Mittwoch, 18. November 2015

Mein Geburtsplan

Ich habe heuer einen Geburtsplan. Eigentlich hab ich den schon nach der Geburt des ersten Kindes erstellt und auch so durchgezogen, aber diesmal hab ich doch die Einzelheiten noch mal genauer definiert und abgeklärt und das quasi als mündlichen Vertrag aufgesetzt. 

Mein Geburtsplan lautet:
Ich schreie, kotze und verfluche den Trüffel. Er trifft alle Entscheidungen. 

Dieser wunderbare Plan ist einfach genug, dass ich ihn während einer Geburt auch hinbekomme. Allerdings scheint mein so ausgeklügelter Geburtsplan auf wenig Gegenliebe zu stoßen - jedenfalls bei 2 meiner 'Freundinnen', mit denen ich auf dieses Thema zu sprechen kam. 

Es scheint ihnen irgendwie zu wenig emanzipiert, zu übergriffig, zu wenig mein eigener Wille im Vordergrund zu stehen. Das wundert mich überhaupt nicht, ist doch immer nur die Rede von selbstbestimmter Geburt. Schon in der 2. Schwangerschaft hatte ich da so meine eigene Meinung dazu. Ok, diese speißt sich vor allem aus meiner eigenen Erfahrung, aber je mehr ich über dieses Thema nachdenke, desto sicherer bin ich mir: eine selbstbestimmte Geburt ist nix für mich allein.

Warum?

Ja, der Grund ist so einfach wie simpel: Mein Gehirn schaltet bei der ersten Wehe auf Notstrom. Atmen geht, Schreien geht, Kotzen geht und Fluchen. Der Rest ist komplett ausser Betrieb. 
Nach 2 Geburten kann ich definitiv sagen, ich bin unter der Geburt zu 0% fähig irgendetwas richtig oder gar vernünftig einzuschätzen, irgendeine sinnvolle Entscheidung zu treffen oder mir überhaupt irgendetwas so erklären zu lassen, dass ich es im Ansatz verstehen kann. 

Eigentlich ist das Einzige, das ich bisher bei beiden Geburten gedacht habe: Bitte bitte lieber Gott, lass es vorbei sein! Es soll einfach nur vorbei sein! Ich will das nicht! Ich kann das nicht!

Und ich bin Atheistin - wohl gemerkt. 

Mag ja sein, dass das Denkvermögen bei anderen Frauen in dieser Situation ganz wunderbar funktioniert. Für mich jedenfalls scheidet 'Denken' ganz klar aus. 
Aber das ist gar nicht schlimm, denn es ist ja nicht nur mein Kind, sondern zu ganzen 50% ist es das Werk des Trüffels. Und so war es schon bei der letzten und unabgesprochen bei der ersten Geburt so, dass er das Denken übernahm und ich ihm einfach vertraut habe, dass er das schon richtig macht. 

Dafür ist er auch genau der richtige Mann, denn er hat nicht nur Mathe und Physik, sondern auch Medizin studiert. Denken ist genau sein Ressort, ich übernehm den blutigen, handwerklichen Teil. 

Klar ist er bei Geburten auch aufgeregt. Es ist sogar so, dass ich trotz so mancher Dramatik kaum eine klare Erinnerung an die Geburten habe, aber der arme Trüffel jedoch tatsächlich bei der Geburt der Großen ein 'Geburtstrauma' gratis dazu bekam. Nicht, dass ich die Erfahrungen anderer Mütter in ein anderes Licht stellen möchte, aber Notstrom ist nicht unbedingt von Nachteil. 
Ich erinnere mich, dass die Schmerzen höllisch waren, der Rest jedoch ist eine wabernde Masse von unzusammenhängenden Momentaufnahmen, die mir noch nichtmal eine Rekonstruktion des Geschehens erlauben. Notstrom ist eher so ein lieblicher Trip, dem ich mich bisher bereitwillig hingab. Gegenwehr nützt ja eh nix.

Der Trüffel allerdings war bei klarem Verstand, konnte somit stets realisieren, wenn es ein Problem gab, wie dramatisch die Situation wirklich war und er reagierte, wie ein Lebewesen in dramatischen Situation reagiert: mit Angst. 
Nicht mit Panik, denn sonst würde ich mich nun nicht in seine Obhut begeben, aber sagen wir mal so, in der Situation selbst reagiert er logisch, die Verarbeitung der Geburten war und ist für ihn jedoch ne harte Nuss. Und die Aussicht auf noch eine Geburt weckt in ihm nicht grad die Partystimmung. 

Über die medizinisch doch sehr dramatische Geburt der Großen haben wir viel gesprochen. Ihm hilft das, dieses Trauma zu verarbeiten und für mich ist es sehr hilfreich die Geburt immer und immer wieder erzählt zu bekommen und langsam zu verstehen, was denn da wirklich los war. Ich kann mich ehrlich nicht erinnern.

Und je mehr ich über meinen Geburtsplan nachdenke, desto besser finde ich das ganze Konzept. Genau dafür ist der Mann ja da. Ich meine, Händchenhalten ist ja nun keine wirkliche Aufgabe. Aber sich erklären lassen, was passiert, ob und warum das medizinische Personal wie eingreifen will, darüber nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen - das ist ne super wichtige und gute Aufgabe für den Mann während der Geburt. 
Männer sind ja in dieser Hinsicht nicht dümmer oder verantwortungsloser als Frauen. Aber sie haben geistige Kapazitäten frei, die vielleicht so mancher Frau - mir ganz sicher - während einer Geburt fehlen.

Klar kennt der Trüffel meine Wünsche im Voraus. Aber wenn ich dann nach Schmerzmitteln schreie soll gefälligst er mit Hilfe der Hebamme entscheiden, ob Tropf oder PDA. Die Hebamme kann gut einschätzen, wie der Geburtsverlauf wahrscheinlich sein wird und die Optionen und Folgen erläutern und der Trüffel bestellt dann das wahrscheinlich sinnvollste Medikament. Selbst wenn ich bei klarem Verstand wäre, könnte ich nicht mehr oder anderes handeln und entscheiden.

Diese Aufgabenteilung hat noch einen weiteren Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist: Ich kann mir hinterher alles ganz genau immer und immer wieder erzählen und erklären lassen, bis sich es verstanden habe. Selbst wenn ich ein ungutes Gefühl nach der Geburt haben sollte, kann ich mir vom Trüffel 1000 Mal erläutern lassen, was passiert ist, welche Entscheidung welche Folge hatte und wie dann eins zum anderen führte. Das hilft bei der Verarbeitung solch wirklich überfordernder Situation, wie eine Geburt mit medizinischen Notfällen es definitiv ist, ungemein. Und es hilft nicht nur mir, sondern beiden Eltern. 

Damit keine Missverständnisse entstehen - auch ich möchte nicht, dass Ärzte nun ungefragt irgendwas mit mir anstellen und an mir herumdoktern. Ich gebe nicht die Verantwortung an der Krankenhaustür bedenkenlos ab. Ich gebe sie an den Vater des Kindes weiter, vorübergehend. Er kennt meine Wünsche, er kennt meine Reaktion, er wird abwägen, wer in welcher Situation Priorität hat - ich oder das Kind. Und klar wird er auf mich eingehen, mir auch emotional zur Seite stehen. Aber allzu viel kann er da eben nicht machen. 

Das fängt bei uns schon bei der Wahl des Krankenhauses an. Die überlasse ich ihm, denn er muss wissen, ob er das Personal dort für kompetent und passend hält. Ihn wird nicht interessieren, wie die Wandfarbe im Kreißsaal ist (hat mich ehrlich gesagt auch noch nie interessiert), er entscheidet rein nach seinen Maßstäben, wo seine Frau und sein Kind am besten aufgehoben sind. Sicher würde ich ihm sagen, wenn ich mit seiner Entscheidung nicht einverstanden wäre, aber objektiv gesehen, kann er tatsächlich die sinnvolleren Entscheidungen treffen und ich muss ihm da einfach vertrauen und mich darauf einlassen.

In all den Situationen, in denen ich mit Hormonen und logischem Denken überfordert war, hat er bisher verdammt gute Entscheidungen getroffen. Ist ja auch seine Aufgabe. Wenn ich etwas nicht entscheiden kann, muss er ran. So machen das Partner, sie übernehmen Verantwortung für einander. Sollte er mal nicht mehr in der Lage sein medizinische Entscheidungen zu treffen für sich selbst, muss ich das ja auch übernehmen. Ich hoffe, ich schlage mich dann auch so gut, wie er. 

Der Trüffel ist jedenfalls offenbar genau der Richtige Mann für diesen und weitere Fälle. Gut, dass ich zumindest bei ihm die beste Wahl getroffen hab (bei all den dämlichen Entscheidungen, die ich bisher im Leben so getroffen hab). Er ist der Mann meines Vertrauens und das sind nicht nur schöne Worte. Bei einer Geburt müssen eben doch alle herhalten, die für die Veranstaltung verantwortlich sind. 


Ich finde meinen Geburtsplan jedenfalls kein bisschen umemanzipiert. Im Gegenteil, ich nehme meinen Mann ganz selbstverständlich in die Pflicht. Ich mach meinen Job und press dieses Kind raus. Er macht seinen Job und arbeitet mit der Hebamme so kompetent wie möglich daran, dass wir alle heil aus der Sache rauskommen. Das ist sein Job. Das Kind hat auch einen Job, nämlich zu sagen, wann's denn los gehen soll und möglichst keinen weiteren Blödsinn anzustellen. Jeder macht seinen Job so gut er kann und für den Rest ist die Hebamme zuständig. 

Ich finde den Plan gut.

Und ich habe auch gemerkt, dass die beiden Geburten und mein Vertrauen in ihn unsere Beziehung sehr vertieft haben. Er musste sich dadurch mit mir, mit der Geburt und mit den Risiken auseinander setzen. Das hat seine Sicht auf mich und auch auf die Kinder wesentlich mitgeprägt. Wir sagen nicht nur, dass wir für einander einstehen, wir tun es auch.

Ich kann wohl verstehen, dass sich Frauen schwer tun, die Geburtsplanung aus der Hand zu geben. Es geht ja schließlich um den eigenen Körper und um das eigene Kind. ABER, es geht auch um Vertrauen und es geht auch für den Vater um die eigene Frau und das eigene Kind. Es geht um 'sich darauf einlassen' können und wollen, um Verantwortlichkeiten - und die liegen mitnichten einfach nur bei der Mutter. Der Vater des Kindes hat immer 50% der Verantwortung. Das muss Frau halt auch mal anerkennen. 

Wozu also sollte ich den Vater des Kindes mit in den Kreißsaal nehmen wollen um ihn dort als Zuschauer in die Ecke zu verbannen und die ganze Arbeit - auch die Aufarbeitung - alleine machen zu wollen? In dem Fall könnte ich schlicht gleich alleine, nur mit der Hebamme (die in den meisten Fällen nota bene weniger vertraut ist als der Kindsvater) die Geburt planen. Machen aber die wenigsten. Weshalb nur?

Im Grunde mache ich mit meiner Entscheidung genau das Gegenteil von 'die Verantwortung einfach abgeben'. Ich gehe nicht ins Krankenhaus und sage dort irgendwelchen Ärzten: 'So, jetzt machen Sie mal mit mir, was Sie wollen.' 
Nein, ich nehme jemanden mit, der mich kennt, dem ich vertraue und der per Definition schon Mitverantwortlich ist und sage: 'Hier, das ist mein Mann, dem muss jedes medizinisches Personal Rede und Antwort stehen, bevor in irgendwas eingewilligt wird. Der stellt Fragen, der beurteilt die Antworten und wenn die Antworten nicht gut genug sind, dann macht er allen die Hölle heiß, während ich grad mit Wehen beschäftigt bin.' 

So haben wir bisher, trotz Komplikationen, zwei selbstbestimmte Geburten hinbekommen. Nur eben nicht selbstbestimmt von mir, sondern selbstbestimmt von uns. Genau dafür hab ich schließlich nen Mann!

PS: Und wenn mir was nicht passt, dann kann ich ihn immernoch anschreien und kritisieren. Aber wenigstens steh ich dann nicht nem unbekannten, meist nicht greifbaren Arzt gegenenüber, sondern jemandem, mit dem die Auseinandersetzung sowieso auf einer anderen Ebene abläuft. Auch das ist Sinn und Zweck einer festen Partnerschaft. 

PPS: Ich finde die bisher rudimentäre Einbindung der Väter in die Schwangerschaftsvorsorge, die Geburtsvorbereitung, die Geburt selbst und die folgende Aufarbeitung derselben eine echte Schande! Warum sind diese Bereiche so fest in Frauenhand? Weil die Frau das Kind austrägt? Ein lächerliches Argument. Die Frau teilt bereitwillig ihren Körper mit dem Kind, aber die Verantwortung nicht mit dem Vater? Und wo sind die Hebammen, die den Frauen klar machen: Hier habt ihr den Vater des Kindes - benutzt ihn gefälligst! Der ist nicht nur Dekoration!

Da ist noch so einiges in Schieflage und diskussionswürdig. 
Mein Geburtsplan jedenfalls ist kein bisschen unemanzipiert. Er ist grundlegend feministisch und objektiv sinnvoll!

Kommentare:

  1. Ich finde den Plan super. Ich war unter der Geburt auch nicht wirklich zurechnungsfähig und kann mich an vieles nur ungenau erinnern.

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    1. Witzig, dass man darüber nie was hört oder liest. Klar, die paar Tage direkt nach der Geburt ist man immernoch im Bann der eindrücklichsten Momente, aber auf die Frage: Wie war denn die Geburt bei dir? antwortet irgendwie niemand: Ich glaub ok, ich kann mich nicht erinnern. Naja, außer mir vielleicht.
      Vielleicht nehmen manche Paare aber auch deshalb die Geburt per Video auf. Da kann man sich dann wenigstens anschauen, was für nen Quatsch man währenddessen verzapft hat ;-)

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  2. Oh Bitte bloß kein Video ^^ die Verdrängung funktioniert schließlich nicht ohne Grund ;) man soll ja entspannt auch ein zweites wollen, und nicht schon beim kuschligen Teil an die Konsequenz denken ^^

    Ich habe auch vieles vergessen, zb zeitliche Wahrnehmung...
    ich habe es auch so gemacht, dass ich die Entscheidungsgewalt an meinen Mann abgegeben habe. Wir hatten im Vorfeld viel über mögliche Verläufe geredet, und eine gemeinsame Linie gefunden.
    Er hat dann nur nach de ersten Wehen seinen Ehering abgelegt :D nicht, weil er mich nicht mehr wollte, sondern, weil ich ihm die Finger dermaßen zusammen gequetscht habe ;)
    Also ich finde deine Entscheidung logisch und gut :) ich würde es auch wieder so machen!

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