Mittwoch, 29. Juni 2016

Die Abwiegelstrategie, oder wie mich das Leben zurecht gestutzt hat

Ich hole die Kinder vom Kindergarten ab und freu mich schon. Ich bin recht gut drauf. Da kommt doch die Kindergärtnerin meines Vertrauens, die meine Kids von Beginn an in diesem Kiga begleitet und sagt: 'Wissen Sie, Sie sind ja die geborene Mama. Ich find das so schön Ihren Kindern zuzuschauen, die sind richtig glücklich und ganz tolle Kinder.'

Bäm.

Und ich antworte: 'Ja, die machen es einem ja auch total einfach. Die schlafen super und hören gut und zu Hause bin ich aber auch strenger, als es hier den Anschein haben mag. Da muss ich ja die Kinder irgendwie unter einen Hut bekommen.'

Wir unterhielten uns dann noch ein bisschen. 

Abends im Bett kamen mir dann auf einmal die Tränen. Ich fing an darüber nachzudenken, wann ich so… so kaputt gegangen bin? Da wollte mir die Frau nur ein wirklich nettes spontanes Kompliment machen und ich Depp komm nicht auf die Idee mich einfach zu bedanken oder das anzunehmen. Nein, ich schieb alles auf die Kinder und die Umstände und überhaupt. Als ob ich sonst schon genug Komplimente und Anerkennung für mein Tagwerk bekäme! 

Und da ging mir auf, wie bescheuert ich reagiert habe. Dass es mir schon fast peinlich ist, wenn man meine Kinder für toll befindet. Und im Übrigen bekomm ich oft von Wildfremden Komplimente in der Strassenbahn oder im Restaurant oder im Supermarkt. Weil meine Kinder meist friedlich sind, Geschichten erzählen, ruhig spielen, mithelfen oder ihre Schokolade freiwillig teilen und bei uns Damen meist gute Stimmung herrscht.

Aber keines dieser Komplimente berührt mich. Ich nehme das voll nicht persönlich. 

Warum eigentlich nicht?

Zum Einen wohl, weil ich tatsächlich glaube, dass meine Kinder einfach schon so super auf die Welt kommen. Keine Ahnung, woher ich das habe, aber ich hab immer das Gefühl, je mehr ich mich raushalte und sie in Ruhe lasse, desto besser für alle. Es ist also nicht mein Verdienst und so beziehe ich auch Komplimente nicht auf mich oder meine Leistung als Mutter.

Zum Anderen ist mir mein Ego abhanden gekommen. Gar nicht so sehr durch die Fremdbestimmung der Babyjahre, sondern eher durch das permanente Runterbügeln meiner Person seit ich Kinder habe. Das fing bei T1 an und heute braucht man mich schon gar nimmer angreifen. Ich trau mich ja so schon nimmer zu sagen, dass ich grad mit Baby daheim sitze und den lieben langen Tag nix anderes mach als Waschen und Wickeln. In meinen eigenen Augen ist mir der Wert dafür schon ganz abhanden gekommen, so sehr hab ich mir die Herabwürdigungen zu Herzen genommen. 

Privat hab ich mir zwar auch einiges anhören müssen, aber vor allem beruflich hab ich in den letzten 5 Jahren nur Prügel bezogen. Dabei hab ich arbeitstechnisch kaum Fehler gemacht. Es lief nur so: Mach ich alles richtig, bekomm ich kein Lob mehr sondern erfüll ja lediglich die Erwartungen. Schulterklopfen und Karriere sind eh unnötig, wegen der Kinder. Aus der Schiene bin ich ja nun eh raus - hab ich ja selber so gewollt… Sobald ich aber auch etwas nur ansatzweise nicht perfekt gemacht habe gab's richtig eine auf die Nuss. Weil, war ja klar, dass ich das alles nicht gebacken krieg.

Und so lag ich da nachts, und fragte mich, warum ich um alles in der Welt dieses nette Kompliment nicht annehmen kann. 

Mir war nicht bewusst, dass es bereits so schlimm ist. Und ich denke auch immer, es ist ja eigentlich gar nicht schlimm. Ich führe ein in höchstem Maße, auch für deutsche Verhältnisse, privilegiertes Leben. Warum also sollte ich mich beschweren.

Und dann weiß ich wieder, warum. Weil ich nämlich die einzige in meinem Umfeld bin, die kein Ego mehr hat. Dieses 'Selbstwirksamkeitsgerede' und dieses 'Selbstbestimmung' sind mir inzwischen völlig fremd. Ich frage mich sogar, ob es verantwortlich ist, den Kinder zuerst groß die Selbstbestimmung näher zu bringen, um dann in ein paar Jahren zusehen zu müssen, wie sie untergebuttert werden. In so vielerlei Hinsicht ist diese viel besungene Selbstbestimmung nämlich blanker Hohn und eine Illusion. Die wenigsten Menschen können namhafte Teile ihres Lebens selbst bestimmen. In Wirklichkeit interessiert sich niemand für die Meinung einer einzelnen Durchschnittsmama. Vielleicht gibt es darum so viele Mamablogs, damit man doch auch mal ein Forum findet seine Meinung kund zu tun. Weil halt sonst keiner zuhört…

Jedenfalls muss ich zugeben, komm ich mir noch wertloser vor, seit ich darüber nachdenke, warum meine Arbeit in meinen eigenen Augen so wenig Wert besitzt. Und das zeigt mir ganz klar: ich bin jetzt wirklich lange genug zuhause rumgesessen beim Waschen und Wickeln. Nach dem Baby muss ich mir definitiv eine Aufgabe suchen, die mich mehr fordert, damit ich zumindest für mich selbst wieder eine Herausforderung habe, ob jetzt beruflich oder als Hobby. Aber Baby und Haushalt ist offensichtlich nicht mehr spannend genug für mich. 

Und all das zeigt mir auch, wie sehr ich kognitive Herausforderungen brauche, denn KLAR BIN ICH EINE SUPER MAMA! Alles was ich mache, mache ich mit viel Liebe und Aufmerksamkeit und sehr gut. Das ist nix Neues für mich. Nur die depperten Chefs und Kollegen, die ich bisher hatte, die meinten das übersehen zu müssen, weil ich ja Kinder habe. Idioten. Allesamt.

1 Kommentar:

  1. Ohje, wie traurig, dass im Endeffekt solche Idioten von Chefs und Kollegen solch einen Einfluss haben, auch bei Dir. Das macht mich schon traurig und wütend wie - auch mit gut ausgebildeten - Frauen umgegangen wird sobald sie Mütter geworden sind. Das muss man(n)/Gesellschaft sich erst einmal leisten können.
    Dass Baby und Haushalt auf Dauer nicht genug kognitive Herausforderung für Dich sind, sollte jedem klar sein der dein Blog länger liest. Ich drücke Dir die Daumen, dass sich das mit dem nächsten Chef ändert oder Du eine anderweitige fordernde Tätigkeit findest. Denn das Gefühl kann ich in Ansätzen nachvollziehen, auch ich wäre ohne Ausgleich auf Dauer ungenießbar. In dieser Beziehung bin ich als Mutter hier im wilden Osten sehr verwöhnt und immer wieder erstaunt wie es doch noch in weiten Teilen Deutschland zugeht. Sei es aus Deinen Erzählungen oder von Freundinnen, die "im Westen" gelandet sind. Klar, einige Prioritäten verschieben sich mit Kind(ern)* aber mein Gehirn gebe ich doch nicht mit der Empfängnis ab.
    *und zumindestens bei uns betrifft das auch den Vater.

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