Dienstag, 12. Mai 2015

Mama namnam - oder wie das Leitmedium dem Herrn Hipp eine Stimme gab

Der Herr Hipp - der von der Babygläschenfront - hat ein Interview gegeben. Und Herr Mierau hat einen Rant darüber geschrieben. Das könnte man nun so stehen lassen, wenn - ja wenn… Egal, ich fand das ein wunderbares Beispiel für 'Du-bist-aber-blöd-und-ich-weiß-es-besser' Argumentation. Warum? Nun, da begeb ich mich jetzt mal auf dünnes Eis:

Der Herr Hipp ist ein alter Mann. Ich fand den noch nie sympathisch, aber gut. Ob man ihm dieses 'ich bin besorgt um kleine Kinder'-Dings abkaufen möchte oder nicht, ist eigentlich egal. Ich denke, der Herr Hipp will Geld mit Lebensmitteln verdienen. Und damit ist er ja nun wirklich nicht allein auf der Welt. Der Inhalt seines Interviews ist in Bezug auf Gläschen vs. DIY sehr vorhersehbar. Und inhaltlich liegt er auch nicht so falsch, denn HiPP Brei ist sicherlich labortechnisch besser kontrolliert, als Mamis Pampe. Ganz ehrlich, darum geht es doch gar nicht. Was Herr Hipp über Lebensmittelreinheit sagt ist gelinde gesagt total sinnentleert. Dass Herr Mierau genau diese Argumentation verwendet, um sie sarkastisch gegen den alten Mann zu verwenden ist demnach leider etwas überflüssig. Leider, denn man kann weiterhin nur raten, was das Leitmedium so zum Kochen gebracht hat. Das Interview gäbe nämlich durchaus genug her für ernsthafte Diskussionen. 

Ich will aber gar nicht bis zu den Rollenklischees ausholen. Von einem alten Industriellen erwarte ich kaum, dass er sich den ganzen Tag mit jungen Müttern auseinander setzt. Jedoch denke ich sehr wohl, dass er sich mit heute gängigen Beikoststrategien auskennt. Das ist ja sozusagen sein Kerngeschäft.

Worauf will ich nun eigentlich hinaus? 

Was war mein erster Gedanke als ich den Beitrag von Herrn Mierau gelesen habe? Ich dachte: Oh, ist da etwa einer beleidigt? Und dann dachte ich: Warum ist der denn so gehässig? Und dann wusste ich wieso. 
Das Interview mit Herrn Hipp ist schon recht schwer zu lesen, da der alte Mann eine ziemliche Attitüde an den Tag legt. Dieses von Oben herab 'Ich bin hier der Experte und ihr habt alle keine Ahnung'-Gehabe. Er klingt arrogant und ich schätze, dass hat den Herrn Mierau gezwickt. Durchaus zu Recht, möchte ich anmerken.

Aber Herr Mierau, jetzt werd ich mal persönlich. Ich habe dieses Gefühl öfter. Überwiegend, wenn ich in Blogs von Eltern der Sorte 'gut gebildet, mit ganzheitlichem Erziehungskonzept und eindeutiger Meinung' lese. Diese Eltern neigen nämlich dazu ihre Weisheiten mit ebendieser nervtötenden Attitüde in die Welt hinaus zu schreien. Herr Mierau, ich gebe zu, im ersten Moment hab ich nach dem Lesen ihres Textes hämisch geschmunzelt. Dafür möchte ich mich entschuldigen, denn ich find Elternbashing auch ganz blöd und will sie schon gar nicht persönlich angreifen. Ihr Familienname ist ja in gewissen Elternkreisen nicht unbekannt und es ist auch nicht Ihr Problem, dass ich Sie in die oben genannte Elternkategorie einordnen würde. 
Im Gegenteil, es sagt einiges mehr über mich aus. 

Um beim Themenaufhänger 'Essen' zu bleiben. Da treffen einfach 2 ganz unterschiedliche Ansichten aufeinander. Und der Ton wird gleich so aggressiv, weil beide Männer offensichtlich sehr eindeutige Meinungen haben, was richtig und was falsch ist. Das kann man natürlich so haben. Nur, wie wir alle wissen, richtig und falsch sind Definitionssache und der Graubereich zwischen den Extrempunkten ist nur bei einigen wenigen Themen wirklich nicht der Rede wert. Es ist doch so, gerade beim Essen ist die Argumentation entweder-oder voll daneben. Ich vermute sogar, es ist vollkommen wurschtegal, ob man seinem Kind Gläschen gibt, selber Brei kocht oder gleich gar keinen Brei. Unser Verhältnis zum Essen wird ja lebenslang durch so viele Umstände beeinflusst, dass ich mir nicht sicher bin, ob das 'wie' so eine entscheidende Rolle spielt. 

Überhaupt ist meiner sehr bescheidenen Erfahrung nach sowieso jedes Kind total anders beim Essen und hat phasenweise seine eigenen Vorlieben und Ansprüche an Geschmack und Konsistenz. Es ist total mühsam darüber zu streiten, was besser ist - Gläschen oder BLW. Und genau aus diesem Grund nervt mich dieses Darstellen der einen Variante als 'kindgerecht' und das verunglimpfen der anderen Variante so dermaßen. Es ist ein beleidigter Ichweißesbesser-Reflex. Und der macht es für Eltern, die tatsächlich unsicher sind oder Fragen haben, so unglaublich schwer zu erkennen, dass es bei den meisten Fragen Rund ums Kind gar nicht darum geht, was kindgerecht ist und was nicht. Was bedeutet denn schon der Begriff 'kindgerecht'? Zumal beim Essen? Das ist doch nur so ein Wort, das jeder grad so benutzt, wie er will als Todschlagargument, damit er in der eigenen Position nicht kritisiert wird. 
Genau diese Attitüde ist der Nährboden für Mommy Wars. 

Wichtig ist doch nicht, was irgendein pädagogisches Konzept sagt. Wichtig ist, dass das was mein Kind gerade braucht und das was ich ihm gerade geben kann eine so große Schnittmenge haben, dass alle damit zufrieden sein können. Echt jetzt. Kein Argument für oder wider Gläschen oder BLW ist es wert, dass Eltern im Drogeriemarkt schräg angeschaut werden, wenn sie Gläschen kaufen, wie es der Kiddomutter passiert ist. Es ist schlicht nicht entscheidend. Morgens geb ich dem Kind ne Brezel in die Hand, wenn es das mag, oder ich lass es Müsli löffeln. Die Hauptsache ist, wir essen nicht zu viel Ungesundes und jedem schmeckt es so gut, dass er sich ordentlich satt isst. 

Es geht mir so oft so und ich frage mich ernsthaft, ob es anderen nicht auch so geht. Im Alltag gibt es so viele kleine Sachen, da braucht man nicht so zu tun, als ob jeder Handgriff lebensverändernd wäre. Aber in Ratgebern und in Blogs wird viel zu selten eine gewisse Relativierung eingebracht. Dabei wäre die so dringend nötig. Denn Eltern mit anderer Meinung fühlen sich bei solchen Eindeutigkeiten schnell angegriffen - unnötigerweise. Und unsichere Eltern, die tatsächlich nach Rat suchen, denen wird erzählt, dass es so und so kindgerecht ist und alles andere demnach falsch. Und dann funktioniert das Kind auf einmal nicht so, wie es im Buche steht und es gibt wieder Stress. 

Es ist für uns alle eine Herausforderung täglich auf's Neue zu verstehen, was ein Kind will und was ein Kind braucht und was die Eltern wollen und was die Eltern können. Das ist anstrengend. Einfache Antworten gibt es nicht. Und wenn man dann mal weiß, was die Kleinen brauchen, dann  - schwups - hat sich das bis zum nächsten Tag wieder geändert. Warum also können Eltern, die offensichtlich gut informiert und gewillt sind, sich mit ihren Mitmenschen auseinander zu setzten, nicht einfach andere darin bestärken ihren eigenen Weg zu finden, ohne mit Begriffen wie 'kindgerecht' um sich zu schlagen? Können wir uns alle nicht einfach die Attitüde sparen und jeden es so machen lassen, wie er/sie es für gut befindet? 

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