Freitag, 5. Dezember 2014

Geteiltes Leid...

…ist eben genau das, geteiltes Leid, nicht etwa halbes Leid.
An sich mag es ich es ja, wenn mir jemand etwas mitteilt, weil er meint, ich könne ihn oder sie verstehen und mich adäquat verhalten. Es ist so etwas wie ein Kompliment.

Etwas anderes ist das mit Blogs. Ich bin nicht sicher, ob der Schreiberling da wirklich etwas teilen will, oder ob er nur anonym der Welt irgendetwas mitteilt, weil ihm oder ihr ja sonst keiner wirklich zuhört. Es hat eher etwas von Tagebuch schreiben. Man schreibt für sich selber, aber auch um die Reaktionen der Umwelt darauf zu ergründen. Und so erwartet man auch gewisse Reaktionen der Leser.
Schreibt man z.B. etwas Peinliches, erwartet man Kommentare mit Emoticons, bei etwas Traurigem erwartet man Trost, bei etwas Erfreulichem Glückwünsche etc.

Bei Mamablogs erwartet man grundsätzlich auch noch Solidarität oder zumindest Verständnis. 

Darum gehe ich davon aus, das Kritik am Schreiberling nicht erwünscht ist auf privaten Blogs.

Nun bin ich aber ins Nachdenken gekommen. Mamablogs haben ja ein spezielles Feature: vielfach werden Geburtsberichte veröffentlicht. Und das finde ich krass.
Nicht so krass wie die Mutter zu Beginn der Rückbildung, die schamlos - aber noch unter dem Eindruck des Erlebten - wildfremden Frauen (also mir) von Dammrissen und übermäßigen Wochenbettblutungen erzählen. Jaja, das erzählt man vielleicht seiner besten Freundin, aber ich will eigentlich wirklich nicht wissen, mit wie vielen Stichen die Dame, die da neben mir turnt, zusammen geflickt wurde. Jedenfalls ist die Geschichte mit dem Dammriss geblieben, während ich den Namen der guten Dame nach 5 Sekunden vergessen hatte. Und wenn ich sie nun in der Drogerie treffe und grüße, dann muss ich mir immer vorstellen, wie da eine Assistenzärztin an ihr rumgefummelt hat und… egal. Ihr versteht, was ich meine. Ich will nicht von einer Unbekannten einen ausführlichen Geburtsbericht anhören müssen. Das ist Bäh.

Nun aber zu den Geburtsberichten auf Mamablogs.
Ich selber habe schon mehrere davon gelesen. Es ist da wie mit dem Naschen. Wenn der Kinderriegel da nur lang genug auf dem Tisch herum gelegen hat, dann gibt man entnervt auf und isst ihn halt. So geht es auch mit Geburtsberichten. Irgendwann liest man sie halt. Nicht wegen des Zuckergehaltes, sondern weil man sich an seine eigenen Geburten erinnert und entweder Menschen mit gleichen Erfahrungen sucht, oder einfach neugierig ist.

Zunehmend werden ja auch Geburtsberichte gebloggt, die unter 'war halt schmerzhaft, war halt ne normale Geburt' einsortiert werden können. Aber vor allem schreiben auch Frauen, die nicht mit den Geburten glücklich waren. Diese Frauen machen das ja für sich. Und durch Kommentare von Frauen mit gleichen Erfahrungen fühlen sie sich weniger allein mit ihren Erlebnissen und Gefühlen. 

Aber was macht es mit mir, Geburtsberichte von fremden Frauen zu lesen, zum Teil mit Erfahrungen, die ich gar nicht nachvollziehen kann?

Ich habe damit irgendwie ein Problem. Klar, ich muss das nicht lesen. Und ich kann's ja nach dem Lesen auch einfach wieder vergessen. Aber Geburtsberichte haben eine Eigenheit: sie sind persönlich. Hier geht's an die Substanz. 
Bloggt also eine Mama darüber, dass das Baby den selbst gekochten Karottenbrei nicht mag, denk ich mir noch nicht mal meinen Teil und vergess alles gleich wieder. Aber bei richtig persönlichen Texten geht das nicht so gut. Denn ich bin ja ein emphatischer Mensch. Und vielleicht ist genau das so irritierend für mich. 

Ich bin emphatisch, kann mich eigentlich gut in andere hineinversetzen und wirklich mitfühlend sein. Aber nur bei Sachen, die entweder auch in meinem eigenen Erfahrungsschatz zu finden sind, oder die nicht so komplex sind.
Ich kann mir also vorstellen, wie es ist Wehen zu haben, aber ich kann mir überhaupt gar nicht vorstellen, wie ein Kaiserschnitt ist und welche Auswirkungen der haben kann. Ich kann's einfach nicht. Tut mir leid, liebe KS Mütter. Ich hab keine Ahnung, wovon ihr da sprecht. 

Ich kann mir im Übrigen sehr viele Sachen nicht vorstellen und ich habe da auch kein Bedürfnis danach.

Was also macht so ein Geburtsbericht über KS inklusive Trauma und Versagensgefühlen mit mir? Ganz ehrlich? Der erste Gedanke ist bei mir tatsächlich: Hey, ihr seid beide gesund, steigere dich da nicht so rein. Hätte ja schlimmer kommen können.
Ja, das ist nicht gerade die feine Art. Genau genommen ist es eigentlich nur meine Art, denn ich lege keinen Wert auf eine schöne Geburt und ich bin dafür alles schnell zu vergessen, wenn's dann endlich vorbei ist. Ich bin da ziemlich biologistisch und sehr wenig gefühlsbetont. 

Ich lese also einen Bericht und es kommt erst mal keine tröstende Solidarität auf. Dabei bescheinigte mir die Hebamme nach der ersten Geburt, dass Kind und ich eigentlich traumarisiert sein müssten. Allerdings war ich das nicht, denn ich hab einfach auf Durchzug geschaltet und die Hebamme rausgeworfen. Das ist meine Strategie. Ich habe bisher noch niemanden kennen gelernt, der ähnlich rabiat ist. Ich bin sehr eigen, aber ich denke, seit der ersten Schwangerschaft, hat sich das noch wesentlich gesteigert.

Auch wenn ich diese Geburtsberichte offensichtlich nicht nachvollziehen kann, wie so Vieles was Frauen rund ums Kinder kriegen/haben tun, heißt das für mich in dem Fall, ich gebe meine Meinung zu dem jeweiligen Bericht nicht ab. Ich äußere mich eben nicht. Und in diesem Fall ist es dann auch gut, wenn ich diese Frauen nicht persönlich treffe und ihnen nicht von Angesicht zu Angesicht Solidarität vorspielen muss. Denn die empfinde ich eben nicht. Genauso wenig würde ich je zu einem Bloggertreffen gehen, denn da würde ich Frauen begegnen, von denen ich viel zu viel Persönliches gelesen habe und die von mir viel zu viel Persönliches wissen. Ich wäre die ganze Zeit beschäftigt Themen zu umschiffen, bei denen unsere Meinungen auseinander gehen…

Wie gesagt, ich muss die Geburtsberichte ja nicht lesen. Tu ich aber trotzdem. Und sie lösen in mir noch etwas ganz anderes aus: Verwunderung.

Verwunderung über die Vorstellungen, wie Geburten sein müssten und die zwangsläufige Enttäuschung hinterher. Ich verstehe einfach nicht, wer auf die Idee kam, Geburten als etwas Schönes zu propagieren? Geburten sind IMMER schmerzhaft. Und da Schmerz mich nicht antörnt, sondern mich zum Weinen bringt, kam ich noch nie auf die Idee, etwas Schmerzhaftes könne schön sein. Haltet mich für doof, aber so einfach bin ich gestrickt: 
Schmerz - nicht wünschenswert. Kein Schmerz - wünschenswert. 
Also Geburt nicht wünschenswert, Baby sehr wünschenswert. 

Leider steht vor einem Baby immer erstmal eine Geburt, da muss man halt durch. Und wenn sie rum ist, dann zählt nur noch das Ergebnis. Vielleicht haben mir darum meine Geburten nicht besonders zugesetzt. Sie haben mich sehr beeindruckt, weil ich von vielen Aspekten einer Geburt keine Vorstellung hatte. Selbst die Schmerzintensiät der Wehen hat mich beeindruckt. 
Vielleicht lag's auch einfach daran, dass mein Gehirn direkt bei der ersten Wehe auf Notstrom schaltet und mein Denken nicht an die Notstromversorgung angeschlossen ist. Ernsthaft, ich habe es bei beiden Geburten während der Wehen nicht einmal mehr geschafft, die einfachsten Dinge zu denken, geschweige denn irgendetwas zu entscheiden.

Nun, mein Gehirn hat da offensichtlich einen Not-Aus-Knopf auf den das Kind drücken muss, wenn es raus will. Ich finde das super. Und ich finde es aufrichtig schade, dass andere Frauen das nicht haben. Ich würde das jeder gönnen. Leider hilft das nicht und es hilft auch nichts zu sagen, kleb dir am Tag des positiven Tests Augen, Mund und Ohren zu und ignorier einfach alles was über Geburt und Kinder zu sehen, zu lesen und zu hören ist und mach, was du für richtig hältst. Wenn es doch so einfach wäre… Ich für mich bin froh, dass ich das recht gut beherrsche.

Ich lese also diese Berichte, denke mir meinen Teil und hoffe die Schreiberin kann mit der Anteilnahme anderer etwas anfangen. Ich kann dazu wenig beitragen.

Nur eines vielleicht - da wir uns eh nie begegnen:
Als bei Nr.2 die Presswehen anfingen saß ich gerade auf der Toilette. Mein einziger Gedanke als ich anfing zu pressen war: Nein! Hilfe!!! Ich kann ganz unmöglich mein Baby in die benutzte Toilette plumpsen lassen! Ich muss wenigstens zuerst spülen...

Kommentare:

  1. Ich denke es gibt Themen, da kann man tatsächlich nicht mitreden, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Aber gewisse Aussagen kann man auch einfach mal im Raum stehen lassen...
    Was bei Geburten nicht zu unterschätzen ist - und oft wird von Frauen, die ihr Kind immer bei sich hatten - ist was biochemisch abgeht, wenn die Gebärende vom Kind getrennt wird (physisch oder durch die Narkose). Ich behaupte jetzt mal, das kann keine, die es nicht selber erlebt hat. Anstelle des nachgeburtlichen Oxytocin-Flashes kommt da voll die Ladung Kind-ist-tot-Hormone (keine Ahnung wie die heissen), die dafür sorgen sollen, dass der Körper asap auf Null zurückgesetzt und wieder startbereit gemacht wird.
    Nie die Scheisshormone unterschätzen! Die machen nämlich, dass man zwar im Kopf das denkt, was Du schreibst - aber emotional ganz etwas anderes *fühlt*.
    Anyway, was ich eigentlich sagen wollte: Wenn man nichts Freundliches zu sagen weiss, sagt man manchmal besser einfach gar nichts. Falsche Pseudosolidarität ist irgendwie genau so doof, wie jemanden seine Gefühle abzusprechen.
    Liebe Grüsse & schönen Nikolaustag

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    1. Hallo Katharina
      ich wünsche Euch auch einen schönen Nikolaustag! Und danke für das Buch, ich mache mich nächste Woche an eine Rezession...
      Du hast recht, Hormone machen so einiges. Zum Glück, denn nüchtern betrachtet, käme niemand mehr auf die Idee, sich freiwillig auf diese Weise fortzupflanzen.
      Aber ich muss dir ein wenig widersprechen. Die Trennung vom Kind nach der Geburt halte ich nicht für so ausschlaggebend, es sei denn, das Kind wird direkt wegen intensive Maßnahmen weggebracht und keiner weiß, ob es überlebt. Nicht nur, weil bei mir bei Nr.1 auch aus med. Gründen eine Trennung stattfand und ich das gar nicht traumatisch fand, sondern v.a., weil ich inzwischen 5 Mütter kenne, die geplante KS hatten. 3 davon hatten Zwillingsfrühchen, die direkt auf die Neointensiv kamen. Die haben sich super darauf vorbereitet und da war es gar kein Problem, solange sie informiert wurden, wie es den Kindern geht.

      Ich denke aber schon, dass der Umgang damit, wie das vorherrschende Bild über Geburt und Kinder ist, wesentlich damit zu tun hat, wie glücklich man als Mutter ist. Abgesehen von wirklichen Befunden, wie Depressionen etc. ist es schon irgendwie Einstellungssache, aber auch Charakterfrage. Ängstliche Menschen, werden sich schon mit Schwangerschaften schwerer tun, als andere.
      Das Bild einer 'richtigen' Geburt ist ja heute ganz eindeutig mit Schmerz und Blut und Schweiß verbunden, durch die man gehen muss - also eine Leistung erbringen - damit man sich hinterher auch ein gesundes Kind verdient hat. Die sog. 'natürliche Geburt ohne med. Eingriffe' soll das Ideal sein. Eine überaus menschenverachtende Sichtweise, die zwangsweise Menschen traumatisiert hinterlassen muss.

      Leider haben wir keinerlei Nebenwirkungsfreien Interventionen entwickelt und so werden Interventionen grundsätzlich als Nachteil gesehen. Warum nur? Kann ich nicht verstehen.

      Beispiel? Schmerzen. Wehen sind häufig bestialische Schmerzen über einen durchaus beachtenswerten Zeitraum. Unfallopfer werden direkt mit Morphinderivaten abgeschossen. Das nennt man 'human'. Gebärende mit schlimmen Schmerzen wird empfohlen da durch zu müssen, selbst Schmerzlinderung jenseits einer PDA wird nicht gern gesehen. Da wird dann über die chemische Keule und das arme Kind diskutiert. Dass die Mutter die schlimmsten Schmerzen ihres Lebens hat interessiert nicht. Klar, Geburtsschmerzen kann man überleben, niemand stirbt am Schmerz selbst (Unfallopfer auch nicht), aber da ich so eine 'schöne natürliche Geburt' ohne Schmerzmittel hatte, darf ich sagen: Das wünsche ich selbst meinem schlimmsten Feind nicht!!!
      Es herrscht auch der Gedanke vor, eine Geburt müsse etwas Schönes, etwas Großes und Erhebendes sein. Und wenn es einfach bei 90% der Geburten nicht so ist? Aus welchen Gründen auch immer? Was, wenn Geburten einfach anstrengend, schmerzhaft und gefährlich sind? Was, wenn nicht die Geburt, sondern das Leben mit Kind die Kür, das große Erhabene und Erfüllende sind? Ich sehe das nämlich so. Und ich mag Geburten nicht. Ich würd sie direkt abschaffen und mir Kinder von DHL liefern lassen, wenn das ginge.

      Es sind nicht nur die Hormone, es ist auch eine Erwartung, die enttäuscht wird und darum ist finde ich das alles so schlimm. Die Hormone können und sollten wir nicht ändern. Die Erwartungen müssen wir ändern, wenn wir dadurch Frauen derart verletzten, und das auch noch absichtlich.
      Eine natürliche Geburt ist keine Leistung an sich. Ein Kind zu empfangen, zu gebären und aufzuziehen auch nicht. Das nennt sich Leben, nicht Arbeit oder Wettkampf! Genau diese ständigen Bewertungen machen das Leben für mich unerträglich!

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    2. Na gut, aber du bewertest ja auch. Ich kenne Frauen, die haben tatsächlich praktisch schmerzfrei geboren bzw., sagen wir: ohne zu leiden. Mit der entsprechenden Einstellung und Technik scheint das für manche Frauen möglich zu sein.
      Sage ich deshalb, Du wärst mit der falschen Erwartung in die Geburt rein und hättest nur deshalb Schmerzen gehabt? Nein.

      Natürlich erwartet man, dass man für all das Leiden und die Schmerzen entschädigt wird: Nämlich durch das grossartige Gefühl der allumfassenden Liebe, wenn man endlich sein Kindlein in den Armen hält.

      Nun, nein. Man kann das alles durchmachen ohne dieses Gefühl. Ich habe meinen Sohn nicht mal erkannt, als ich ihn 8 Stunden nach der Geburt zu Gesicht bekam. Ich fühle mich um dieses Gefühl betrogen und ich werde bis an mein Lebensende darum trauern.

      Die Trauer um das, was hätte sein können, hätte sein müssen, ist genau so real wie die Freude an dem, was ist. Man kann sie anerkennen und verarbeiten und irgendwann seinen Frieden machen mit dem, was geschehen ist. Oder man kann sie verdrängen und nie damit abschliessen. Das hat nichts mit Undankbarkeit zu tun. Man kann sehr wohl dankbar und traurig gleichzeitig sein.

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    3. Ja aber ist es nicht genau dieses 'was hätte sein können', 'was hätte sein müssen'? Woher hast du denn die Vorstellung, dass das so hätte sein müssen?
      Ich hätte mein Kind auch nie erkannt, wenn man es mir nicht gesagt hätte, welches meines ist. Es sah halt aus wie ein Baby. Hätte man mir ein fremdes Kind gebracht, hätte ich wohl dieses als mein eigenes genommen.

      Und nein, diese allumfassende Liebe, die gab es bei mir bei beiden Kinder nicht sofort. Die kam durchs kennenlernen. Denn gleich nach einer Geburt bin ich dermassen erschöpft und überfordert, dass ich überhaupt nix fühle außer Erleichterung, dass es vorbei ist. Bei Nr.2 ging das schon einfacher, weil ich wusste, dass die Gefühle kommen. Aber bei Nr.1 hab ich einige Monate gebraucht, denn die Zeit auf der Neointensiv war für mich nur möglich, weil ich alles außer meinem Verstand abgeschaltet habe. Lauter so kleine kranke Babys erträgt man ja nicht, wenn man es emotional angeht.
      Danach konnten wir uns dann zu Hause in aller Ruhe an alles gewöhnen und Zeit für einander haben, mit ausschlafen, gut Essen und zu Kräften kommen und ich hatte mir auch bewusst viel Zeit für mich allein genommen. Ohne Baby. Jeden Tag.
      Aber in den ersten Wochen war mein Mann der Emotionale. Er war derjenige, der verstanden hat, was bei der Geburt abging und der auch danach um das Kind gebangt hat. Erst als ich ihn gezwungen hab mit dem Arzt zu sprechen und sich alles genau erklären zu lassen, hat mein Mann sich entspannen können.
      Ich trauere diesem ersten Gefühl nicht nach, denn da ich sowieso immer zuerst Zeit brauche, um mich an Veränderung anzupassen und um mich an neue Menschen in meinem Leben zu gewöhnen, nahm ich schon vor der Geburt an, ich werde einige Zeit brauchen, um mit dem Baby klar zu kommen.

      Ich verstehe vielleicht einfach nicht, welche Vorstellungen andere von Geburten haben. Ich habe mich bereits zu Beginn der ersten SS zurück gezogen und nur mit meiner Mutter darüber geredet. Denn ich kann Vorstellungen von anderen schon immer schlecht auf mich übertragen. Darum wollte ich diese Geburtsvorstellungen schon gar nicht hören. Es war von Vorteil, die 1.SS nur mit meiner Mutter und meinem Mann über Babykram zu reden. Keine Hebamme, kein Internet, kein Kurs, kein Ratgeber außer meiner Mutter. Auch meine Mutter fand es gut, denn da konnte sie noch einmal zeigen, was sie als Mama wirklich drauf hatte. Sie war die beste Begleitung und hat mich bestärkt und ich konnte von ihrer Erfahrung sehr profitieren. Denn auch sie sah mich erst, als sie einen Tag später von der Narkose aufwachte…
      Bei Nr.2 war es einfacher, weil ich schon die Erfahrung gemacht hatte und wusste wie ich zu meinem Kind finden kann. Bei Nr.1 hat es im Rückblick etwa 6 Monate gedauert, bis ich ganz angekommen war. Ich habe aber nie getrauert, sondern nahm an, dass das eben so ist, wenn man von Frau zur Mama wird. Noch länger hat es gedauert wieder zur Frau zu werden.

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  2. Liebe Rosalie,

    durch deinen Text gewann ich eher den Eindruck, dass du nicht so ganz einordnen kannst, worum es bei Geburtsberichten wirklich geht. Ob Schmerzen oder nicht, ob Sectio oder nicht, ob natürlich, Haus, Wanne, im Alleingang, im Krankenhaus, mit oder ohne PDA - das ist alles völlig unwichtig. Bei Geburtsberichten, (und ich schätze du sprichst von jenen zum Anlass des 25. Novembers), geht es um den Kampf für selbstbestimmte Geburten. Es geht darum, dass man die Frauen die gebären ernst nimmt. Und genau das passiert oftmals eben nicht. Um das nachvollziehen und verstehen zu können, muss ich nicht all deren Erfahrungen gemacht haben. Mir ist es eigentlich völlig egal, um welche Situation im Leben es sich genau handelt denn, ernst genommen werden möchte ich möglichst immer. Du nicht auch?

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    1. Nein, an den 25.11. dachte ich bei dem Post gar nicht. es ging mir wirklich nur darum, wie ich auf die relativ wenigen von mir gelesen Berichte reagiere. Und diese Geburtsberichte wurden auch nicht mit direktem Bezug geschrieben, sondern direkt nach Geburten auf privaten Blogs veröffentlicht. Da ging es meines Erachtens eher darum, noch im Bann des Erlebten zu berichten.
      Über selbstbestimmte Geburten habe ich so meine eigene Ansichten, da ich während meiner Geburten zu keiner sinnvollen Beurteilung der Geschehnisse in der Lage gewesen wäre und mich dementsprechend zum Glück vollumfänglich den Hebammen und Ärzten überlassen habe, die dann freundlicherweise meinem Kind auch das Leben gerettet haben. Ich für meinen Teil, fand das eine gute Lösung und würde es auch immer wieder so wollen.
      Ich sehe nichts schlimmes daran, wenn andere für und über mich entscheiden, wenn ich in einer Situation nicht fähig bin, Entscheidungen zu treffen.

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  3. Wenn besagte Geburtsberichte keinen Bezug zum 25.11. hatten, könnte man evtl. tatsächlich davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine Art öffentliche Selbsttherapie handelt. Vielleicht auch mit einer unterschwelligen Hoffnung, sich hier mit anderen Müttern austauschen zu können? - Wer weiß?

    Zu deinen Erfahrungen: Scheint dennoch so, als hättest du dies selbstbestimmend akzeptiert, dass hier andere über dich bestimmten. Auch eine Form der Selbstbestimmung. Hattest du denn den Eindruck, man hätte dich nicht ernst genommen? Das lese ich z.B. bei dir so überhaupt nicht heraus. Dennoch kommt es immer mal wieder vor, dass Frauen da nicht ernst genommen werden.

    Natürlich hast du Recht in diesem Punkt, dass es nichts Schlimmes sein muss, wenn andere über einen bestimmen, sofern man selbst so gar nicht dazu in der Lage ist. Aber was ist, wenn andere über dich bestimmen, obwohl du sehr wohl dazu in der Lage bist? Ich denke, wir alle wissen die Antwort darauf. - Liebe Grüße! Ich wünsch dir was :)

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    1. Nun, während der SS habe ich mehrmals Ärzte getroffen, deren Sätze mit 'Sie müssen' beginnen. Klar hat mich das gestört und da hab ich jedes Mal gesagt, was ich davon halte und deren Rat geflissentlich ignoriert. Für die Geburt hatte ich aber schon beim positiven Test den Gedanken: Baby macht seinen Job und kommt auf die Welt. Ich mach meinen Job und bringe das Baby auf die Welt. Die Hebamme macht ihren Job und hilft mir. Ich war, noch bevor ich eine Hebamme gesehen hatte, davon überzeugt, dass ich keine weitere Vorbereitung bräuchte. Eine Hebamme mit tausend Geburten Erfahrung weiß viel besser, was man bei einer Geburt so zu tun hat. Also mach ich, was die Expertin sagt. Und als die Expertin merkte es wird knapp, hat sie die Ärztin geholt und die holte die Oberärztin und die kam sah und ging und kam mit der Chefärztin wieder. Die Chefärztin hat das perfekt gemacht und dafür gesorgt, dass alle heil aus der Sache raus kamen. Ich wurde nicht gefragt. Aber ich hab gemerkt, es ist ernst, also lass die Leute ihren Job tun.
      Ich wusste vorher nicht, dass ich bei Geburten nicht zurechnungsfähig bin. Das war eine neue Erfahrung. Aber was soll ich denn da machen, außer mich auf andere zu verlassen? Dafür sind die doch da. Und die wollen einem per se ja nix böses, nur dass alle gesund sind. Wie man dort hin kommt ist in meinen Augen dann erstmal zweitrangig.
      Und ich habe immer an Unikliniken entbunden. Zum Glück. Obwohl gerade die ja nicht dafür bekannt sind, erstmal abzuwarten und möglichst interventionsfrei mit ihren Patienten umzugehen. Von der Betreuung während der Geburt kann ich aber nur schwärmen. Die war super. Dabei hab ich das KH nicht danach ausgesucht, wie mütterfreundlich der Kreißsaal ist, sondern ob eine Kinderklinik mit Toppersonal für den Notfall möglichst ab der 1. Sekunde bereit steht. Mag Zufall sein. 2 Entbindungen in 2 unterschiedlichen Städten in 2 unterschiedlichen Ländern, aber beide Male hat man sich gut um mich gekümmert.
      Allerdings hat man mich bei keiner der Geburten so wirklich nach meiner Meinung gefragt (außer ob ich etwas gegen die Schmerzen wolle), und schon gar nicht, als es um die Gesundheit meiner Tochter ging. Ich fand das nicht schlimm, ich hätte ja eh nicht verstanden, was passiert und welche Behandlung nötig gewesen wäre.
      Als meine Nachsorgehebamme mir jedoch direkt nach der Geburt mit Globuli kam, obwohl ich gesagt hatte, dass ich nicht an Homöopathie glaube, hab ich sie sehr schnell, sehr deutlich rausgeschmissen und mir beim 2. Mal schon gar keine keine mehr gesucht. Ich wehre mich durchaus, wenn mir was nicht passt. Aber dazu muss ich mir zu einer bestimmten Frage auch eine Meinung bilden können. Und dazu darf ich offensichtlich nicht den hormonellen Totalausfall haben.

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  4. Verstehe. Ich muss zugeben, jetzt hast du mich aber zum Schmunzeln gebracht. Ich habe es im Übrigen ganz ähnlich gemacht wie du. Beide Kinder wollte ich jeweils in einer Klinik entbinden. Beide sogar eigentlich in einem Universitätsklinikum, aus selbigen von dir genannten Gründen. Tja, beim ersten hatte es leider nicht so hingehauen und ja, dort, (wo ich ja eigentlich nicht entbinden wollte), kamen sie mir auch mit diesen besagten Globulis und gaben mir nicht meine PDA, die ich mir doch so sehr wünschte. Sie schickten mich sogar irrtümlich nach Hause, als ich mich bereits in den Wehen befand. Fehler passieren eben und dieser hätte sowohl meinem erstgeborenem Kind, sowie auch mir fast das Leben gekostet. Manchmal leidet eine Frau unter solchen Dingen eine Zeit lang. Manchmal sogar ein Leben lang, wenn es nicht richtig aufgearbeitet wird.

    Bei Kind Nr. 2 war es das erwünschte Universitätsklinikum und alles lief wie geschmiert. Auf meine Wünsche und auf meine Meinung wurde stets geachtet. Am aller besten fand ich, dass man über jeden Schritt so ausführlich aufgeklärt wurde. Wobei ich auch glaube, dass nicht jeder etwas mit dem Fachchinesisch anfangen kann. Das konnte ich dann jetzt schon.

    Aber gut, zurück zum Thema: Wenn du dich allein darauf beziehst, dass bestimmte Frauen nicht mit den Schmerzen und dem ganzen Blut klar kommen, dann gebe ich dir Recht, ist dies etwas unrealistisch. Das gehört zweifelsohne zu einer Geburt dazu. ;)

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  5. Komisch, ich kann Deine Worte nachempfinden und lese trotzdem immer mal wieder Geburtsberichte. Da denke ich dann darüber nach, dass ich das einerseits für mich als Vor/Nachbereitung Einordnung des Erlebten brauche, es mich andererseit auch etwas unter Druck setzt. Komisch wie ambivalent ich da bin.

    Was mich zum Beispiel verunsichert hat, war das Erzählen der meisten anderen Frauen, dass sie ihr Kind von Sekunde eins voll und ganz geliebt hätten. War bei keinem meiner Kinder der Fall. Vor allem nach der "natürlichen" Geburt von Nr. 2 war ich einfach nur fertig und fand meine Kind wirklich nicht schön. Nr.1 war nach dem KS perfekt - wartete im Arm vom Vater auf mich als ich aus der Vollnarkose aufwachte, Nr. 2 war nur komisch proportioniert, ich erschöpft und überhaupt.... Lieben tue ich heute beide, aber die Liebe ist über die Zeit gewachsen und hübsch sind sie natürlich auch. Doch am Anfang war ich panisch - was ist wenn es brennt, denke ich dann daran mein Kind zu retten? Hormone...

    Für mich sind dann solche Zeilen, wie die Deinen, dass es auch bei Dir nicht sofort "die Liebe" da war, wichtig den selbstgemachten? "Druck" zu relativieren. Denn auch Freundinnen erzählen eher selten, dass sie ihr Kind nicht sofort geliebt haben. Das ist ja nicht das von der Wunschkindgesellschaft geprägte perfekte Bild. Wenn ich allerdings den Mut gefunden habe und dann davon erzählt habe, kommen auch von anderen ähnliche Geständnisse.

    Gefühle anderer kann ich auch schlecht nachvollziehen. Aber so verschiedene mögliche Abläufe durchzuspielen, hilft mir doch bei der Vorbereitung. Kommentieren muss ich ja nicht.

    Und: Schwangerschaft ja, dann aber Baby per DHL, da wäre ich dabei :) Geburt war auf die eine wie die andere Art zu überleben, aber absolut nicht erstrebenswert.

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