Dienstag, 9. Juni 2015

Schuld und Sühne

In diesem Post soll um Schuld gehen. Meine gänzlich eigenen Gedanken dazu und meine bescheidenen Erkenntnisse. 
Auslöser für meine Gedanken waren diverse Artikel, in denen es um Scham und Schuld der Eltern geht, wenn sie das Kind anschreien. Kein ganz einfaches Thema - das verstehe ich.

Ich muss sagen, für mein Empfinden schreie ich relativ häufig. Und nicht nur, wenn mir meine Kleine ein Holzspielzeug um die Ohren haut. Ich werde sehr schnell sehr deutlich und laut. Und die Große wehrt sich dagegen, indem sie noch viel lauter gilft (so nenne ich dieses super hohe Quietschen, das die Ohren klingeln lässt). Ein schlechtes Gewissen habe ich deswegen nicht. 
Ich bin schnell aufbrausend und beruhige mich schnell wieder. Und ich muss ganz ehrlich sagen, gewaltfreie Kommunikation wäre schon prinzipiell nix für mich. Nicht, weil ich so ein gewalttätiger Mensch bin, sondern weil ich es für ein Konzept halte, das Menschen nicht gerecht wird. Mir missfällt der Gedanke daran, dass Menschen nette friedliebende Wesen sind, die in Harmonie miteinander leben können. 

Denn das stimmt einfach nicht. Klar haben wir alle harmonische Momente mit anderen Menschen. Aber die überwiegende Zeit verbringen wir doch in Situationen, in denen durch Machtgefälle Druck aktiv ausgeübt wird, in denen wir ungerecht sind, auf Rache sinnen oder einfach nur dabei zuschauen, wie andere Gewalt ausüben. Ich kenne keinen einzigen echten friedliebenden Menschen. 

Und so halte ich es für verfehlt, Gewaltfreiheit als Allheilmittel und Ideal zu propagieren, denn ich persönlich sehe keinen Sinn in der Heilsuche nach etwas, das sowieso niemand realistischer Weise erreichen kann. Der dadurch hervorgerufene Frust trägt nämlich bestimmt nicht zur Harmonie bei.

Dass man mich nun nicht falsch verstehe. Ich finde es durchaus lobenswert und erstrebenswert so wenig persönliche körperliche und psychische Gewalt in meinem Leben zu haben, wie nur irgend möglich. Ich halte nur den Gedanken, dass man sein Kind lebenslang traumarisiert, wenn man es mal anschreit in etwa so nützlich, wie wenn man mir ein Messer an die Kehle hält und sagt, jetzt entspann dich mal. 

Es soll hier nicht darum gehen, dass man sein Kind ruhig mal zur Sau machen darf. Darf man natürlich nicht. Man sollte so gewaltfrei wie möglich mit seinem Kind umgehen. Mich stören bei dieser Diskussion nur eben ein paar Dinge ganz gewaltig. Und ja, ich möchte mal ein paar Dinge relativieren.

Erstmal stört mich - wie bei fast allen Diskussion um Erziehung, dass das Wohl des Kindes offenbar immer höher anzusetzen ist, als das Wohl der Eltern. Das finde ich mal nen grundfalschen Gedanken. Und es heißt nicht, dass ich mich am Kind einfach austoben darf, wenn mir danach ist, sondern dass die Beziehung auf Gegenseitigkeit beruht. Kinder müssen lernen mitzuspielen. Klar funktioniert das mal besser und mal schlechter. Aber im großen Ganzen müssen meine Kinder genauso mitmachen wie ich. 
In den meisten Fällen führt das zu Kindern die recht gut 'gedrillt' sind - die also meist zeitnah die Schuhe anziehen, wenn die Mutter das sagt etc. Ich sehe darin absolut kein Problem, denn niemand kann um jeden Handgriff im Alltag diskutieren. Wenn dann doch mal einer dabei etwas lauter wird, weil es in dem Moment doch nicht passt, dann bringt das zwar nichts, aber es dürfte auch nicht direkt schaden, wenn man das Kind dabei nicht persönlich angreift. Immerhin macht es ja einen Unterschied, ob ich z.B. lauter werde mit 'Ich hab gesagt, du sollst sofort deine Schuhe anziehen!' oder 'Du bist ein böses Kind und ich hab dich nur lieb, wenn du machst, was ich sage!' Ich kenne keine Eltern, die da sofort die bösartige Variante benutzten (obwohl es das bestimmt auch gibt). 

Um aber auf das eigentliche Thema zurück zu kommen, machen sich Eltern schuldig, wenn sie ihre Kinder anschreien? Ich würde sagen: jein. Meist ist es unnötig, also kann man es gleich lassen. Und meist bringt einen Schreien nicht weiter, also kann man es gleich lassen. Und doch ist es für mich ein unverzichtbares Ventil, wenn ich gerade echt genervt bin, einen Schrei loszulassen. Ich hatte noch nie einen grundlegend negativen Gedanken, meinen Kindern gegenüber und ich behaupte, das liegt auch daran, dass ich hin und wieder 'Nein!' schreie. Damit ist mein Ärger nämlich gänzlich verflogen und fertig. Und ich habe auch keine negativen Auswirkungen festgestellt, denn unsere Beziehungen sind so fest und tief, dass bisher keine Angst aufkommt - weder bei mir, noch bei den Kindern.
In anderen Familien mag die Situation gänzlich anders sein. Dort mögen meine Relativierungen gänzlich unangebracht sein. 

Generell frage ich mich, wie das ist mit der Schuld der Eltern? Klar, wenn einer das Leben der Kinder versauen kann, dann wir Eltern. Aber wie ist das mit der Schuld? 
Zum einen sind Kinder ja unterschiedlich. Aber Kinder können auch einiges ab. Während meine Kinder es gelassen zur Kenntnis nehmen, wenn ich mal schreie, dürften andere in Panik geraten. Darum ist ja die Auseinandersetzung der Eltern mit den Kindern so zentral. Nicht jeder verträgt im selben Augenblick gleich viel. 

Ich rede hier mal ausdrücklich nicht von systematischer oder mutwilliger Misshandlung, sondern vom affektiven Verhalten in überfordernden Situationen. Das typische genervt sein eben.

Eine meiner Grundannahme ist ja, dass Eltern ihre Kinder lieben und gut zu ihnen sein wollen. Die meisten Eltern geben sicherlich ihr Bestes. Und ja, ich finde, das entbindet sie vom Großteil ihrer Schuld, wenn sie mal falsch reagieren. Wer sich stets bemüht und versucht sich zu verbessern in seinem Handeln, dem kann man keinen substantiellen Vorwurf machen. Denn mehr kann dieser Mensch einfach nicht leisten. Auch wenn man der Ansicht sein mag, er müsse mehr können. Das ist völlig irrelevant. Es wäre dogmatisch, Menschen an fiktiven Idealen zu messen ohne ihre persönlichen Möglichkeiten zu berücksichtigen. Genau mit diesem Argument relativiere ich das Ideal der perfekten Eltern, die immerzu 'richtige' Entscheidungen im Sinne ihrer Kinder treffen. Auch, weil mir, wie immer, der Fokus zu sehr auf den Kindern liegt. Niemand sollte sein eigenes Leben allgegenwärtigen Selbstvorwürfen und Zweifeln opfern, nur damit einem die Kinder später nicht vorwerfen, man habe ihr Leben versaut. 

Denn das ist der zweite Punkt, der mich stört. Bin ich schuld, wenn mein Kind später Probleme hat? 

Klar bin ich das, wer denn sonst? Ich persönlich gehe davon aus, solch einen Vorwurf aus dem Mund meiner Kinder zu hören. Denn zum Einen treffe ich tatsächlich nicht immer die besten Entscheidungen (was sich aber erst im Nachhinein herausstellt) und zum Anderen wird das Erwachsenwerden für meine Kinder eine ebenso harte Lektion sein, wie für alle anderen auch. In dieser Situation halte ich es für verantwortlich mich dem Kind zu stellen und nach Möglichkeiten zu suchen, die Probleme auf- und zu verarbeiten.

Es gibt ganz klar Familien, in denen einer eine völlig falsche Abzweigung wählt (und es vielleicht noch nicht einmal selber merkt) und die Reise fatale Auswirkungen hat. Das darf man keinesfalls mit 'musst du halt mit klarkommen' abtun. Rückgängig machen kann man da auch nix mehr, aber begleiten und aktiv daran arbeiten, diesen Weg zu verlassen, das kann man, als Familie und als Außenstehender. Die Schuldfrage allerdings ist nie so leicht zu beantworten. Und damit meine ich nicht, dass ein Kind selbst schuld ist, wenn es Gewalt ausgesetzt ist. Ich meine eher, dass die Frage, wer wirklich Schuld ist, meist nicht eindeutig zu beantworten sein dürfte.

Das liegt nicht an einer Relativierung der Schuld an sich, sondern am Konzept. Was ist Schuld? Und ist Schuld überhaupt relevant? Das ist der dritte Punkt der mich beschäftigt hat.

Meine bescheidene Erfahrung ergab, dass die Frage nach der Schuld nur Sinn macht, wenn man auf Vergeltung und/oder Rache sinnt. Schuld ist kein Konzept, dass zur Lösung irgendeines Problems oder zur Verbesserung irgendeiner Situation nützlich wäre. Wenn wir fordern, dass jemand Schuld eingesteht und 'Verantwortung übernimmt' für etwas, wollen wir ihn eigentlich bestraften. Im alttestamentarischen Sinne. Dies mag Rachegelüste beim Opfer befriedigen, oder noch schlimmer, unserem 'Gerechtigkeitssinn' genüge tun. Aber kein Problem der Welt wird so gelöst. Und das ist verdammt bitter. 

Für mich jedenfalls war diese Erkenntnis verdammt bitter, jedes einzelne Mal, wenn sich jemand mir gegenüber wie ein Arschloch verhalten hat. Und noch bitterer war die Erkenntnis, dass es - für mich jedenfalls - nur eine einzige Möglichkeit gibt, diese Erlebnisse zu verarbeiten und 'unbeschadet aber klüger' da heraus zu kommen. Das einzige, was mich je weiter gebracht hat war: Vergebung. 
Und ich hab schon ne Menge schwerwiegender Sachen vergeben müssen. Und ich hab zum Teil Jahre lang dazu gebraucht. Vor allem, weil sich eben diese Erkenntnis, dass nicht Rache, sondern Vergeben und Verzeihen, mir mein Leben und meine psychische Gesundheit wiedergeben, nicht mit 15, nicht mit 20 und auch nicht mit 25 Jahren eingestellt hat. Es hätte mir sicherlich geholfen, wenn meine Mitmenschen aktiv zur Bereinigung der Vorfälle beigetragen hätten - durch Entschuldigung oder Bereuen. Aber die Hauptarbeit der Verarbeitung lag und liegt immer bei mir. 

Und ich hoffe, ich kann meinen Kindern das Konzept der Vergebung nahebringen, ehe sie aufgeben und resignieren.

Bin ich also Schuld am Wohl und Wehe des Schicksals meiner Kinder? 

Mein Fazit lautet: Das ist die vollkommen falsche Frage. 

Wenn ich will, dass meine Kinder ein glückliches Leben führen, dann darf ich sie nie allein lassen mit ihrer Angst und ihrem Hass. Ich muss sie lehren zu verzeihen, nach Lösungen zu suchen, mutig zu sein und sich zu entschuldigen, damit sie nicht verzweifeln. Im besten Falle können sie später 'Schuld' selbst relativieren. Denn wahrscheinlich werden sie andere sehr verletzen und grauenhaft verletzende Dinge erleben. 

Uns Eltern tut das weh. Sehr sogar. Und doch wissen wir, dass unsere Kinder mit massiver Gewalt konfrontiert sein werden. Denn wir Menschen sind keine friedliche Spezies. Wir tun einander mit Vorliebe ganz grauenhafte Dinge an, bewusst oder unbewusst. Das ist so zu sagen unsere eigentliche 'Erbsünde'. 

Und es ist keine Rechtfertigung, sich nicht permanent anzustrengen und so wenig gewalttätig zu sein, wie nur möglich. Nur die Gewalt zu leugnen oder gleich ganz zu verdammen sind meines Erachtens nach keine gangbaren Wege. Wir sollten viel mehr lernen die Gewalt einzudämmen und dennoch mit ihr umzugehen. Wir verschwenden unser Leben und das unserer Kinder nur, wenn wir uns mit der Suche nach 'den Schuldigen' aufhalten. Wir verschwenden nur unsere Zeit, wenn wir uns ein 'schlechtes Gewissen' machen, statt uns zu fragen 'Warum hat diese oder jene Situation nicht so funktioniert, wie wir es erwartet haben?' Und darum verzichte ich auf ein sinnloses schlechtes Gewissen.

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