem Schaden zufügen.

Aber aus Euren kleinen Babybuben werden mal ausgewachsene Männer, die eigenverantwortlich handeln. Vielleicht nicht in Eurem Sinne.

Das gilt für meine Töchter genauso. Die werden sicherlich Dinge tun, die ich verurteilen werden. Allerdings wird dabei vielleicht etwas weniger offene Gewalt oder bewusster Machtmissbrauch eine Rolle spielen.


Ich möchte zudem noch eine Geschichte erzählen, von mir und meinem ersten Freund. Ich war schwer verliebt. Er war aus sehr gutem Hause. Die Mutter die totale Attachment Parenting Mutter (aus meiner heutigen Beurteilung), er hatte Geschwister, ein sicheres geborgenes Elternhaus, finanzielle Sicherheit, Harmonie und Empathie allendhalben. Er war der absolute Prototyp eines Sohnes.
Und dann kam ich. Und ich löste etwas in ihm aus. Eine gewisse Triebsteuerung übernahm, der Verstand verschwand, die Vernunft wurde verdrängt von der Hormonflut. Und der Sohn, der mit gleichberechtigten Eltern aufwuchs stellte seine Lust über mein Nein. Nicht böswillig, aber doch weil er zum ersten Mal den geschützten achtsamen Raum seiner Mutter verließ und keinen eigenen aufbauen konnte oder wollte. Er war zu sehr getragen davon, dass alles richtig lief und er richtig war, dass er übersah, dass es nun an ihm war selbst respektvoll zu sein. Aus sich selbst heraus andere zu achten.
Wir trennten uns und die Mutter fragte mich, weshalb ich so wütend dabei bin und so abweisend und sie fragte mich, ob ihr Sohn etwas getan hätte, das falsch gewesen sei. Ich erinnere mich genau an die bitterlichen Tränen dieser Frau, als ich nicht antwortete, sondern nur zu Boden starrte.

All meine Erfahrungen führen zu meiner Aussage, ich bin froh nur Töchter zu haben. Ich weiß nicht, wie es ist einen Sohn groß zu ziehen. Ich will es nicht wissen. Ich lebe gut ohne diese Erfahrung. Ich musste mich nie mit einem Sohn auseinander setzen. Ja. Es ist so. Ich vermisse es aber nicht.

Eben weil es meist noch Zufall ist, ist das Thema so heikel. Ist es irgendwann flächendeckend kein Zufall mehr, wird ein anderes Problem wieder gegenwärtig werden. Immerhin sind heute immer noch Mädchen von Abtreibung und Kindstötung bedroht, einfach aufgrund der Wertigkeitsunterschiede von Mann und Frau. Und niemand soll glauben, dass dieses Problem eines außerhalb Mittel- und Nordeuropas ist. Mann und Frau sind keineswegs gleichgestellt, genauso wenig wie es Töchter und Söhne sind, sofern man nicht mit staatlichen Mitteln gezielt Gleichstellung herstellt. In der Natur des aufgeklärten Menschen liegt weder Gleichstellung, noch Gleichwertigkeit. Nicht weil Eltern ihre Söhne mehr lieben als ihre Töchter, sondern weil es Gleichstellung ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das wir bewusst als Maßstab setzen. Oder auch nicht.

Eine Mutter mit einem Sohn und einer Tochter liebt beide. Das stellt niemand in Frage. Nur ob sie beide gleich behandelt, ob sie beide gleich behandeln sollte – das ist eine ganz andere Frage.


Ich möchte euch weder eure Söhne, noch die Liebe zu ihnen, absprechen. Ich bin lediglich glücklich mit meinen drei Töchtern und wünsche mir keinen Sohn. Der Trüffel tut das jedoch. Er hätte gern einen Sohn. Denn der wäre ihm wahrscheinlich näher, es fiele ihm wahrscheinlich leichter sich mit ihm zu identifizieren. Kann ich verstehen. Es tut mir leid für ihn. Er wird sich mit seinen Töchtern arrangieren müssen.

Kommentare:

  1. Ich habe einen Sohn großgezogen, der mir - die ich aus einer "Mädchenfamilie" komme - immer ein Stück weit fremd blieb. Jetzt habe ich noch eine Nachzüglertochter bekommen, mit der ich mich sehr eng verbunden fühle, da "fließt" etwas, was zwischen meinem Sohn und mir nie floß. Ich kenne auch viele Frauen, die mir sagen, sie würden/hätten sich eine Tochter gewünscht; Männer, denke ich, wünschen sich eher Söhne, weil auch hier die Identifikation über das Geschlecht "stimmt". Noch dazu ist ja durch diverse Studien belegt, dass Töchter meist eine engere Beziehung zur Herkunftsfamilie beibehalten als Söhne - auch das ein Argument, warum ich mir sehr eine Tochter gewünscht habe.
    Die Probleme, die Jungs und junge Männer verursachen, haben meiner Erfahrung nach oft sehr viel damit zu tun, dass deren Väter ihre Rolle nicht ernst nehmen, Mütter sollten sich da nicht so sehr angegriffen fühlen.

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    1. Tausend Dank für diesen ehrlichen und klaren Kommentar.

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    2. Mich hat das Thema noch sehr beschäftigt.
      Viele Mitmütter haben mir unter vier Augen gesagt, dass sie eigentlich lieber Töchter wollten; aber an die große Glocke hat es keine gehängt.
      Mädchen gelten halt auch als pflegeleichter; was ich bestätigen kann ist, dass "Schule", so wie sie staatlicherseits betrieben wird, in Kombination mit stark durchdigitalisierter Freizeitgestaltung Mädchen eher entgegenkommt als Jungs. Die gelten leichter als Störfaktoren, und es ist kein Zufall, dass in den schwierigen Pubertätsjahren die Jungs viel, viel, viel mehr Schulschwierigkeiten haben als Mädchen. Bei Jungs äußern sich die auch oft heftiger, während Mädchen oft nach außen "funktionieren", nach innen dann autoaggressiv werden, was aber lange Zeit niemand merken muss.
      Und dann kommt natürlich noch hinzu, dass Jungs wirklich dringend männliche Identifikationsfiguren aus Fleisch und Blut brauchen; bei vielen, inbesondere bei denen, wo die Väter sich wenig oder nicht engagieren, sind das halt dann hypermaskuline Zerrbilder aus Film, Funk und Fernsehen. Als Mutter kann man das nur sehr schwer auffangen - ich weiß das aus meinem eigenen Erleben, es kann aber auch kein Zufall sein, dass die Schüler, die uns an der Schule regelrecht austicken, allesamt Jungs sind, deren Väter sich nicht um sie kümmern.
      Das soll keine Abwertung von Vätern sein, im Gegenteil. Es gibt wunderbare Väter, und sie sind unglaublich wichtig für ihre Söhne.

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    3. Interessant was du schreibst. Danke dafür.

      Ich bin kein Fan von Klischees, aber auch keiner von diesem 'die Jungs werden in der Schule verweiblicht und sollen lieber echte Kerle werden'-Gewäsch. Ich denke hingegen sehr wohl, dass Männer und Frauen im Verhalten nicht gleich sind, es Jungs und Mädchen also auch nicht sein können. Das Gleichmachen gefällt mir also ebenso wenig.
      Ohne genau nennen zu können, was jetzt an Jungs anders ist, kann ich mir vorstellen, dass Mütter von Söhnen einfach situativ bedingt das Gefühl haben können 'mein Sohn ist mir in dieser Hinsicht irgendwie fremd'. Das hat man mit ner Tochter vielleicht seltener.
      Und generell missfällt mir bei dem vielen Gerede von Gewaltfreiheit, dass einfach ignoriert wird, dass der Mensch ein durchaus gewalttätiges Wesen ist, weil er eine gewisse Gewaltbereitschaft nunmal inne hat. Der eine mehr, der andere weniger, aber doch tendenziell Männer mehr als Frauen. Das nicht in die Erziehung mit einzubeziehen, dass Menschen auch mal gewalttätig werden, finde ich naiv.

      Das mit den Vätern ist mir eigentlich ein eigens Posting wert. Ich gebe dir Recht. Väter sind sehr wichtig für Töchter, aber als Identifikationsfigur noch wichtiger für Söhne. Und Väter in die Pflicht zu nehmen, sich auseinander zu setzen ist irre schwierig, denn sie haben zu viele Schlupflöcher. Mütter hingegen haben diese nicht, und so sehen ja auch viele Väter keine Notwendigkeit für diesen Aufwand. Das Kind ist ja formal versorgt. Ich wollte sowieso auch mal etwas über Väter schreiben.

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  2. Bevor ich diesen Text gelesen habe, habe ich mir nie ernsthaft Gedanken um das Geschlecht meines Kindes (welches ein Junge ist) gemacht. Dieser Text hat dem reinen, unschuldigen, optimistischem Verhältnis zu meinem Sohn ein Stückchen Unschuld geraubt. Ich hoffe, es ist nur ein vorübergehendes Gefühl. Autsch.

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    1. Das tut mir Leid. Wir alle sehen unsere Kinder auf eine bestimmte Weise. Und uns allen werden unsere Kinder aufzeigen, was sie davon halten. Auch meine Kinder werden mich enttäuschen, sich anders verhalten, wie von mir erwünscht oder erhofft, Fehler begehen, die ich schon von Weitem kommen sah. Sie sind halt eigenständige Menschen mit eigenen Entscheidungen und Charakteren.
      Es ist auch meiner ganz spezifischen Erfahrung mit Männer geschuldet, dass ich mir mit dem anderen Geschlecht echt schwer tu. Deine Erfahrung kann ganz anders aussehen. Aber jeder Mensch, der einem anderen Unrecht tut hat eine Mutter, die ihn liebt und sagen würde 'Das habe ich meinem Kind aber ganz anders beigebracht!' Söhne sind keinesfalls die schlechteren Kinder. Und Männer nicht die schlechteren Menschen. Aber auch die beste Erziehung kann nicht verhindern, dass der Mensch etwas tut, was er nicht tun sollte. Insbesondere wenn ein Machtgefälle zwischen Menschen besteht. es liegt in unserer Natur und es wäre naiv zu glauben, man müsse nur bedingungslos lieben und liebevoll begleiten und Dinge wie Rachdurst, Aggression, Triebsteuerung, Überreaktion, Narzissmus, Neid etc. würden sich in Luft auflösen. Am Ende muss es aus dem Menschen selbst kommen, aus Überzeugung, nicht gemein zu anderen zu sein, obwohl man es könnte. Das mit den Söhnen ist tatsächlich ein schweres Thema, aber ich finde es eben falsch oberflächlich auf einer Mutter rumzuhacken, wo unter der Schale ein echt hartes Thema steckt.

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  3. Es gibt so viele fiese, manipulierende, streitsüchtige Frauen.Die ihren Partnern nichTschüss gutes tun.Die waren auch mal klein.und das sage ich als Frau.ich erlebe weitaus mehr Frauen, die sich und anderen mit Fleiß das Leben schwer machen, als Männer.

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