Montag, 18. Mai 2015

Über die Hausfrau in unserer Familie

Ich muss ehrlich sein, ich weiß nicht, was eine Hausfrau ist. Ich kenn das nur aus Erzählungen. Und so richtig eine getroffen hab ich eigentlich nur eine. Es war die Mutter einer Schulkameradin, die hatte 7 Kinder und war offensichtlich damit verständlicher Weise ausgelastet. Allerdings war sie sehr engagiert in der Kirchengemeinde. Sie hatte damit mindestens einen Halbtagsjob, wenn auch unbezahlt. 

Aus meiner Familie kenn ich das gar nicht. Und Nachforschungen ergaben, dass die Familie des Trüffels (gebürtig aus dem Ruhrgebiet) das ebenfalls nicht als Modell zu bieten hatte. 3 Jahre mit Kind zu Hause bleiben? Oder gar länger? Nee, sorry, lief nicht. 

Ich möchte nun mal darstellen, warum Erwachsene und leider im letzten Jahrhundert auch schon Kinder für Geld arbeiten mussten. Nur, weil heut so gern getan wird, als sei das eine neue Erfindung und als sei in der guten alten Zeit das Geld vom Goldesel geschissen worden…

Fangen wir mit der Familie des Trüffels an.
Dort sind mir mehr oder minder nur die Schicksale der Trüffelgroßmütter bekannt. Ich kann somit also nur einen Zeitraum von 3 Generationen und ca. 80 Jahren abdecken. Seine Oma väterlicher Seits war in der Tat 'Hausfrau'. Der Opa war Bergmann und sie hatten aber ein recht großes Gut geerbt, wo die Hausfrauen-Oma jedoch Landwirtschaft im großen Stil betrieb und damit waren sie nicht nur Selbstversorger, sondern konnten auf dem Wochenmarkt noch Obst und Gemüse verkaufen. Zu Kriegszeiten war das natürlich ein Segen, allerdings relativiert sich damit das Hausfrauendasein sehr. Die Kinder waren zwar mit im Haus, aber statt zu Spielen ging's auf den Kartoffelacker zum arbeiten.

Die Trüffel-Oma mütterlicherseits war auch 'Hausfrau'. Nun ja, der Mann war lange in Kriegsgefangenschaft und so ging die Oma putzen und half beim örtlichen Bäcker im Verkauf. Ungelernt musste die Frau doch recht schuften, um sich ihr Hausfrauendasein leisten zu können. Später, als der Mann wieder aufgetaucht war, behielt sie nur einen ihrer Jobs, das Putzen und das erledigte sie während die Kinder in der Schule waren. Über die ersten Jahren hatte sie die Kinder ja allein bringen müssen und die Kinder waren oft bei der Tante, die krank war und darum nicht arbeiten konnte.

Die Trüffelmutter dann hatte studiert und war Lehrerin als der Trüffel kam. Und obwohl des Trüffels Vater eine recht gut bezahlte Arbeit hatte musste sie auch sehr schnell nach der Geburt - es waren 6 Monate - wieder ran. Sie arbeitete 70% und der Trüffel wuchs mehr oder minder bei den inzwischen eher nicht mehr rüstigen Rentner-Großeltern auf. 

Klar, alle diese Generationen haben versucht zu Beginn der Karrieren und Familiengründung eine eigene Immobilie - wenn auch keine Villa - zu bauen/erwerben. Aber auch vor 30 oder vor 50 Jahren mussten beide arbeiten, um dieses zu finanzieren. 

In meiner Familie kann ich durchaus zu Teilen noch weiter in die Vergangenheit reisen. 

Meine Ururgroßmutter mütterlicher Seits war eine arme Frau. Sie bekam im Laufe des Lebens 14 Kinder und hatte einen Mann, der sein ganzes Gehalt in die Wirtschaft trug. Halb versoff er es dort, halb verspielte er es. Also musste auch sie arbeiten gehen. Bald gab es ja genug große Geschwister, die die Kleinkinder beaufsichtigten. Ihre Tochter - meine Uroma - bekam meine Oma (ihr erstes Kind) Mitte der 30iger Jahre. Der Mann verdiente zwar eigentlich gut, aber es gab ja genug Familienmitglieder, die noch auf finanzielle Hilfe und Pflege angewiesen waren. Kleine Geschwister, kranke Eltern, all das und so ging meine Uroma direkt nach der Geburt in der örtlichen Emailefabrik arbeiten. Die Frau bekam 5 Kinder und war nie Hausfrau. Schon gar nicht während des Kieges, als der jüngste Sohn geboren wurde und der Mann irgendwo in Russland war.

Meine Oma dann ging bereits mit 12 Jahren direkt nach dem Krieg für Geld in die Fabrik arbeiten, denn die Mutter bekam Krebs, der Vater war nach dem Krieg nicht mehr voll einsatzfähig und irgendwer musste ja Geld verdienen. Und auch nach der Geburt meines Onkels und meiner Mutter Anfang der 60iger war da keine Rede vom Hausfrauenideal. Ein kleines Häuschen bauen, den Acker bewirtschaften und Kinder groß ziehen. Auch mit Baby ging es da in die Fabrik. Obwohl mein Großvater bei einem schwäbischen Autobauer als Werkzeugmacher einen guten Job hatte. Allein, es gab keine Pflegeversicherung, die die Arztrechnungen der kranken Eltern bezahlte und es gab keinen Bausparvertrag, nur einen Kredit für das kleine Häuschen, dass sie abbezahlten, bis beide über 60 Jahre alt waren. 

Die Mutter meines Opas mütterlicher Seits war auch nicht Hausfrau. Sie war Kinderfrau einer reichen Familie, der Mann war im Krieg verschollen und sie hatte die drei Kinder eingepackt und floh aus dem Osten ins Schwäbische. Sie war Vollzeit berufstätig und brachte, wie so viele Frauen dieser Zeit, ihre Kinder allein durch, sogar ohne weitere Familie im Hintergrund.

Meine Mutter, wie schon erwähnt, blieb 6 Wochen nach meiner Geburt zu Hause. Sie hätte sich auch gern weitere Kinder gewünscht, aber für mehr als für mich hat es nie gereicht. So blieb ich Einzelkind, obwohl meine Eltern beide sehr gute Ausbildungen absolviert haben und kaum arbeitslose Zeiten.

Mein Vater wuchs ähnlich auf. Seine Oma mütterlicher seits kam ebenfalls aus dem Ruhrgebiet und gebar meine Oma noch in den 20iger Jahren. Sie hatte ebenfalls einen großen Hof zu bewirtschaften, obwohl der Mann als Polizist ein recht ordentliches Gehalt hatte. Meine Oma väterlicher Seits ging dann doch sehr lange zur Schule - noch vor dem Krieg - und arbeitete dann als Sekretärin in einem Verlag. Mein Opa väterlicher Seits kommt aus Sachsen und seine Eltern hatten einen Kaufmannsladen, in dem er quasi aufwuchs, denn beide Eltern arbeiteten dort natürlich rund um die Uhr. Mein Opa machte sich dann nach einer Ausbildung nach dem Krieg erfolgreich selbstständig. Aber eben just zu dieser Zeit, als meine Oma Kinder bekam und sie somit die einzige mit einem festen Einkommen war. Hausfrau war nicht, selbst mit 4 Kindern. Die Kinder wurden denn auch zu den Großeltern geschickt, ins Ruhrgebiet (300km entfernt) und gingen dort auch zur Schule. Die Großeltern waren da schon alt, aber immer noch Selbstversorger.

Nun kann man sagen, tja, komm ich eben aus einer eher armen Familie und da waren da noch ein paar leidige Kriege dazwischen… Klar. Aber ich möchte noch ein wenig weiter ausholen.

Und zwar hatte ich 3 recht lange Beziehungen bevor ich den Trüffel kennen lernte. 
Mein erster Freund mit zarten 17 Jahren, hatte 3 Geschwister. Sein Vater war Ingenieur, die Mutter Sozialarbeiterin und auch sie blieb nie länger als 1 Jahr zu Hause (Anfang der 80iger), bei keinem der Kinder. Sie arbeitete sogar immer Vollzeit, konnte aber wohl ein Netz aus Patentanten für die Kinderbetreuung aktivieren.

Mein 2. Freund begleitete mich durchs Studium, also 5 Jahre. Auch er war Einzelkind, sein Vater Ingenieur, seine Mutter Lehrerin. Auch sie arbeitete nach 1 Jahr wieder 80%. Denn, ob man's glaubt oder nicht, irgendwie fällt Hochzeit, Kind und Immobilie grundsätzlich in etwa in den selben Zeitraum. Alles teuere Anschaffungen. Der Bub blieb derweil bei der bereits alten Oma.

Der 3. Freund, diesmal Anfang der 70iger geboren und Schweizer, war Sohn einer Schneiderin/Handarbeitslehrerin und jetzt stellt euch vor: Seine Mutter hat mit 2 kleinen Söhnen immer arbeiten müssen, weil… ihr ahnt es: Hochzeit, Kinder, Häuschen. Und die Kinder waren bei der Oma. So ein Zufall. 

Die meisten dieser Geschichten spielten sich im Schwäbischen, eigentlich gut situiertem Milieu ab. Viele mit Landbesitz. Viele mit anständigen Jobs und guten Ausbildungen. Und doch: keine klassischen Hausfrauen. Nirgends. 

Das liegt nicht daran, dass es keine gibt oder gab. Es liegt auch nicht daran, dass sich die Leute alle kleine Schlösschen haben bauen lassen und geldgeil waren. Es liegt daran, dass alle Menschen schon immer für Geld haben arbeiten müssen. Und die wenigsten sind davon reich geworden. So wie die wenigsten meiner Generation vom Arbeiten reich werden. Ob die früher nen gebrauchten Käfer, oder ich heute nen Touran finanzieren muss, da ist echt kein großer Unterschied. 

Klar, es könnte noch besser sein. Aber es ist schon nicht schlecht. Wir haben gute Krankenversicherungen. Wir haben gute Kinderbetreuung und Ausbildungsmöglichkeiten. Es ist nicht perfekt. Aber viele können doch z.B. ihr Leben im Alter relativ absichern. 
Es geht mir hier nicht um das 3x im Jahr nen tollen Urlaub. Die meisten arbeiten und können davon ein relativ wohlhabendes und gesundes Leben führen. Und das ist schön. Aber arbeiten, arbeiten muss man eben für's Geld. Das war noch nie anders. 
Und darum verstehe ich nicht ganz, warum sich so viele Menschen so grundlegend über den Staat beklagen. Es ist nicht Aufgabe des Staates den Menschen ihr Leben zu finanzieren. Das trifft nur in Ausnahme/Not/Übergangssituationen zu. Und das ist ok. Ein Jahr Elterngeld ist doch super. Es ist ziemlich großzügig. Es ist Aufgabe des Staates gewisse gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
Klar, die Umverteilung läuft bei Weitem nicht ideal hin zu den Ärmsten. Und doch gibt es Strukturen, die die Existenz halbwegs abzusichern versuchen.

Aber dieses Ideal, der Mutter und Hausfrau, das ging schon immer nur, wenn Frau einen Mann mit wirklich gutem Einkommen geheiratet hat, der am besten auch schon ein Häuschen geerbt hat. Nicht zu arbeiten ging schon immer nur, wenn man eine wirklich gute Partie gemacht hat. 

Ich jedenfalls kenne Hausfrauen nur vom Hörensagen und für diese Familien freut es mich. Dass die klassische Hausfrau jedoch der Standart war, halte ich für ein Märchen. Und zudem glaube ich kaum, dass die oben genannten Mütter den ganzen Tag mit ihren Kindern pädagogisch wertvoll gespielt hätten. Das ist ja nun wirklich ein Zeitvertreib, der erst seit Kurzem in Mode ist. Und ich genieße es. Die Zeit, die ich mit den Kindern verbringe, machen wir auch wirklich was zusammen. Aber sicherlich hat mir der Staat nicht zu ermöglichen, dass ich jahrelang nix anderes mach, als mit meinen Kindern zu spielen. Ich will eine gewisse Wahlmöglichkeit, ja, aber auch die muss ich selbst finanzieren. Ob ich heute mit meiner Arbeitszeit bezahle, oder später mit meiner Rente, teuer ist es so oder so. Das muss man auch einfach mal akzeptieren.

1 Kommentar:

  1. Hallo Rosalie,

    Ich glaube ein Unterschied zu früher ist die "Sichtbarkeit" der nicht-Hausfrauen. Viele haben keine Oma / Opa mehr am Ort um nach den Kids zu sehen. Auch ein Gegensatz zu früher: man arbeitet nicht mehr von der Lehre bis zur Pension am selben Ort, man muss um- und wegziehen.
    Wenn ich an meine Familie denke, dann sehe ich auch Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Bauersfrauen und Schneiderinnen.
    Und zu einem anderen Punkt: wenn ich vorher gewusst hätte, dass man während der Elternzeit Teilzeit-arbeitend mehr Rentenpunkte bekommt als nur Teilzeit-arbeitend, dann hätte ich mehr als ein Jahr beantragt ;)
    Viele Grüße
    Bine

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