Montag, 7. September 2015

Linkparade Fremdbetreuung

Wiebke von Verflixter Alltag macht im September die Linkparade 'Fremdbetreuung'. Ich habe überlegt, ob ich da überhaupt mitmachen soll, da ich durch meinen etwas anderen Weg in dieser Hinsicht recht angreifbar bin. Ich möchte aber dennoch dazu etwas schreiben, weil ich einfach zeigen will, dass eine sehr frühe Fremdbetreuung keineswegs Schaden anrichtet. Nicht als Rechtfertigung vor Müttern, die länger zu Hause bleiben, sondern als Beispiel für Frauen, die gedenken ihre Kinder auch sehr früh abzugeben. Die finden nämlich so gut wie keine Ansprechpartner oder Mütter, die es genauso machen. Diesen Familien möchte ich sagen: Es gibt sie, die Eltern, die kleine Babys in die Kita bringen. Man findet sie natürlich nicht in der Pekip-Gruppe ab 10.30 Uhr, sondern morgens um 8 Uhr in der Kita.

Vorweg - Beim ersten Kind fing ich nach 16 Wochen wieder Vollzeit an zu arbeiten. Beim zweiten Kind war die Eingewöhnung dann mit 4,5 Monaten. Das erste Kind ging in eine Kita in Basel. Das zweite wurde in Heidelberg geboren.

Beruflich war klar, dass wir einen Baby-Kitaplatz in Basel benötigen. Also kümmerten wir uns schon früh in der Schwangerschaft darum. In Basel ist das Betreuungssystem hervorragend ausgebaut, alle Kitas sind bilingual (aufgrund des Pharmastandortes) und der Betreuungsschlüssel ist mit 2:1 für Babys und 3-4:1 ab 1,5 Jahren vorgegeben und auch strikt umgesetzt. Ein Kitaplatz kostet für Babys 2500 Franken und für Kleinkinder 2000.-
Das klingt erstmal sehr viel, ist aber den Schweizer Gehältern angepasst und wird bei Bedarf gehaltsabhängig von der Stadt bezuschusst. Dafür bieten die Kitas ein Rundumwohlfühlpaket. Die Gruppen sind klein, die Beziehung zur Betreuerin sehr persönlich und es hat - zumindest bei uns - alles super gestimmt.

Die Eingewöhnung bei so kleinen Babys geht super einfach, denn sie sind nicht auf die Eltern fixiert. Die Große hatte volle 2,5 Jahre ihre Bezugsperson täglich an ihrer Seite, war eigentlich immer super leicht abzugeben, wurde dort mit MuMi versorgt, konnte jeden Extrawunsch ausleben und hatte direkt als Baby ihren ersten Freund. Mit dem teilte sie sich über die Jahre ein Bettchen, sie aßen zusammen und spielten immer zusammen. War super. Da wir keine festen Arbeitszeiten hatten, war sie ca. 7 Stunden 5 Tage die Woche dort. Den Rest des Tages verbrachte sie jeweils mit mir. Es ging und geht uns nach wie vor sehr gut damit, denn die Qualität der Betreuung stimmte perfekt. 

Als ein Umzug anstand, suchten wir die künftige Arbeitsstelle nach dem jeweiligen Betreuungsangebot für die Kinder aus. Ich war bereits mit Nr.2 schwanger und so ließen wir einige Chancen und z.B. auch Skandinavien sausen und zogen nach Heidelberg. Hier haben wir ebenfalls eine private, von der Stadt gehaltsabhängig bezuschusste Einrichtung, die Kita und Kiga gleichermaßen anbietet und die Betreuungsqualtität, die wir aus Basel kannten. 
Der Baby-Schlüssel ist ebenso 2:1, für Kleinkinder ab 1,5 Jahren gilt 3-4:1. Im Kindergarten dann 5:1. Das ist purer Luxus und der eigentliche Grund, weshalb ich meine Kinder guten Gewissens auch im Babyalter schon dort betreuen lasse. Die Gruppen sind wieder sehr klein, Babys werden individuell bedürfnisorientiert versorgt, es ist immer jemand da zum Spielen, Füttern, Tragen und Einschlafen. Es gibt ein Elterncafe, wo man auch super Stillen kann, von 7-19 Uhr kann man die Kids voll flexibel bringen und abholen, wie man möchte. 

Nr.2 wurde also mit 4,5 Monaten eingewöhnt und nach ca. 6 Stunden wieder abgeholt. Ich fragte mich durchaus, ob das nicht lang ist, weil sie ein sehr anhängliches Baby war, aber tatsächlich stillte ich sie dort, dann spielte sie und schaute vor allem den 'größeren Babys' beim Essen zu, schlief 3-4 Stunden, wurde gewickelt und gefüttert und dann stand ich auch schon wieder vor der Tür. Je größer sie wurde, desto länger war sie natürlich wach, aber mit anderen Babys wird es einem ja nie langweilig. Da gibt es immer was zu sehen. Ähnlich wie zu Hause, wo sie immer der großen Schwester hinterher musste, von Anfang an.

Ich schreibe sehr viel über die Betreuungsbedingungen, weil ich die für den Kernpunkt früher Fremdbetreuung halte. Ich gebe mein Baby dort nur ab, wenn ich mich wirklich sicher dabei fühle und weiß, dass die Kita die Bedürfnisse meines Babys befriedigen kann und genug Personal da ist, dass niemand gestresst ist. Das hat natürlich seinen Preis - wir zahlen über 800 Euro pro Kind und Monat. Von nix kommt ja nun nix. 

Ich weiß auch, dass ich da von einem recht hohen Ross herab schreibe, da nicht jeder solche Betreuungsmöglichkeiten hat, wie wir. Dabei geht es nicht um's Geld, denn die Bezuschussung vom Jugendamt läuft reibungslos. Aber es muss so eine Einrichtung vorhanden sein. Wie gesagt, wir haben auch gute Jobchancen dafür draufgegeben.

Die Babygruppen bei uns sind immer voll. Die Kinder kommen mit 3-6 Monaten oder dann ab einem Jahr. Die Plätze sind heiß begehrt und die Eltern sind bei Weitem nicht die absoluten Karrieretypen. Viele Mütter arbeiten während der Elternzeit halbtags, aber ja, sie arbeiten. Viele Neomütter kommen mit den gleichen Bedenken und Gewissensbissen, aber nach kurzer Zeit in unserer Einrichtung legen sie diese ab. Ich habe dort noch keine Mutter getroffen, die die frühe Fremdbetreuung ihres Kindes bereut. Alle sind mit ihrer Entscheidung einig und viele machen es beim zweiten Kind dann genauso. Die Frauen arbeiten gerne und man sieht durchweg mehr Männer, als Frauen morgens, wie abends die Kinder bringen und holen. 

Dieses Modell ist nichts für jeden. Aber die meisten Eltern würden staunen, wie viele Eltern ihre sehr kleinen Kinder Vollzeit in die Kita bringen - ganz selbstverständlich. Kinder und Eltern kennen es nicht anders und so werden keine Nachteile heraufbeschworen. Es ist schlicht für alle Beteiligten normal. So, wie es für andere normal ist, ein Jahr oder 2 oder 3 Jahre zu Hause zu bleiben. Ich halte es für essentiell, dass man zu seiner Entscheidung steht, egal wie sie ausfällt. Probleme entstehen überwiegend dann, wenn eine Entscheidung grundsätzlich angezweifelt wird. Dann quält man sich und somit auch das Kind. 

Wer sich also, wie wir, entscheidet sein Kind früh abzugeben, der darf ruhig dazu stehen. Frühe Fremdbetreuung bedeutet auch nicht automatisch Abstillen, Breikost oder das Kind in ein Schema zu zwängen. Aber es ist nur auf einer Grundlage einer hohen Betreuungsqualität machbar. 

Wer sich dennoch fragt, ob nicht die Bindungsfähigkeit der Kinder darunter leidet, dem kann ich sagen: Das ist zwar von Kind zu Kind etwas verschieden, aber nein - man kann nicht grundsätzlich folgern, dass Kitababys da Einschränkungen erleben werden. 
Ein Großteil des Betreuungs-, sowie die Kitaleitung hat ein Psychologie- oder Pädagogikstudium hinter sich. Sie arbeiten sehr eng mit dem Entwicklungspsychologischen Institut der Uni Heidelberg zusammen, wo im Schwerpunkt Bindungs- und Angststörungen erforscht werden. Wir Eltern werden auf Wunsch regelmäßig über neue Studien und Erkenntnisse informiert, 1x im Monat kommt eine Psychologin besagten Instituts zur Elternsprechstunde, wo auch Studienergebnisse gerne tiefergehend diskutiert werden können. Der Tenor ist, dass eine enge Beziehung zur Betreuerin und eine entspannte individuelle Betreuung (im Übrigen sind auch durchaus körperbehinderte Kinder dort, oder Kinder mit neurologischen Einschränkungen) den Kinder ebenso sichere und intensive Beziehungen ermöglichen, wie die Betreuung durch die Eltern. Allerdings liegt es auch zum Gutteil am genetischen Hintergrund der Kinder, wie Bindungsfähig sie im Leben sein werden. Etwa 1/10 der Kinder werden sich lebenslänglich mit ihren Mitmenschen schwer tun und Enttäuschungen schwerer verarbeiten können, unabhängig davon, ob sie Fremdbetreut oder ihr Leben lang mit Mama zu Hause waren. Ihre Gene sind nunmal so. Aber auch diese Kinder haben die Möglichkeit später an ihren Empfindungen zu arbeiten und dennoch ein glückliches Leben zu führen. 
Ich möchte dennoch betonen, dass eben allein aufgrund der Genzusammensetzung, jedes Kind andere Voraussetzungen mitbringt. Manche sind ängstlicher, manche sind ruhiger, manche sind mit 2 Jahren nicht bereit für eine Kita. Manche Familie ist nach 2 Jahren nicht bereit für eine Kita. Und für manche ist eine sehr frühe Eingewöhnung der richtige Weg. Niemand sollte den ganz individuellen Weg einer Familie einschränken, denn wir alle passen nicht wirklich in Schablonen. Jeder hat seine eigenen Gründe, so zu entscheiden, wie er es tut und das sollte respektiert werden. 

Wir haben im Übrigen jetzt schon einen Platz für Baby Nr.3. Es wird mit ca. 5 Monaten eingewöhnt. Jedenfalls ist es so geplant, wenn alle gesund und munter sind. 
Meine Kinder haben durchweg in der Familie und in der Kita sehr positive Erfahrungen gemacht. Und weil ich ja sehe, wie gut es ihnen geht - trotz oder wegen dieses Weges - habe ich keine Bedenken gegenüber Fremdbetreuung. Traurig macht mich jedoch, dass nicht alle diese Wahlfreiheit und so hervorragende Kitas haben. Ich wünsche das allen Eltern für die Zukunft.

1 Kommentar:

  1. Liebe Rosalie, schön, dass Du mitgemacht hast. Und besonders freut es mich, dass Du uns einmal erzählt hast, wie eine sehr frühzeitige Fremdbetreuung aussehen kann. Wirklich spannend. Und schön zu hören, dass es bei Euch so gut geklappt hat!
    LG Wiebke

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