Montag, 27. Juni 2016

Von der Unmöglichkeit gewaltfreier Kommunikation

Wir wünschen uns das alle, gewaltfreie Kommunikation. Im Büro, im Strassenverkehr und vor allem zu Hause. Ein frommer Wunsch, wie ich finde, denn in meinem Leben gibt es nicht viel respektvolle Kommunikation. Gab es nie und so mancher wird sagen, darum gibt es sie auch in der Gegenwart und Zukunft nur spärlich. Aber das stimmt nicht.

Ich bemühe mich unaufhaltsam meine Kommunikation zu verbessern. Allein, es scheint niemand darauf zu reagieren. 

Im Beruf habe ich die Erfahrung gemacht, dass mich alle für den gutmütigen Deppen halten, wenn ich nicht eine gewisse Schärfe an den Tag lege. 

Zu Hause scheitere ich oft an der Reaktion der Kinder, vornehmlich bei T1. Sie macht schlicht wirklich was sie will, wenn ich nicht zumindest sehr deutlich werde. Und nein, das geht schlicht und einfach nicht. Sie darf nicht ihre Schwester mit Holzspielzeug hauen, sie darf nicht non-stop Filme schauen oder Handy spielen, sie muss essen, was es eben zu Essen gibt und darf nicht von Schokolade leben, sie muss abends ins Bett und darf nicht prinzipiell aufbleiben bis wir Eltern ins Bett gehen, sie muss ihre Jacke aufhängen und Händewaschen und vieles mehr. Sie darf viel entscheiden, aber sie hört auch viele Ermahnungen und Verbote.

Das ist soweit normal und auch ok. Allerdings gelingt es mir nicht, sie freiwillig davon zu überzeugen, das Handy wegzulegen oder eine Banane statt Gummibärchen zu essen. Ich muss das durchsetzen. Also lasse ich die Kinder den Speiseplan erstellen und wir achten darauf, dass es nicht zu ungesund wird. Wenn ich dann aber Spaghetti Bolo gekocht habe und sie beschließt, nach 3 Bissen den offensichtlich verdienten Nachtisch zu wollen, dann wird es heikel. Denn dann gibt es kein Argument, dass sie davon überzeugt, sich erst am eigentlichen Essen satt zu essen. 

Meine innere Stimme sagt dann 'Das kommt schon davon, wenn man die Kinder frei essen lassen will, wie sie es bestimmen.' Dieser inneren Stimme folge ich dann nicht. Ich will es ja richtig machen. Allerdings bin ich auch nicht bereit einer fast 5jährigen dann nachts die verlangten Kakaofläschchen zu machen. Also suche ich den Kompromiss. 

Zur Zeit stehen leider Kompromisse von der Mama nicht hoch im Kurs bei T1. Und ich bin wie schon erwähnt etwas dünnhäutig. Was also tun?
Es läuft in etwa so ab:
- Iss bitte noch so viel, dass du heute nacht nicht hunger bekommst und weinen musst. 
- Nein. Ich will Pudding.
- Pudding gibt es aber erst zum Nachtisch, wenn man sich satt gegessen hat.
- Ich will aber meinen Pudding du blöde Mama!
- Du bekommst deinen Pudding, wenn du noch 10 Löffel isst.
T1 isst 2 Löffel.
- Ich will jetzt meinen Pudding!
- Das waren erst 2 Löffel. Du hast höchstens 4 Löffel insgesamt gegessen. Ich hatte gesagt nach 10 Löffeln bekommst du den Pudding.
- Nein! Ich will das nicht. Das schmeckt mir nicht!
- Du hattest dir Spaghetti ausgesucht.
- Ich will etwas anderes! Ich will Waffeln!
- Ich hab jetzt keine Waffeln. Es gibt Spaghetti. Du kannst auch ein Brot haben.
- Nein! Ich will das nicht! Ich bin selber groß und kann bestimmen! Nie darf ich was bestimmen! Ich will Pudding.
- Nachtisch gibt es aber erst, wenn wir mit essen fertig sind und uns satt gegessen haben.
T1 steht auf, kommt zu mir und haut mich auf den Arm.
- Hör sofort auf mich zu hauen! Ich will das nicht.
- Du gemeine Mama!
T1 haut mich nochmal.

An dieser Stelle bin ich regelmäßig hilflos und hier endet auch der Versuch ruhig und gewaltfrei zu bleiben.
Es folgt ein klares Nein von meiner Seite, ich schicke sie aufs Sofa bis sie sich beruhigt hat oder versuche sonstwie zu deeskalieren. Es geht nicht. Sie fängt an zu heulen und weiterhin zu hauen. 

Diese Tage, an denen sie komplett austickt sind anstrengend für mich. Ich schreie, wenn es mir zu viel wird. Ich versuche auch regelmäßig dem Kind klar zu machen, dass ich sie verstehe und dass jetzt aber meine persönliche Grenze erreicht ist. Das scheint sie aber nicht verstehen zu wollen oder zu können. 

Generell können meine Kinder meine Grenzen nicht respektieren, auch wenn ich mehrmals deutlich klar stelle, dass ich nicht mehr weiter kann. Sie können nicht reagieren und das macht es mir sehr sehr schwer. Denn ich als Mutter muss nicht alles schlucken, was meine Kinder mir auftischen. 

Ich will nicht gehauen werden, oder getreten. ich will nicht, dass man mit Essen nach mir wirft etc. Nur, wenn ich das klar so sage, veranlasst dies meine Kinder nicht, damit aufzuhören. Das mag auch soweit normal sein, aber wie reagiere ich dann? Ich kann STOP sagen, sogar schreien, aber das hilft wenig. Ich kann den Raum verlassen, dann fängt mindestens eine Tochter an zu weinen, also muss ich wieder zurück und Trösten. Das verlangt mir wirklich viel ab. Ich kann Drohen und Verbote aussprechen, was ich manchmal auch tue, aber natürlich ist das keine Lösung und macht auch nix besser. Jedoch steigt in solchen Situationen mein Bedürfnis eine Strafe auszusprechen rasant. Ich möchte dann eigentlich nur noch, dass endlich Ruhe ist, kein Geplärre mehr, kein Hauen. 

Wenn T1 einmal hochdreht, dann schreit sie oftmals eine ganze Stunde lang und kann sich kaum beruhigen, denn dann ist jedes Geräusch, jede Bewegung der Schwester Anlass genug umso lauter zu heulen. Es ist richtiges Plärren, das einen irgendwann wahnsinnig macht. 

Ähnlich ist es beim Schlafen gehen. Selbst entscheiden lassen, wann sie sich fertig macht und schlafen geht kann ich nicht. Freiwillig zieht sie sich noch nicht einmal aus und ich kann mich nicht ausschließlich um sie kümmern, denn ich muss T2 fertig umziehen und hab ein Baby auf dem Arm. Also beginnen wir mit ständigem Wiederholen der Bitte sich nun auszuziehen. Ich kann dann drohen oder mit Belohnungen locken. Beides gleich weit weg von dem, was ich mir wünsche. Ich kann dann irgendwann schreien. Es nutzt nix.

Solche Tage sind nicht die Regel, aber seit T3 gibt es sie gehäuft. Bei allem Verständnis, ich habe gerade nur selten den Nerv dazu. Allzu oft bin ich abends total erledigt von den andauernden Kämpfen. Es ist das Alter, es ist die Umstellung mit Baby - ich weiß. Und doch ändert es nichts daran, dass ich oft nicht weiter weiß. Wenn T1 eskaliert kann ich sie nicht aufhalten. Und ich kann es nicht unbegrenzt aushalten. Sie muss lernen, dass ich mit STOP auch STOP meine. Gewaltfreie Kommunikation hat mich diesem Ziel jedoch kein Stück näher gebracht. 

Ich sage nur 'Es reicht!' wenn es mir tatsächlich reicht. Zur Zeit jedoch interessiert sich T1 nicht für das, was ich sage. T2 sagt wenigstens noch nein, wenn ihr was nicht passt. T1 ignoriert mein Gerede. Zu gern würde ich sie auch mal ignorieren. Mach ich natürlich nicht. Wenn ich aber nach einem Streit sage, dass ich kurz meine Ruhe bräuchte, dann wird auch diese Bitte ignoriert. Das macht wiederum mich aggressiv, denn ich brauche manchmal eine kurze Pause und T1 wird jetzt 5 Jahre alt. Sie weiß, was eine Pause ist. Sie selbst fordert sie oft für sich ein. 

Und so versuche ich möglichst ruhig zu bleiben, geduldig, liebevoll und gerecht. Aber wenn mir jemand gewaltfreie Kommunikation predigt, dann kann ich nur mit dem Kopf schütteln. In meiner Familie gibt es sowas nicht. Egal wie sehr ich mich bemühe und welche Formulierungen ich benutze. Abgesehen davon ist mir auch noch nie jemand begegnet, der etwas von mir wollte und mich völlig gewaltfrei behandelt hätte. Und schon gar nicht unter Erwachsenen…




PS: Ich möchte hier ausdrücklich nicht die 'unerzogen-Fraktion' auf den Plan rufen. Ich habe mich damit etwas beschäftigt und möchte meine Kinder so nicht erziehen. Danke.

Kommentare:

  1. Das tönt sehr, sehr, sehr anstrengend im Hause Rosalie zur Zeit.
    Aus meiner Erfahrung heraus, was solche Phasen betrifft: Chose your battles. Sonst reibt man sich auf. Ein paar wenige Punkte auswählen, wo NEIN wirklich wichtig ist und dort darauf bestehen - ohne Diskussionen. Und den Rest halt schleifen lassen.
    Und nicht vergessen: Solche Phasen gehen auch wieder vorüber! Vor den grossen Ferien sind alle etwas angespannt und aus dem Häuschen.

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    1. Danke, es hört sich aber auch schlimmer an, als es ist. Wir haben so 1x die Woche einen Tag an dem es so läuft - wahrscheinlich weil irgendwer von uns nicht ausreichend geschlafen hat… Dann aber kann es schon mal richtig rund gehen. Und ich hab ja nun 2 Jahre bewusst daran gearbeitet, dass T1 sich öffnet und nicht immer das liebe angepasste Kind ist. Sie soll ja einen eigenen Willen haben. Und man muss auch sehen, als Große mit 2 Geschwistern - das ist schon nicht einfach. Sie hat durchaus Grund manchmal wütend zu sein und es geht ja meist gegen mich.

      Aber ich merke durchaus, jetzt zu fünft, da muss auch erstmal jeder seinen Platz finden. Es sitz nicht so, dass man das Baby einfach integriert, sondern eher dass die Rollen allesamt neu verteilt werden und sich jeder erst einfinden muss.

      Ich kann mir auch denken, dass es eben für T1 auch anstrengend ist, denn im Kiga ist sie nicht so. Da macht sie mit und haut niemals. Und zuhause platzt sie dann wahrscheinlich. Ist ja auch ok so. es ist eben nur manchmal nicht so entspannt, wie ich es mir wünschen würde.

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  2. Liebe Rosalie, ich wollte nur kurz sagen, dass es mir mit meiner fünfjährigen (fünfeinhalb) älteren Tochter genauso geht - ich habe mich bzw. uns sehr wiedergefunden in deinem Bericht. Allerdings gibt es z.zt fast jeden Tag so ein Problem bei uns (immerhin geht es bei ihr meist Shell vorbei). Es strengt mich enorm an, und ich habe leider auch keine Lösung gefunden bisher. Ich weiß dann auch oft nicht mehr weiter. Es ist sehr frustrierend. Und wir haben kein Baby, sondern die Jüngere wird jetzt auch bald drei. Die Ältere fühlt sich aber trotzdem ständig benachteiligt. Also in a nutshell: Danke für den Artikel und Deine Gedanken dazu, ich fand es schon hilfreich, dass es anderswo die gleichen Probleme gibt. Auch meine Tochter ist in der Kita übrigens nicht so, sondern dort ganz unproblematisch. Viele Grüße, Katrin

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