Mittwoch, 6. Mai 2015

Von der Natur der Dinge, oder was ist eigentlich Biologie?

Fragt man den Trüffel, so bekommt man ellenlange Monologe über 'die scheiß Biologie' zu hören. Ich muss dazu sagen, der Trüffel ist von Hause aus Mathematiker/Physiker und hat sich nur zufällig in die Biologie verirrt. Jedoch fehlen ihm die exakten Wissenschaft sehr…

Ich für meinen Teil habe Biotechnologie studiert und bin Zellbiologin. Ich weiß ne Menge über Biochemie, Genetik und Entwicklungsbiologie. Ich habe lange mit neuronalen und embryonalen Zellkulturen gearbeitet. Ich habe genetisch veränderte Zellen produziert und in Embryonen eingesetzt. Und dabei habe ich so manches gelernt über den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Eine Erkenntnis ist: Je kontrollierter die Umgebung, desto flexibler weicht ein biologisches System dem Selektionsdruck aus. Das gilt für in sich geschlossene Zellkultursysteme, genauso wie für ganze Organismen - vom Einzeller bis zum Komplexen Tier/Pflanze/Pilz. 

Biologie funktioniert nicht so, wie es im Lehrbuch steht. Genetik funktioniert nicht so. Was den Trüffel so aus der Fassung bringt, ermöglicht mir unendliche Bewunderung für einen maximal flexiblen Vorgang bei gleichzeitiger enormer Organisation komplexer Einzelreaktionen. Einfacher gesagt: Wer versteht, wie exakt jede einzelne chemische und physikalische Reaktion in einer Zelle (vor allem aber in der Genetik) abläuft, der erblasst vor der Erhabenheit des Organismus. Noch einfacher: Wer schon einmal eine embryonale Stammzelle durchs Mikroskop betrachten konnte, der versteht warum es 'Wunder des Lebens' heißt. (Ich möchte nur anmerken, gleiches gilt für jede Zelle, auch und besonders für Einzeller.)

Ich finde, mit Stammzellen sollte viel mehr gearbeitet werden, jeder soll sich das ansehen können - live - nicht auf Bildern in Wissenschaftszeitungen. 

Warum ich das schreibe, über Stammzellen und Biologie? Nun, um zu erklären, warum ein Zellhaufen ein Zellhaufen ist und ein Baby ein Baby. 

Wie ich dazu komme? Weil ich grad mittendrin bin in einer Fehlgeburt. Und ich bin kein bisschen traurig, obwohl wir uns weitere Kinder wünschen. 

Ich möchte euch erklären, warum das für mich so ist. Ich möchte das tun, um anderen zu zeigen, dass es auch andere Reaktionen geben kann außer 'Mein Gott, es ist so schrecklich!' Eine Fehlgeburt muss nicht per se etwas Schlimmes, Trauriges oder Traumatisches sein. Eine Fehlgeburt muss nichts sein, wovor man unbedingt Angst haben muss. Aber damit auseinander setzen muss man sich, denn so gut wie alle Frauen erleben eine Fehlgeburt. 

Auch wenn ich mich damit unbeliebt mache, es ist zu einem bestimmten Grad auch Einstellungssache, wie man damit umgeht. Ich wurde sehr religiös erzogen, kann also nachvollziehen, wie ein religiöser Mensch darüber denken muss. Und das ist ok. Ein Katholik muss per Dekret an Spontanbeseelung glauben, somit ist eine befruchtete Einzelle, die sich einnistet definitionsgemäß ein Baby mit einer Seele. Protestanten sind sich darüber noch nicht ganz einig wann, aber dass es eine Seele gibt, steht auch für sie fest. Bei anderen Glaubensrichtungen bin ich nicht näher informiert, gehe aber davon aus, dass sie es ähnlich halten. Ich nehme an, die meisten Menschen können mit dem Konstrukt einer 'Seele' etwas anfangen. Ich bin Atheist. Ich kann das nicht. 

Zudem habe ich mich auf Grund meiner Ausbildung mit dem Begriff 'Potenzial' auseinander setzen müssen. Kein ganz leicht zu verstehender Begriff, vor allem in der Biologie, weswegen der Trüffel lieber als Mathematiker gesehen werden will. In der Biologie jedoch beschreibt das 'Potenzial' die Welt, die einer (Stamm)Zelle offen steht. Gewebestammzellen haben das Potenzial zu verschiedenen Zellen eines bestimmten Gewebes zu werden. Das ist mehr Protenzial als bereits ausgereifte Zellen haben (jedenfalls in der gängigen Lehrbuchversion), aber weniger als embryonale Stammzellen haben. Diese sind pluripotent und befinden sich in der Blastozyste, einem recht frühen embryonalen Zustand, etwa um die Zeit der Einnistung (bei Säugern). Diese Zellen können zu jeder Zelle des Embryos werden, also Nervenzelle, Muskelzelle, Knochenzelle usw. Dabei läuft ein recht stark vorgegebenes genetisches Programm ab und eine Menge Zellteilung. 

Diese Stammzellen sind wunderschön. Wer sie sieht, erkennt darin sofort das unbeschreibliche Potenzial dieser Zellen. Aber man erkennt auch, dass diese Zellen funktionieren, wie ein mechanisches Uhrwerk. Die Zellen selbst haben kaum etwas Erhabenes, erst der Zustand ihrer DNA, also ihr Potenzial macht sie besonders. Das aber ist ein sehr abstraktes Konstrukt aus chemischen Vorgängen, die physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgen und die wir Menschen uns lediglich mit Behelfskonstruktionen zu veranschaulichen suchen. 

Ich muss sagen, für mich ist eine Zelle eine Zelle und ein Zellhaufen ist ein Zellhaufen, auch wenn er strukturiert ist. 
Nichts übertrifft an Ästhetik die Kultur cortikaler Neuronen. Ich hab schon viel gesehen, glaubt mir, das ist unübertrefflich schön. Aber viele Nervenzellen auf einem Fleck sind noch lange kein Gehirn. In einer Kultur funktioniert jede Zelle, wie sie soll - rein chemisch/physikalisch, aber die Zellen zusammen funktionieren nicht wie ein Organ. Und im frühen Embryo ist es nunmal genauso. Meine Blutungen setzten gestern ein, das wäre Mitte Woche 7. Viele Frauen würden argumentieren 'aber da kann man doch schon ein Herz schlagen sehen…' 

Nein, das kann man nicht. Hält man Embryonale Stammzellen in Kultur ohne gewisse Faktoren, die ihre Pluripotenz erzwingen, also ihren Stammzellcharakter, so entstehen kleine Zellkügelchen, jedes Kügelchen ein Klon seiner Mutterstammzelle. Früher hießen diese Embryonic Bodies, was irreführend war, da aus diesen Zellen keine Embryonen mehr entstehen. Entlässt man die Stammzellen also aus ihrem Zustand, so differenzieren etwa 60% zu Nervenzellen und 40% zu Muskelzellen. Grundsätzlich wird aus einer embryonalen Stammzelle immer eine Nervenzelle, sofern man ihr nichts anderes vorgibt. Das heißt 'default pathway'. In einem Zellhaufen differenziert also Zelle Nr.1 zu einer Nervenzelle. Diese 'redet' mit den Nachbarzellen und ermöglicht denen auch Nervenzellen zu werden, wenn sie soweit sind. Oder sie 'redet' nicht mit ihnen, dann werden es Muskelzellen. Ein einfaches System und somit Idiotensicher. 
So funktioniert es auch in Embryonic Bodies. Im Mikroskop kann man dann kleine Zellkügelchen sehen, die sich rhythmisch zusammenziehen und schlagen wie ein Herz, nur dass diese Zellkügelchen kein Herz sind, sondern Zellkügelchen. Mit Nervenzellen ist es ähnlich. Moderne Kulturtechniken ermöglichen es die Neurogenese bildlich nachzuvollziehen. Nervenstammzellen und Nervenzellen in verschiedenen Reifestadien. Aber das ist kein Gehirn. Diese Nervenzellen haben keine strukturierten Verbindungen, kaum strukturelle Organisation - es ist kein Gewebe. Das Gehirn eines menschlichen Embryos in Woche 6-7 ist im Grunde Zellmatsch. Es ist kein Gehirn. Würde man es in die Hand nehmen wollen, würde es bereits bei der leisesten Berührung auseinander fallen in seine Einzelbestandteile. Es enthält keine einzige ausgereifte Nervenzelle. Ich weiß das, weil ich ausprobiert habe. Nicht an Menschen, aber ich habe über 8 Jahre frühe Embryonen präpariert. Das Einzige, was da schon sinnvoll organisiert ist sind die ersten Blutgefäße. Die Kanalisation und Anschlüsse kommen nämlich immer zuerst, vor dem Hausbau.

Natürlich kann aus diesem matschigen Embryo ein Kind werden. Muss sogar, denn aus einem menschlichen Embryo kann gar kein Hundewelpe entstehen. Ein früher Embryo hat also das Potenzial ein Kind mit einem süßen Lächeln und großen blauen Babyaugen zu werden, er ist es nur noch nicht. Er hat keinen Charakter, keine Ängste, keine Empfindungen. In ihm läuft ein striktes genetisches Programm ab und wenn darin ein Fehler auftaucht, so wird das Programm abgeschaltet. Wie eine Uhr, die stehen bleibt. 
Etwas anderes ist es, wenn Papa mit dem dicken Bauch der Mama spricht und der Fötus darauf reagiert. Dieses Entwicklungsstadium ist so unendlich viel besser strukturiert, dass es koordinierte Bewegungen und Handlungen zulässt. Einem solchen Fötus würde ich sofort einen anderen Status zusprechen als dem Zellhaufen zu Beginn. Darum unterscheidet man auch zwischen Embryo und Fötus. 

Vielen mag diese biologistisch geprägte Sichtweise sauer aufstoßen. Das kann ich verstehen, denn unsere Gesellschaft ist grundlegend christlich geprägt. Wer zwar nicht in die Kirche geht, aber dennoch an eine Seele glaubt, wird von mir als religiöser Mensch gesehen. Ob man religiös ist und welchen Überzeugungen man anhängt kann man jedoch sehr gut bewusst steuern, sofern man sich mit seinen eigenen Ansichten auseinander setzt. Ich habe das getan und bin definitiv kein religiöser Mensch. Das meine ich auch mit 'Einstellungssache'. 

Aber ich bin ein sehr genauer Mensch und so konnte ich direkt eine Woche nach dem Eisprung sagen, dass ich schwanger bin, nicht weil ich eine Eingebung hatte, sondern weil ich Symptome hatte. Sehr viel früher als jeder Frühtest habe ich 1 und 1 zusammen gezählt, denn ich kenne meinen Körper sehr genau und kann mein Befinden differenziert beschreiben. So war ich nicht überrascht, als der Test positiv wurde. Ich war auch nicht überrascht, als ich gestern Blutungen bekam, denn ich weiß seit Tagen, dass sich die Symptome verändert haben und dass es nicht funktioniert hat. Und ich finde es überhaupt nicht schlimm. Ich bin ja grundsätzlich fruchtbar und der Trüffel auch und wenn dieser Embryo nicht funktioniert hat, dann nehme ich eben den nächsten. 

Ein Bild vom nächsten Kind habe ich natürlich schon. Es ist unvermeidlich, denn ich habe bereits Kinder, die sich sehr ähnlich sehen. Also schätze ich ein drittes Kind wird den ersten Beiden auch ähneln. Namen haben wir auch schon. Die stehen seit der ersten Schwangerschaft fest. Aber der positive Test ist für mich genau das: ein positiver Test. Nicht mehr und nicht weniger. 

Dass so viele Frauen unter frühen Fehlgeburten leiden finde ich traurig. Denn eigentlich sind dies wohl die von Gott verlassenen. Wer wirklich gläubig ist, den fängt Gott auch auf. Wer es wirklich nicht ist, den trägt sein Weltbild. 
Wer jedoch eigentlich religiös ist, aber aus irgendwelchen Gründen nicht an Gott glauben mag, der steht allein und weiß nicht was er denken soll. Für den bleiben alle Fragen und Möglichkeiten offen, auch die nach der verlorenen Seele. 
Ein bisschen, muss ich zugeben, tun mir diese Menschen leid, denn keiner kann ihnen helfen, Gott nicht und wissenschaftliche Erkenntnisse auch nicht. Sie werden zwischen Glaube und Konfrontation aufgerieben, bis sie sich für eine Seite entscheiden. Ich bin froh, dass ich das Problem nicht habe.

Kommentare:

  1. Ich habe nach meiner Fehlgeburt getrauert. Nicht um ein Kind, sondern um das Versprechen eines Kindes - was Du "Potenzial" nennst. Die Möglichkeit eines Menschen, den ich nun nie werde kennen lernen können, da jedes dieser Zellhäufchen und Potenziale Unikate sind.

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    1. Nun, das verstehe ich durchaus. Du hast dich auf ein Kind eingestellt und die Änderung des Plans hat dich überrascht und dadurch etwas aus der Bahn geworfen. Wie du so schön schreibst: ein Versprechen, das nicht gehalten werden konnte. Das mag die Enttäuschung hinterher erklären.

      Das mit dem genetischen Potenzial der embryonalen Stammzellen hab ich vielleicht nicht deutlich genug erklärt. Ich meine nämlich genau das Gegenteil von dem, was du wohl verstanden hast. Ziel ist niemals der Erhalt des Potenzials (der Pluripotenz), sondern deren Verlust (engl. klingt das besser: release from pluripotency). Die Zellen sollen ja differenzieren. Zellen haben im Übrigen ja noch mehrere Eigenschaften, die mit Potenzial betitelt werden, z.B. elektrische Potenziale...

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  2. Mir ist das noch nicht passiert, ich habe mir aber in beiden Schwangerschaften immer wieder vor Augen gehalten, dass es passieren kann - und auch oft tut. Ich weiß auch, dass es bei den frühen Abbrüchen nahezu immer einen Fehler gibt, der zu dem Abbruch führt.
    Ich kenne sehr viele Frauen, die das erlebt haben. Und leider auch einige, deren Schwangerschaft schon sehr viel weiter fortgeschritten war.
    Dennoch, auch wenn ich auch eher ein Kopfmensch bin, weiß ich nicht, ob ich das so gut weg gesteckt hätte wie Du jetzt.
    Ich muss aber dazu sagen, dass es bei uns beim zweiten Kind sehr lange gedauert hat, bis ich überhaupt Schwanger geworden bin. Und diese Zeit hat mich in vielerlei Hinsicht sehr belastet. Es wäre schon deshalb für mich schwer gewesen, wieder von vorn anzufangen.

    Ich drück die Daumen für mehr Glück beim nächsten Mal!

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  3. Liebe Rosalie, mir gefällt Dein Blog und Dein Schreibstil sehr, weil Du mal andere Perspektiven aufzeigst - und den Artikel finde ich toll, besonders als jemand, der eine Abtreibung vor über 10 Jahren hatte....Danke für die genaue Beschreibung aus biologischer Sicht- so ähnlich hatte es mir meine Mediziner-Mutter auch erklärt.
    LG, Julia

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  4. 'Liebe Rosalie, mir gefällt Dein Blog und Dein Schreibstil sehr, weil Du mal andere Perspektiven aufzeigst - und den Artikel finde ich toll, besonders als jemand, der eine Abtreibung vor über 10 Jahren hatte....Danke für die genaue Beschreibung aus biologischer Sicht- so ähnlich hatte es mir meine Mediziner-Mutter auch erklärt.
    LG, Julia'

    Liebe Julia, schön wenn dir der Blog gefällt. Leider kann dein Post nicht angezeigt werden, ich finde noch heraus, warum.
    Mein Stil - naja, ich bin ja nicht journalistisch geschult, also schreibe ich eher so, wie mir der Mund gewachsen ist.
    Ich hoffe, du findest weitere Posts, die dir gefallen! Liebe Grüße
    Rosalie

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