Samstag, 10. Januar 2015

Die Kitadiskussion, Trüffels Bedenken und wie unsere Kinder uns einesBesseren belehrten.

Ab wann darf man sein Kind in die Kita geben? Die U3-Plätze werden ausgebaut. Wobei, das heißt ja gar nix. Der Anspruch auf einen Kitaplatz trägt ab 1 Jahr. Auch das sagt nix. 

Und doch, anscheinend geht es wohl um Weltanschauungen, Momywars und implodierende Universen voller psychisch geschädigter Kinder. Ich verstehe nur nicht, warum…

Wie schon erwähnt, hat meine wunderbare Schwiegermutter eine völlig andere Auffassung vom Kindergroßziehen, als ich. Das gilt - natürlich - auch für die Kitafrage.
Sie arbeitete zwar mit 1 Kleinkind, blieb aber ab dem zweiten zu Hause und somit weiß sie Bescheid. Meint sie. Ich jedoch lasse mich da schon lange nicht mehr auf Diskussionen ein. 

Dennoch ist es die Sache mal wert, zu überdenken, was bei uns zu Hause so läuft. Der Trüffel hatte also eine Mutter, die zu Hause war. Das Argument 'damals gab's ja noch keine Kitas' zieht irgendwie nicht wirklich, denn ich ging schon mit U1 Vollzeit in die Kita. Im Westen. In einer schwäbischen Kleinstadt. Aber zugegeben, es gab nicht so viele Kitaplätze, sonst wäre ja auch ein Ausbau überflüssig. 
Jedenfalls gab es damals auch Frauen, die Geld verdienen mussten trotz Kindern. In meiner Familie zumindest gab es seit 150 Jahren keine einzige Frau, die es sich leisten konnte als Hausfrau nicht zum Familieneinkommen beizutragen. Im Westen. In einem winzigen schwäbischen Dorf. Ja und wenn ich es recht bedenke, die andere Oma hat auch mit 4 Kindern immer gearbeitet, als Lektorin. Obwohl der Mann ein sehr gut laufendes Geschäft hatte. 
Komisch. Irgendwie scheine ich aus einer Familie zu stammen, die das Alleinernährerprinzip nicht praktizierte und das bis heute nicht tut.

Als ich dann schwanger wurde, war mir auf Anhieb klar, das Kind kommt so früh wie möglich in die Kita. Dem Trüffel war klar, dass mir das klar war, aber er war sich unsicher. 
Warum war das so?

Nun, ich bin das Ergebnis einer sehr früh fremdbetreuten Erziehung, auch noch Einzelkind, mit Teenagermutter. Mein Fazit war: Ich bin nicht 'beschädigter' als alle anderen, ich hatte es nicht schwerer, ich bin nicht soziopathisch, unglücklich, gehemmt, dümmer oder sonst wie eingeschränkt durch diese Familiensituation. Im Gegenteil, ich kann von mir behaupten, dass ich ein netter, aufmerksamer, rücksichtsvoller und durchaus erfolgreicher Mensch bin, kein Superhero, aber guter Durchschnitt vielleicht. Jedenfalls hat mir die Fremdbetreuung per se nicht geschadet, weil ich tolle Eltern hatte und nie allein mit meinen Sorgen gelassen wurde. 
Der Trüffel hat eine pädagogisch wertvolle rund-um-die-Uhr Erziehung, sogar mit Geschwisterkind, genossen und ist irgendwie auch nicht besser rausgekommen als ich. Er hatte eine schöne Kindheit, so wie ich auch. 

Da der Trüffel seltsamerweise niemals auf die Idee gekommen wäre, mit Baby zu Hause zu bleiben, war schnell klar, unser Kind kommt in die Kita. Nun hat es in Basel also eigentlich nur ausgezeichnete Kitas mit Betreuungssituationen, die hier in Deutschland eher selten erreicht werden und so war das alles gar kein Problem. Das Baby kam also für 8 Stunden täglich in die Kita. Mit 16 Wochen. Und es lief super. Der Trüffel verlor bald alle Zweifel, als er erkannte, dass unsere Tochter damit offensichtlich kein Problem hatte.

Auch bei Nummer 2 hatten wir bereits vor der Schwangerschaft einen Babyplatz gesucht. Um ehrlich zu sein, haben wir damals den zukünftigen Arbeitsplatz (wir hatten die Wahl zwischen 3 Städten in Europa) nach der Babykitasituation ausgesucht. Göteborg haben wir damals bewusst abgelehnt, denn man versicherte uns, Kinder bekämen erst ab 18 Monaten einen Kitaplatz. Da hab ich direkt den Kopf geschüttelt und für eine Nanny hätte der Verdienst nun echt nicht auch noch gereicht.

Also haben wir in Heidelberg eine wunderbare Kita. Das Baby wurde mit 4 Monaten eingewöhnt und ich bin sehr zufrieden mit den Umständen. Da ich diesmal etwas mehr Spielraum hatte, hab ich die Dame zu beginn ca. 6 Stunden in die Kita gebracht. Mittlerweile sind wir bei 8 Stunden.

Meine Schwiegermutter jedoch versäumt keine Gelegenheit, sobald eine meiner Töchter nur geringfügig nicht so funktioniert, wie sie es für richtig hält, mir vorzuwerfen, dass dieses 'Fehlverhalten' eindeutig an der frühen 'Abschiebung' in die Kita läge. Nicht, dass ihr jetzt denkt, meine Kinder wären kleine Monster. Nein, ich rede von gänzlich normalen kindlichen Reaktionen: Die Große sagt mit 3 Jahren nicht alle 2 Minuten 'Danke oder Bitte', Rumgezapple auf dem Stuhl, nachdem beide aufgegessen haben - nur die Erwachsenen noch nicht. Solche Sachen. Total schlecht erzogen, die Gören! Und die Große hat doch tatsächlich den Aufstand geprobt, als sie Blumenkohl essen sollte! Typisch Kitakinder…

Egal. Jedenfalls schreibe ich diesen Post, um all den Müttern Mut zu sprechen und das latent schlechte Gewissen zu beruhigen, die ihre Kinder deutlich vor dem ersten Geburtstag in die Kita bringen: Also meine Damen sind ganz wunderbar und haben keinerlei offensichtlichen Schaden genommen. Frühe Kitabetreuung ist nicht per se und grundsätzlich schlecht! Es ist für die Kinder ganz normal, so wie es normal wäre, würden sie nicht in die Kita gehen. Klar, der Anspruch an Babykitas ist durchaus ein recht hoher, darum sind wahrscheinlich einige Kitas nicht so gut geeignet für Babybetreuung, als andere. Aber sofern man als Eltern das Gefühl hat 'hier ist mein Kind gut aufgehoben und hat Spaß', sehe ich absolut kein Problem.

Ich möchte dennoch erwähnen, dass ich durchaus schon Kinder erlebt habe, die sich schwer tun mit der Trennung von der Mutter. Das waren eher Kinder, die mit 1 Jahr eingewöhnt wurden. Nicht alle Kinder reagieren gleich. Und als Eltern hat man da nur bedingt Einfluss, denn das mag weniger mit Erziehung oder Prägung auf die Mutter zu tun haben, als mit dem Charakter des Kindes. Manche Kinder tun sich grundsätzlich mit Veränderung schwerer als andere. Darüber zu spekulieren wieso, wäre müßig. 
Ich denke also, unter Berücksichtigung der Reaktion des Kindes, sind Kitas und frühe Fremdbetreuung nicht gesundheitsschädlich. Aus bekannten Gründen kenne ich nun zahlreiche Kitababys - auch jetzt schon über Jahre - und ich kann nicht wirklich feststellen, dass sie unter der Situation leiden. Die entwickeln sich alle prächtig.
Es hat aber eben auch viel mit der Familiensituation zu tun. Alle Kitaelten, die ich bisher kennen gelernt habe, sind informiert und engagiert und keineswegs egoistisch. Alle nehmen die Bedürfnisse ihrer Kinder wahr und genießen die Familienzeit. Und es sind bei weitem nicht nur Topmanagerinnen und Selbstständige, die ihre Kinder als Baby in die Kita bringen. Von der Krankenschwester über die Anwältin bis zur Verkäuferin ist alles in der Elternschaft unserer Kita vertreten. Und da eigentlich viele gerade die 2. Runde Schwangerschaften einleuten, gehe ich mal davon aus, dass nicht alle Alleinerziehend sind. Dafür sind eigentlich alle im Reinen mit der Situation, denn ich bin außerdem überzeugt, fühlt sich die Mutter nicht wohl, fühlt sich auch das Kind nicht wohl mit der Situation. Dieses latent schlechte Gewissen ist somit eher Gift für die Kinder und die Mütter. 

Also liebe Kitamutter, wenn du dich entscheidest dein Kind in die Kita zu geben, steh dazu und mach dir keinen Stress. Lass dir nichts erzählen und schau dir dein Kind genau an. So lange das Kind kein Problem hat, brauchst du nun wirklich auch keines damit zu haben! Sollte dein Kind deiner Meinung nach damit ein Problem bekommen, kannst du immer noch über eine Veränderung nachdenken. Und: jedes Kind ist anders. Nur, weil deine Freundin überzeugt ist, für ihre Familie wäre eine Kitabetreuung mit 6 Monaten nichts, heißt das für deine Familie überhaupt gar nix und schon gar nicht, dass Fremdbetreuung für dein Kind schlecht wäre.

Meine Schwiegermutter hat also schlicht unrecht, wenn sie jedes noch so kleine 'Fehlverhalten' meiner Töchter als Kitaschaden interpretiert. Meine Kinder sind psychisch gesund und glücklich und ganz emphatische tolle kleine Menschen, aus denen wunderbare große Menschen werden. 

Mein Fazit ist : Es gibt sich nix. Ob eine Mutter zu Hause bleibt, die ersten 2 Monate, das erste Jahr, die ersten 3 Jahre oder gleich für immer. Die Kinder wachsen zwar unterschiedlich auf, aber so gut wie alle werden eine recht glückliche Kindheit haben. 

Wenn jemand traumarisiert sein wird, dann sind es die Flüchtlingsfamilien, die vor Krieg, Verfolgung und Unterdrückung auf haarsträubende Weise in unser Land kommen und hier auch noch dafür beschimpft werden, oder Kinder, die sonstiger Gewalt und Missbrauch ausgesetzt waren/sind. Es gibt Opfer, die Hilfe brauchen. Kitababys gehören eher nicht dazu. Darum denke ich durchaus, dass wer sich über Fremdbetreuung aufregt, sonst wahrscheinlich keine Sorgen hat. Meine Mutter würde es etwas direkter formulieren: Wer sich darüber aufregt, dem geht's wohl zu gut oder der hat die Relationen etwas verdreht. Das ist zwar nicht diplomatisch, aber durchaus plausibel. 

Wir sind in der absolut privilegierten und glücklichen Situation, relativ frei entscheiden zu können, ob und wann wir unsere Kinder Fremdbetreuen lassen. Statt daraus ein Problem zu machen, sollten wir das feiern und uns freuen und unser Leben so gestalten, wie wir glücklich damit sind. 

Im Jahr 2015 in Deutschland ist es eigentlich nicht wirklich schwer zufrieden zu sein, auch wenn's nicht perfekt ist.

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