Montag, 21. September 2015

Vom Lästern über andere Eltern

Dieser Post bekommt eine Triggerwarnung, denn es wird ums Eingemachte gehen. Ich möchte eine Replik schreiben auf einen Post von Liz von Kiddothekid, in dem sie erklärt, sie sei guten Gewissens voll intolerant Eltern gegenüber, die scheiße mit ihren Kindern umgehen.

Liz spricht in ihrem Post eine riesige Fülle an Themen an, die ich leider alle gar nicht vernünftig in einem Post abarbeiten kann und darum den unschönen Zug machen werde, einige Themen nur kurz anzureißen. Da mich fast alle dieser Themen aber sowieso beschäftigen, wird es im Laufe der Zeit noch mehrfach Posts dazu geben.

Nun, was treibt mich also an, eine Replik auf ein privates Statement zu schreiben? Es ist die schiere Verzweiflung darüber, dass Begrifflichkeit und Befindlichkeiten auf verwirrende Weise vermischt, eingekocht und dann als große Lästerpampe serviert werden. Liebe Liz, ich habe deinen Post nicht so verstanden, dass du Lästern willst, allerdings ist das faktisch dabei heraus gekommen. 

Zu Beginn möchte ich klar stellen:
Liz beschreibt Situationen, in denen sie beobachten konnte, wie Eltern scheinbar willkürlich ungerecht oder gemein zu ihren Kindern sind. Das findet sie scheiße und da schließe ich mich gerne an. Ich erweitere das sogar. Ich find es nämlich ganz generell scheiße, wenn Menschen gemein zu anderen sind, nur weil sie in einer vermeintlichen Machtposition sind. 

Liz fragt,ob sie tolerant jenen machtmissbrauchenden Menschen gegenüber sein muss? Sie sagt nein, sie dürfe da intolerant sein. Dem stimme ich zu. 
Aber jetzt wird's problematisch. Liz folgert nämlich, dass ihre Intoleranz nur nach außen zeigen würde, dass man solches Verhalten nicht akzeptieren müsse/dürfe. Und genau da kommen bei ihr die Begrifflichkeit durcheinander und beginnt die Lästerei. Also dröseln wir das mal auf.

All diese schönen Fremdwörter aus dem Lateinischen haben nämlich eine konkrete Wortbedeutung. Tolerare etwa bedeutet nicht akzeptieren, sondern ertragen, aushalten. Erträgt man etwas nicht, ist intolerant durchaus das angebrachte Wort
Ich möchte die Liste der Begrifflichkeit, um die es hier gehen soll, mal erweitern. Akzeptieren bedeutet etwas hinzunehmen, sich damit einverstanden zu erklären.  
Ignorare bedeutet etwas nicht kennen oder etwas nicht wissen. Im heutigen deutschen Wortsinne wird es gerne im Sinne von etwas bewusst nicht beachten verwendet. 
Respectare bedeutet zurückblicken, aber auch berücksichtigen. Respectus kann durchaus mit Rücksicht(nahme), Berücksichtigung übersetzt werden. Wir verwenden es heute in Bezug auf Achtung einer Person gegenüber zeigen.

Nun also zurück zum Thema: Beobachte ich ein Verhalten, dass ich nicht ertrage, weil ich es für grundlegend falsch einstufe, so bin ich intolerant diesem Verhalten gegenüber. Da ich es ja für falsch halte, akzeptiere ich es gerade eben nicht, sondern - tja, was - kann mich nun entscheiden. Ignoriere ich es, setzte mich also bewusst nicht damit auseinander, oder unternehme ich etwas und handle. Ich möchte betonen, dass wir bis hierher nur über Verhalten und nicht über die Person, die sich so verhält geredet haben. 
Denn dazu braucht es einen weiteren Aspekt, die Berücksichtigung der beteiligten Personen und deren Beweggründe für ihr Verhalten. Liz' Fehler entsteht genau hier, denn für die Personen interessiert sie sich gar nicht. Im Gegenteil, sie beschreibt deutlich, dass sie mit solchen Leuten erst gar nix zu tun haben will. Nun kann ich verstehen, dass man nicht mit jedem, dem man auf der Straße begegnet eine Diskussion anfangen will. Aber dennoch schwenkt Liz eben genau hier von der Toleranz in die Ignoranz um. Statt nachzufragen (ich schreibe hier bewusst nicht 'angreifen'), urteilt sie, ignoriert alle beteiligen Personen - bis auf sich selbst - und schreibt einen Post, den sie veröffentlicht (wenn auch unter der Wahrung der Identität betroffener Personen) und in dem sie vor allem ihre Verurteilung mit leider dem völlig falschen Wort rechtfertigt. 
Das ist Lästerei in Reinform und respektlos im ursprünglichen, wie im übertragenen Wortsinne.
(Der Vollständigkeit halber: Lästern kommt nicht aus dem Lateinischen, sondern aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet jemanden schmähen, über jemanden schlecht reden.)

Schade an der ganze Sache finde ich, dass es eben gerade nicht darum geht, zu reflektieren, wie man sich anderen gegenüber verhalten sollte, oder was andere dazu treibt, gemein zu sein. Es geht darum, sich, ohne Kenntnisse von irgendwas, mit seiner eigenen Meinung über andere zu erheben und diese zu verurteilen. Im Übrigen ein Paradebeispiel an Machtmissbrauch.

Ich sehe Liz' Problem bei den genannten Beispielen und verstehe auch, warum sie sich nicht eingemischt hat. Ich sehe aber auch andere Wege, mit diesen Situationen umzugehen. Ich sehe zudem, dass es mühsam ist, sich mit anderen Menschen auseinander zu setzen, zumal wenn sie fremd sind. Man kann sich aber ohne Weiteres mit sich selbst und seiner Reaktion konfrontieren, reflektieren, sich Strategien ausdenken, wie man hätte reagieren können ohne das Gegenüber anzugreifen, einfach um beim nächsten Mal reaktionsfähig zu sein. 

Nicht zuletzt, missfallen mir einige Dinge Persönlich an diesem Post. Zum einen ist es die pauschale Annahme, Eltern wären gemein zu ihren Kindern, weil es für sie am einfachsten wäre. Ich persönlich denke, kein Elternteil will sein Kind aus purer Bosheit oder Faulheit verletzen. Auch Eltern, die sich in einer von uns beobachteten Situation nach unserer Meinung falsch verhalten, lieben ihre Kinder über alles und wollen am Liebsten glücklich mit ihnen zusammen Zeit verbringen. Funktioniert das nicht, gibt es womöglich einen anderen Grund als Bosheit.

Zum anderen kenne ich die Situation. Auch mir ist natürlich auch schon eine Lästerei über die Zunge gekommen. Aber da ich ja weiß, dass das kein adäquater Weg ist, mit anderen umzugehen, muss ich eben überlegen, welche Schlüsse ich daraus ziehe. Lasse ich das Lästern ganz? Fange ich an Menschen nach ihren Beweggründen zu fragen? Was kann ich tun, damit sich meine Kinder die Lästerei nicht von mir abschauen, sondern wie bringe ich ihnen bei ihre Mitmenschen zu respektieren? Ein gutes Vorbild abgeben, wäre meiner Meinung nach schon mal ein Anfang. Denn immerhin möchte auch ich respektiert werden. Und ich will auch, dass andere meine Kinder respektieren.

Und ein letzter Aspekt zum Schluss, der mir sehr oft begegnet, den ich nun aber für bedenklich halte: Respektlosigkeiten Kindern gegenüber sind schlimm. Aber sie sind nicht schlimmer, als Respektlosigkeiten Erwachsenen, Kranken, Behinderten, oder sonstjemand gegenüber. Für diese Haltung werde ich oft angegriffen und sogar als ignorant beschimpft, mit dem Argument, Kinder hätten keine Lobby, niemanden, der für sie eintritt. Doch haben sie. Kinder haben ihre Eltern. Wenn ich als fremde Mutter aber über das Verhalten anderer Eltern lästere und/oder sie ohne genauere Kenntnisse verurteile, trete ich jedoch kein bisschen für das betroffene Kind ein. Im Gegenteil, ich ziehe mich auf eine überhebliche, sichere Position zurück, moralisiere, versuche mit Respektlosigkeit den anderen Eltern gegenüber Druck auszuüben und weise hinterher womöglich noch jede Schuld von mir, wenn diese Eltern dann den Druck an ihr Kind weitergeben. 
Genau so funktioniert Gesellschaft und Menschlichkeit eben nicht besonders gut. Dessen muss ich mir klar sein, wenn ich mich entsprechend verhalte. Der einzige Mensch, für den ich mit diesem Vorgehen eintrete, bin ich selbst. 
Darum halte ich die generelle Überhöhung der Kinder für keine gute Idee. Kinder sind genauso viel wert, wie jeder andere Mensch auch.


Ein persönliches Wort noch an Liz:
Ich schreibe dies nicht, um Dich zu beleidigen. Ich schreibe es, weil ich verstehe, wie mühsam es sein kann, sich mit anderen Eltern auseinander zu setzen. Ich mach das auch nicht immer gerne, aber wir alle müssen da zu einem gewissen Teil durch. Andere zu Tolerieren und zu Respektieren heißt eben nicht, ihr Verhalten generell zu Akzeptieren. Aber für halbwegs emphatische Menschen ist andere zu Ignorieren eben auch nicht immer des Rätsels Lösung. Lästereien schaden nur und tragen zu überhaupt gar nichts bei.


Mancher mag sich nun auch noch die Frage nach der Schuld stellen, denn immerhin laufen Situation zwischen Eltern und Kinder offensichtlich nicht immer wie beabsichtigt. Und für die meisten Menschen stellt sich dann eine Schuldfrage. Darüber habe ich auch schon einiges geschrieben und ich werde darauf zurück kommen. Dieser Post ist jedoch schon lang genug. 

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