Mittwoch, 23. November 2016

Wie ich einmal Verrat an meinen Kindeskindern beging.

Ich habe da ein Problem. Es ist ein absolutes Luxusproblem. Es ist aber nicht nur mein Luxusproblem. Das Problem ist, dass ich den Luxus habe und andere das Problem.

Schon öfter berichtete ich von dem Superkindergarten der Kinder mit dem super Betreuungsschlüssel. Diese Einrichtung ist eine private Einrichtung und kostet pro Kind um die 1000 Euro pro Monat. 

Wir können uns das gerade so leisten, aber für die Babybetreuung nimmt man so einiges in Kauf. Für die Großen wäre das vielleicht schon nicht mehr so unbedingt nötig, aber es ist natürlich viel zu schön dort, um etwas an der Situation zu ändern.

T1 ist nun 5 Jahre alt und wird 2017 eingeschult. Ich berichtete bereits von dieser unglaublich tollen Privatschule. Alle ihre Kindergartenfreunde werden diese private Grundschule besuchen. Durch unseren exklusiven Kindergarten haben wir problemlosen Zugang zu dieser Schule ohne große Vorauswahl.

Diese Schule hat nicht nur kleine Klassen und 2 Lehrer/Erzieher pro Klasse, sondern individuelle Lernpläne für jedes Kind, viel Sport, freie Lernräume wie Science Lab, Holzwerkstatt, verschiedene Musikangeborte etc., sondern auch viel Klassen- und fächerübergreifendes Lernen, jahrgangsgemischtes Lernen, einen Lernplan der sich an den Neigungen und Interessen des Kindes orientiert, sehr viel soziales Lernen und Mitbestimmung der Kinder in Schulfragen... Ach, die Liste ist noch ewig lang.
Zusammen gefasst kann man wohl sagen, dass diese Schule das pädagogische Konzept an die neusten Erkenntnisse der Kognitionsforschung angepasst hat. 

Diese Schule bietet jedem Kind den bestmöglichen Start ins gesellschaftliche Leben.

Ich habe den Zugang zu dieser Schule und die Großeltern wollen das Geld dafür geben.



Aber ich habe da ein Problem. Es ist ein absolutes Luxusproblem. Es ist aber nicht nur mein Luxusproblem. Das Problem ist, dass ich den Luxus habe und andere das Problem.



Beim Infotag habe ich einen Fehler gemacht. Ich habe im Gespräch mit den anderen Eltern die Frage formuliert, ob es das Richtige sei, dieses Privatschulding anzufangen. Ich habe ja fast alle Eltern dort bereits gekannt. Ausnahmslos alle haben mich angeschaut, als sei ich der letzte Mensch, manche fragten, was diese Frage eigentlich solle und andere bemerkten abfällig, dass ich ja in dem Milieu sowieso falsch wäre, wenn ich mir schon solche Fragen stellen würde. 
Ich erschrak furchtbar über die Nonchalance, die Vehemenz mit der die anderen Eltern ganz klar ihr Kind beabsichtigen auf diese Schule zu schicken. 

Diese Eltern sind, wie ich, nicht selbst auf Privatschulen gegangen. Die haben das normale staatliche Schulsystem durchlaufen, stammten aber bereits aus Akademikerfamilien. Der vorbeschriebene Weg soll direkt in die Elite führen. Ihre Kinder werden diesen Weg mit Freude erfolgreich gehen.
Diese Kinder jedoch werden in ihrem ganzen Leben niemals mit Begriffen wie Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit tangiert werden. Für sie werden diese Begriffe leere Worthülsen sein. Sie werden jedoch die Leistungsträger der kommenden Generation sein. 


Ich stamme aus anderen Verhältnissen. Meine Eltern haben dafür gekämpft, dass es mir mal besser ginge. Und das tut es. Ich kann mein Kind auf eine Privatschule schicken. Ich kann das beste für mein Kind kaufen. Ich kann meinem Kind die bestmögliche Bildung und somit eine vergleichsweise extrem gute Zukunft kaufen.
Die Frage ist nur, ist es auch das Richtige?


Ich habe mir natürlich die staatliche Grundschule angeschaut, in deren Einzugsgebiet wir wohnen. Es ist die Grundschule in unserer Stadt, die die meisten Landes- und Gemeindemittel zur Verfügung hat. Die Lehrer sind toll. Das Gebäude etwa 10 Jahre alt. Das pädagogische Konzept für eine staatliche Schule sehr gut. Die Lernmethoden modern. Die Klassengröße vertretbar. Sie ist gratis. Es gibt mehrere Schulsozialpädagogen, mehrere Erzieher (wenn auch nicht so viele wie in der Privatschule). Es gibt sehr viele Projekte, die das soziale Lernen fördern sollen.

Diese Schule hat einen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund von 75%.

Darum wird sie vom Konzept so intensiv überarbeitet worden sein. Darum wird dieser Schule so viel Geld zur Verfügung gestellt werden. Aber der Ton dort wird sehr viel rauer sein, als auf der Privatschule. Das Kind wird sehr viel schneller, sehr viel selbstständiger werden (müssen) auf dieser Schule.


Ich weiß, dass T1 Veränderung hasst. Sie ist so unglaublich behütet aufgewachsen, so empathisch und bindungsorientiert erzogen - sie kennt diesen rauen Ton nicht. Und wie jede Mutter möchte ich sie dem nicht einfach so aussetzen. Ich habe die Möglichkeit sie vor all dem zu verschonen, sie weiter in ihrer Blase zu lassen, wo sie individuell gefördert wird, aber mit sehr viel mehr Händchenhalten, als in der staatlichen Schule. 

Ich weiß, dass ich meiner Tochter zutrauen kann, ihren Weg zu gehen, auch bei Gegenwind. Sie ist ein Sensibelchen, aber sie ist klug und wird Strategien finden, mit der Welt umzugehen. Aber es wird uns alle Tränen kosten und manchmal harte Arbeit werden. Sie wird manche Enttäuschung, manche Demütigung vielleicht, wegstecken müssen.

Ich weiß, dass sie lernen wird, damit umzugehen. Ich weiß, dass ich ihr auch dabei helfen kann. Ich weiß, dass ich die pädagogischen Unebenheiten zu Hause etwas ausgleichen muss, aber das kann ich auch. 

Ich weiß das alles, denn ich habe mitgeholfen ihren Rucksack zu packen. 

Ich weiß nur eines nicht. Ich weiß nicht, wie ich dem Kind den Rucksack aufsetzen soll, es zur Türe hinausführen soll und es ihm sagen soll: 'Hier mein Kind, hier beginnt dein Weg. Du hast alles was du brauchst dafür in deinem Rucksack. Aber ich kann dich nun nicht mehr tragen. Du musst auf deinem Weg nun selber gehen. Ich kann dich manches Stück begleiten. Aber ich kann dich nicht tragen und ich kann dir deinen Rucksack nicht tragen.' 

Ich weiß, es wäre das Richtige, dem Kind zuzutrauen, dass es seinen eigenen Weg geht. Das wird es nämlich tun. Mit Bravour. Denn sein Rucksack ist extrem gut gepackt.

Ich weiß nicht, wie ich mein Kind loslassen kann. Ginge sie auf diese Privatschule, so wäre stets jemand bei ihr, der ihr den Rucksack abnehmen könnte, der sie stets an die Hand nimmt, wenn sie unsicher ist, der sie vor Unwegsamkeiten bewahrt. Zumindest noch einige Jahre. Zudem ist das pädagogische Konzept der Privatschule natürlich ein knallhartes Argument. Meine Kinder werden alle niemals ungebildet sein, egal welche Schule sie besuchen. Nur wie einfach der Weg sein wird, das ist natürlich ein nicht zu unterschätzender Punkt. 

Das Richtige wäre es, das Kind mit seinem Bildungshintergrund auf eine staatliche Schule zu schicken, es nicht dem Solidarsystem zu entziehen. 
Das Richtige wäre aber auch, dem Kind die nur irgend bestmögliche Bildungschance zu ermöglichen, das beste Lernumfeld, die optimalen Entwicklungsmöglichkeiten.


Was ist schon das Richtige?

Ich weiß es nicht. Ich bin die mit dem Luxusproblem. Es tut mir leid. 

Kommentare:

  1. Liebe Rosalie, ich unterrichte an einer staatlichen Schule in Deutschland. Ich glaube, sagen zu können, dass jede/r von uns Lehrkräften das Beste tut, das er oder sie tun kann. Trotzdem sind wir kaum oder nicht in der Lage, so vielen Kindern in einem so breiten Leistungsspektrum gerecht zu werden. Dabei haben wir, im Vergleich zu Grundschulen, ein wesentlich homogeneres Klientel.
    Ich kann nichts Anrüchiges daran finden, dem eigenen Kind ein möglichst gutes schulisches Umfeld zu ermöglichen.

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  2. Liebe Rosalie,
    ich kann Deine Gedanken SO gut verstehen! Ich war auch auf ganz normalen Schulen und habe es gut mitgemacht. Aber wenn es um die eigenen Kinder geht, hab ich auch das Gefühl, es hat sich viel geändert seit der eigenen Schulzeit (also seit 20-25 Jahren)...Ich denke genau so, am liebsten Privatschule...ein Luxus, ja...Aber bin auch hin und hergerissen, von wegen, die Vielfalt kennenlernen etc.
    LG, Julia

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    1. Ich hab einfach ein bisschen Angst, dass ich meine Probleme auf sie projiziere, sie an der falschen Stelle beschütze, weil's ja oberflächlich so gut zu rechtfertigen ist. Aber Notendruck und Konkurrenzdenken dürften zum Beispiel ein klarer Punkt sein, der an einer Privatschule noch schlimmer ist, als an einer staatlichen Schule, wo man sich auch mal in nem Fach im Mittelfeld einordnen kann. Das hat keineswegs nur Vorteile. Man muss dann dieses Spiel auch mitspielen können und wollen.

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