Montag, 4. Mai 2015

Geburtstag

Ich möchte mich hier der ganz wunderbaren Idee von Henrike von Nieselpriem anschließen, über die Geburt zu schreiben - die eigene Geburt.

Da ich bei meinen Schwangerschaften die Gelegenheit genutzt habe und meine Mutter ausgefragt habe, kann ich direkt berichten, wie meine Mutter meine Geburt erlebt hat. Damals Anfang der Achtziger.

Meine Mutter feierte gerade ihren 18. Geburtstag. Ihr Freund - ein Berufssoldat - hatte an diesem Tag nicht frei bekommen. Er war irgendwo in Bayern stationiert, seit Wochen schon. Sie hatten sich kurz zuvor in der Tanzschule kennen gelernt. Meine Mutter jedoch war seit 6 Monaten von zu Hause ausgezogen. Ins Schwesternwohnheim. Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Dort hatte sie auch neue Freunde gefunden, andere Schwesternschülerinnen. Und es gab eine Party, die erste in der eigenen Bude (naja Zimmer). Ihr könnt euch das vorstellen. Und Überraschungsgast war: eben dieser junge, sehr gut gebaute Mann in Uniform…

Exakt 39 Wochen und 4 Tage später war es Winter. Nicht einfach Winter, es hatte bereits im November geschneit, als würde es nie wieder aufhören. Angekündigt war ein Schneesturm für den Abend. 
Eine junge, wirklich seeeehr schwangere Frau war allein zu Hause, nun nicht mehr im Wohnheim, sondern in einer Einliegerwohnung im Haus einer Verwandten in einem kleinen Dorf, 10km entfernt von der nächsten Stadt. Der Mann stationiert im Sanitätsdienst auf der schwäbischen Alb, 100km und 2m Neuschnee entfernt. Dann setzten die Wehen ein. 
Meine Mutter rief darauf hin sofort in der Kaserne an. Aber was soll man machen. Die waren da oben an einem der kältesten Flecken Deutschlands eingeschneit. Mein Vater konnte da echt nix dran ändern.

Also tat meine Mutter, was getan werden musste. Sie nahm eine Schaufel und schaufelte jede Menge Neuschnee vom nicht mehr ganz neuen aber treuen roten Fiat 500. So verging die Zeit mit Warten vor den Wehen. Dann fuhr die junge Frau los. Sie kam nicht weit. Zum Glück lebte nur 1km entfernt ihr Bruder, zu dem fuhr sie und der brachte sie die 10km ins Krankenhaus. 

Im Kreißsaal angekommen wurde sie sogleich von allen begrüßt, denn der Dienst auf der Woche (Wöchnerinnenstation) war erst vor einigen Wochen zu Ende gegangen. Schwesternschüler müssen ja einige Monate auf jede Station und so hatte man die schwangere Schülerin gleich mal vor der Geburt bei den Schwangeren einquartiert. So war meine Mutter zumindest nicht allein, denn alle kannten sie. Der Oberarzt war ihr gewogen, die Hebammen mochten sie. Und so verging dann auch die Zeit. Viel Zeit.

Meine arme Mutter lag 30 Stunden in den Wehen. In Worten: dreißig! Mal kurz Eingreifen wegen Geburtsstillstandes war damals offensichtlich nicht wirklich Trend. Ob das bei 30 Stunden Wehen die beste Lösung war - nun ja. 

Das war eigentlich gar nicht so schlecht, denn so ging der Schneesturm vorbei und mein Vater konnte den Oberfeldwebel bequatschen, dass er doch zu meiner Geburt da sein müsse. Dieser setzte meinen Vater nebst einem weiteren Sani (mal ehrlich, in der Kaserne hatten die eh nix zu tun) in einen RTW und gab Erlaubnis zur Nutzung von Sonderrechten. Mein Vater schlich also mit Blaulicht und Martinshorn im Schneckentempo von der mäßig schneegeräumten Alb in Richtung Krankenhaus zu meiner Mutter. Laut seinen Angaben soll das für 100km ganze 5 Stunden gedauert haben.

Damals, in den 80igern, da waren die Kreißsäle allerdings noch etwas anders gestaltet als heute. Das kleine Krankenhaus in der kleinen Stadt hatte 2 Kreißsäle mit je 2 Betten. Es war also eine weitere Familie anwesend, obligatorisch abgetrennt durch diese überhaupt nichts verbergenden Trennvorhänge.

Die 2. Familie war eine sehr ausdrucksstarke junge Dame aus Anatolien mit ihrer nicht minder ausdrucksstarken Mutter als Beistand. Meine arme Mama wurde dadurch nicht nur abgelenkt, denn die Geschichte von der 2. Frau gehört zu den allgemeinen Familienanekdoten bei uns. Seltsam, was in solchen Situationen wirklich haften bleibt in der Erinnerung. Jedenfalls hat diese Frau offensichtlich über Stunden dauerhaft Wehen und Wehenpausen untermalt mit einem uiuiuiuiuiuuiuiuuuuuiuiuiuiuuuiiii. 
Leider kann ich das nicht nachmachen. Das kann nur meine Mutter. 

Jedenfalls war es dann irgendwann tatsächlich soweit. Ich sollte dann doch noch auf die Welt kommen. Deutschland verzeichnete zu dieser Stunde küstenweit die schlimmste Springflut seit Beginn der Aufzeichnungen. Im Süden lagen 1,5 Meter Schnee und mein Vater kam gerade noch rechtzeitig.

Schicht hatte gerade die Lieblingshebamme meine Mutter. Sie hieß allen Ernstes tatsächlich Hildegard und war wohl ein wandelndes Klischee mit ihren 160 cm und 90kg Kampfgewicht. So der Typ matronenhafte Hebamme im Kampf für ihre Frauen, die sich vom Oberarzt nichts sagen lässt. 

Es brauchte wohl nur 3 Presswehen und einen Dammriss - schon war ich auf der Welt. Kerngesund und quietschfidel, eigentlich. Denn die lange Geburt hatte auch mir ganz schön zugesetzt, so dass sie mich zum Schluss doch mit Gewalt da raus zogen.

Meiner Mutter ging es indes nicht so gut. Die Plazenta löste sich nicht vollständig, der Fundus wollte nicht mitspielen, sie blutete wie abgestochen. Ein weitere beeindruckender Moment für meine Mutter als sie die Narkose bekam und den letzten Satz des OA vernahm: 'Schwester Andrea, ich dachte mir schon, dass sie noch ärger machen…'

Als meine Mutter wieder aufwachte war der Spuk vorbei und meine Mutter (eher eine gefühlsbetonte Frau) wurde hinweggerissen von der Hormonflut. Zunächst bestand sie darauf selbst aufs Klo zu gehen. Scheiß auf die Narbe und die Operation. Dann brachte mich mein Vater zu ihr und alles war wunderbar. Ich vermute eher, meine Mutter erinnert sich nicht wirklich an den ersten Tag mit mir. Fände ich sehr verständlich nach den Strapazen.

Jedenfalls war die Besuchszeit um, mein Vater ging. Meine Mutter sollte schlafen und so rollte man mich im meinem kleinen Plastikbettchen ins Kinderzimmer. Als meine Mutter dann früh morgens aufwachte begab sie sich auf die Suche nach mir. Da lag ich nun neben all den anderen friedlich schlafenden Babys. Babys von Türken und von Italienern und sogar ein Mischlingsbaby war dabei. Und ich. 

Jetzt muss ich dazu sagen, mein Teint ist, naja, hell und blass wäre ein klein wenig untertrieben. Ich bin weiß wie ne Wand. Weißblonder Flaum, grüngraue Augen und weiße, fast transparent weiß-bläuliche Haut. So lag ich da neben all den südländischen Babys. Und da brach meine Mutter zusammen. 

Dennoch musste sie trotz Blutverlustes und OP zusätzlich sediert werden, denn sie machte einen Riesen Aufstand, verlangte nach jedem Kardiologen, schrie und tobte ich müsse einen Herzfehler haben, so wie ich ausschaute. 
Natürlich war ich kerngesund, nur eben ein bisschen heller als alle anderen. Was eigentlich kein Wunder ist, denn meine Omas und mein Vater sind typisch hellblond und blauäugig. Nur meine Opas und vor allem meine Mutter, die ist ziemlich dunkelhäutig. Das kommt von ihrem Vater, gebürtiger Sudetendeutscher Mischling. Meine Mutter wird im Sommer brauner als jeder Spanier und  - sagen wir einfach - wir sehen uns nicht sehr ähnlich…

Aber egal, irgendwann hatte sie sich dann doch noch von dem Schock erholt und wir durften nach Hause. Dort saßen wir dann erstmal fest, denn es war ja Winter und Schneesturm - schon wieder. 
Meine Mutter war immernoch sehr erschöpft und in der ersten Nacht schlief sie 12 Stunden. Mein Vater hatte mich 1 Mal zwischendurch gefüttert und als meine Mutter morgens erwachte erschrak sie zu Tode. Kein Weinen, kein Schreien nach Mama. Ich lag wach in meinem Stubenwagen und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Eine Nachsorgehebamme gab es übrigens damals nicht, weil die einzige in der Nähe voll ausgebucht war.

Weihnachten kam und Neujahr und mein Vater bekam keinen weiteren Vertrag. Nach 6 Wochen Pause ging meine Mutter wieder zum Unterricht, denn sie war ja Schwesternschülerin und ich blieb daheim bei meinem Vater, der seine Freunde einlud. Die Herren veranstalteten jede Menge Fotosessions mit mir in der Abwesenheit meiner Mutter. So gibt es Bilder, auf denen ich mit 3 Monaten aus einer Bierflasche mit Nuckel oben drauf meine Milch trinke, oder auf der CB-Funkanlage meines Vater mit Kopfhörern liege, oder im verschmierten Strampler die Reifen wechsle… Männerkram eben.

Meine Mutter hat mich übrigens gestillt, wenn sie zu Hause war, bis ich 8 Monate alt war und wir haben's bis auf relativ kleine Scharmützel als Teenager immer sehr gut miteinander gehabt. Wollt ich nur mal sagen. Obwohl sie so jung war, die Geburt nicht traumhaft, das Bonding nicht wie im Buch und sie dann auch gleich wieder arbeiten war. Hat trotzdem sehr gut funktioniert. Warum auch nicht?

Und als meine Kinder geboren wurden, da war sie glaub sehr froh, dass sie das bereits hinter sich hatte...

Kommentare:

  1. Liebe Rosalie, das war sehr schön zu lesen und ich freue mich, dass Du das mit uns geteilt hast! Und der "Männerscheiß" ist zum Brüllen, oder?
    Lieben Dank und sonnige Grüße (auch an Deine großartige Mutter),
    Rike

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  2. Hallo Rosalie,

    klasse, dass Du auch mitmachst!
    Dein Bericht ist eine Bereicherung, weil so anders und so richtig mitten aus dem Leben!
    Klasse, was Deine so junge Mama da gemeistert hat und ebenso Dein Papa - das mit der Bierflaschenmilchmahlzeit und dem KFZ-Strampler ist ja wohl Spitzenklasse :D

    Ganz liebe Grüße!

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  3. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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