Mittwoch, 10. August 2016

Über die veganen Lemminge

 Wie ich ein Gespräch mit einer Mutter abbrach, die ihr Kind vegan aufzieht.



Jaja, ich weiß, das ist ein heikles Thema. Es war so: Das Kind ass Saltimbocca. Genauer, es ass wahrscheinlich Sojaschnitzel, umwickelt mit irgendwas wie veganem Speck. Mein Kind wollte das auch und ich fragte die Mutter, wo es das gäbe. Da erklärte sie mir die Welt aus Veganersicht. Oder vielmehr aus Pseudoveganer Sicht.

Nun bin ich ja nicht Veganer, kann also nicht unbedingt voll autentisch über veganes Essen reden. Ich esse manchmal vegan, denn da gibt es leckere Rezepte und generell esse ich viel Gemüse und nicht zwingend Fleisch. Mehr aber auch nicht.

Was mich an diesem Vegantrend so irritiert ist, dass es für mich so eine Art Möchtegern-Veganismus ist.

Ich erkläre das mal:
Würde ich vegan leben wollen, so würde ich mir Gedanken machen müssen über mein Essen. Nicht einfach, wo kommt es her? Wie hat es gelebt? Sondern, was ist da drin? An Nährstoffen? Was braucht mein Körper, um Gesund zu bleiben?
Aber aus rein physiologischen Gründen verzichtet kaum jemand auf Fleisch.

Ein Veganer verzichtet aus humanistischen Gründen, aus Empathie zur Kreatur, nicht einfach wegen seiner eigenen Gesundheit. Veganismus ist keine egozentrische Ausprägung einer Lebensform, sondern rührt aus dem Gegenteil, dem Verzicht auf Kosten anderer zu leben.

Ein veganes Saltimbocca ist darum für mich schlicht Blödsinn. Nein, ich verstehe nicht, weshalb es Wurst-, Käse-, Fleischimmitate gibt. Wer Fleisch essen will, soll das tun, wer auf Fleisch verzichten will, der soll das tun. Fleischimmitat aus dem Supermarkt an der Ecke ist etwas für Möchtegern-Veganer. Verzichten ohne Verzicht. Also eigentlich kein Verzicht, sondern eine Bestärkung der Konsumhaltung, keine Reflexion.

Denn Fleischimmitat macht einen nicht zu einem guten Menschen. Im Gegenteil, Fleischimmitat verwässert den veganen Gedanken aus Respekt keine tierischen Produkte zu verwenden. Bei Fleischimmitat wird der humanistische Gedanke schlicht durch Egozentrik ersetzt. Man macht das für sich, nicht wegen des Tieres.

Es ist schlicht ein Trend, wie bei den Light-Produkten: Schokolade fressen wollen, aber die Kalorien nicht. Kann man machen, wenn man sich der Erkenntnis verschliesst: Schokolade ist Schokolade, aus Milch, Zucker und Kakao. Es ist nunmal so.

Beim Schnitzel ist es genauso. Schnitzel ist nunmal Schnitzel. Und ein Döner ist ein Döner. Ein altes traditionelles Essen, das Fleisch beinhaltet. Es ist ein Stück Kultur. Mir erschliesst sich der Sinn eines veganen Döners nicht. Klar kann man andere Sachen auf ein Fladenbrot tun und das schmeckt super. Aber es ist halt kein Döner.

Wenn ich also entscheide auf etwas zu verzichten, dann liegt für meine Persönlichkeit die Betonung auf dem Verzicht, nicht auf der Sache, auf die ich am Ende verzichte. Ich treffe eine Entscheidung für oder gegen den Verzicht. Und zwar im besten Fall aus wohlüberlegten Gründen.

Fleischimmitat jedoch führt dazu, dass 20% Veganer (die sich aus Respekt gegenüber dem Tier) für den Verzicht entscheiden und auch generell eine respektvoll ausgerichtete Lebensweise haben, dann 80% Möchtegern-Veganer gegenüber stehen, denen die Tiere im Grunde egal sind, weil sie sich eh aus egoistischen Gründen für veganes Essen entscheiden. Diese Menschen setzen sich nicht für eine Verbesserung der Tierhaltung ein, sondern sehen bewusst weg – mit gutem Gewissen.

Diese Menschen machen sich keine Gedanken über ihre Lebensweise, über Humanismus oder eine Verbesserung der Gesellschaft. Diese Menschen wollen schlicht weiter blödsinnig konsumieren ohne sich überhaupt Gedanken zu machen. Es gibt keine Auseinandersetzung, keine Reflexion, man will sich als guter Mensch fühlen, ohne einer sein zu wollen. Total absurd.

Gleichzeitig kämpfen aber Veganer für eine Verbesserung der Welt nach ihren Vorstellungen. Wäre ich Veganer, mich würde dieser blöde Supermarktveganismus aufregen, denn eine Bewegung, die von Möchtegernbewegten unterlaufen ist, verliert an Schwung und Überzeugungskraft. Wenn nur jeder 5. authentisch argumentieren kann, wie soll man denn mit den 80% träger Masse etwas bewegen, neue Anhänger für die Sache gewinnen?
Es ist Verblödungskonsum auf einem neuen, höheren Level. Mehr nicht. Und Wurstimmitat ist noch nichtmal gesünder.


Und da kommt wieder die Mutter ins Spiel, die ihrem Kind veganes Salitmbocca serviert. Ich finde das falsch.

Es ist wie mit der religiösen Erziehung.
Erklärt man es gut, bindet es ins täglische Leben so ein, dass man nach religiösen Regeln authentisch lebt, LEBT man seine Religion, so kann sie Halt und Sicherheit und Gemeinschaft geben und das Leben verbessern – auch das des Kindes.

Konsumiert man Religion, entwickelt das Kind keinen Glauben, der es trägt, sondern lernt nur die Konsumhaltung. Das ist das Gegenteil von Aufklärung und Humanismus und Reflexion und wird zurecht in der Kindererziehung scharf kritisiert. Veganismuskonsum ist aus dem gleichen Grund ebenso scharf zu kritisieren.

Entscheidet sich ein Mensch für eine Lebensweise, hat er seine Gründe. Einem Kind, das zum Konsum, nicht zur Reflexion und Entscheidungsfähigkeit erzogen wird, nimmt man die Wahl. Ich finde das falsch.

Denn es ist eben so. Saltimbocca ist nunmal aus Fleisch. Veganes Saltimbocca gibt es nicht. Das muss man dem Kind sagen. Man kann einem Kind auch ein veganes Gericht kochen, ohne ihm Immitate als etwas Echtes zu verkaufen, denn ein Kind ist auf die Erwachsenen angewiesen, die es auf diesen Unterschied hinweisen. Ein Kind hält zunächst alles in seiner Umgebung für echt.

Abgesehen davon muss man auch immer wieder erwähnen, dass Milliarden Menschen auf dieser Welt vegetarisch und nahezu vegan leben, aus religiösen Gründen, oder weil es eben nicht oft Fleisch gibt – strukturell bedingt. Nur wir im reichen Westen schaffen es, daraus eine Möchtegern-Trend-Lebensweise zu machen.
Das Gute ist aber, wenn Milliarden Menschen seit jeher ohne (viel) tierische Produkte auskommen, so konnten sich unzählige traditionelle Rezepte für jeden Geschmack entwickeln. Vorwiegend mit Gemüse, nicht mit Seitan. Aber um diese kennen zu lernen muss man sich natürlich für andere interessieren, nicht nur für sich selbst.

Schade, dass manche Menschen das verpassen.


Wirklich erschreckend finde ich aber die höchst bedenkliche Entwicklung des Guten-Lebens-Trendes. Es ist tatsächlich ein lähmendes Pseudo-Gutestun, die Kreation eines guten Gewissens durch Wegschauen, was jegliche Entwicklung zu einem Besseren Leben im Keim erstickt. Wer keinen Grund hat, etwas zu Verbessern, der wird nicht auf die Idee kommen für eine Idee oder eine konkrete Sache zu kämpfen.

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