Donnerstag, 9. Juli 2015

Guten Abend, Gute Nacht.

Ich mach jetzt mal was ganz Blödes: Ich erzähl euch, dass meine Kinder von Beginn an total easy Schläfer waren. Jaja doch, das stimmt und jetzt dürft ihr mich auch laut verfluchen und beschimpfen. 

Ich mach das natürlich nicht, weil ich so unglaublich doll damit angeben will. Das ginge ja nur, wenn ich irgendeinen essentiellen Anteil daran hätte. Aber ich glaub, das hab ich gar nicht. Ich glaub, die waren einfach schon immer von selbst so.

Und genau darüber wollte ich eigentlich schreiben. Also darüber, ob und inwiefern wir Eltern überhaupt durch 'Erziehung' irgendwas leisten können oder auch nur unsere Kinder beeinflussen. 

Ich mein, klar, Eltern können ihre Kids immer zu irgendwas zwingen. Und auch bei heftiger Gegenwehr, können wir die Auseinandersetzungen locker gewinnen. Befehl statt Diskussion - eine einfache Masche, kombiniert mit Ohrstöpseln und fertig. Aber wer von uns will das schon wirklich? Ich mein, so generell? Zwang meine ich also nicht, wenn ich über Erziehung rede.

Was ist überhaupt Erziehung?
Dieses Wort steht ja auf vielen Büchern, in Zeitschriften und man hört es oft von Menschen. Sogar studieren kann man das. Erziehung scheint etwas Wichtiges zu sein im Umgang mit Kindern. Ich assoziiere mit Erziehung: Anleitung, Bildung, Vermittlung von Regeln und Werten, aber auch Durchsetzung von Macht. 

Wikipedia definiert Erziehung so: 
Unter Erziehung versteht man die Einübung von Kindern und Jugendlichen (im Jargon manchmal: „Edukanden“) in diejenigen körperlichen, emotionalencharakterlichensozialenintellektuellen und lebenspraktischen Kompetenzen, die in einer gegebenen Gesellschaft oder Kultur bei allen Menschen oder bei allen Trägern bestimmter sozialer Rollenvorausgesetzt werden. 
Und weiter heißt es: 
Das Wort „erziehen“ geht auf ahd. irziohan („herausziehen“) zurück und nimmt unter dem Vorbild des Wortes educare (lateinisch für „großziehen“, „ernähren“, „erziehen“) bald die Lehnbedeutung „jemandes Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern“ an (Duden: das Herkunftswörterbuch: Etymologie der deutschen Sprache. 4. Auflage. 2007.)

Ich gebe zu, bevor ich mich in die Literatur dazu gestürzt habe, habe ich diese Wiki-Definition gelesen und - naja, war nicht sonderlich begeistert. Diese Definition drückt überdeutlich aus, weshalb ich das Wort 'Erziehung' nie verwende und auch nie sagen würde, ich 'erzöge meine Kinder'. Und diese Wiki-Definition zeigt auch wunderbar auf, dass das, was man 'landläufig' unter Erziehung versteht keine allgemeingültige Definition ist. 

Treffend fand ich auch dieses „jemandes Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern“. So etwas getraut man sich auch nur Kindern gegenüber zu behaupten. Die Verwendung des Wortes 'Erziehung' impliziert, dass Kinder geformt, gebildet und gefördert werden müssen. Ich weiß nicht, inwiefern Eltern in Deutschland im Jahr 2015 den Gedanken bejahen, dass Kinder unfertige Menschen sind, die man frei formen kann. Ich jedenfalls finde diesen Gedanken respektlos. 
Aber die Tatsache, dass es so viele Erziehungsratgeber, Erziehungstipps und Diskussionen über 'die richtige Erziehung' gibt, lässt mich schon vermuten, die meisten Menschen meinen ihre Kinder durch intensive Bearbeitung zu einer Art optimalen Produkt formen zu können.  
Da die Wissenschaft ganz wunderbare Zusammenhänge von Genetik und Verhalten erforscht und aufdeckt, lohnt es sich aber darüber nachzudenken, ob man das Wort 'Erziehung' nicht ganz aus dem Wortschatz streichen sollte. Denn wer hier wen wann wohin zieht ist längst keine geisteswissenschaftliche Fragestellung mehr. Und die Unterstellung, man könne einen Charakter aussuchen, verändern oder gar formen ist eine seltsame Illusion. Es kristallisiert sich heraus, dass was, wie und wer ein Mensch ist, im wesentlichen davon abhängt, wie die Umwelt die genetischen Möglichkeiten eines Kindes reguliert.


Ich will nun auch keine Abhandlung über das Thema schreiben, denn ich habe mich gerade einmal in einige vertiefende Literatur eingelesen und das reicht keinesfalls um hier große Töne zu spucken. Ich habe jedoch darüber nachgedacht, wie das mit der Erziehung hier bei uns läuft und wie ich das so generell finde und was das mit dem Schlaf meiner Kinder zu tun haben könnte. 

Das Thema Schlaf wähle ich, weil es in jedem Ratgeber vorkommt. Es ist unter Eltern ein großes Thema, weil es an die eigene körperliche Kraft geht. 
Ich möchte hierbei nicht in Abrede stellen, dass es sicherlich sehr viele Tipps und Tricks gibt, die beim Ein- und Durchschlafen eines Babys hilfreich sein können. Allerdings suggeriert das Thema Schlaf in Erziehungsratgebern, dass Eltern ihren Kindern das 'richtige' Schlafen irgendwie beibringen könnten oder müssten.
Für mich fängt schon da die ganze Misere an. Physiologisch gesunde Kinder können von selbst schlafen. Das muss denen keiner beibringen. Föten, die nicht Schlafen, sterben schon recht früh in der Schwangerschaft. Alle anderen können schlafen. Ein recht einfaches System. Wenn man also nach der Geburt ausschließt, dass ein Baby wegen Schmerzen oder sonstiger physiologischer Probleme nicht ausreichend schläft, kommt schnell die Erziehung ins Spiel. 

Und da wird es schwierig. Denn kleine Kinder schlafen schon, nur nicht immer dann und so, wie es den Eltern in den Kram passen würde. Mit Schreibabys muss man sicherlich noch einmal anders umgehen, aber bei so einem ganz normalen Baby - da braucht es keine Erziehung in Sachen Schlaf. Denn Schlaf ist etwas ganz individuelles, abhängig auch von der Gehirnentwicklung und leider recht unkompartibel mit unserem durchgetakteten Leben in der Leistungsgesellschaft. 
Und darum stört mich auch diese Verknüpfung von Erziehung und Kompatibilität . Babys sollen mit Hilfe von Tricks in unseren normalen Alltag integriert werden, damit wir weiter ungestört funktionieren können. Ein absolut menschenverachtender Anspruch in vielerlei Hinsicht. 

Die Folge davon ist, dass Erziehung nicht einfach eine gewisse Anpassung durch Erlernen von Regeln ist, die einer Gesellschaft das halbwegs friedliche Zusammenleben ermöglicht. Erziehung soll aus Individuen funktionsfähige Maschinen machen. Für mich ist da nur schwer ersichtlich, wie Erziehung Raum für Menschlichkeit lassen soll und demnach sind Erziehungsratgeber für mich wenig mehr als Betriebsanleitungen für kleine Menschen. Sie berücksichtigen kaum, wie diese sind, sondern widmen sich der Frage, wie diese sein sollen und was man macht, wenn etwas defekt ist. 

Dabei bezweifle ich, dass Eltern ihre Kinder generell als fehleranfällige Maschinen ansehen wollen. Ich kann auch verstehen, wenn Eltern wirklich nicht wissen, wie sie genug Schlaf bekommen sollen und überhaupt das alles schaffen sollen. 
Ich bemängele aber, dass Eltern zuerst mal den 'Fehler' beim Kind suchen. 

Statt zu lernen, wie man richtig atmet sollten sich Eltern im Geburtsvorberietungskurs in der Diskussion mit anderen bewusst werden, dass die bevorstehende Veränderung nicht mit dem bisherigen Leben kompatibel ist und dass sie das einfach durchstehen müssen ohne etwas daran ändern zu können. Man kann ein Baby nicht in ein typisch westliches Erwachsenenleben pressen. Und das geht trotzdem auch nicht, wenn einer zu Hause bleibt. Es betrifft immer alle Personen im Haushalt. Immer. Jeder muss ran und so gut wie möglich situationsbedingt aushelfen. Jeder Mensch in dieser Familie wird sein Leben anpassen und verändern müssen, wenn ein Baby geboren wird. DAS sollte man den Leuten vermitteln und die Ratgeber reinschreiben.

All diese Ratgeber sind ja nur nötig, weil die Konflikte aus der Illusion entstehen, dass alle das gleiche zur gleichen Zeit wollen und können. Und wenn nicht: was nicht passt, wird passend gemacht. 
Das ist absolut fatal. Eltern, die wirklich an Schlafmangel leiden, werden Erziehungstipps aufgedrückt, statt ihnen klar zu machen: Finde jemanden, der auf das Baby aufpasst und geh selbst direkt ins Bett. Es funktioniert nämlich nicht, den Babyschlaf an die Elternbedürfnisse anzupassen. Babys funktionieren nicht so. 
Und es funktionieren auch nicht alle Eltern gleich. Manche können mit stückchenweise Schlaf nicht gut zurecht kommen. Aber steht in irgendeinem Ratgeber: Scheiß auf Supermami und Vollstillen! Gib das Baby einen Tag lang zu Papa/Oma/Tagesmutter/Kita/Freundin, geh heim und schlaf dich aus! 

Nein, das steht nirgendwo. Es steht da: reduziere den Stress bei Babybesuch. Lass dich bekochen. Oder besser noch: Bekoch dich selber indem du vor der Geburt die Gefriertruhe füllst. 

Das einzige was dabei rauskommt ist, dass alle Bedürfnisse von allen Beteiligten gleich wenig wert sind und gleich wenig Gehör finden. So sieht Erziehung heute nämlich aus. Keine Spur von: Lerne dich und dein Gegenüber wirklich kennen, akzeptiere die Veränderung und gestaltet euren Alltag zusammen. Sondern: Jeder von euch soll sich so verbiegen, dass ihr im Leben stets produktive Maschinen seit. 

Vielleicht kann ich mir diese Meinung auch nur leisten, weil ich Kinder habe, die schon immer gut geschlafen haben. Ich habe beide lange mehrfach nachts gestillt, die Schalfqualität hat sich phasenweise immer wieder komplett verändert und ich wache jeden Morgen durch Kinderfußtritte auf. Aber das empfinde ich als normal. Ich hatte nie das Bedürfnis daran etwas zu ändern, auch wenn ich müde bin. Wer nachts immer nur seine Ruhe haben will, der muss Single sein mit eigener Wohnung. So einfach ist das. Und bei uns wird das eben so lange dauern, wie es dauert. Zur Zeit schläft die Kleine mit fast 2 Jahren am besten ein, wenn sie auf meinem Bauch liegt. Also leg ich sie auf meinen Bauch und bleib so lang liegen, bis sie fest schläft. Wo ist das Problem? Bleibt halt der Haushalt liegen, gibt's halt keinen Film oder kein Buch. 

Und obwohl meine Kinder nicht von Anfang an durchschliefen und das oft heute noch nicht tun, obwohl sie noch nie in ihrem Leben allein in einem Bett geschlafen haben oder alleine eingeschlafen sind, finde ich, sie schlafen gut. Denn jeder hat eben seine eigenen Bedürfnisse und so lange ich meine erfülle, so lange erfülle ich auch gerne die meiner Kinder. Ganz ohne Erziehung.

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