Freitag, 26. Februar 2016

Identifikationsprobleme

Ich bin in der Straßenbahn unterwegs, Mütter lächeln mich - oder viel mehr meinen Bauch - an. Ich lächle zurück, aber sehr verhalten. 
Ich sitze beim Frauenarzt, die Augen geschlossen - weil übermüdet - um mich herum lächelnde Schwangere, die mich sogar ansprechen. Ich wirke wohl in mir ruhend, dabei will ich nur schlafen. 
Im Kindergarten fragen alle Eltern, wann es denn soweit sei, was es denn werde etc. und hören gar nicht mehr auf zu reden.

Mein Bauch ist riesig und rund und alle sind begeistert. Nur ich nicht. 

Ich bin nicht unglücklich über den Bauch. Aber es gibt und gab die letzten 9 Monate keine Babyvorfreude, keine Aufregung, kein 'Schatz, es tritt mich, fühl mal.' Es gab nur den Gedanken zu Beginn: Das halt ich nicht durch. Der Gedanke jetzt ist: Hoffentlich ist diese Schwangerschaft bald vorbei.
Das ist nicht bös gemeint, dem Baby gegenüber. Ich hab eine Verbindung zum Kind. Ich kann bereits ziemlich gute Aussagen über sie, ihren Rhythmus, ihre Art machen. Ich reagiere auch, wenn was ungewöhnlich ist, denn durch meine Erfahrung fällt es mir nicht schwer einzuordnen, was ich da gerade in meinem Bauch wahrnehme. 
Nur die Begeisterung, die fehlt. Die konnte nicht aufkommen bei den Beschwerden. Wer ne Bronchitis hat freut sich ja auch nicht wie blöd, dass sein Immunsystem dennoch in dieser Zeit 100 andere Infekte erfolgreich abwehrt. Man fühlt sich schlecht, solange bis man wieder fit ist. Dabei beweist der Körper gerade in dieser Krankheitssituation was er alles stemmen kann. Es fällt nur keinem auf. 

Ich fühle mich also manchmal wie im falschen Film, wenn mich alle begeistert anlächeln. Was wollen die von mir? Wenn die das Baby so super finden - ich würd sofort mit ihnen tauschen. Sollen die doch das Kind bekommen, ich zieh es auch gern groß, nur weiter schwanger sein will ich nicht. Ich mag nimmer!

Der Frauenarzt schenkt meiner Schilderung, dass ich konkrete Identifikationsprobleme habe, meiner Frage, ob das bereits Anzeichen einer depressiven Verstimmung sind, ob sich daraus eine Wochenbettdepression entwickeln kann, keinerlei Beachtung. Ich hab das öfter angesprochen. Es hilft nichts. Aber es zeigt mir doch, dass mein Gehirn noch funktioniert, wenn ich solche Fragen reflektieren kann. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen. 

Es wird ja nun nicht mehr lange dauern. Das Baby scheint auch nicht von der geduldigen Sorte zu sein. Zusammen genommen deuten alle Anzeichen darauf hin, dass die Dame keine 40 Wochen im Bauch bleibt. Mein Ziel ist also bis nach Ostern. Es ist zwar alles soweit fertig hier, aber vor Woche 37 will ich sie auch nicht rausschmeißen. Aber nach Ostern - da darf sie dann loslegen. 

Über die Zeit nach der Geburt denke ich witziger Weise allerdings nur positiv. Ich hab keine echte Sorge, dass sie krank sein könnte, ein Schreikind, oder dass irgendwas nicht passen könnte. Ich stelle mir vor, wie ich wieder essen und schlafen kann, keine Überkeit mehr, schmerzfrei liegen. Ich stelle mir vor, dass die Dame, wie ihre großen Schwestern, mit mir kuschelt und es uns dann endlich gut geht - oder zumindest besser. Der Zeit nach der Geburt stehe ich mit keinem einzigen schlechten Gedanken gegenüber. 

Ob das naiv ist? Einfach nur Wunschtraum? Oder sowas wie eine Vorahnung dass alles gut und sich fügen wird?

Und mir fiel noch etwas auf: Diese Schwangerschaft verbindet mich nicht mit anderen Müttern, sie scheint mich zu separieren. Weil nicht alles heiter ist und keine überschwengliche Vorfreude da ist. Weil ich nicht lächle, begeistert Nestbau betreibe. Ich hatte so eine Schwangerschaft bei T1. Das war super. Diese Spannung und Freude und die Aufregung. Bei T2 war das zum großen Teil auch da. Oder jedenfalls war es nicht aktiv weg. 

Ich gönne diese Freude jedem Elternpaar. Aber diese Bandbreite, die ich nun erlebe, die verändert mich, lässt so manches in anderem Licht erscheinen. Ich kann andere Dinge nun besser nachvollziehen, dafür geht mir an andere Stelle Verständnis verloren. Z.B. bewerte ich die Kleinigkeiten anders. Diese z.T. hart geführten Diskussionen ums Stillen, Beikost, Tragen etc., die halte ich inzwischen für weitgehend irrelevante Grabenkämpfe. Mein Motto 'Scheiß egal, macht doch was ihr wollt'.

Vielmehr beschäftigen mich die Fragen nach den Grundlagen des Kinderkriegens. Was sind uns Schwangere wirklich wert? Was sind Mütter wirklich wert? Wie werden sie kontrolliert in unserer Gesellschaft? Warum scheint ein Kind so viel mehr wert als die Mutter (sonst würde nicht ausschließlich mit einer Gesundheitsgefährdung des Kindes gedroht)? 

Die Antworten, die ich darauf finde gefallen mir nicht. Und diese Fragen sind keinesfalls mit Neomüttern zu besprechen und auch nicht mit diesen total engagierten Müttern mit 2 Kindern und Beruf. Man bräuchte Zeit und eben einen etwas breiteren Erfahrungshorizont, um diese Fragen wirklich zu reflektieren. Und ich will auch nicht in diese Esotherikschiene hineinkommen, die sich beim Thema Lebenserfahrung ja gern anbietet. 

Ich bin kein großer Philosoph. Aber aus diesem unglaublich breiten Spektrum aus Erfahrung rund ums Kinderkriegen und Kinderhaben wächst doch eine echte Toleranz und Akzeptanz den anderen Müttern gegenüber. Umso mehr störe ich mich an abwertenden Diskussionen über Kaiserschnitte, Erziehungskonzepte etc. Ich merke, dass sich viele Frauen tatsächlich keine Situationen vorstellen können, die außerhalb ihrer eigenen Erfahrung liegen. 
Wie etwa eine Schwangerschaft ohne Vorfreude, die man am liebsten so früh wie möglich mit einem Wunschkaiserschnitt beenden möchte. Aber das gibt es. Ich habe so eine Frau inzwischen kennengelernt, die am liebsten gar nicht darüber redet, denn das scheint ein echtes No-Go. Die Einsamkeit dieser Mutter hat mich schwer getroffen. Denn so anstrengend die erste Zeit mit dem ersten Kind sein kann, diese eine Frau hatte es mit Sicherheit extrem schwer und traut sich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen. Bei solchen Geschichten frage ich mich ernsthaft, ob es etwas Irrelevanteres geben kann, als dass ein Kind getragen, oder gestillt wird etc. 

Die echten Probleme separieren sich fein säuberlich von den Beschäftigungtherapien vielen Mütter. Und die echten Probleme erschrecken mich, denn ich hätte nie solche echte Not hinter manchen Geschichten vermutet, wenn meine eigenen Probleme nicht so massiv geworden wären. Wohl dem, der voller Inbrunst Diskussionen ums Stillen führen kann, weil seine echte Sorge ist, dem Kind könne durch eine Flasche Schaden zugefügt werden. Eigentlich beruhigend, dass solche Diskussionen so zahlreich geführt werden, denn es bestätigt, wie gut es uns geht. 

Nur traurig, dass die Stimmen der Menschen mit schlimmen Sorgen nicht gehört werden bei dem Geschrei. Da sollte man was tun. Vielleicht wäre mein Engagement dort sinnvoller als in einem Labor mit Menschen, die sich für Oberhelden halten. Ob man da auch einen Platz findet, wenn man nichts diesbezügliches studiert hat? Ich sollte mich da mal informieren...

Kommentare:

  1. Liebe Rosalie,

    Ich wünsche dir, dass deine Zeit mit T3 so wird, wie du es dir ausmalst :)
    Ich bewerbe mich gerade als BioInformatikerin in einer reinen Automotive Wüste und denke auch häufig darüber nach, ob es im sozialen Zweig der Gesellschaft nicht für mich besser und erfüllender wäre. Ich habe aber Angst, dass mein "romantisches" Bild vom Helfen, doch zu naiv ist.
    Das entspricht also meiner Erfahrungswelt ;) und ich kann es mir vorstellen. Ja es fällt mir schwer,mir Dinge vorzustellen, die ich nicht selbst erlebt habe, aber ich habe gelernt, diese Dinge zu akzeptieren :) ich hoffe das ist ein Anfang ;)
    Schöne Grüße und vielleicht hast du die Möglichkeit, deine zwei großen T im Osterfieber zu genießen.

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  2. danke für diesen text und die wichtigen fragen, die du aufwirfst! ich kann viele deiner gedanken nachempfinden.

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  3. Liebe Rosalie,

    deinen Text kann ich komplett so unterschreiben , LG

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  4. Liebe Rosalie,

    DANKE für diesen Text! Vor allem für die letzten Absätze. LG Victoria

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