Dienstag, 19. Mai 2015

Im Kindergarten

Ich habe ja schon öfter von unserem tollen Kindergarten berichtet. Nun hatten wir ein, wie es so schön heißt 'Entwicklungsgespräch'. Es dauerte 2 Stunden und ich möchte darüber schreiben, weil es ein ganz besonderes Gespräch war - eines wie ich es mir vorstelle und ganz anders als die vorherigen. Es war wirklich bereichernd und ich bin sehr glücklich darüber. Ich möchte allen davon erzählen, auf dass es eine Inspiration sein möge unsere Kinder mit neuen Augen zu sehen!

Vorangegangene Gespräche in diversen Kitas verliefen eher nach dem Motto: Was kann das Kind, was kann es nicht. Ist sie integriert, versteht sie sich mit den Kindern, mit den Betreuern etc. Und natürlich entwickelt sie sich altersgemäß?
Ich habe ehrlich gesagt solche Gespräche von Anfang an für sinnlos gehalten und sie doch mitgemacht. Nicht, weil ich die Arbeit der Betreuerinnen nicht schätze, sondern weil diese Gespräche einfach keinen Sinn ergeben. Ich sehe selbst, dass meine Kinder 'normal' entwickelt sind. In dem Rahmen dessen, was man eben als 'normal' betrachten kann. Die Große lief etwas später, dafür hat sie früher gesprochen als die Kleine etc. Ihr kennt das. 
Ich lege keinen Wert darauf, ob sie nun jetzt oder später Treppe steigen oder mit der Gabel essen können. Auch ob sie reden in Worten, Sätzen oder dadada ist mir egal, denn ich merke ja, ob sie mich verstehen und entsprechend antworten. Und das tun sie. Ob sie mit Nachstellschritt Treppe steigen ist egal, beide kommen immer überall hinauf. Für den halbwegs informierten und aufmerksamen Elternteil ist kein offensichtliches neurologisches Problem sichtbar, sie sehen gut und können hören. Fertig. 

Dachte ich zumindest, aber schnell lernte ich, dass ein Entwicklungskriterium ist, ob und wann sie dies oder jenes machen. Das mag für die Kita so sein, denn da werden eben irgendwelche Kriterien festgelegt und Standards definiert. Die Leute dort müssen ja auch ihre Arbeit irgendwie machen. Ich verstehe das und finde das ok. Es machte nur die ganzen Gespräche irgendwie überflüssig. 

Denn worum sollte es tatsächlich gehen? Meine Meinung: um die Bedürfnisse meines Kindes, nicht um seine eine Bewertung. Diese defizitäre Sicht eines Menschen, zu beurteilen, was er 'richtig' und was noch nicht kann - das macht unsere Gesellschaft zu eben jenem unschönen Gebilde, unter dem wir alle leiden. Noten kommen noch früh genug und ich halte sie für eine der dümmsten Ideen der Ausbildung. Bis dahin würde ich mir jedwelche Leistungsbegutachtung meiner Kinder verbitten. Sie sind nämlich ausnahmslos großartig und genau richtig, so wie sie sind.

Aber zurück zum Kindergarten:
Die Bezugsperson der Großen ist eine sehr nette junge Dame, gerade mit der Ausbildung fertig, die sich extrem gut auf unser Gespräch vorbereitet hatte. Im Vorfeld sprach ich sie an und erwähnte kurz, worüber ich denn gerne reden würde. Also hat sie sich ebenfalls Gedanken dazu gemacht. Ich war ihre erste 'Mutter', es war also ihr erstes Entwicklungsgespräch. Die Kitaleitung war ebenfalls anwesend, also war es für sie schon so eine Art 'Feuertaufe' und sie war ein wenig nervös. 

Sie hatte mehrere Seiten mit Listen zu verschiedenen Punkten, anhand derer sie die Entwicklung der Großen darlegen wollte. Da aber die Atmosphäre so entspannt war und dank Bindehautentzündung die Große beim Gespräch dabei (absolut empfehlenswert, auch wenn sie mit nem Buch in der Ecke saß), nahm ich das Angebot gleich an, wie ich das Gespräch führen wollte. Ich sagte also gleich, dass ich die Liste gerne erstmal beiseite lassen würde und über das Kind selbst sprechen möchte. Und das taten wir dann auch, zu viert. Es war ein offenes Gespräch, die Große wurde mit einbezogen und es ging darum, wie wir sie alle vom Typ her einschätzen und was wir machen können, damit es ihr auch weiterhin gut geht. 

Mir war das besonders wichtig, denn die Große ist ein schüchternes Mädchen, will immer alles richtig machen und ist darum auch schnell mal überfordert. Wir sprachen also darüber, was sie sich wünschen würde (mehr Rumtoben und Quatsch machen), was ich mir für sie vorstellen könnte (immerhin kenne ich sie ja am besten und sehe auch, wie der Kiga-Tag bei ihr nachwirkt), und was die Betreuerin denn ändern könnte, um die junge Dame etwas aus der Reserve zu locken. 
Schnell entwickelten wir eine super Strategie, nämlich mehr Rumtoben und Quatsch machen (wenn sie also keine Lust auf Basteln hat kann sie in der Zeit im Gemeinschaftsraum spielen), und mehr direkte Herausforderung und gezielte Ansprache (z.B. Lied wünschen im Morgenkreis etc.).

Das klingt jetzt nicht sehr berauschend, aber wir redeten eine ganze Stunde darüber, wie wir das Kind jeweils erleben, wie wir jeweils versuchen sie einzubinden und zu ermutigen und so. Es ging dabei wirklich um's Kind. Und ich konnte auch frei erzählen, wie ich sie erziehe, wie wir zu Hause leben und welche Freiräume ich ihr lasse. Und natürlich, wie ich mir ihre KiGa-Zeit wünsche. Und auch sie konnte immer wieder äußern, was sie sich wünscht, wen sie mag und wen nicht, was ihr gefällt und was nicht. 

Ich fühlte mich dabei wirklich verstanden, weil ich Zeit und Raum hatte mich mit der Person, die den Tag mit meinem Kind verbringt, offen auszutauschen. Und wir teilen eben auch viele Ansichten. Klar läuft es im KiGa anders als zu Hause. Das soll auch so sein. Aber mein Kind soll nicht das Gefühl haben, ständig bewertet zu werden. Und das wird sie auch nicht, wenn ich das nicht will. Dennoch ist allen klar, dass ich die Mutter bin und mein Kind grundsätzlich nicht objektiv betrachten kann und will. 

Die Liste kam zum Ende hin dann auch noch ins Gespräch, denn die Betreuerin hatte sich wirklich einige Mühe gemacht. Sie erwähnte z.B., dass sie nicht wisse, ob die Große denn schöne Kreise malen könne. Ich sagte, ich wisse das auch nicht, denn sie malt nur, wenn man sie dazu überredet und das hält niemand für nötig. So wurde dieser Punkt einfach unter 'interessiert niemanden' abgelegt. Ich hab die Liste dann zuhause überflogen. Da stand nix Neues drin. Alles Sachen, die ich auch jeden Tag an ihr sehe oder sie erlebe.

Ich fürchte die Betreuerin wird noch so manches Gespräch führen, das komplett anders verlaufen wird. 
Ich für meinen Teil kann allen nur empfehlen, die Listen zu vergessen und sich mal wirklich über das Kind auszutauschen. Auch dass die Große dabei war, war hilfreich, denn es geht ja genau um sie. Sie soll das ruhig hören und verstehen, dass sie uns allen sehr am Herzen liegt und wir uns wirklich für sie interessieren. 
Es war das erste Gespräch, aus dem ich wirklich glücklich rauskam, bei dem ich wirklich auch Ideen mitnehmen konnte, nachfragen konnte (denn immerhin sind das Leute, die sich mit Pädagogik mehr auskennen als ich), bei dem ich mich wirklich ernst genommen fühlte und auch die Betreuerin ernst nehmen konnte. Wir Erwachsenen konnten uns in diesen 2 Stunden viel Inspiration holen und intensiver mit und über das Kind nachdenken und sie noch besser kennen lernen. 

Das war toll und genau das wünsche ich jedem Kind. Dass alle betreuenden Personen sich wirklich für das Kind interessieren, die Zeit und Gelegenheit haben, die Bedürfnisse des Kindes wirklich kennen zu lernen und somit die Bindung zu festigen. Und das Kind auf dem Weg ins Großwerden begleiten und Hilfestellung zu geben, ohne allzu sehr zu (er)ziehen. 

Ich möchte noch anmerken, dass ich nicht dafür bin, das Kind mit echten Probleme alleine zu lassen. Ist ein neurologisches, kognitives,  emotionales oder motorisches Problem wirklich erkennbar, so darf das nicht untergehen. Man muss das evtl. auch abklären und weiter beobachten. Es ist nur eine Frage, was ein echtes Problem ist und was nicht und wie man dann damit umgeht. Ein 2jähriges Kind zu pathologisieren, weil es vielleicht nicht alle Farben richtig auseinander halten kann, ist definitiv Blödsinn. Ein 2jähriges Kind, dass denn Löffel nicht zum Mund führen kann jedoch muss beobachtet werden. Deswegen ist es nicht krank und hat auch erstmal kein Problem. Ein Problem wäre, wenn weitere motorische Störung zusätzlich beobachtet werden. Will das Kind aber einfach nicht essen, weil es ihm nicht schmeckt und es steckt darum den Löffel nicht in den Mund, dann ist das kein motorisches Problem. 
Um diese Unterschiede richtig einzuordnen, ist es sinnvoll, wenn Kinder mit mehreren Fachpersonen in Kontakt kommen. Dass darum gleich irgendwas therapiert werden muss, ist zumindest diskutabel. 

Ich schreibe dies auch, um Eltern zu ermutigen, ihr Kind einfach mal fern ab aller gängigen Leistungsdefinitionen zu sehen. Es fängt ja beim Baby schon an, ab wann und wie ein Baby dies oder jenes können muss. Leider wird zu selten dazu gesagt, dass das alles relativ ist, die allermeisten Babys gesund sind und die Entwicklung in den ersten Jahren bestimmt nicht davon abhängt, ob das Kind nun nach 2 oder nach 4 Monaten den Kopf heben kann. Die Kinder sind so verdammt unterschiedlich in absolut jedem Verhalten, da gibt es keine Vorgaben (es sei denn, mehrere Faktoren ergeben ein eindeutiges Bild, ob man etwas genauer abklären muss). Eltern sollten sich da nicht verunsichern lassen und auch mal die Vorgaben der Kinderärzte relativ sehen.

Ein schönes Beispiel: Die Kleine spricht nicht so viel. Also wie schon mal erwähnt, sie plappert, versteht mich in Wort und Ton sehr gut, reagiert angemessen darauf, antwortet auch, nur nicht in korrektem Deutsch. Eigentlich haben Kinder in diesem Alter schon einen gewissen Wortschatz, den sie regelmäßig benutzen. Das macht die Kleine nicht. Aber sie beherrscht Sprache, das erkenne ich an ganz vielen Dingen. Und sie kann auch in der Kita sehr deutlich kommunizieren, was sie will. Dem Kinderarzt habe ich auf Nachfrage geantwortet, dass sie zwar nicht redet, aber dennoch der Sprache mächtg ist und ich nicht gedenke, da irgendwas zu unternehmen oder gar darüber nachzudenken bevor sie in den Kindergarten kommt. Redet sie halt nicht. Wozu auch? Ich versteh sie ja auch so. Er hat das so akzeptiert und wird halt in nem Jahr wieder nachfragen.

Für unsere Kinder würde ich mir wünschen, dass wir sie wirklich so lieben und annehmen, wie sie sind. Genau so sind sie perfekt. Das sollte unsere Beziehung prägen, nicht die Angst, dass sie später mal irgendeiner Leistungsdefinition nicht entsprechen könnten. Wenn sie später den perfekten Abiturienten abgeben, schön. Wenn nicht, dann sollten wir sie mit aller Liebe darauf vorbereitet haben, dass sie ihr Glück finden, egal welche Noten oder Gehaltschecks sie nach Hause bringen. Wer wenn nicht wir, die Eltern, sollen sie so lieben, wie sie sind?

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