Donnerstag, 16. April 2015

Von der Überhöhung der Kinder

Das war ja klar, #regrettingmotherhood musste eine Gegenbewegung hervorrufen - wir haben nur darauf gewartet #thankfulmotherhood. Auf Twitter schreiben Mütter von ihren Kleinen und wie lieb sie die haben.
Auffällig dabei ist der Tenor. Oft wird das Kind selbst angesprochen und der Ton läßt noch nicht mal Gegenfragen zu. #regrettingmotherhood hat viele Mütter offenbar dazu genötigt, Paroli zu bieten. Allein, es hat sie niemand angegriffen. 

Auffällig ist auch, dass sowohl in den meisten Gegenposts zu #regrettingmotherhood, wie auch bei #thankfulmotherhood das Kind im Mittelpunkt steht. Und hier liegt ganz klar der Fehler. Es ging bei der israelischen Studie nicht um die Kinder, nicht um Erziehung, nicht um Kinderlachen oder nächtliche Heimsuchungen im Elternbett. Es ging um die Frauen. Und darum, wie sie Mutterschaft erleben und dass diese Frauen wohl glücklicher wären mit einem Leben ohne eigene Kinder. 

Es ging schlicht mal wirklich um die Mütter und nicht um die Kinder. Und das finde ich super!

Denn es wird höchste Zeit, dass die Mütter in den Vordergrund rücken. Die Kinder sind nur ein Teil einer Familie, sie sind nicht die Familie. Kinder sind ein Teil der Gesellschaft, nicht die Gesellschaft. Kinder sind ein Teil des Lebens für viele Frauen und Männer, aber für viele sind sie nicht alles. Kinder sind wichtig. Aber Kinder sind nicht wichtiger als Väter, als Mütter, als Großeltern, als Alte, als Junge, als Erfolgreiche, als Erfolglose, als Arbeiter, als Chefs. Kinder sind ein Teil der Menschheit. Nicht mehr und nicht weniger.

Nur weil Kinder zu bestimmten Zeiten und Gelegenheiten eine erhöhte Menge an Zuwendung brauchen, heißt das nicht, dass man sie zu jeder Zeit in den Mittelpunkt stellen muss. Das jedoch wird gerne gesellschaftlich propagiert. Kinder seien unser wichtigstes Gut - als seien sie eierlegende Wolchmilchsäue, die perfekte Produktivität generieren. Kinder seien die Zukunft. Nun, Kinder machen einen bedeutenden Teil der Zukunft aus, das stimmt. Aber wenn ich alt bin und meine Kinder ihre Zeit gekommen sehen, soll ich mich dann verschrotten lassen, weil ich nicht mehr wichtig bin für diese Gesellschaft? Wer braucht schon die Alten, wenn er Kinder hat? 

Ja, Kindern kommt eine wichtige Rolle zu, aber diese Rolle ist nicht wichtiger als die Rolle aller anderen auch. Und nun, als Mutter Anfang 30, muss ich sagen, die Zeit meiner Kinder wird kommen. Ihre große Zeit, in der sie Mitten im Leben stehen. Aber jetzt, hier und heute, ist meine große Zeit. Jetzt bin ich die Generation, die bestimmt wo's hingehen soll. Jetzt mach ich die Regeln und meine Kinder müssen diesen folgen. Jetzt muss ich mich entscheiden, welches Leben ich führen will, nach welchen Grundsätzen ich leben will. Es ist jetzt meine Zeit, auch wenn ich Kinder habe.


Ich habe gute Freunde, die beiden waren schon als Teenager zusammen und wollten immer Kinder. Ihr war auch immer klar, sie wird zu Hause bleiben, will keine Karriere, kein eigenes Geld verdienen. Sie haben inzwischen 3 Kinder und sind sehr glücklich. Weil das ihr Weg ist. Beide gehen voll in diesem Leben auf. Keine großen Extrawünsche, es soll alles so bleiben, wie es ist. Und ich gönne es ihnen von Herzen. Denn sie haben gefunden, was sie gesucht haben. Ihre Familie ist ihr Sinn des Lebens. Das ist nur wenigen so vergönnt und ich find es super.

Ich habe eine gute Freundin, die Karriere gemacht hatte. Eine rasante Karriere in einem schwierigen Gebiet. Sie traf einen Mann, der auch Karriere machen wollte und dies auch tut. Sie haben zwei Kinder zusammen, beides Verhütungsunfälle. Sie würden beide keine Kinder mehr haben wollen, schon gar nicht miteinander, wenn sie noch mal entscheiden könnten. Jeder von ihnen ist unglücklich und überfordert mit der Aufgabe hingebungsvoller Elternteil zu sein, verzichten zu müssen. Dabei sind sie extrem tolle Eltern, die sehr liebevoll mit ihrem Kindern umgehen. Nur ist das eben der falsche Job. Er fordert einen gut Teil Resignation und Zähne zusammen beißen, jeden Tag. Und ich bewundere, wie sie das hinbekommen, ohne offensichtlich durchzudrehen, ohne gewalttätig zu werden, ohne die Koffer zu packen und zu verschwinden, ohne sich selbst zu verlieren. Oder vielleicht tun sie dies ja, und ich seh es nicht.

2 Seiten der gleichen Medaille. Alle lieben ihre Kinder, aber sie hatten unterschiedliche Lebensentwürfe. Alle haben sie nun die gleiche Rolle, die sie alle gleich gut ausfüllen, nämlich so gut sie nur irgendwie können. Und doch sind die einen vollkommen zufrieden und die anderen nicht. Und das ist legitim. Das hat nichts mit den Kindern zu tun. Keines der Kinder ist besonders 'leicht zu haben' oder aufwendig, keines ist krank. Dass diese Familien so unterschiedlich funktionieren, liegt nicht an den Kindern. Es ist auch nicht der Fehler der Eltern. Niemand macht hier einen Fehler.

Und doch gibt es offensichtlich bei der einen Familie ein Problem. Das Problem ist, dass diese Mutter schlicht nicht bereit ist, ihr gesamtes Leben ihren Kindern zu widmen. Sie ist nicht narzisstisch. Kinder sind ihr einfach nur nicht genug. Die Mutterschaft erfüllt sie nicht, sondern fordert im Gegenteil Zugeständnisse.

Warum ist das ein Problem?

Ich persönlich denke, ein Gutteil des Problems wird von der Gesellschaft geschaffen, um die Menschen im Zaum zu halten und zu kontrollieren. Abgesehen von der Überhöhung der Mutterrolle und der Kinder als Zukunft im 3. Reich, sind wir überfordert unser Glück in uns selbst zu suchen. Vielleicht weil da nicht jeder sofort was findet. Keine Ahnung. Wir projizieren unser Glück, unseren Sinn lieber in etwas oder jemand andres. Das ist viel einfacher. Beim einen sind das Kinder, beim anderen die Arbeit, beim dritten die Drogen. Egal. 

Es gibt Menschen, deren Sinn sind ihre Kinder. Kinder machen sie vollkommen (und) glücklich. Wie wunderbar, dass diese Menschen ihr Glück tatsächlich gefunden haben. Da diese Menschen ja aber so glücklich sind, haben sie keinerlei Grund andere, die nicht so glücklich sind anzugreifen. Denn es gibt auch Menschen, die machen Kinder zwar glücklich, aber Kinder sind nicht genug. Ich gehöre dazu. Meine Kinder füllen mich nicht zu 100% aus. Und es gibt Menschen, die lieben zwar ihre Kinder, aber ihr wahres Glück liegt wo anders. Diese Menschen dürfen sich genauso fortpflanzen wie alle anderen auch. Diese Menschen greifen auch meist niemanden an, weil sie damit beschäftigt sind, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Wir sollten sie so akzeptieren, wie sie sind. Denn sie sind genauso wertvoll wie jedes Kind und haben genauso Respekt verdient, wie jeder andere auch.

Ich möchte auch aus der Perspektive eines Kindern, dass nicht geplant, eigentlich nicht gewollt war und das nicht auf der Welt wäre, hätte die Mutter die Zeit zurück drehen können, etwas dazu sagen. Es ist ein Unterschied, ob man kein Wunschkind ist und die eigene Geburt tatsächlich das Leben der Eltern sehr verkompliziert hat, oder ob man nicht geliebt wurde. Meine Eltern haben mich immer geliebt und mir das auch gesagt. Meine Eltern waren fantastische Eltern, auch wenn sie den Start total verhauen haben. Meine Eltern haben für ihre Entscheidung immer die Verantwortung selbst getragen. Ich war nie schuld an ihrem Leben. Aber sie hätten es anders gemacht, wenn sie gekonnt hätten. Meine Mutter hat mich alles gelehrt, was sie über's Muttersein wusste und es stellt sich heraus, das war verdammt viel und gutes Zeugs. Ich bin heute auch so eine gute Mutter, weil sie mir so eine gute Mutter war.
Als betroffenes Kind kann ich unterscheiden. Es verursacht mir kein Leid.

Ich möchte eben auch noch zu der Rolle der Kinder etwas sagen. 
Dass Kinder unser ganzes Glück sein sollen ist verdammt ungerecht, den Kinder gegenüber. Die Verantwortung für unser Glück liegt bei uns selbst. Bei niemandem sonst. 
Kinder können sich gegen diese Rolle nicht wehren. Eine Mutter also, die trotz ihrer Kinder nicht vollkommen glücklich ist, sollte sich hüten, ihr Glück ausschließlich in den Kindern zu sehen. Es wäre schlicht falsch. Und fatal für die Kinder, denn es würde schlicht ein #regrettingchildhood erfordern. Wir alle lieben unsere Kinder und wünschen ihnen dies nicht. 

Diese Gesellschaft muss dringend an ihrer Einstellung arbeiten, Kinder auf ein Podest zu heben. Das beginnt in der Schwangerschaft. Während das Kind keine rechtliche Person ist, wird doch sein Wohl grundsätzlich über das der Mutter gestellt. Dabei ist die Mutter eine Person, mit Rechten und Würde. Ihre Gesundheit, ihr Wohlbefinden, ihre Wünsche sind nicht weniger wichtig, als das Gedeihen des Kindes. Ihre Entscheidungen müssen sich nach ihren Bedürfnissen richten, möglichst ohne dem Kind aktiv zu schaden. Die Verantwortung, die die Mutter gegenüber dem ungeborenen Kind trägt ist nicht der Verantwortung für den eigenen Körper übergeordnet. Die Frau ist IMMER Herrin über den eigenen Körper. Auch mit Kind im Bauch. 
Das heißt nicht, dass Mütter das Kind bewusst schädigen dürfen. Es heißt, dass sie Verantwortung für sich selbst übernehmen. 
Und auch wenn das Kind auf der Welt ist, liegt das Ermessen des Kindeswohl primär in der Verantwortung der Eltern. Sie entscheiden im Sinne des Kindes und sie sollten es informiert und frei tun dürfen, ohne Vorschriften oder Vorgaben des Staates oder einer religiösen Institution.

Kommentare:

  1. Danke!
    Dein Text fasst das Thema sehr schön zusammen mit all seinen Facetten auch wenn ich den allerletzten Sätzen nicht voll zustimme, weil ich schon der Meinung bin, dass der Staat zum Wohle aller gewisse Bestimmungen erlassen darf.

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    1. Danke, du hast recht. Statt 'Vorgaben des Staates', hätte ich 'ideologisch' schreiben sollen.

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