Donnerstag, 3. September 2015

Die große Tochter

Es soll um mein erstes Kind gehen, meine größte Tochter, gute vier Jahre alt zur Zeit. In unserer Familie kommt diesem Kind eine besondere Rolle zu. Es ist eine Rolle, die sowohl uns Eltern, als auch die Kinder entscheidend prägen wird. Das erste Kind ist der Schlüssel zum zukünftigen Wohle einer Familie.

Das mag nun etwas theatralisch klingen und etwas ungerecht. Aber ich halte das erste Kind für den entscheidenden Faktor im Leben einer Familie.

Das erste Kind…
…ist aufregend.
…verändert das Leben nachhaltig.
…entscheidet über weiteren Nachwuchs.
…ist die Richtschnur für alle weiteren Kinder.

Die erste Schwangerschaft, das erste Kind - erinnert ihr euch? Es war irgendwie aufregend. Das erste Mal einen Zwerg im Ultraschall zu sehen. Das erste Mal Verwandten und Bekannten die Nachricht überbringen. Das erste Mal all das winzige Babyzeug kaufen. Das erste Mal Unsummen ausgeben für Dinge, von denen man glaubt, sie jetzt unbedingt zu brauchen. Das erste Mal mit Geburt konfrontiert zu sein, mit diesen Ängsten, mit Zweifeln. Das erste Mal vermeintlich wichtige und wirklich wichtige Entscheidungen treffen, obwohl man von nix ne Ahnung hat, auch wenn man sich vorher informiert hat. 
Es prägt, schon die werdenden Eltern. Kaum ist der Test positiv, verändert sich der Mensch. Das geht ganz automatisch. Erinnert ihr euch, wie ihr davor wart? Etwas unbeschwerter? Etwas weniger ängstlich? Etwas mehr fixiert auf irgendwelche Kram, der euch nun nicht mehr interessiert? 

All die ersten Mal mit dem ersten Kind, die hat man wirklich nur ein Mal im Leben. Die erste Nacht zu Hause. Die erste Krankheit. Der erste Urlaub mit Kind. Das erste Mal Kita. Der erste Besuch in einer Babygruppe. Bei weiteren Kindern alles bereits Routine - nix Aufregendes mehr. 

Erinnert ihr euch, wie das erste Baby sich zum ersten Mal bis zum Kragen vollge*issen hatte und wie ihr ins Schwitzen geraten seid beim Versuch es mit möglichst wenig Schäden auszuziehen und im, vom Partner, vorbereitete Bad vorsichtig zu reinigen? Was für ein Aufwand. Diese Hektik und das OMG, das passiert beim zweiten Kind nicht mehr…

Das erste Kind aber hat diese spezielle Rolle. Allein dieses Kind bringt den Eltern die Babysprache bei. Welcher Schrei was bedeutet? Wann ein Kind welche Bedürfnisse hat? Haben wir alle beim ersten Kind gelernt. Kamen wir gut zurecht, entscheiden wir uns vielleicht für weitere Kinder. Funktierte es nicht so gut, so bleibt das erste Kind auch das Einzige. Das gilt auch für die Paarbeziehung der Eltern. Mit dem ersten Kind entsteht eine Familie. Wenn das nicht klappt, gibt's auch eher selten weiteren Nachwuchs.

Mit dem ersten Kind fangen wir dann an uns mit uns selbst auseinander zu setzen - im besten Fall - erfolgreich. Wer bin ich? Und wer bist du? Das erste Kind geht ans Eingemachte. Das erste Kind wird von uns zum ersten Mal wirklich fordern Farbe zu bekennen. Mit dem ersten Kind handeln wir unser Zusammenleben täglich neu aus. Dem ersten Kind müssen wir zum ersten Mal befriedigende Antworten geben. Das erste Kind wird der Vorreiter sein, als erste/r Freiheiten erkämpfen, rebellieren, vielleicht sogar ein Urteil über uns und unsere elterlichen Fähigkeiten fällen. 

Geschwisterkinder werden dann in ein schon recht eingespieltes Setting hineinwachsen. Sie müssen nicht mehr verhandeln, nur noch auf ein klein bisschen Individualität pochen. Nichts im Vergleich zu den vielen ersten Malen der Eltern mit dem ersten Kind. 

Das erste Kind wird auch als früher und mehr Verantwortung übernehmen, als weitere Kinder. Die Geschwisterforschung ist da recht eindeutig - Nachfolgende Kinder orientieren sich an vorhandenen großen Geschwistern sehr viel mehr als an den Eltern. Während wir dem ersten Kind dachten zeigen zu müssen, wie dies und das funktioniert, schauen sich die Geschwister einfach alles vom Großkind ab. Wir Eltern sind dann als Lehrer kaum noch gefragt. Diese Rolle übernimmt das erste Kind. Es wird Lehrer, Spielkamerad, Konkurrent und Messlatte für alle weiteren Kinder. Von dieser Konstellation profitieren beide Seiten enorm.

Das einzige, was beim zweiten Kind zum ersten Mal eine Rolle spielt ist die Konkurrenz und die Eifersucht. Eine Situation an der jedoch auch der erste Kind am meisten wächst und die keinesfalls nur negativ zu bewerten ist. Es ist eine Chance, vor allem für das erste Kind, sich Freiheiten zu erstreiten.

Unser erstes Kind, meine große Tochter, gute vier Jahre alt, ist das für mich beste nur vorstellbare erste Kind. Sie ist sehr besonnen und unglaublich geduldig mit uns Eltern. Sie ist großzügig, uns und ihrer Schwester gegenüber und eine hervorragende Lehrerin. Ich bin so froh, dass wir sie zuerst bekommen durften und dass sie es uns so leicht macht. Sie prägt diese Familie mehr als alle anderen, sie prägt uns Eltern mehr als ihre Schwester. Dank ihr hatten wir keine Bedenken, weitere Kinder zu bekommen. Aber sie hängt die Messlatte auch ziemlich hoch - für alle Beteiligten. Mit ihr sind all die ersten Male nichts wovor man sich sorgen müsste. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Sie ist meine große Tochter.

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