Dienstag, 16. Juni 2015

Für meinen Papa

Mein Vater wird stolze 60 Jahre alt und ich möchte berichten - über ihn und über mich und über einen Mann, der sich einen Scheiß darum geschert hat, was Mann so tut und was nicht. Einen Mann, der vieles gesehen hat, vieles richtig gemacht hat und der ein echter Fels in der Brandung ist. Ich habe nicht nur einen Großteil meines Aussehens von ihm, sondern auch weite Teile meines Charakters. Und ich muss sagen: ein Glück habe ich den besten Papa der Welt!

Wie durchaus schon einmal erwähnt, war mein Vater von der ersten Minute an an meiner Seite. Dass ich ein Mädchen war, spielte für ihn keine sonderliche Rolle. Mein Vater ist einer der wenigen echten Feministen, die ich kenne. Er entspricht so überhaupt nicht dem, was man sich unter einem Mann seiner Generation vorstellt. Warum? Nun, er vereint derart viele Widersprüche in sich, dass er grundsätzlich in keine Schublade passen mag.

Kommen wir zum Aussehen. Schon früh machte mein Vater lieber Sport, statt zur Schule zu gehen. Mit 20 war er Berufssoldat - bei den Fallschirmspringern. Er lief Marathon, war und ist leidenschaftlicher Bodybuilder, seine Motorräder sind immernoch durchweg rennsporttauglich, seine Liebe zu Autos sorgt für ständig verschmierte Pranken. Mein Vater ist ein 193cm, 120kg durchtrainierter Muskelprotz mit wilden langen Locken (wir haben seit 25 Jahren die gleiche Frisur), blondem Schnäuzer, riesigen Händen und Füßen - und er ist der absolut sanfteste Mensch, den ich jemals gesehen hab. Zudem sieht er aus wie Ende 40 und wird regelmäßig als mein 'Gatte' tituliert, wenn wir zu zweit irgendwo auftauchen (und das nicht, weil ich so unglaublich alt aussehe, hoffe ich).

Er hat nur die Volksschule beendet, dafür aber 7 abgeschlossene Berufsausbildungen (unter anderem als Industriekaufmann, Automechaniker und Rettungssanitäter --> schnelle Autos, ihr versteht), arbeitet seit 20 Jahren als Krankenpfleger im Intensivbereich und ist ein totales Allroundgenie. Eigentlich wollte er Kinderpfleger werden, als er Anfang der 90iger die Ausbildung zum Krankenpfleger machte. Allerdings kamen damals nach dem Mauerfall Frauen aus dem Osten, die schwerst behinderte und missgebildete Kinder gebaren, die mein Vater in den Tod begleiten musste. Nach einer Traumatherapie entschloss er sich dann doch lieber, alte erwachsene Menschen zu pflegen, bis ihr letztes Stündchen schlägt. Und selbst das weiß er zu verhindern, denn wenn er Dienst hat, wird zuerst nach ihm gerufen und dann nach dem Arzt. Auch wenn es um knifflige Punktionen geht beweist mein Vater Talent, nur wenn man mit einer Spritze auf ihn zeigt, fällt er vom Stuhl (dies ist absolut wörtlich zu nehmen und die vorgeschriebenen Impfungen werden ihm daher ausschließlich im Liegen verabreicht). Mein Vater ist keiner, der zaudert, sondern einer der immer weiß, was zu tun ist und das auch prompt macht. 

Mein Vater war nie Alleinverdiener. Meine Eltern haben sich immer alles so gut wie möglich aufgeteilt - je nachdem wer grad welchen Job hatte und wer was übernehmen konnte. Wenn einer grad eine neue Richtung einschlug, hat der andere das finanziert. So sind meine Eltern nie reich geworden, aber es reicht durchaus für teure Hobbys. Mein Vater ist ein unglaublich kluger Mann, ein echter Autodidakt, mit einem erstaunlichen Weitblick und einer extremen Unfähigkeit, sich Vorschriften machen zu lassen.  Damit hat er sich immerzu erfolgreich das Leben schwer gemacht, aber ich glaube er hat sich nur wenige Male wirklich verbiegen müssen.

Doch für mich haben meine Eltern, und vor allem mein Vater, sehr große Zugeständnisse gemacht. Kaum hatte er seine Freundin unabsichtlich geschwängert, wurden die beiden in Windeseile verheiratet. Seine große Liebe, ist nicht meine Mutter, sondern eine Jugendfreundin, deren Namen zufällig auch auf meiner Geburtsurkunde steht. Dennoch sind meine Eltern bis heute verheiratet. Die Kriesen haben sie gemeistert und mein Vater hat - das kann man so definitiv sagen - meine Mutter samt ihrer Mutter gerettet. Mein Vater ist und war immer stark, ein Bär von einem Mann und wenn's drauf ankam hat er mit seiner schieren Präsenz bestimmt, wo's lang geht. Mein Vater ist aber auch Meister darin, Fünfe mal gerade sein zu lassen und alles nicht so eng zu sehen.

Er war immer ein ausgesprochen liebevoller Vater, auch wenn ich als Kleinkind durchaus öfter mal den Hinter versohlt bekam. Meine Freiheitsliebe habe ich von ihm und meine Bockigkeit von meiner Mutter. In der Pubertät war mein Vater öfter mal mit mir überfordert und war dadurch sehr streng. Leider habe ich ihn schlicht durch meine weit tiefergehende Bildung ausspielen können und das auch getan. Er war dann eigentlich nie beleidigt, sondern stolz, dass ich so viel mehr schulische Erfolge vorzuweisen habe. Er selbst hat die Schule immer gehasst und sich dadurch so manches erschwert.

Seine Kindheit war nicht ganz so kuschelig und das Verhältnis zu seinen Eltern schon immer schlecht. Mittlerweile haben sie nur sehr selten Kontakt. Auch 2 seiner Geschwister mag er lieber nicht mehr sehen. 
Dafür ist er der beste Opa, den man sich nur vorstellen kann. Es gibt Bilder, da hält er mich als Baby ganz verzückt in seinen Riesenpranken. Als er die Große direkt nach der Geburt in den Armen hielt, verschwand sie komplett in den Muskelbergen. Aber sein Blick, der hätte nicht liebevoller sein können. Waren wir, der Trüffel und ich, krank, so kam er bisher immer ein paar Tage und versorgte die Kinder. Es ist ganz erstaunlich, wie gut er mit Kindern kann. Beide Damen hängen ihm Quasi von Geburt an am Hals. Ich würde sogar sagen, dass er besser mit den Kindern kann als der Trüffel, weil er gelassener ist.

So wie mich auch, führt er die jungen Damen gerade in die Kunst der Kraftfahrzeugpflege ein. Reifenwechsel, Ölwechsel, auf den Feldern die Kinder auf den Schoß nehmen und seinen neuen Sportwagen lenken lassen… die Kinder mit dem LKW seines Bruders mitnehmen, die Große ein paar Runden mit dem Motorrad mitfahren lassen - mein Vater weiß, wie er die Augen der Damen zum Leuchten bringt. Mich macht das glücklich, weil ich mich an meine Kindheit erinnert fühle. Und ich sehe, wie überaus glücklich mein Vater ist, wenn er mit den Mädels zusammen ist. 

Und nun wird er 60 und ich weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll. Je älter ich wurde, umso schwieriger war es sicherlich für ihn, mich in Ruhe zu lassen. Er ist ja eher der Beschützertyp. Meine Freunde wurden zwar immer freundlich aufgenommen, aber ich glaube, er war während meiner 'wilden Zeit' doch sehr besorgt um mich. Und auch wenn ich nun ganz gut allein zurecht komm, so bräuchte ich nur ein Wort zu sagen und mein Papa käme und würde mich aus absolut jeder Situation retten. 

Mein Vater war nie wie andere Männer. Mein Vater war schon immer ein echter Held.

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