Mittwoch, 7. Januar 2015

Ist eine Fehlgeburt ein Tabuthema?

Ich las diesen sehr schön geschriebenen Post von Lareines Fehlgeburt und beschloss mich dazu zu äußern. Könnte man damit nicht mal eine Blogparade starten?

Denn Fehlgeburten sind ja - wie es nicht so schön heißt 'das natürlichste der Welt'. 

Je nach Studienlage werden ca. 75-95% der befruchteten Eizellen nicht ausgetragen und verschwinden: entweder im Klo oder werden in der Klinik entsorgt. Denn machen wir uns nichts vor, auch wenn viele dieser potentiellen Kinder erwünscht wären, nur wenige schaffen es.

Und das ist aus gutem Grund so. Nun mag es an meiner Ausbildung mit Vertiefung in Reproduktionsbiologie, den Semestern voller Genetik und medizinischer Genetik und der Promotion in Embryonalentwicklung liegen, dass ich da einen tieferen Sinn darin sehe, aber für mich macht es tatsächlich Sinn, dass so viele Embryonen absterben oder sich gar nicht erst einnisten. 
Das hat nicht immer mit irgendeiner schlimmen Genmutation zu tun, sondern kann auch an der körperlichen Verfassung der Mutter und dem Zustand ihrer Gebärmutter liegen. Darum soll es mir aber gar nicht gehen.

Für viele Frauen sind Fehlgeburten schlimm. Für mich war es anders. 

Wie LaReine möchte ich jedoch zunächst vom Gefühl reden schwanger zu sein und von der Gewissheit, was passieren würde. 

Bei der Großen klappte es direkt im ersten Zyklus und vom ersten Moment wusste ich, dass ich ein Mädchen bekomme und dass es keine Probleme geben würde. Ebenso wusste ich, dass die Geburt sehr langwierig werden würde. Ich wusste auch, dass ich schwanger war, noch bevor ich einen positiven Test in Händen hielt (es hatte mit gebratenen Schrimps und der Kloschüssel zu tun). Ich bekam leichte Blutungen bei der Einnistung und war über das Blut nicht enttäuscht oder erschreckt, sondern mir war sofort klar: das kommt von der Einnistung.
Nun bin ich wirklich kein Mensch, der an Schicksal, Gott, Übersinnliches oder einen siebten Sinn glaubt. Ich hab nur ein ausgesprochen gutes Körpergefühl und bin auch nicht unbedingt eine ängstliche Natur. Ich hab's einfach gespürt und bin bis heute überzeugt, ich merke einfach, was in meinem Bauch so vor sich geht.

Nach der Großen wollten wir relativ zügig Nr.2 in Angriff nehmen. Das klappte erstmal nicht, weil ich mir mit dem Zyklus schwer tat nach der Geburt. Das Stillen tat ein Übriges. Aber irgendwann war abgestillt und ich konnte sogar einen regelmäßigen Eisprung vermelden. Es klappte auch, aber ich wusste von Anfang an 'das wird nix.' Das war keine sich selbst erfüllende Prophezeiung, denn so funktionieren Schwangerschaften nicht. Es war nur einfach klar, das funktioniert nicht. Positiver Test hin oder her. Ich muss Ende der 8. Woche gewesen sein, als die Blutungen einsetzten. Für mich war das keine Überraschung und auch keine schlimme Erfahrung. Für mich war es ganz natürlich und ich hatte ja Zeit gehabt, mich vorzubereiten. Traurig war ich dennoch, aber nicht sehr. Ich war überzeugt, dass ich noch ein Kind bekäme, nur eben nicht zu diesem Zeitpunkt.

Mir machte es auch die Tatsache sehr leicht, dass ich nicht religiös bin und noch nicht einmal an eine Seele glaube. Ich habe nie das Gefühl gehabt, ein Kind, das eigentlich zu uns wollte, wäre gestorben. Vielleicht, weil ich die biologischen Prozesse im Rahmen einer Fehlgeburt sehr gut verstehe und mir bereits zuvor klar war, dass es Zufall ist, welche Eizelle auf welches Spermium trifft. Ich kann diesen Zufall sehr gut akzeptieren. 

Da ich nicht so der Freund von Arztbesuchen bin und mit dieser Schwangerschaft auch noch nicht beim Arzt war, kam ich gar nicht auf die Idee, dahin zu gehen. Ich dachte, das hätte noch Zeit, wenn die Blutungen gar zu heftig oder lang wären. Ich googelte noch nicht einmal, was bei Fehlgeburten zu machen sei. Es war mir egal, weil ich wieder dieses Körpergefühl hatte, dass mein Körper damit schon zurecht käme und das genügte mir. Ich ertrug die Blutungen und mein Körper hat das ganz erstaunlich gut und schnell und sauber gemeistert.

Bei unserer Kleinen dann, wusste ich noch vor dem Eisprung, das es klappen würde. Haltet mich für verrückt, aber ich hatte es irgendwie im Gefühl, dass das ein Superei war. Und ich kann mit Stolz sagen: Superei macht Superkind. Nein, im Ernst, ich hab irgendwie gespürt, dass ich bereit war und meine Gebärmutter perfekt und ich kann den Tag der Einnistung benennen. Ich wusste einfach, dass es perfekt war und ich hatte keinerlei Angst, dass etwas schief gehen könne. Mein Körper sprach 'alles im grünen Bereich' und das hab ich so geglaubt. 
Darum habe ich mich vielleicht auch immer so über die Ärzte aufgeregt, die immer alles mögliche untersuchen wollten, dabei wollte ich doch nur, dass die Hebamme mir sagte, wir hübsch mein Bauch wächst. Und ich hab jeweils die 2 großen US genossen und mein Baby bewundert (auch wenn Nr.2 sich beide Male beharrlich unter meinen Rippen versteckte und ich im US jeweils nur eine Hand oder einen zappelten Fuß sehen konnte). Ich hab übrigens auch von Beginn der Schwangerschaft an die Vorahnung gehabt, dass ich die Geburt wohl aus Zeitnot ohne PDA oder sonstige Schmerzmittel würde überstehen müssen. Zum Glück hab ich mir auch da 9 Monate lang Mut gemacht. Unvorbereitet wäre ich bestimmt bei diesen Schmerzen in Ohnmacht gefallen.

Ich schreibe das keinesfalls um Frauen zu sagen: Hey, ist doch nicht so tragisch. Passiert eben.
Es geht mir nicht darum, Fehlgeburten einfach abzutun. Ich möchte vielmehr sagen, Fehlgeburten sind tatsächlich viel häufiger als Geburten. Somit ist anzunehmen, dass viele Mütter und auch kinderlose Frauen diese Erfahrung gemacht haben. 
Traurig ist wohl jede Frau, die eine Fehlgeburt hatte, obwohl sie ein Kind will. Und auch Frauen ohne Kinderwunsch sind traurig. Die Hormone leisten da ganze Arbeit. Aber es muss nicht immer tragisch sein. 
Wie 'schlimm' es für die Frau ist, hängt von ihrer Geschichte, ihrer physischen und psychischen Verfassung ab, von ihrem Kinderwunsch, dem Alter, der Anzahl bereits geborener Kinder, der Anzahl bereits erlebter Fehlgeburten und von ihrem Umfeld ab. Eine Fehlgeburt ist so individuell wie ein Kind, wie eine Geburt, wie ein Leben. 
Mir hat diese kurze Schwangerschaft weder etwas von meiner Zuversicht, noch vom Vertrauen in meinen Körper genommen und so habe ich bei beiden erfolgreichen Schwangerschaften auch gleich zu beginn Verwandtschaft und Freunde bedenkenlos informiert. Nur das kleine Intermezzo zwischendrin haben wir für uns behalten, weil ich weder Mitleid, noch unangenehmes Schweigen wollte, wo ich mich doch gar nicht schlecht gefühlt habe.

Und ich wünsche jeder Frau, dass sie dadurch das Vertrauen in ihren Körper nicht verliert. Vielleicht ist nämlich nicht zwingend das verlorene Kind das größte Problem, sondern die Schuldzuweisung hinterher. Eine frühe Fehlgeburt ist mitnichten einfach die Schuld eines versagenden Mutterkörpers. Meist stirbt der Embryo und der Körper der Mutter funktioniert prächtig. 
Außerdem denke ich durchaus, wie Frau mit einer Fehlgeburt umgehen kann ist entscheidend, wie sehr sie darunter leidet. Eine Fehlgeburt jedenfalls ist nur im Ausnahmefall das Ende der Geschichte.

Für mich persönlich wäre es jedoch etwas ganz anderes bei einer späten Fehlgeburt auf normalem Wege ein totes Kind zur Welt zu bringen. Das möchte ich ernsthaft nicht erleben und das würde mich auch ernsthaft psychisch so beeinträchtigen, dass ich auf fremde Hilfe angewiesen wäre. 

Sind Fehlgeburten also ein Tabu? 
Für mich kann ich sagen, für die Fehlgeburten galt bei mir das gleiche wie bei den Geburten: Das Problem hab nicht ich, sondern die anderen. Ich hab es nicht jedem erzählt, weil ich nicht wollte, dass andere sich peinlich berührt fühlen, weil sie nicht wissen was sie sagen sollen. Wer kann schon wissen, wie schlimm oder nicht schlimm das für mich war und ob ich Trost oder einfach nur ein Kopfnicken gebraucht hätte. Bekannte hätten sicher von sich auf mich geschlossen bezüglich der Gefühlslage in der Situation und hätten Angst gehabt, etwas falsch zu machen. Darum: Ja, vielleicht sind Fehlgeburten ein Tabu. Zumindest in einem Umfeld, dass mich nicht gut genug einschätzen kann. 

Meine Mutter und eine Freundin und natürlich der Trüffel wussten davon. Die Freundin hat übrigens sehr von meiner Zuversicht und der eher nüchternen Betrachtungsweise profitiert, hatte sie doch eine Fehlgeburt hinter sich und eine IVF samt PID dank eines Gendefekts ihres Mannes vor sich. Sie war froh, mit mir ihre Erfahrung teilen zu können, ohne dass ich unsicher wurde. Ich konnte ihr etwas von meiner Zuversicht abgeben und ich durfte sie dann sehr eng begleiten bei ihrer Schwangerschaft mit einem gesunden Jungen.

1 Kommentar:

  1. ... danke für die offenen Worte. Aber ich denke, es ist immer leichter, diese Sicht zu haben, wenn es nach einer FG doch noch zu einer erfolgreichen Schwangerschaft kommt. (Was mich ehrlich für Dich freut!)

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