Samstag, 19. Dezember 2015

Die Romantisierung der Erbsünde

Ich muss ehrlich zugeben, dies wird ein sehr langer, sehr subjektiver Post, ein sehr angriffslustiger Post, denn ich habe mich über ein Thema ziemlich geärgert. Es soll darum gehen, wie 2 Hebammen im Netz die Stärke der Frau bei der Geburt darstellen.

Konkret, ich las den absolut ideologisierten Beitrag von Anja von Guten Eltern und einen Beitrag von Jana vom Hebammenblog und muss mich mal ganz und gar von diesen Darstellungen distanzieren. 

Wer jetzt denkt: Oh, jetzt fängt sie aber auch noch an, gegen Hebammen zu hetzen, dem möchte ich sagen: ganz und gar nicht! Ich betone immer wieder in meinen Posts, dass ich eine hervorragende Hebammenbetreuung während der Geburten erfahren habe und davon ausgehe, dass das bei Nr.3 ebenfalls so sein wird. 

Wogegen ich mich aber sehr deutlich wehren möchte ist die allgemeine Romantisierung der allein durch Hebammen betreuten Geburt (v.a. in Geburtshäusern und bei Hausgeburten) und dem ständigen Ausspielen der Medizin, medizinischer Intervention, Klinikgeburten etc. gegen eben diese ach so gemütlichen Geburten im kleinen Kreis. Hebammen, die Geburtssituationen so gegeneinander ausspielen brauchen sich nicht zu wundern, wenn man sie irgendwann für überflüssig erklärt. Als ich das in einem Kommentar bei den guten Eltern auch so niederschrieb, wurde prompt eben dieser Kommentar, so wie vorangegangene Kommentare und ein sehr zustimmender Kommentar einer anderen Leserin in kürzester Zeit gelöscht. 

Aber fangen wir von vorne an.
Beide Hebammenposts thematisieren zum einen die absolut prekäre Personalsituation in Krankenhäusern. Das unterschreibe ich kritiklos, denn ich glaube den beiden, dass die Hebammen, aber auch das restliche Krankenhauspersonal bis zum Anschlag am Rotieren und Springen ist, dass die Angst vor Fehlern beim Personal sehr hoch ist, dass die Hilflosigkeit diese Situation einfach aussitzen zu müssen noch viel größer, und dass Besserung nicht in Sicht ist. Ich glaube auch, dass die Zeit für Betreuung und Beratung durch Fachpersonal nicht ausreichend ist und dass dadurch kritische Situationen entstehen können, die vermeidbar wären. 
Darüber müssen wir nicht diskutieren. Dinge können ganz blöd laufen und dann leiden alle darunter und das will eigentlich kein Mensch.

Aber nehmen wir doch die weiteren Aspekte mal unter die Lupe, die diese Posts ansprechen. Zum einen wird der Geburtsbericht auf dem Hebammenblog damit begonnen, dass die Mutter selbst eigentlich ihre Geburt als schön und in Ordnung beschreibt. In den lilafarbenen Kommentaren wird dann aber doch krampfhaft nach Aspekten gesucht, die noch viel besser hätten laufen können, wo eine noch bessere Hebammenbetreuung das Geburtserlebnis noch mehr verbessert hätte. Das wirkt auf mich nicht nur nach der krampfhaften Suche nach Rechtfertigungsgründen für eine Aufwertung der Hebammenarbeit, es stören mich 2 Dinge daran: 
1. Warum kann eine Hebamme die Aussage einer Mutter, die eigentlich zufrieden ist, nicht einfach mal so stehen lassen? Schaut her, auch eine Standard-Klinikgeburt kann zufriedene Mütter und Kinder zum Ergebnis haben. Ist doch schön, auch mal davon zu hören. Weshalb muss die Aussage der Mutter auch noch abgewertet werden, damit man die eigene Rolle aufwertet? Und warum macht gerade eine Hebamme mit relativ großem Publikum so etwas?

2. Wie finden wohl die Klinikhebammen eine solche Abwertung? Diese Frauen reißen sich den A*sch auf, um es allen so schön wie möglich zu machen, geben ihr Bestes und dann kommt ausgerechnet eine Kollegin und erklärt ihnen, dass es ja noch viel besser geworden wäre, wenn nur mehr Personal da wäre! Das finde ich ziemlich unangebracht, denn ich nehme schwer an, jede Klinikhebamme weiß, dass mehr Personal immer besser wäre - für alle Beteiligten. Dennoch kann man diesen Frauen auch einfach mal öffentlich sagen: Liebe Klinikhebammen, ihr macht unter schlechten Umständen einen wirklich hervorragenden Job! Das verbessert eure Situation nicht, aber WIR ALLE sehen, wie ihr euch anstrengt und wir sind euch sehr dankbar für euer unermüdliches Engagement, eure Freude und eure Begleitung während dieser aussergewöhnlichen Situation einer Geburt!

Ich denke, gerade solch ein Geburtsbericht mit positiver Bilanz hätte sich hervorragend dazu geeignet nicht nur alles Schlechte einmal ausführlich darzustellen, sondern auch mal die außergewöhnlichen Leistungen zu würdigen, die da von allen Seiten erbracht werden. Und ich frage mich, weshalb man denn davon so selten liest? Damit nicht der Eindruck entsteht, alles laufe super? Ist das wirklich ein hinreichender Grund Klinikgeburten IMMER in negativem Licht darzustellen und immer auch noch auf dem kleinsten Fehler dabei herumzureiten?

Punkt Nr.1 der Posts auf diesen Hebammenblogs, der mich enorm stört, ist zusammengefasst die überwiegend negativ gefärbten Darstellung von Klinikgeburten.

Dem gegenüber steht logischerweise die romantisierte Darstellung außerklinischer Geburten. Leider. Nicht, weil die gar nicht so doll superschön sind, sondern weil diese Art der Darstellung gezielt das Eine gegen das Andere ausspielen soll. Ich halte das für total fehl am Platz.

Ich möchte hier nicht beschönigen, dass durch die Situationen in den Kliniken Frauen schlechte Erfahrungen machen, die Verarbeitung der Geburten erheblich verlängert werden kann und diesen Frauen echtes Leid zufügt. Ja, das kommt vor und das tut mir für jede einzelne dieser Frauen ehrlich leid. Allerdings ist es schlicht falsch, diese Situation als den Normalfall darzulegen. 

Man liest viele unschöne Geburtsberichte. Das mag mehrere Gründe haben. Aber dass der Eindruck entsteht, Klinikgeburten wären halt irgendwie nicht so super, das muss echt nicht sein, denn so ist es einfach nicht. Ich habe überwiegend Positives von Klinikgeburten gehört und es eben auch so erlebt. Spricht man mit den Frauen, so hört man oft 'Meine Geburt war eigentlich ganz schön, anstrengend, aber gut. Mach ich beim nächsten Mal wieder so.' Das allerdings ist nur ein Satz, keine ganze Leidensgeschichte, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Empörungspotential erzeugt. Die Aussage dieses einen Satzes ist jedoch nicht weniger wert, auch wenn sie medial weniger Verwurstungsmöglichkeiten hergibt. Aus irgendeinem Grund entscheiden sich ja 98% der Schwangeren für eine Klinikgeburt. Die (vermeintliche/gefühlte) medizinische Sicherheit ist dabei ja nur ein Aspekt. 

Aber es ist doch so, wenn mich eine Schwangere fragt, wie ich entbunden habe und ob ich das empfehlen könne, kann ich tatsächlich nur antworten: meine Klinikgeburten waren tiptop betreut, liefen zwar nicht glatt, aber das ist nunmal Pech. 'Meine' Kliniken kann ich aber weiterempfehlen. Daran gab es nix auszusetzen. Das ist übrigens auch die Aussage des Trüffels, der explizit keine Situation erkennen kann, in der eine umfangreichere Betreuung das Ergebnis, Erleben oder Fazit der Geburt verbessert hätte. Bei uns wurde stets so wenig wie möglich, dann aber absolut korrekt eingegriffen und dann auch ohne große Diskussion. Für die Komplikationen oder die Schmerzen, die mir persönlich zu schaffen machten, kann keine Klinik und überhaupt kein Mensch etwas, wohl aber konnten sie in der Klinik etwas dagegen machen.

Ein weiterer Punkt ist vor allem die stets misstrauische Betrachtung von Schmerzmitteln. Hebamme Anja sagt wohl konkret, dass eine PDA auch ihre Berechtigung haben kann. Jaja, nur wie diese Aussage im Text verpackt ist, ist doch unzulässig. Schon der Titel ihres Posts sagt ganz klar aus: PDA schlecht - Hebamme gut. Dann wird im Text erst lang die innere Stärke der Frau und die intensive Hebammenbetreuung beschworen, danach kommt ein Abschnitt über PDA und das das manchmal schon helfen kann, dann kommt eine zulässige kritische Auseinandersetzung der PDA als Massenphänomen in Klinikgeburten und dann wieder ein ausführlicher Abschnitt über weitere intensive Betreuungsmöglichkeiten während der Geburt als Ersatz für die PDA.

Warum ich das für unzulässig halte? Weil dabei gleich mehrere Undifferenziertheiten eingebaut werden und einem diese auch noch als 'wohlwollende Sorge um die Frauen' verkauft wird. Aber so einfach ist es nicht.

Erstmal disqualifizieren sich Fachpersonen mit undifferenzierten Aussagen, die auch noch, zumindest idealistisch manchmal auch ideologisch eingefärbt sind, selbst. Je differenzierter ein wissenschaftliches/medizinisches Thema dargestellt wird, desto weniger kann man hineininterpretieren und desto nachvollziehbarer ist die Argumentation.
Des Weiteren wird damit die ursprüngliche Aussage 'wir brauchen bei Geburten eine möglichst hohe Betreuungsrate, dann brauchen wir auch weniger Medikamente, erheblich ideologisiert. Das ist niemals gut und ich erkläre auch gerne, was ich damit meine. Studien belegen in der Tat, dass eine ausführliche Beratung und eine gute Betreuung die Verwendung von Schmerzmitteln und die allgemeine Interventionsrate senken kann. Fraglich in diesen Studien bleibt für mich aber, ob die Frauen weniger PDAs wollen, weil sie durch ausführlichere Beratung und Aufklärung differenziertere Entscheidungen treffen können, oder ob sie nicht doch etwas anderes dazu bewegt. Eine Hebamme z.B. die aus Überzeugung von einer PDA abrät oder eine übermäßige Betonung der Nachteile. Diesen Punkt möchte ich noch ausführlicher behandeln. 

Denn gerade Schmerzen sind so ein Thema. Sind wir ehrlich, wir sind heute eher selten mit erheblichen Schmerzen konfrontiert. Menschen mögen Schmerzen nicht so gerne. Wir sehen es als 'human' an, Schmerzen zu lindern. Einem Verletzten, einem Sterbenden, einem Kind mit Mittelohrentzündung - denen geben wir unbedingt Schmerzmittel. In Dosis und Wirkstoff angepasst, aber wir würden diesen Menschen niemals sagen: 'An Schmerzen kann man ja nicht physiologisch sterben, also da musst du halt durch…' Wir dürfen Wirbeltiere nicht ohne vorherige Betäubung töten und müssen selbst unsere Haustiere mit Schmerzmitteln versorgen, da gilt: 'Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.'

Bekommt nun aber eine Frau ein Kind, so wird auf einmal die innere Stärke hochgehalten. Chakka, du schaffst das! Ein bisschen Badewanne, ein bisschen Hybnobithing, ein bisschen mehr Betreuung und jemand, der einen motiviert und dann kannst du das - auch ohne Schmerzmittel. Dann entdeckst du deine innere Stärke und darfst hinterher stolz sein, dass du das geschafft (oder vielleicht auch notgedrungen durchgestanden) hast. 
Mir persönlich klingt das doch sehr nach Genesis 3, 16: 'Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen wirst du deine Kinder gebären.' Auf englisch klingt das sogar noch matialischer: I will multiply your pains in childbirth. You shall give birth to your children in pain. 

Da sind wir also wieder - zurück im finsteren Mittelalter, als die Erbsünde doch tatsächlich einen erheblichen Beitrag an der gesellschaftlichen Einstufung der Frau hatte. Ach Eva, was hast du uns da nur eingebrockt? 

Mal ehrlich, natürlich glaube ich nicht an Erbsünde. Ich bin Biologin. Evolutionär ist ein gewisser Geburtschmerz von Nöten, denn allein die Gebärmutterkontraktion aktiviert nunmal die Nociceptoren. Ich bin Neurobiologin. Das beeindruckt mich nicht. Dennoch gibt es derart starken Geburtsschmerz im Tierreich eigentlich nicht. Wäre auch ganz kontraproduktiv auch noch Fressfeinde anzulocken, während man grad den Nachwuchs rauspresst. Wir Menschen haben da aber dieses Feature der wirklich schmerzhaften Geburt. Ok, nicht alle Frauen erfahren unerträglich starke Schmerzen, aber doch ein erheblicher Teil der Gebärenden. Das hat zum einen mit der Kindes- und Kopfgröße zu tun. Alles gewachsen im Laufe der Menschwerdung. So ein Affenbaby ist winzig im Vergleich zu einem Säugling. Aber es gab bei uns eben auch keine Notwendigkeit nach Geburtsschmerz zu selektieren. Wenn eine Antilope in der Savanne stundenlang vor Schmerzen schreit wird sie gefressen und der Nachwuchs auch. Da hat sich sinniger Weise 'schnell und leise' durchgesetzt. Wenn Homo erectus 24h in höllischen Wehen liegt, beschützt vom Familienclan mit Waffen, kommt niemand und frisst diese unvorteilhaften Gene auf. 

Pech für uns.

Und so bringen wir unsere Kinder eben unter Schmerzen auf die Welt. Aber wir wären ja nicht Menschen, wenn wir nicht alles daran gegeben hätten, der Natur da nachzuhelfen. Wir haben heute - GOTT SEI DANK! - Schmerzmittel. Ein unfassbares Glück, dass noch vor 200 Jahren so gar nicht existierte. 

Jetzt ist es natürlich so, dass auch und gerade Schmerzmittel, Nebenwirkungen haben. Zum Teil massive. Darum darf man diese Medikamente niemals einfach so einsetzten, um Leute ruhig zu stellen, damit sie keine Zeit kosten, oder weil ökonomische Gründe höher gewichtet werden als medizinische oder gar persönliche. Beides geschieht heute in Kliniken und beides ist grundlegend falsch. 

Die positive Wirkung eines Medikamentes muss immer im individuellen Fall die Nebenwirkungen (mehr als) aufwiegen. Bei Schmerzen ist das genau dann der Fall, wenn beim Patienten die absolut individuelle Grenze von 'erträglich' zu 'Leid' überschritten wird. Ja, es gibt Frauen, die kommen mit ihren Schmerzen so klar, unterstütz von Meditation und/oder intensiver Betreuung. Aber viele tun das nicht. Und viele wollen das gar nicht ausprobieren. Wenn ich denn einen Zahn gezogen bekomme und mein Arzt fragt 'Mit Betäubung oder ohne?' Ja also, ich persönlich würde nie antworten 'Ach, probieren wir's doch erstmal ohne, ich bin da innerlich stark genug.' Das geb ich hier ganz unumwunden zu.

Und ich hatte ja nun eine lange komplizierte Geburt mit PDA und eine schnelle ohne jegliche Betäubung. Falls einer der geneigten Leserinnen fragt: Ich persönlich würde niemals freiwillig diese viel zitierte Urgewalt so auskosten wollen. Ich würde es keinem empfehlen und ich werde auch direkt beim ersten Schritt in die Klinik bei T3 nach Schmerzmitteln verlangen. Meine innere Stärke wurde von bestialischen Schmerzen dahingerafft und auch wenn 5 Hebammen neben mir stünden und mir Mut zusprächen - Geburtsschmerz törnt mich nicht an! Wird es niemals. Ich nehme es in Kauf, aber das löst leider nicht ein Fünkchen Stolz oder positive Gefühle in mir aus. Ich hab da jetzt keine Wahl mehr, aber wollen will ich das bestimmt nicht! Und an der Betreuung lag's sicher nicht, dass ich bei Wehenschmerzen eher abgeneigt bin. 

Diese Schmerzgeschichte ist eine ganz Heikle, denn ist das Kind einmal drin, muss es nunmal auch wieder raus. Wahlmöglichkeiten hat man da ja nur begrenzt. Wir machen das, weil wir es ab einem bestimmten Punkt müssen. Das mit dieser ominösen inneren Stärke zu verknüpfen führt meiner Meinung nach zu einem: Die Einteilung in Frauen, die der Urgewalt getrotzt haben - und den Weicheiern. 

Und auf den Blogs geistern ja immer wieder diese Themen herum: Bin ich eine echte Mutter, obwohl ich eine PDA hatte, mich dem Ideal der natürlichen Geburt entzogen habe? Nicht nur KS-Mütter hadern mit medizinischer Intervention. 
Nur am Rande: niemand will jemals dem Baby irgendwie schaden. Aber es geht nunmal nicht immer nur um's Baby. Es geht auch um das reale Leid der Frau, die da vor sich hinweht. Die Abwägung, ob und wie dieses Leid gelindert wird hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von der Hebammensituation. Und es darf niemals einfach so leichtfertig massiv eingegriffen werden. Eine PDA ist eine intensive Maßnahme. Aber wenn eine Frau sagt, sie will Schmerzmittel und nicht Chakka, dann ist das ihr gutes Recht und ihre freie Wahl. Ja, das kann den Geburtsvorgang negativ beeinflussen, weitere Maßnahmen nach sich ziehen oder einfach die Geburt verlängern (was irgendwie auch nicht ganz so tragisch ist, da ja schmerzfrei und solange es keine größeren Probleme für Mutter und Kind macht). Dass die Geburt mit PDA vom Idealfall der interventionsfreien natürlichen Geburt abweicht ist kein Nachteil, sondern Sinn und Zweck der Sache!

Fazit: Ja, Frauen sollten nicht unaufgeklärt und aus Spaß Schmerzmittel bekommen. Nein, Frauen müssen da aber nicht durch, weil es eben so ist, oder die Überwindung der Schmerzen sie zu Superheldinnen macht. 

Punkt Nr.2: Die Romantisierung der Geburt als etwas Erhebendes macht Frauen zu Heldinnen und Weicheiern und das ist komplett unangebracht. Gleiches gilt für die Romantisierung der Schwangerschaft als sinnstiftende weibliche Erfahrung und für Geburt und Mutterschaft insgesamt. Die etwas realistischere Darstellung der gesamten Mutterschaft würde all die vielen Frauen unterstützen, die sich selbst unter Druck setzen alles ideal machen zu wollen, und ihnen wahrscheinlich das Leben erleichtern.

Mich persönlich störte neben der dem Titel 'PDA statt Hebamme' auch noch das Titelbild. Es suggeriert, eine nette Atmosphäre, ein paar Rescue-Tropfen und Globuli, noch ein Kerzchen dazu und schon hat man sich ne gemütliche, entspannte Geburt gebastelt, durch die man ohne Probleme, dafür mit viel Chakka so durchrutscht. Man hätte auch ein Bild einer entspannten Mutter in einem Klinikbett zeigen können. Das allerdings passt ja auch nicht ganz zum Inhalt des Posts.

Man darf sich auch fragen, weshalb außerklinische Geburten, bei denen eigentlich keine Schmerzmittelgabe erfolgen kann, die aber eine 1:1 Hebammenbetreuung aufweisen, so anders laufen. Sie sind nicht besser und nicht schlechter in meinen Augen. Aber die Frauen wissen nunmal vorher, dass sie durch die Schmerzen durchmüssen - ob sie wollen oder nicht. Das ist schon eine ganz andere Einstellung. Ich z.B. wäre das eingegangen, weil ich damit rechne, da sowieso durchzumüssen, weil die Geburt wahrscheinlich ähnlich schnell wird, wie beim letzten Mal. Und eine weitere Frage ist auch, ob die Frau das durchhält, weil die Hebamme daneben sitzt, oder die Hebamme daneben sitzt, weil die Frau das durchhalten muss und Zuspruchsbedarf hat. Wir trösten ja grundsätzlich jeden, der starke Schmerzen hat und lachen ihn nicht einfach aus.

Wenn ich zusammenfassen darf: 
Medikamente sind keine Lutschbonbons. Und Frauen sind keine Indianer.

Mir persönlich wäre es doch sehr recht, wenn Medizin als probates Mittel zum Zweck dargestellt würde und nicht als Entgegner der idealen Mutterschaft. Fachpersonal, dass diese zwei Faktoren gegeneinander im Wettbewerb antreten lässt ist mir suspekt. Die großen Verlierer dabei sind die Frauen, die sich dadurch instrumentalisieren lassen und Angst haben auf der Verliererseite zu stehen.
Keine Frau ist ein Verlierer, weil sie ihr Kind mit Schmerzmitteln oder per KS zur Welt gebracht hat und keine Frau ist ein Gewinner, weil sie darauf verzichtet hat. Das sind schlicht die komplett falschen Denkkategorien.







Kommentare:

  1. Liebe Rosalie,

    Macht dir Paper schreiben Spaß?
    Wie du sagst, eine gute dichte Argumentation unter Einbeziehung aller Fakten ist informativ und man kann sich selbst eine Meinung bilden.
    Meine Klinikgeburt war sehr gut. Ich war aber vorher auch zwei mal zu Gesprächen dort und wusste dadurch während der Geburt genau, was warum jetzt gemacht wird.
    Stimmungsmache ist immer doof :(

    Am besten finde ich die Zusammenfassung ^^ Bonbons und Indianer, unterschreibe ich sofort ;)

    Schöne Grüße
    Bine

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    1. Danke, ich finde Stimmungsmache den eigentlichen Fehler, der die Menschen einschränkt und ihnen schadet. Die vielbeschworene Wahlfrei fängt nämlich nicht bei den Hebammen an, sondern im Kopf der Schwangeren.

      Schöne Weihnachten!
      LG Rosalie

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  2. Sehe ich auch so. So viel Eingriff wie nötig, so wenig wie möglich und Schmerztoleranz ist unterschiedlich.

    Ich hatte eine Klinikgeburt die ok war - mehr hatte ich auch nicht erwartet. Ohne PDA, was am Verlauf lag. Ich hatte keine großen Erwartungen an die Geburt, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dieser kurze Abschnitt im Leben so wichtig sein soll. Ohne Erwartungen wird man auch weniger enttäuscht. Natürlich hatte ich mich informiert, aber die Situation kann dann doch das medizinische Fachpersonal (Hebamme und Arzt bei mir) besser beurteilen. Ein besserer Personalschlüssel wäre natürlich besser, da unter Überlastung mehr Fehler passieren. Was mich genervt hat, war die Esoterik (haben sie bei mir schon reduziert, aber nach der Geburt gab es dann doch Globuli und ich hatte keinen Nerv zu diskutieren, schaden tun sie ja nun auch nicht, nur eben auch nicht helfen).

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    1. Hihi, bei Nr.1 hat der Mann auch den von der Hebamme vorgeschlagenen Globuli zugestimmt, damit die Hebamme zufrieden war. Sie ging diese dann holen und als sie wieder kam hatte meine Blutung sich schon beruhigt. Klassisches 'Zeitschinden'.

      Das mit der Erwartung ist schon schwierig. Kinderkriegen ist nunmal bei vielen Frauen an Erwartungen geknüpft und die kann man ihnen eigentlich auch lassen. Nur wenn sie sich dabei wirklich selbst schaden, dann steht natürlich die Frage im Raum, wie das weitergehen soll. Ich persönlich stimme dir zu, dass viel zu viel Gedöns schon im Vorfeld um Geburten gemacht wird. Vor allem, dass suggeriert wird, die Frau selbst könne da bewusst alles easy steuern, stört mich. Im Grunde übernimmt nämlich das Kind und der Frauenkörper die Kontrolle und dass ist bestimmt für einige Frauen auch nicht leicht auszuhalten. Aber dennoch, viele Menschen sind zu einem erheblichen Teil Erwartungsgesteuert in ihrem Leben. Denen einfach zu sagen: Macht's mal halb lang - das wird nichts helfen. Man muss die Leute dann schon so lassen, wie sie sind.

      Schöne Weihnachten! LG
      Rosalie

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  3. DU HAST SOOOO RECHT!
    Und super Titel ;-)
    Dass dein Kommentar und andere bei "von guten Eltern" gelöscht wurde, zeugt ja nicht gerade von Souveränität und Toleranz...Letztere wird ja sonst ach so oft beschworen: natürlich soll jede Frau selbst wählen können, blablabla (klar, aber wer nicht Hausgeburt macht oder sogar ne PDA hat, ist ein Opfer von Panikmachern und hat nicht richtig veratmet.....)


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    1. Nun, über die Kommentarfunktion kann man streiten. Niemand muss Kommentare auf seinem privaten Blog dulden, die ihm nicht gefallen. Dass damit Diskussionen abgeblockt werden, ist klar. Aber verwerflich ist das ja nicht.

      Mich stört eben genau das - das Predigen von Toleranz, aber die Toleranz stösst dann zwangsläufig an die Grenze der eigenen Ideale. Wirkliche Wahlfreiheit beginnt eben doch im Kopf eines jeden einzelnen Menschen und jeden wirklich so zu akzeptieren, wie er ist, ist auch für den tolerantesten Menschen der Welt keine leichte Aufgabe. Toleranz selbst ist ein Ideal, ein sehr schönes sogar, aber doch eher ein ideelles Ziel und nicht immer alltagstauglich.

      Gefährlich bei dieser Diskussion finde ich eben, dass Frauen die ganze Sache falsch verstehen und dann darunter leiden, weil sie s nicht schaffen, den Idealen (anderer) zu entsprechen. Dabei darf man echt nicht verschwiegen, dass Schmerz massive Traumatisierungen mit sich bringen kann. Das zu echten Problemen führen. Ich war selbst sehr erschrocken, wie sehr die Reaktionen meines Kopfes und meines Körpers entgegengesetzt laufen können und ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass die beiden gegeneinander arbeiten könnten. Auch das ist eine harte Nuss und durch 'veratmen' leider nicht zu lösen.

      Schöne Weihnachten
      LG
      Rosalie

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    2. Ganz ehrlich? ich bin fast froh, dass dein Kommentar beim vongutenelternblog geloescht wurde ;) sonst haettest du niee diesen ausfuehrlichen Artikel geschrieben. In den Kommentaren ist fuer so eine differenzierte Darstellung gar nicht der Platz und in der Kuerze bist du vielleicht dann auch falsch verstanden worden. Bei dem was ich von dir und den beiden genannten Blogs bisher gelesen habe, gibt es doch eine entscheidende Uebereinstimmung: Selbstbestimmung und Wahrung der Personlichkeitsrechte bei der Geburt!
      Die beiden Hebammen habe nur mehr die Befuerchtung, dass es im KKH in Zukunft nur noch "Schmerzmittel statt chakka" ohne Wahlmoeglichkeit gibt, das anzuprangern ist auch ihr Recht.
      In meinem kleinen Erfahrungsraum hat das chakka gereicht, da hatte ich wohl Glueck, und deswegen fand ich vielleicht die genannten Artikel nicht so "hetzerisch" wie du.
      Viele Gruesse,
      Lisa

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    3. Liebe Lisa,
      ich verstehe was du meinst. Klar geht es irgendwie bei allen um Selbstbestimmung. Aber das ist im Kontext eben doch oft tendenziös formuliert. Bei Anja z.B. ist es schwer, denn sie beschreibt eben NUR das Chakka und wie das doch mit guter Betreuung funktioniert. Ich finde aber, man muss in so einem Artikel auch klipp und klar sagen: Wer sich auf Geburtshaus oder Hausgeburt verlegt, der verzichtet auch auf einen vielleicht großen Teil der Selbstbestimmung. Denn gerade Schmerzmittel sind dann nimmer drin. Dann gibt es nur noch Chakka. Ebenso hat auch noch keine der Hebammen einen Post veröffentlicht, wie Frauen selbstbestimmt einen Wunschkaiserschnitt planen und verlangen. Ich hab in den letzten Jahren mehrere Frauen kennengelernt, die das wollten und die dafür genauso kämpfen mussten, wie Frauen die Hausgeburten wollten.
      Ich hab diesen Post eigentlich geschrieben, weil eine wirklich umfassende Darstellung fehlt, die alle Selbstbestimmungsbeispiele auch mal neutral darstellt, damit Frauen einfach mal verschiedene Weg kennenlernen. Wenn Selbstbestimmung immer nur im Bezug auf natürliche interventionsfreie Hausgeburten dargestellt werden, dann IST das keine neutrale Aufklärung. Das ist klar eine Form der Beeinflussung und die steht der Selbstbestimmung eindeutig diametral entgegen. Leider. Gegen EINEN Meinungsartikel hab ich nix. Gegen eine komplett unausgewogene Darstellung allerdings schon.
      Leider liest man auch viel zu wenige Geburtsberichte, die eine positive Bilanz einer ganz stinknormalen Klinikgeburt in Musterstadt. So entsteht schon der Eindruck, dass es das gar nicht so gibt. Leider. Denn das ist irgendwie eine Gesamtschwäche von Mamablogs, dass Einzelerfahrungen irgendwie vermengt werden, aber dabei leider kein objektiver Durchschnittseindruck abgeleitet werden kann. Mamablogs eigenen sich dafür einfach nicht. Darum finde ich es ja so schade, dass bei Hebammenblogs, die einen seriösen Eindruck machen, nicht umfassend berichtet wird.

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  4. ja, vielleicht nicht verwerflich, aber eben auch nicht souverän und tolerant ;-)

    in meiner unendlichen Naivität dachte ich halt immer, dass die Kommentare nur moderiert werden, um beleidigende oder sonst "extreme" Kommentare zu blocken, aber das scheint ja wohl anders zu sein...

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  5. Ich habe nur den Artikel im Hebammenblog gelesen und fand ihn wirklich in Ordnung. Wenn ich eine Zahnwurzelbehandlung hätte (und recht viel angenehmer ist eine Geburt ja auch nicht), würde mich auch interessieren, wie ein Fachmann oder eine Fachfrau die Behandlung einschätzen würde, wenn ich davon erzähle. Er oder sie nimmt einfach andere Dinge wahr, hat anderes Hintergrundwissen als ich blutiger Laie. Insofern finde ich die geäußerte Kritik (die ich zahm fand) von Jana Friedrich völlig in Ordnung und nicht als Verrat am überarbeiteten Klinikpersonal.
    Wo ich allerdings zustimme ist diese Mythisierung der Geburten. Ah! Oh! Ein zutiefst empowerndes, spirituell wertvolles Ereignis Einself!!!! Kann sein, muss aber nicht sein, und ultimativ gesehen ist das Ziel das Ziel, nicht der Weg. Das Kind muss da irgendwie raus, und wenn es so rauskommt, dass die Frau weniger leidet, warum nicht? Es dauert 20 Jahre, bis ein Kind erwachsen geworden ist, und die Geburt dauert maximal einige Stunden - dass sich ein Kaiserschnitt oder eine PDA so negativ auswirken, dass 20 Jahre erfolgreiche Kindererziehung davon überschattet sein können, wage ich zu bezweifeln. Da ist viel selbstgemachter Druck & Stress innerhalb der Mütterriege dabei, und ein unseliger, für mich zutiefst deutscher Hang dazu, den anderen gleich mal zu bewerten in seinem Tun.

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