Montag, 26. Januar 2015

Die ungeschminkte Wahrheit über das mütterliche Hoheitsgebiet

Ich bin eine emanzipierte Frau, nahm ich an. Ich war schon als Mädchen so. Ich hab andere Mädchen verteidigt dummen Jungssprüchen und Handgreiflichkeiten, aber auch vor Zickenkrieg, auch wenn die das gar nicht wollten. Ich hatte das Prinzip meiner körperlichen und geistigen Freiheit derart verinnerlicht, dass ich niemals auf den Gedanken gekommen wäre, jemand anderes könne mir da Vorschriften machen. Mir war immer klar: Ohne mein Einverständnis fasst mich niemand an. Ich entscheide für mich selbst, mein Körper, mein Leben, meine Entscheidung. Ich habe im Laufe der Zeit darum auch trainiert, klare Ansagen zu machen.

Damals war mir nicht klar, was Hormone vermögen und dass ich ohne mit der Wimper zu zucken, einer feindlichen Übernahme über mein selbstbestimmtes Leben und vor allem über meinen Körper zustimmen würde. Und doch tat ich nichts einfacher als das und werde es wieder tun. 

So gerne ich schwanger bin und war, so gerne ich mein Baby in Armen halte, so belastend ist es auch für mich. 

Ich leide unter relativ schlimmer Schwangerschaftsübelkeit, ca. 36 von 40 Wochen lang, und kann darum in dieser Zeit kaum Essen zu mir nehmen. Ich bekomme sehr früh sehr starke Rückenprobleme und kann schlecht schlafen. Mein Kreislauf ist so belastet, dass mir regelmäßig schwarz vor Augen wird und generell pocht mein Herz bereits nach drei Treppenstufen, als sei ich einen Sprint gelaufen. Ich muss mich zwingen ausreichend zu trinken, nicht nur, wegen der Übelkeit, sondern auch, weil ich ansonsten ein Wenigtrinker bin. Und diese tiefe Erschöpfung, die mich die ersten Wochen plagt, zeigt mir, wie unglaublich anstrengend es für meinen Körper ist, aus dem Nichts einen kompletten Menschen zu erschaffen. Zudem funktioniert mein Immunsystem nicht besondern gut und ich brüte quasi von der Einnistung bis zum Abstillen einen Infekt nach dem anderen aus.
So schön es ist ein Baby im Bauch zu tragen, so schrecklich ist es für mich, all die Nebenwirkungen der Schwangerschaft zu ertragen. Für mich sind das echte Nebenwirkungen, die meine Lebensqualität erheblich einschränken - Wunder des Lebens hin oder her. 

Es sind aber nicht nur diese Nebenwirkungen, die mich beim Kinderkriegen belasten. Es ist die fast katastrophale Einsicht, dass ich die Hoheit über mein Hoheitsgebiet - meinen Körper - aufgeben muss. Ich fühle mich meinen Hormonen komplett ausgeliefert. 
Ich habe einige der 'großen' Philosophen gelesen, oder es zumindest versucht. Ich bin Neurobiologin. Ich weiß um die Problematik in der Argumentation des 'freien Willens'. Ich hätte gerne einen freien Willen, hab mir aber zumindest erarbeitet, in 85% der Fälle willentliche Entscheidungen nach von mir zuvor erwogenen Argumenten zu fällen.

Mit Beginn einer Schwangerschaft wird das hinfällig. Ich bin von jetzt auf gleich ein anderer Mensch. Und ich leide darunter. Ich leide darunter, nicht mehr klar denken zu könne, denn ich bemerke wohl, dass meine Entscheidungsgrundlage einer Veränderung unterworfen ist, ich kann es nur nicht kontrollieren. Ich leide darunter, dass während einer Geburt, mein Körper die absolute Kontrolle übernimmt und mein Denken abschaltet. Das ist für mich keine großartige Erfahrung von Urgewalt. Das ist für mich beängstigend. Der absolute Kontrollverlust. Meine Wünsche versinken in der Bedeutungslosigkeit. 
Um ehrlich zu sein, ich hasse das und ich kann auch überhaupt nicht rational nachvollziehen, weshalb ich mich 'freiwillig' all diesen Nebenwirkungen und Veränderungen aussetze.

Doch es ist nicht nur mein Verstand, der rebelliert. Auch mein Köpergefühl verändert sich. Es ist, als würde ein kleiner Alien in meinem Körper wohnen. Ich muss auf einmal meinen Körper teilen - mit jemandem Anderen, jemandem Fremdes. Allein der Gedanke für eine andere Person als Brutkasten zu dienen widerspricht meiner körperlichen Selbstbestimmtheit zutiefst und kommt mir dementsprechend absurd vor. Würde mein Mann derart uneingeschränkten Zugriff auf meinen Körper beanspruchen wären wir schon längst geschieden. Aber das Baby, das ist in mir drin. Und wenn es raus kommt, dann lässt es mich nicht etwa in Ruhe, nein ich habe ihm weiterhin uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen. 
Diese Einschränkung meiner persönlichen Freiheit raubt mir oft den letzten Nerv.

So gerne ich mein Baby stille, mit ihm kuschle, es herumtrage und neben ihm einschlafe, so gern möchte ich hinausschreien: Das ist mein Körper! Er gehört mir! Das sind meine Brüste! Lass mich in Ruhe! Fass mich nicht an!!!

Monat für Monat wächst dann in mir der Wiederwillen gegen diesen andauernden Belagerungszustand. Ich fühle mich immer unwohler in meiner Haut, bis jeder Nerv gespannt ist und ich kurz vor dem Explodieren die Notbremse ziehe und abstille. 

All diese Gefühle, dieses Unwohlsein, diese Bedenken über den Belagerungszustand meines Körpers spielen sich jedoch nicht im Vordergrund ab. Mein Hormonhaushalt funktioniert ausgezeichnet und so bin ich natürlich glücklich während der Schwangerschaft. Ich kann gar nicht genug bekommen von meinem Baby sobald es auf der Welt ist und ich kann mir natürlich nicht vorstellen jemals abzustillen oder mein Baby auch nur ein kleines bisschen loszulassen. 
Aber latent unter der Oberfläche brodelt es, fühle ich mich unbehaglich, frage ich mich, wie lange ich das noch ertragen kann. Und jeden Monat graben sich diese Gedanken und Gefühle ein Stückchen weiter in den Vordergrund, fangen an, die hormonell bedingt Glückseligkeit zu unterwandern, schleichen sich in meinen Alltag - ganz langsam, aber stetig. 

Das es so langsam geht ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass ich meine Kinder schon früh abgebe. So habe ich wenigstens eine gewissen Zeit am Tag meine Ruhe, meine Freiheit zurück und kann dann entspannter mit meinen Kindern zusammen sein. 

Wie groß der Einfluss meiner Kinder auf meinen Körper ist merke ich mal wieder, seit ich abgestillt habe. Meine plötzliche Verweigerung, auch wenn ich die Dame langsam ans Abstillen herangeführt habe, wurde mit ziemlicher Empörung aufgenommen. Daraufhin war die Dame beleidigt und würdigte mich einen Tag lang keines Blickes, bis sie die Situation akzeptierte. Ich kann sie verstehen, das ist eine harte Lektion. Dennoch habe ich sie nicht um ihre Meinung gefragt und schon gar keinen Kompromiss gesucht.

Seither ist es, als zöge ich stückchenweise wieder in meinen Körper ein, wie in eine Wohnung. Mein Gesundheitszustand und mein Wohlbefinden haben sich dramatisch verbessert, ich entspanne mich, werde ruhiger. Ich habe wieder angefangen zumindest ein leichtes Make-up zu verwenden, morgens die Zeit dafür überhaupt aufzubringen. 2 ganze Jahre lang, ging es mir sonstwo vorbei, wie ich aussah. Ich hatte die Haare immer zum Zopf gebunden, noch nicht einmal Consealer wollte ich verwenden, von Mascara ganz zu schweigen. Make-up ist nur ein kleines Zeichen, ein Schritt hin zu meiner neugewonnenen Eigenwahrnehmung. Ich möchte wieder hübsch sein. Mich im Spiegel schön finden. Hübsche, nicht ausschliesslich praktische Kleidung tragen. Hohe Schuhe, weil ich nun nicht mehr immer einen anderen Menschen herumtragen muss... Und ich möchte, dass der Trüffel mich hübsch findet. Ich entdecke mein Interesse für den Trüffel wieder. Für zwei Jahre war es mir fast unmöglich, den Trüffel überhaupt an mich ran zu lassen, wo doch das Baby schon vollumfänglichen Zugriff auf meinen Körper hatte. Nun kann ich wieder selbst entscheiden und bin froh darüber. 

Trotz allem möchte ich weitere Kinder. Ich nehme all diese Nebenwirkungen in Kauf, wenn auch nicht gerne. Zum Glück helfen die Hormone, machen einen Blöd vor Liebe. Dennoch, könnte man Kinder einfach so im Laden kaufen, ich würde es wohl tun. Es würde mich nicht reuen auf das Wunder des Lebens am eigenen Leib zu verzichten. Ich hab es ja jetzt 2x erlebt.

Der Trüffel versteht meine Schilderungen im Übrigen nicht, auch wenn er es versucht. Für ihn ist die Vorstellung, seinen Körper im wörtlichen Sinne mit jemandem zu teilen, total absurd. Er kann das gar nicht nachvollziehen und zuckt jeweils nur mit den Schultern. Darum war er auch etwas enttäuscht, dass ich mir eine Babypause verordnet habe. Die Planung für das nächste Kind wird etwas aufgeschoben, damit ich mein wiedergewonnenes Körpergefühl genießen kann. Der Trüffel jedoch kann das gar nicht verstehen und auch wenn er es nicht ausspricht, er hält meine Reaktion für sehr egoistisch. 

Da hat er auch recht. Das ist nämlich mein Körper und mein Leben und ich entscheide, wann und ob ich diese Alieninvasion noch einmal zulasse.

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