Mittwoch, 4. November 2015

Gute Eltern haben keine Kinder im Trotzalter

Es ist ja verpönt, von Trotzalter zu sprechen. Wenn, dann heißt es Autonomiephase, das stellt das Kind nicht so in eine Ecke. Eigentlich aber, wenn man denn ein besonders gutes Elternteil ist, dann versteht man diese Zeit einfach als einen Abschnitt, in dem das Kind seinen eigenen Willen erfahren darf und daran wächst. 

Also, falls einer fragt: Ich habe ein Kind im Trotzalter. So banal und genauso brutal, wie es sich anhört. 
Dem Kind zumindest dürfte nämlich egal sein, wie ich das Getobe hier bezeichne und mir ist es das auch. 

Die Kleine ist nun schon etwas größer, gerade 2 Jahre alt geworden, und falls sich jemand erinnern mag - Rambos Nachfahre. Die Folgen, wenn Rambo mal tobt und so richtig wütend wird, werdet ihr euch eventuell ausmalen können. Wo Rambo draufschlägt, da wächst kein Gras mehr. Und wenn dir Rambo ne Basuka vor die Nase hält, dann läufst du entweder weg, oder du rammst ihm nen Raketenwerfer in den Bauch. 

Natürlich haben wir hier keinerlei Waffen, aber wir haben hier zur Zeit recht häufig Prügeleien. Denn so weit ich das Rambozamba auch abkann, die schwerwiegendsten Auswirkungen hat dieses Verhalten auf die Große.
Die war ja bisher eher die Besonnene, die selten widersprochen hat und keinerlei Aggressivität zeigte. In der Kita und hier zu Hause haben wir nun über ein Jahr zielstrebig daran gearbeitet, dass die Große sich traut Widerworte zu geben, ihre eigene Meinung zu finden und zu formulieren, 'nein' zu sagen, wenn sie etwas nicht mag, ihre Gefühle frei zu äußern, etc. Vor allem ich wollte, dass sie keine Hemmungen und Ängste hat und versteht, dass wir sie genauso lieb haben, auch wenn sie mal nicht tun mag, was man von ihr verlangt.

Man ahnt es, die Bemühungen tragen Früchte. Kind 1 holt die 'Autonomiephase' in vollen Zügen, wenn auch sehr viel reflektierter mit 4 Jahren, nach, und Kind 2 nimmt grad so richtig Fahrt auf. Es herrscht Krieg und Frieden im Hause Rosalie. Sehr oft Frieden, aber zunehmend auch mal Krieg.

Und da Nr.2 ja nun nicht gerade schüchtern ist und der geborene Angreifer gibt's halt öfter mal Prügeleien. Nr.1 würde ja eher in nen Heulkrampf ausbrechen, wenn ihr was nicht passt. Das macht sie auch, wenn ihr etwas nicht passt, das ich ihr sage. Aber mit der Kleinen Schwester läuft das anders. 

Irgendwer spielt mit irgendwas. Die Schwester kommt, nimmt das weg. Schlägerei. 
Irgendwer isst irgendwas. Die Schwester kommt, klaut das vom Teller. Schlägerei.
Irgendwer will nen Film angucken. Die Schwester kommt und will nen anderen Film. Schlägerei.

Die Eifersüchteleien werden drastisch mehr. Wehe eine sitzt auf meinem Schoß. Die wird von der anderen sofort angegriffen. Unabhängig davon, ob ich versuche, das zweite Kind auch auf den Schoß zu nehmen. Wehe die eine kommt in den persönlichen Bereich der anderen. da wird sofort zugeschlagen und getreten. Von beiden Seiten. Gut nur, dass ich den Kindern inzwischen das Beißen abgewöhnen konnte…

Doch selbst in diesen Situation kommt man eigentlich ganz gut an die Große ran, denn sie kennt inzwischen ja auch zunehmend Strategien, wie sie sich selbst wieder beruhigen kann.
Die Kleine hängt sich in den Ausflippsituationen regelmäßig auf, wie so'n PC mit Vista. Da hilft dann auch nur System runterfahren und neu booten. Und das kann schon mal dauern, denn die Hardware ist halt doch noch ausbaufähig. 
Und wie bei nem PC ist die einzige Möglichkeit zu reagieren, daneben zu sitzen und zu warten, bis der Neustart abgeschlossen ist. Oder sich in der Zeit nen Kaffee zu holen, was ich ja zur Zeit nicht kann, denn davon wird mir immer noch übel.

Also sitze ich oft da mit einem kreischenden Kind daneben (bloß nicht anfassen!) und warte. Wenn ich Pech hab kreischen gleich zwei Kinder (bloß nicht anfassen!!) und testen auch gleich, wem die Mama wohl mehr Aufmerksamkeit schenkt (bloß niemals anfassen, Trösten wollen oder gar mit dem Taschentuch hinterher gehen!!!). Hat Kind sich dann soweit beruhigt, dass ich es wage ein Wort zu sagen, stürmt Kind auf meinen Schoß (das wären dann meist insgesamt 4 Personen auf einem halbem Quadratmeter (K1, K2, Bauch und ich)) und das Trösten beginnt. Allerdings, wer zuerst aufhört zu Schluchzen hat verloren. 

Mit mir persönlich prügelt sich nur die Große, die inzwischen auch gern mal zuschlägt, wenn ich auch nur die kleinste Kleinigkeit verbiete. Bevor ich zur Erklärung komme, hab ich schon die Faust in den Rippen, oder den Fuß im Bauch. Das hat sie als effektive Methode ausgelotet, mich loszuwerden.
Die Kleine geht jedenfalls nur auf ihre Schwester los. Bei mir schreit sie 'ausschließlich'.

Und so gehöre ich nun zu den Müttern, deren Kind mitten im Supermarkt einen Tobsuchtsanfall bekommt und sich auf dem Boden wälzt, gerne wird sich auch im Sand auf dem Spielplatz gewälzt, oder gleich mitten auf der Strasse. 
Gerade übe ich mit der Großen, dass sie in diesen Situationen bei mir bleibt, keinen Blödsinn anstellt oder gleich vors nächste Auto läuft. Wie das mit dreien dann gehen soll, ist mir noch nicht so wirklich klar, aber man wächst ja mit seinen Aufgaben.

Besonders genieße ich diese Morgende, in denen ich ausschließlich von allen Seiten nur 'NEIN'! höre:
Aufstehen? Nein!
Schlafanzug ausziehen? Nein!
Auf Toilette/Töpfchen? Nein! 
Windel anziehen? NEEEEEEEEEIN!
Und dann ist es auch schon vorbei, denn wenn die Kleine morgens schreit, ist die morgenmufflige Große direkt genervt und schreit zurück. Schlägerei. Beide Kinder toben, Keiner beruhigt sich. Keiner kann sich innerhalb irgendeiner nützlichen Zeitspanne anziehen oder Zähne putzen. Man kennt das. Irgendwann kann ich zwei total verausgabte Kinder im Kindergarten abgeben und bin fix und fertig. Der wachsende Bauch macht es interessanter, aber nicht einfacher.
Hatte ich erwähnt, dass der Trüffel ein ausgesprochen ausgeprägtes Morgenmuffeltum pflegt? Wenn der dann auch noch rumschreit, dann kann ich eigentlich einfach wieder einpacken und zurück ins Bett, denn dann toben 3 so vor sich hin…

Bisher bleibe ich auch beim Dauer'nein' recht ruhig. Wenn's mir zu viel wird, lass ich durchaus mal einen Schrei los, was meist auch hilft, die Kinder aus ihrem Vorsichhinbrüllen zu holen und anzusprechen. 
Eine Lösung für das körperliche hab ich aber noch nicht gefunden. Denn Nr.2 macht gerne aus einem Wutanfall, eine Wutanfallkette - auch wenn sie sich zwischendurch wieder beruhigt. Aber das geht schon mal: Windel anziehen - toben. Strümpfe anziehen - toben. Unterhose anziehen - toben. Unterhemd anziehen - toben. Hose anziehen - toben. Pulli anziehen - toben. Haare kämmen - toben. Zähne putzen - doppeltoben. Waschen - toben. Eincremen - toben. 
Diese Liste kann man beliebig verlängern. Die Dame mit einzubeziehen funktioniert noch nicht. Ich soll all das machen. Sie will nicht selbst. Ihr Zeit geben funktioniert auch nicht. Bevorzugt zieht sie sich wieder nackt aus oder tobt, weil sie es nicht hinbekommt. Und irgendwie erscheint mir das wenig zielführend. 
Derweil nölt die Große dann wieder rum…

Trotz allem, haben die beiden Damen eine wunderbare Beziehung, auch weil ich nur eingreife, wenn es haarsträubend wird. Aber sie lieben sich und sind tatsächlich unzertrennbar. 

Doch ich muss sagen, dieses 'es ist so wichtig, dass sie sich ernst genommen und geliebt fühlen und sich entfalten dürfen' euphorisch zu zelebrieren, liegt mir ziemlich fern. Ich tendiere dazu klare Grenzen einzuhalten und vor allem die Kleine auch körperlich einzuschränken. Denn wenn die richtig tobt, wird sie wirklich gewalttätig. Genauso tendiere ich dazu sie unter Protest einfach anzuziehen, denn meine Geduld hat Grenzen. Und nackt kann ich dieses Kind ja nun nicht zur Kita bringen. Eigener Wille ist ok. Aber nicht immer und überall. Ausflippen ist auch ok, aber irgendwann bremse ich das Kind dann aus, denn die Kleine kann sich einfach noch sehr schlecht selbst regulieren. Autonomie gern, aber innhalb dessen, was im Familienverband funktioniert und worunter nicht alle anderen leiden. Auch die Freiheit eines Kleinkindes endet genau da, wo die Freiheit der anderen Familienmitglieder anfängt. 
Und zudem finde ich, ich bin die Mutter und grundsätzlich sage ich, wo's lang geht. Wenn ich sage, jetzt ist Anziehen und Kita angesagt, dann diskutiere ich nicht darüber. Dann gebe ich den Kindern etwas mehr Zeit, aber Grundsatzdiskussionen führe ich mit kleinen Kindern prinzipiell nicht. Entscheidungen treffe ich und helfe den Kindern diese mitzutragen, auch wenn sie keinen Bock drauf haben.

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