Mittwoch, 16. Dezember 2015

Der böse Schwiegervater hat Schuld - Teil 2

Um die Geschichte abzurunden möchte ich noch ein wenig Hintergrund berichten. Wie komme ich eigentlich zu meinen Gedanken?
Und es soll dabei um den Schwiegervater gehen, aber nicht meinen. Vielmehr ist es der Schwiegervater meines Papas, also mein Opa mütterlicherseits. 

Wie schon öfter angedeutet, war und ist das keine gut bürgerliche Familie und mit erheblichen Problemen behaftet. Die Lösung dieser Probleme allerdings ermöglichte mir tatsächlich das, was sich alle Eltern für ihre Kinder wünschen: Sie sollen's mal besser haben. 
Um es deutlich zu sagen: aus der Schei*e, die meine Großeltern und meine Eltern gebaut haben, konnte ich ne Menge lernen und erspar mir so eine riesige Menge ernsthafter Probleme. Das wiederum ist ja Sinn und Zeck so eines Familienlebens und darum fällt meine Familienbilanz, trotz sehr unschöner Geschehnisse, sehr deutlich positiv aus.
Das finde ich auch wichtig zu betonen, denn wenn Eltern echte Fehler machen, heißt das nicht automatisch, dass die Kinder tödlich traumarisiert durchs Leben torkeln. Bei Vielen mag das Leben dadurch negativ beeinflusst werden, bei Vielen ist es aber nicht der Fall. Das ist was Gutes und muss auch betont werden!

Und los. Kapitel 1: Die verlorene Generation

Mein Opa ist Anfang der 30iger Jahre geboren, in Schlesien. Der Vater fiel im Krieg, die Mutter floh mit den 3 Kindern. Das jüngste starb auf der Flucht als Baby. Das 2. war sowieso recht krank, Multiple Sklerose im Anfangsstadium, und mein Opa war der Große, gerade Teenager und der einzig verbliebene Mann im Haus. Schulbildung fiel dem Krieg und nachkrieglicher Aufbauarbeiten zum Opfer. Die Mutter brachte die Kinder allein durch. Kurz und gut - die Kindheit meines Opas war einfach kacke, die Familie traumarisiert, alle total überfordert, bettelarm und krank. 

Nichts desto Trotz, mein Opa überlebte, machte mit 14 eine gute Ausbildung, arbeitete mit 18 in der Firma, die ihn bis zur Rente beherbergen sollte, lernte mit 20 eine junge Dame kennen, heiratete sie Ende der 50iger Jahre, als er finanziell ganz gut dastand, bekam Anfang/Mitte der 60iger 2 Kinder - erst einen Jungen, dann noch ein Töchterchen. Anfang der 60iger baute er der Familie mit eigenen Händen ein Haus, das er brav abbezahlte bis er 1 Jahr vor der Rente stand. Von außen betrachtet ein gutes, anständiges Leben, voller harter Arbeit, aber auch voller selbst erarbeiteter Errungenschaften. Ein guter Bürger, ein gutes Gemeindemitglied, ein guter Arbeiter, ein guter Mann. 

Doch innen tobte der Krieg. Nicht laut und schreiend, sondern leise und qualvoll. Und mein Opa wählte eine relativ anerkannte Alternative: Betäubung. Bier, Schnaps, Wein. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann stand nur leider nicht die Lösung vor der Tür, sondern alles, was Alkoholismus so an Nettigkeiten mit sich bringt. Aggression, Totalausfälle in Familie und am Arbeitsplatz, Gewalt gegen Frau und Kinder, noch mehr Alkohol, kognitive Schäden, Leberschaden und was es sonst noch so gibt.

Meine Mutter - inzwischen 16 Jahre alt - suchte sich erst einen Beruf, der sie da rausholte, dann einen Typen, der sie beschützte. Ja gut, sie wurde dann schwanger und die beiden zackig verheiratet, aber das war auch irgendwie ein Glücksfall. Wie bereits erwähnt, mein Vater war damals Offizier bei den Fallschirmjägern und Bodybuilder. Diplomatisch gesagt: wenn mein Vater auf den Tisch haut und sagt 'Jetzt reicht's!', dann ist jegliche Diskussion damit beendet. Und genau das tat er irgendwann.

Kapitel 2: Die Flucht nach vorn

Ich war damals 5 Jahre alt und es ist eine meiner ersten Erinnerungen. Ich spiele im Garten meiner Großeltern und höre meinen Opa an der Garage fuhrwerken. Natürlich bin ich neugierig und gehe hin. Mein Opa steht am Kofferraum seines roten Seat und fädelt ein langes dickes Seil auf. Er hat mich nicht bemerkt. Am Ende des Seils ist eine große Schlaufe. Ich weiß wofür die ist. Vielleicht habe ich derartiges einmal in einem Film gesehen - keine Ahnung woher ich das weiß. Ich frage laut: 'Opa? Wo gehst du denn hin?' Mein Opa sieht mich lange an, mit Tränen in den Augen, steigt ein und fährt davon. Ich bin nicht wirklich beunruhigt, weiß aber, dass etwas nicht stimmt. Also gehe ich zu meinen Eltern auf die Terrasse und erzähle, was ich gesehen habe. 

An diesem Punkt hat mein Vater die Sache in die Hand genommen. Er war einen ganzen Tag weg, hat meinen Opa aufgespürt und ihn direkt in eine Entzugsklinik gebracht. Er muss sehr klar und deutlich gewesen sein, denn mein Opa blieb dort ganze 3 Monate. Er kaufte mir dort eine große Puppe, die ich immernoch habe. Das einzige Geschenk, das er je persönlich für mich ausgesucht hat. 

Die Bedingungen waren klar: Entweder Therapie oder er sieht seine Tochter und mich nie wieder. Also Therapie. Bei Rückfällen stationär, ansonsten ambulant - nunmehr 30 Jahre lang. Therapie nicht nur für ihn. Paartherapie, Familientherapie - immer und immer wieder. Erst mir zuliebe, dann zuliebe seiner Familie, zuletzt für sich selbst. 

Zusätzlich eine massive Einbindung in die Kirchengemeinde. Ich erinnre mich sehr genau an den Pfarrer von damals. Statur und Auftreten wie Helmut Kohl - groß, dick und irgendwie eklig, aufdringlich, sehr autoritär. Ich hab den nie gemocht. Aber er hat meine Großeltern unter Kontrolle gehalten. Später dann, suchten sie sich eine freikirchliche Gemeinde. Ich würde es eher eine Sekte nennen, der Guru - Entschuldigung Prediger - ebenfalls groß, sehr dick, laut und eklig. Ich mag solche Männer nicht. Aber meinen Großeltern hat's geholfen. Sie sind sehr religiös geworden. Eine komische Mischung, denn sie sind keineswegs verbohrt, fanatisch, missionarisch oder irgendwie aufdringlich. Nur sie für sich brauchen die strengen Regeln und Hierarchien ihrer Gemeinde. Gegen alle anderen haben sie keinerlei Vorbehalte und sind frei und offen im Umgang mit allen anderen Menschen. 

Sie haben 2 entscheidende Dinge gelernt durch diese Geschehnisse:
1. Lerne dir selbst und anderen wirklich zu verzeihen - und wenn es das Letzte ist, was du tust.
2. Grenze niemals jemanden aufgrund seiner Herkunft, Erscheinung, Geschichte oder Taten aus, sondern setze dich mit ihm auseinander. 

Ich muss zugeben, die religiöse Gemeinschaft hat gute Arbeit an ihnen geleistet. Man hat ihnen dort einen Weg gezeigt, mit sich und ihrem Leben klar zu kommen. Denn natürlich war nachdem offiziellen Outing als Alkoholiker der Ort in Aufruhr. Meine Großeltern erlebten massive soziale Ächtung und Spott, auch wenn wir alle wissen, dass in ihrer Generation mein Großvater ganz und gar keine Ausnahmeerscheinung darstellt. Aber sie haben in der Gemeinde eine Heimat, Freunde und Anerkennung gefunden. Das ist unbezahlbar.

Die Aufarbeitung der Geschehnisse in meiner Familie dauert bis heute an. Mein Opa ist nun über 80, seine Leberwerte sind nicht gar so schlecht. Er ist trocken - mit ein paar schwachen Momenten. Manchmal gibt es deswegen Streit mit meiner Oma. Aber alles in allem - alle haben inzwischen ihren Frieden miteinander gemacht. Es war ein extrem steiniger und harter Weg. Aber irgendwie blieb diese Sache mit der Vergebung keine hohle Phrase, sondern ein jeder von uns hat das tatsächlich früher oder später hinbekommen. Es macht nichts ungeschehen, aber es hat den Weg frei gemacht für eine sinnvolle Zukunft. 

Anstatt sich umzubringen, hat mein Opa erst mich und nun meine Kinder aufwachsen sehen. Und so, wie er mir früher Gummibärchen zusteckte, verteilt er sie heute an meine Kinder. Ganz ehrlich, mich macht das sehr glücklich. Und meine Eltern sind nicht verbittert, nicht selbst Alkoholiker oder von sonstwas abhängig, sie sind nicht nachtragend, nicht wütend, nicht (mehr) traumarisiert. Sie blicken voller Zuversicht in die Zukunft und sind glücklich über die kleinen blonden Engel, die nun ihr Leben bereichern.

Und darum lässt es mich auch nicht los, meinen Mann zu sehen und meine Schwiegereltern. Diesen ständigen Kampf. Meine Schwiegereltern gehören eher der Generation meiner Großeltern an, auch wenn sie beide direkt nach dem Krieg geboren wurden. Doch sicherlich war ihre Kindheit bei kriegstraumatisierten Eltern auch nicht allzu lustig. Meine Schwiegermutter ist nur noch verbittert und mein Schwiegervater ist seit 30 Jahren Alkoholiker. Das würde niemand offen zugeben, es ist ihnen sogar vor mir peinlich. Es mag mehrere traumarisierende Ereignisse in ihrem Leben gegeben haben, die sie an diesen Endpunkt gebracht haben. 

Aber auch wenn alles nicht ganz so akut ist, wie bei meiner Familie damals: Meine Schwiegermutter hat ein Problem. Mit mir, meinen Kindern, mit der ganzen Familiensache. Wenn ich das so anmerken darf, ich halte auch meine Schwägerin, ihre Tochter, für nicht allzu psychisch stabil. Die Probleme ihrer Mutter haben sie bis ins Mark geprägt und ich sehe da ne Menge Komplikationen auf diese Frau zukommen. Sie hat nun geheiratet und ein Haus gebaut, das sie völlig überfordert. Sie machen sich nun an die Familienplanung. Dass sie das alles krank gemacht hat, darf man nicht offen sagen oder fragen, aber sie wiegt bei 173cm ganze 43kg, wird - oh Wunder - seit 2 Jahren einfach nicht schwanger und nimmt nun den professionellen Familienplanungsmarathon in Angriff. 

Ich persönlich stehe in dieser Familie stets zwischen 'geht mich nix an' und 'um himmels Willen!' Der Trüffel leidet, meine Kinder bleiben bisher, bis auf einige wirre Ansichten der Schwiegermutter, relativ unbehelligt. Doch was, wenn sich das ändert? Rutsche ich dann in diese Position zu sagen 'Bis hierher und nicht weiter?' Bisher ist es nur für uns Erwachsenen sehr schwer einander zu ertragen. Und Aufarbeitung, Auseinandersetzung wäre so dringend nötig, damit wir alle eine gute Zukunft haben. Doch ich kann nichts erzwingen. 

Stattdessen intensiviert sich mein Gefühl dieser Frau die Leviten lesen zu wollen. Die Große war zu Nikolaus bei Oma in Ferien und die hatte nichts besseres zu tun, als all meinen globalen Erziehungsansätzen zuwiderzuhandeln und nicht nur alles 'viel besser zu machen, als ich, sondern mir das natürlich auch so darzulegen. Vielleicht sucht sie ein Ventil, ist überfordert, vielleicht habe ich nicht die nötige Distanz. Es ist nervig und ich hab diese Weihnachten Hormone...

1 Kommentar:

  1. Liebe Rosalie,

    Wenn ich dir auch nur ein bisschen Hoffnung geben kann: die Kids wissen ganz genau, wer was wo erlaubt ;) also was man in der KiTa darf, was bei Oma und Opa und was Zuhause. Vielleicht kennst du auch solche Zwerge, die noch in der KiTa-Garderobe Mamas Handtasche durchwühlen, um ihren Schnuller genussvoll in den Mund zu schieben, den sie den gesamten Tag nicht vermisst haben.

    Und Liebe macht irgendwie alles kompliziert, die zum Partner und die zu den Kindern, aber eigentlich auch alles einfach, denn zum Schluss hält man zu denen, die man liebt. (So habe ich das jedenfalls in meiner Gefühlswelt erlebt).

    Vielleicht darfst du dir ja mit deinem Hormon-Bonus auch entschuldbare GefühlsAusbrüche leisten ;)

    Schöne Grüße
    Bine

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