Dienstag, 19. Januar 2016

Ich bin die Mami.

Ein Statement, das man auf vielerlei Weise verstehen kann. 

Konkret werde ich aber in diesem Post eine Frage der lieben Christine von Villa Schaukelpferd beantworten. Die wollte nämlich netterweise mehr über mich erfahren und und so stellte sie mir eine nicht ganz unerhebliche, grundlegende Frage: Wie hat dich das Mamasein verändert? Wer bist du mit deinen Kindern und wer bist du ohne deine Kinder?

Ich finde das zuerst mal toll, dass jemand auch mal eine wirklich hintergründige Frage stellt, auf die ich dann auch gerne offen und umfassend antworte.

Also, ich verstehe die Frage so: Wohin hat mich der Weg von der damals ambitionierten Studentin hin zur Frau/Ehefrau/Mutter/Hausfrau/Arbeitnehmerin/Freundin geführt - bis jetzt?

Was mich wohl am meisten verändert hat sind nicht die äußerlichen Sachen oder die Kleinkindsachen wie Schlafmangel, Zeitmangel, Hängebrüste. Vielmehr habe ich mich in einigen Punkten neu kennenlernen dürfen und - wie ich meine - viel über mich und mein Leben lernen können.

1. Ne Menge im Leben ist Einstellungssache.
Ich war ja früher eher jemand mit ner eindeutigen Meinung, durchaus fundiert, aber eben auch gern sehr eindeutig. Niemals würde ich mich in Abhängigkeit zu einem Mann oder Arbeitgeber begeben - ich bin doch nicht blöd! (Jaja, ich lache immernoch.) Beziehung und Familie bedeuten nunmal eine gewisse Abhängigkeit, wenn auch nicht komplett finanziell etc. Ihr kennt das Problem bestimmt. Ehe man sich versieht hat man Verpflichtungen und kommt da nimmer so einfach heraus. Was ich mir damals nicht vorstellen konnte: Ich mach das wirklich gerne! Also nicht den Haushalt und die Wäscheberge, aber dieses Familiending. Das gefällt mir. Hätte ich vorher nie gedacht. Ich hab meine Einstellung zu sehr vielem angepasst: Zeit für Hobbys? Ist halt nicht mit Kleinkindern. Kommt später wieder. Geld? Ist halt nicht mit Kleinkindern. Kommt vielleicht niemehr wieder. Alles richtig machen? Ist halt nicht mit Kleinkindern. Aber es verrät einem auch keiner vorher, dass 5 ne grade Zahl ist…
Mir ist nicht alles egal, aber ich scheine vieles anders zu deklinieren, nicht mehr so eng zu sehn. Diese Eindeutigkeit ist ziemlich schnell verschwunden. 
Mein neues Motto: Solang's allen gut geht, läuft das schon irgendwie, da brauch ich mich nicht aufzuregen. In diesem Sinne ist mein Leben tatsächlich weniger aufregend geworden. Das erspart mir schon mal späteren Bluthochdruck. 

2. Freiheit, Freiheeeeeeiiiiiiheit - ist das einzige was fehlt?
Mein Freiheitsbegriff hat sich komplett verändert. War es früher das typische 'ich kann machen was und wie und wann ich es will', so bedeutet Freiheit heute für mich: Ich werde von meiner Familie geliebt, ohne Einschränkung so wie ich bin. 
Das hat mir ehrlich gesagt neue Dimensionen geöffnet. Denn früher war ich doch auch getrieben. Gute Noten, gute Abschlüsse damit mich Arbeitgeber mögen. Hübsch zurecht gemacht, Idealgewicht, kluge Witze damit mich die Männer mögen. Vorzeigemädchen sein. Ich bin überhaupt nicht so erzogen, aber Schule und Studium und Jungs prägten mich eben doch ziemlich, gaben mir vor, wie ich zu sein habe, damit ich Anerkennung bekomme.

Dann kam die erste Schwangerschaft und obwohl ich nichts an meiner sehr guten Arbeit änderte, nicht weniger, nicht schlechter war - die Anerkennung wurde mir direkt vom ersten Tag abgesprochen. Einfach, weil andere bestimmten, dass sich meine Rolle nun ändert. Ganz ehrlich, das hat mich sehr getroffen. Fortan war ich der Depp vom Dienst. Immer gut, wenn es irgendwas ganz wichtiges und dringendes zuverlässig zu erledigen gibt, immer unsichtbar, wenn's um's Schulterklopfen, Bezahlung oder Vertragsverlängerungen geht. Für mich war die Vereinbarkeit mit Kind(ern) eigentlich nie ein Problem, ich war nie wirklich gestresst. Aber das interessierte niemanden. Chefs und Kollegen verloren ihren absoluten Machtanspruch, weil es da eben abends doch noch eine kleine Göttin neben ihnen gab. Und so verloren sie das Interesse an mir, unabhängig von meinem Engagement.
Da erst merkte ich, dass ich niemals frei gewesen war zu tun, was ich wollte. Ich war lediglich frei gewesen zu tun, was andere von mir wollten, frei der Mensch zu sein, der ihnen ihre Probleme abnahm, frei zu reden, wenn andere ihre gütigen 5 Minuten hatten.
Und heute? Klar, ich kann nimmer einfach ungefragt abends ins Kino. Aber das ist so belanglos für mich. Ich hab Menschen, die mich lieben, die finden, dass ich meine Sache gut mache, die mein Engagement zu schätzen wissen, für die ich essentiell wirklich nicht verzichtbar bin. Und das macht mich froh und dankbar und frei. 
Ich hab wirklich lang gebraucht, das zu kapieren. Ich habe ja auch Eltern, die mich bedingungslos lieben. Ich räumte diesem Umstand nur nie sehr viel Gewicht ein. Die Bewertung von Außen war irgendwie im Vordergrund.
Und das bringt mich zu Punkt Nr….

3. Prioritäten und Wertewandel
Irgendwann war ich diese Schiene reingerutscht, beweisen zu wollen, was für ein kluges, tolles Köpfchen ich doch bin. Ich wollte auf einmal auch so ein Superheld sein. Umgeben von Wissenschaftlern und Helden, und jeder von denen war am klügsten, am tollsten, am erfolgreichsten. 
Das wiederum hat mir das Muttersein sehr gründlich ausgetrieben. Nicht, weil ich in meiner Arbeit nachließ, sondern eben, weil meine Arbeit all die Erfolgreichen nicht mehr interessierte. Nachdem sich einiges in meinem Kopf geordnet hatte, wurde mir klar, dass die Uni der Ort ist, an dem man den klügsten Menschen zuschauen kann, wie sie die dümmsten Sachen machen. Ich lernte echte Genies kennen, die einfach alles drauf zu haben scheinen. Aber das sind vielleicht 3-5% der Wissenschaftler. Der Rest erwies sich als reine Opportunisten, die nehmen was sie kriegen können und es achtlos wegwerfen, wenn es ihnen nicht mehr nützt. Zuerst dachte ich, diese Einstellung sei meiner Enttäuschung geschuldet, aber die Frage lies mich nicht los. Das Ergebnis? Ich selbst stand auf einmal vor der Frage: Was ist dir wichtiger - Mensch oder Erfolg?
Und ich musste gar nicht über die Antwort nachdenken. Sie kam einfach so. Ich bin kein Genie. Und ich bin kein Opportunist. Ich bin kein Arschloch und kann es nicht sein und ich will es nicht sein und ich erlebe selber, wie scheiße es ist mit solchen Menschen zu tun zu haben.
Ich mache nun meine Arbeit gut und gerne und bin's zufrieden. Die Welt retten werd ich damit wohl nicht. Bewundert werd ich dafür auch nicht. Aber das ist mir auch kein Anliegen mehr. Ich bin endlich den Maßstab losgeworden, von der Meinung und Bewertung anderer abhängig zu sein. Ich war davor ehrgeizig. Jetzt bin ich besonnen. Diskriminierung als Chance menschlicher zu werden und zu lächeln...
Zudem rückten andere Dinge in den Vordergrund. Gesundheit zum Beispiel. Heute sorge ich mich, ob alle gesund sind und es hoffentlich auch bleiben. Und ob alle abends zufrieden einschlafen, damit keiner etwas Unausgesprochenes auf dem Herzen hat.

4. Meine Familie
Da ich aber nun weder faul noch oberflächlich bin, hab ich die letzten Jahre auf durchaus eigenwillige Weise meine Energie in die Vertiefung eines anderes Themas gesteckt. Bei uns zu Hause herrscht die totale Auseinandersetzung - miteinander. Die echte Identifikation mit dieser Familie, meinen Mann bis in die Tiefe seiner Träume kennen zu lernen, meine Kinder in- und auswendig zu kennen, was sie fühlen, wie sie denken, jeden Blick deuten zu können. Und gleichzeitig genau mit dem gleichen Interesse von ihnen betrachtet zu werden - das gab es in meinem Leben früher nicht. Diese Offenheit, ohne Angst, ohne Zweifel zu fragen, wer ich bin und wer sie sind. Eben das würde ich als 'Blut ist dicker als Wasser.' bezeichnen. Klar müssen meine Kinder nicht Verantwortung für mich tragen, aber doch trägt jeder soviel er nur kann. Keiner wird allein gelassen, keiner ist weniger wert, keiner wird vor die Tür gestellt - auch wenn er motzig drauf ist, keiner wird abgemahnt oder bestraft. 

Wie mich das Muttersein verändert hat? Ich habe diesen einen Platz gefunden, wo ich hin gehöre. Lässt man mal die Schwangerschaftsbeschwerden, die alltäglichen Unbequemlichkeiten und die Wutanfälle beiseite, so erlebe ich Muttersein als durchweg positiv und bereichernd und sinnstiftend. Diese Kleinigkeiten vergehen wieder. Sie sind halt da zu Beginn und verfliegen mit dem Selbstständigwerden der Kinder. Aber die Kinder verfliegen nicht. 

All das hält mich nicht von früher Fremdbetreuung, Arbeit oder Träumen nach erholsamen Urlauben ab. Doch ich sehe an meinen Eltern, dass die Zeit dafür wieder kommt, so man gesund bleibt. Aber so generell, dieses Gefühl hier und jetzt am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun als Mensch und Mutter und Ehefrau, das nimmt mir niemand. Für mich ist die Frage unbedeutend, ob ich meine Kinder so oder so erziehe. Sie wissen, dass sie ein Teil von mir sind und ich bin ein Teil von ihnen und es geht uns gut. Diese Erkenntnis hat alle anderen Sorgen vertrieben. 

Ich weiß wohl, dass andere Eltern das anders sehen werden. Ich möchte nicht alles schön reden. Aber mich ganz persönlich haben meine Kinder mit der Welt versöhnt. Ich habe den Wert meiner Familie erkannt und sie eröffnet mir persönlich eine glückliche Zukunft. Das schließt den Trüffel und meine Eltern und Großeltern mit ein. Ich bin nun nicht mehr einsam und sorge mich vor der Zukunft. Was auch kommt, wir machen das gemeinsam.


Also Christine, ich hoffe Dir gefällt die Antwort auf meine Frage. Ich danke Dir für diese Idee und diese Frage, denn sonst hätte ich diesen Text wahrscheinlich nie geschrieben.

Solltet Ihr anderen da draußen auch eine Frage an mich haben, schickt sie mir per Mail (Impressum). Ich würde mich freuen...

1 Kommentar:

  1. Deine antworten haben mich sehr berührt, vielen dank.

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