Freitag, 9. Dezember 2016

Sprachlos an Weihnachten

Nicht ich bin sprachlos. Jemand anders ist es. Aber von vorn.

Sprachlos kann man ja aus vielen Gründen sein: aus Freude und Überraschung, vor Wut, vor Entsetzen, auch vor Sorge. Wenn wir sagen 'Jetzt bin ich aber sprachlos.' dann meinen wir das ja nicht im wörtlichen Sinn, sondern im Übertragenen. Wir können ja dennoch reden, wenn auch manchmal mit zittriger Stimme.

Die Geschichte, die ich heute berichten möchte macht auch mich sprachlos oder eher hilflos, aber das ist nicht der Punkt. Es geht heute nicht um mich. 
Es geht einmal mehr um die Schwiegerfamilie. Eine schöne Tradition zur Weihnachtszeit. Ihr kennt das bereits.

Die Schwiegermutter ist nämlich sprachlos. Also im wörtlichen Sinne. Sie hat keine Stimme mehr. Offiziell kommt das wahrscheinlich von einem Virus - kann gar nicht anders sein - auch wenn da bisher nix Konkretes gefunden wurde. Diese Sprachlosigkeit, genauer die Stimmlosigkeit, hält etwa 6-18 Monate an und kann allein logopädisch behandelt werden. Langsam kehrt dann die Stimme zurück. Auch dass dieses Phänomen stets dann auftritt, wenn die Schwiegermutter kurz vorm Zusammenbruch steht oder etwas vollkommen Überforderndes passiert, kann nur Zufall sein. Aber so wirklich zufällig sprachlos ist die Schwiegermutter meines Erachtens nach nicht. Dass dem so ist verwundert mich nicht. Ich kann verstehen, dass ihr die Stimme versagt und ich will euch erzählen weshalb.


Im letzten Spätsommer erreichten uns Neuigkeiten. Freudige Neuigkeiten. Eigentlich. Die Schwägerin erwartet ein Baby. Freudig. Eigentlich. 

Nun möchte ich euch über die Schwägerin aufklären. Sie ist eine sehr schüchterne, freundliche Person. 176cm groß und damals ganze 47kg schwer. Das liegt natürlich daran, dass sie alles nicht verträgt, kein Gluten, keine Laktose, kaum ein Gewürz, keine Nüsse, das meiste Obst, sie hat eben auf alles eine Allergie und kann darum nicht einfach so essen wie wir. Das versicherte mir die Schwiegermutter vor Jahren. Dass ihre Tochter von dem wenigen, dass sie überhaupt anrührt gerade einmal zwei Löffel isst, bevor sie 'total satt' ist, mag nur eine meiner unqualifizierten Beobachtungen sein.

Jedenfalls haben die Schwägerin und ihr Gatte es jahrelang versucht, aber es ist halt schwer, sie hat nämlich ein Hormonproblem mit der Schilddrüse und darum keinen nennenswerten Zyklus, wie sie mir gestand. 

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich äußerst feinfühlig mit der Schwägerin umgehe, mir meinen Teil denke und ihr eher immer ein offenes Ohr biete, statt Konfrontation. Dennoch, ich habe kaum eine Beziehung zu ihr und bin somit auch nicht in der Position, sie auf (natürlich nicht vorhandene psychische) Erkrankungen anzusprechen. 

Jedenfalls, irgendwie hat sie's geschafft schwanger zu werden. Die Schwiegermutter hat dann auch nicht versäumt uns gleich mitzuteilen wie glücklich sie über diese Nachricht ist. Ganz entzückend, wenn man bedenkt, wie entsetzt sie über jede meiner Schwangerschaften war. Aber dafür kann ja die Schwägerin nichts.

Nun sah ich meine Chance gekommen, Hilfe anzubieten. Ich offerierte umgehend, allerlei Babyzeugs zur Schwägerin zu transportieren. Zum ersten Mal war die Schwiegermutter sowas wie erfreut, immerhin hat die Schwägerin nun Bettchen, Autositze, Kleidung und sonstiges Zeugs im Wert von über 1000 Euro für lau da stehen. Aber Babyzeug ist ja auch teuer und was soll ich noch damit. Ist doch super, auch ich hab mich gefreut, dass das Zeug nicht im Keller vergammelt. 

Ich fing auch an Mails zu schreiben und zu telefonieren, denn sie erbat sich einige Tipps, was es mit Baby so zu organisieren gäbe. Ich versuchte bewusst ganz unideologisch zu antworten. Muss ja auch nicht jeder das Rad neu erfinden und wer weiß, an wen sie gerät, wenn sie Fragen hat über Produkte, Literatur etc. Sehr vorsichtig informierte ich sie auch, worum man sich frühzeitig kümmern muss, worum am besten erst nach der Geburt. Ihr kennt das...

Immer wieder fragte ich, ob sie meine Sachen schon ausgepackt habe, wie ihr alles gefalle - einfach um sie aus der Reserve zu locken. Stets erhielt ich die Antwort 'Ach, das ist alles noch so irreal, so weit weg.' Bisher war also kein Nestbautrieb in Sicht. Alles ganz cool kann man jetzt meinen. Tat ich auch, denn ich kenne die Schwägerin wie gesagt nicht sooooo gut. Ist ja auch jeder anders.

Dann kam die Nachricht, sie sei im Krankenhaus mit vorzeitigen Wehen in der 24. Woche. Das ist natürlich jenseits von Gut und Böse und geht im Ernstfall ziemlich sicher böse aus. Jedenfalls wollte man sie dort behalten, denn man sagte ihr die vorzeitigen Wehen hätten mit ihrer Anorexie zu tun und sie müsse jetzt liegen. Ende Gelände. Da ja aber die Schwägerin keinesfalls magensüchtig ist, machte sich meine Schwiegermutter prompt daran und befreite das arme Ding aus den Fängen der Medizin. 
Ich sag mal so: Der Gatte und ich berieten bereits, wie wir es mit den Kindern organisieren, falls es demnächst eine Beerdigung gäbe. 

Jedenfalls das Baby ist noch drin. Ihr Zustand ist unverändert. Sie schont sich. Die Schwiegermutter dreht vollkommen durch und da war natürlich auch sofort wieder die Stimme weg. Ach und die Schwägerin hat ja jetzt auch schon 2 kg zugenommen. Ihre Hose sei wohl etwas eng. Im 7. Monat. 

Was ich darüber denke? Dass es einen Grund hat, weshalb anorektische Frauen eine verminderte Fruchtbarkeit haben. Das hat keineswegs mit ner herkömmlichen Schilddrüsenfehlfunktion zu tun. Die ist da sicher nicht der Auslöser. 
Jetzt ist die Schwägerin aber jemand, der darauf trainiert ist, nie etwas selbst und ohne Hilfe zu machen. Kein 'Ich zieh das jetzt durch!' oder 'Das krieg ich schon hin.' Es ist immer alles ein Problem, so auch das Kinderkriegen. 
Ich wundere mich daher auch nicht darüber, dass die Schwägerin auch am Telefon vollkommen ruhig und nüchtern über all die Vorkommnisse spricht. Das kann man natürlich machen. Aber so eine Schwangere, die kein bisschen ängstlich, aufgeregt oder sonst wie emotional reagiert, wo doch alles immer noch in einer Katastrophe enden kann, die noch nicht einmal etwas über Baby und Geburt gelesen hat oder sich konkrete Gedanken gemacht hat, könnte eventuell, vielleicht ein bisschen als depressiv - ach lassen wir das. 

Tatsache ist aber, dass ein normaler Werdegang einer schwangeren Magersüchtigen folgendermaßen aussieht:
Unfruchtbarkeit - dann doch positiver Test - vorzeitige Wehen - Frühgeburt per Kaiserschnitt - kein Stillen - Wochenbettdepression. Die Kinder werden meist sehr klein und untergewichtig geboren, sind also lange in der Klinik.
Magersüchtige haben für all diese Ereignisse eine massiv erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst wenn sie in Therapie sind.

Man merkt mir schon an, ich werde zynisch. Ich biete weiterhin meine Hilfe an, versuche neutral als Gesprächspartner aufzutreten, ihr zuzuhören aber durchaus auch immer wieder nachzufragen. Es ändert nichts, ich kann ja nix machen, außer zuzuschauen und zu hoffen. Aber es ist schwer. 

Nun wollte sie von mir wissen, wie lange ich immer gestillt hätte und ob ich meine Geburten ohne Schmerzmitteln durchgezogen hätte. Es steckt ja oft viel mehr in den Frauen, als man auf den ersten Blick so sieht, aber eine vaginale 10-Stunden Geburt ist glaub nicht so das Wahre für sie. Ich habe mir überlegt, wie ich ihr wohl beibringe, einen Kaiserschnitt in Erwägung zu ziehen. Das würde ihr die Chance auf die größt mögliche Kontrolle über die Situation geben. Immerhin gehe ich davon aus, dass sie magensüchtig ist, weil das Essen womöglich das Einzige ist, was sie ganz alleine zu kontrollieren vermag. Alles andere entzieht sich ja ihrer Kontrolle. Diese erlernte Hilflosigkeit um die überbordende Fürsorglichkeit und Ängste ihrer Mutter zu kompensieren lässt der Schwägerin seit über 30 jähren kaum Raum für eine eigene Lebensgestaltung.

Jedenfalls, es ist ein Drama in viel zu vielen Akten. Der Vater des Kindes hat sich übrigens direkt mal aus der Affäre gezogen, da er ganz dringen am anderen Ende des Landes arbeiten muss. Und so sieht sich die Schwiegermutter mal wieder mit ihrer größten Angst konfrontiert, dreht so generell am Rad vor Sorge und da ist natürlich gleich wieder die Stimme weg. Auch eine Strategie keine Worte für das zu finden, was ihr mit ihrer Tochter widerfuhr und jetzt wahrscheinlich mit ihrem Enkelkind widerfahren wird. Der Kreis schließt sich. 

Und ich bin übrigens die böse Schwiegertochter, weil ich zwar einem Besuch der ganzen Familie zu Weihnachten zugestimmt habe, nicht jedoch dass die beiden Großen noch eine Woche allein bei den Großeltern bleiben. Wenn's knallt, dann müssen die beiden Kinder da nicht auch noch mittendrin sein. Man muss ja nicht noch künstlich zusätzlichen Stress provozieren. Aber sag das mal meiner Schwiegermutter. Die meint, ich wolle sie schon wieder persönlich ärgern aus Gehässigkeit...

So harren wir der Katastrophen, die da kommen. Mir fallen ja zahlreiche große und kleine Szenarien ein, die uns die Schwägerin bescheren könnte zu Weihnachten. Aber was weiß ich schon. Wahrscheinlich bin ich die psychisch Kranke hier. 

Ein Gutes hat das Ganze: wenn die Schwiegermutter keinen Ton heraus bekommt, kann sie mich auch nicht beschimpfen zu Weihnachten. Das wird ein seliger Spaß!

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