Dienstag, 7. Oktober 2014

Das macht man so.

Wer kennt ihn nicht, diesen Satz, der mit 'man muss…' beginnt und mit 'das macht man so.' endet?
Nicht, dass man diesen Satz nicht auch als Kinderlose/r im Hinterkopf hallen hört. Man muss so vieles - vor allem was aus sich machen, sparen, Abitur und Studieren muss man ja heut auch - mindestens. Dann muss man einen Mann, wahlweise auch eine Frau kennenlernen, dann muss man erst heiraten und dann muss man auch noch Kinder bekommen.

Oftmals werden wir eher subtil als direkt auf all die Dinge, die man so macht, weil man sie halt so macht, hingewiesen. Klar gibt es Ausnahmen. Großzügig wird heute von allen erklärt, dass man ja nicht mehr zwingend heiraten muss. Wir sind ja als Gesellschaft so unglaublich viel toleranter geworden.
Das mag auch stimmen. Die 50iger waren in Sachen Familie bestimmt erheblich rigider. Aber so unglaublich tolerant sind wir nun auch nicht. Was muss, dass muss eben. Sonst herrscht Anarchie, oder sowas.

Nun werden die gesellschaftlichen Normen meist eben eher subtil vermittelt, sie sind dennoch nicht in Frage zu stellen oder gar irgendwie abweichend zu interpretieren. Wo kämen wir denn hin, wenn hier jeder macht, was er will?

Sobald das Spermium aber das arme Eichen gesichtet hat, wird's konkret. Von allen Seiten mischen sich Menschen ein und erklären: Du musst ab jetzt…
Gerne vermiest man auch der letzten Schwangeren mit 'du darfst … nicht.' den Tag. Immer beliebt auch die Ärzte mir ihrem 'Da müssen Sie jetzt…' Blablabla.
Schwangere hören ständig Stimmen in ihrem Kopf. Krankhaft ist das nicht, aber krank macht einen das schon.

Was macht nun die ständige Gängelei mit einem Menschen? Genau. Sie macht ihn verrückt.
Und weil wir ja nicht verrückt sein wollen, weil wir ja nicht krank sind, halten wir uns schön an die Norm, dann sind wir alle 'Wahnsinnig normal' wie Manfred Lütz das so schön ausführt.

Frei nach dem Motto: Wenn man macht, was alle machen, dann macht man zumindest nichts falsch.
Ganz fürchterlicher Irrtum!
Kollektivirrtum ist eine wirklich schlimme Sache. Genau aus diesem Grund hat sich die aufgeklärte Gesellschaft ja unter anderem zum Ziel gesetzt, jeden Menschen so gut (aus)zu bilden, damit er/sie sich eine eigene Meinung bilden kann und als Individuum frei und vernünftig handeln kann.

Ja denkste. Frei und vernünftig bitte immer nur im Rahmen der Norm. Abgesehen davon wird uns somit ja suggeriert, es gäbe ein Richtig und ein Falsch und wir könnten uns dann doch einfach für das Richtige entscheiden.

Ein geistig gesunder Mensch muss sich da ja zwangsläufig fragen: Ja was denn nun? Soll ich selber denken, oder einfach tun, was im Ratgeber steht?

Jaja, man kann die Fülle an Ratgebern auch damit erklären, dass sich heute mehr Menschen stärker interessieren, z.B. für Elternschaft. Nur drucken die in diesen Ratgebern leider niemals den Warnhinweis: DIES IST NUR EIN DENKANSTOSS, EIN KONZEPT MIT DEM SIE ES MAL VERSUCHEN KÖNNEN, WENN SIE WOLLEN. SIE MÜSSEN KEINESFALLS WÖRTLICH SO UMSETZEN WAS IN DIESEM BUCH STEHT. SIE SIND HERZLICH EINGELADEN DARÜBER NACHZUDENKEN, OB SIE DIESES KONZEPT IN INDIVIDUALISIERTER FORM MAL AUSPROBIEREN WOLLEN!

Und Ärzte sagen einem leider auch nicht: Ich rate Ihnen zu diesem Verhalten, denn wir haben statistische Hinweise, dass sich dieses Verhalten zusammen mit all den anderen Verhaltensweisen, zu denen ich Ihnen raten möchte, positiv oder zumindest nicht negativ auf ihr Kind auswirken kann.

Ärzte sagen: Wir machen jetzt mal die teure Untersuchung und wenn wir dann noch nicht gefunden haben woran sie eventuell leiden könnten, dann suchen wir halt weiter.
Ich weiß, die sagen das nicht, weil sie böswillig sind. Aber auch diese Erkenntnis fördert das Vertrauen in die Fachperson und das eigene Urteilsvermögen NICHT.

Die Folge all dieser Verwirrungen und tausend Stimmen, die auf einen Einquatschen sind entweder Tinitus oder Angst und Verwirrung.

Und bei Angst und Verwirrung reagieren wir je nach Situation:
- panisch
- hilflos
- mit Weinen und Flehen
- mit Aggression und wildem Umsichschlagen
- im besten Falle mit Zweifeln und Grübeln.
Wir reagieren darauf nie mit Ruhe und Gelassenheit und einem kühlen Kopf zum Nachdenken.

Ein wunderbares Beispiel für die Rigorosität von Normen ist das Rauchen in der Schwangerschaft. Ich musste mit Rauchen aufhören, als ich schwanger war. Es war an sich nicht freiwillig, aber mir wurde direkt übel. Ich vermisse es auch nicht. Gehe ich an Schwangeren oder Kleinkindeltern mit Zigarette in der Hand vorbei, denke ich mir auch, ob die vielleicht blöd im Kopf sind. Das darf man doch nicht! Verantwortung für's Kind und sich selbst und so…

Falsch. Natürlich darf man in der Schwangerschaft rauchen. Mann SOLL es nicht, weil es dem Kind schaden KANN. Und selbst wer das weiß und das Kind diesem Risiko aussetzt, darf das tun. Es besteht nämlich auch die berechtigte Chance, dass das Kind gesund sein wird. Ätsch. Ja was denn nun? Wir wissen jetzt also genau was richtig und falsch ist. Rauchen in der Schwangerschaft ist falsch. Basta. Dabei ist das ganz egal, ob das richtig oder falsch ist. Jede Schwangere darf für sich selbst - und natürlich nach Aufklärung - entscheiden, ob sie rauchen will oder nicht. Das ist so. Und das muss so sein, denn wenn das nicht so wäre, würden wir nicht mehr in einer freiheitlichen aufgeklärten Gesellschaft leben. Aber es ist ja nicht nur die Entscheidungsfreiheit. Diese Entscheidung - egal wie sie ausfällt - haben fremde Menschen (also wir alle) zu respektieren. Jaaaaaa. Auch wenn es uns nicht passt, unseren Überzeugungen zuwider läuft. Wir dürfen die rauchende Schwangere nicht einfach so angreifen, wir dürfen sie höflich fragen, was sie zu ihrer Entscheidung bewogen hat. Allerdings mit der recht hohen Wahrscheinlichkeit, dass uns die Antwort nicht gefallen wird.

Leider ist das nur allzu mühsam und darum plädieren wir lieber für die Diktatur der Mehrheit, jedenfalls solange wir zu Mehrheit gehören und nehmen die rauchende Schwangere in die Zange: wir machen ihr Angst. Wir nennen es aber lieber anders, Unterstützung zum Beispiel. Mit Unterstützung hat das nix zu tun, dafür umso mehr mit Druck, Horrorgeschichten, Schuldzuweisungen und immer auch mit der Demütigung des Gegenübers. Was stellt es sich auch gegen die Norm! Macht man nicht. Selber schuld.

Die gleiche Methode wird auch gerne beim Kinderbetreuungsthema und bei vielen anderen Themen angewandt. Sie macht die Spaltung und eben gerade nicht die Solidarität oder Unterstützung zur Waffe im Kampf für die Normierung.
Wer weiß, was richtig ist, braucht keine Wahlfreiheit. So einfach ist das. 

Und das Richtig-Falsch-System hat eine weitere wunderbare Folge: Richtig und falsch kann man kontrollieren. Und das tun wir. Wir kontrollieren, am liebsten uns gegenseitig, um uns immer schön zu bestätigen, dass wir auch ja das Richtige tun und keine Angst haben müssen. 

Es ist schon traurig. 
1,5 kg Gehirn, Aufklärung, Vordenker und scharfsinnige Philosophen, gute Bildung für alle und Wohlstand, das Grundgesetzt und Freiheitsrechte, freier Zugang zu allen Informationen - all das hat nicht viel helfen können im Kampf gegen die Angst. Es hat uns keine Solidarität gebracht, sondern Diktatur. 

Bei mir ist der Befehlston immer Ausdruck von Unzufriedenheit, Müdigkeit, Zeitdruck oder Überforderung. Es bedeutet, dass ich keine Geduld mehr habe. 

Vielleicht macht man das eben so, weil man sich keine Gelassenheit gönnt, es anders zu machen.
Was meint ihr?

Kommentare:

  1. Echte Solidarität ist nur mit der In-Group möglich, also einer Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen.
    Es ist eine Illusion bzw. eine fehlerhafte Prämisse, anzunehmen, alle mit Eigenschaft "fertilität = 1" wären eine Zugehörigkeitsgruppe. Wer Thesen oder Erwartungen auf diese Prämisse aufbaut, muss zwangsläufig auf die Fresse fliegen.
    "Wir Mütter" als Gruppe mit gemeinsamen Interessen, Wertvorstellungen und Normen gibt es nicht. So einfach ist das.

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  2. Vielen Dank für diesen Artikel. Und wie meine Vorschreiberin sagte, Mütter sind keine homogene Gruppe. Komisch, dass trotzdem alle Welt so tut. Ein ähnliches Thema trieb mich auch heute morgen um, zum Thema Schlaf. Da musste ich mir mal den Frust wegschreiben. Denn da weiß ja auch Hinz und Kunz, was man "so macht" und "so muss".

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    1. Oh, da hab ich noch was für dich: Man muss unbedingt mit dem Kind zusammen Mittagsschlaf machen und am besten abends alles stehen und liegen lassen und mit dem Kind ins Bett gehen. Und dazwischen muss zumindest ich jetzt erstmal nen Kaffee trinken...

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    2. Hihi, den der das gesagt hat würde ich gerne mal kennenlernen ^^ den mein Umfeld ist der Meinung, die Mama darf auf keinen Fall mit dem Kind ins Bett gehen, denn wie lernt das sont alleine zu schlafen? Außerdem stört man das Kleine doch durch Bewegung und Geräuschkulisse beim Schlafen ;)

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  3. Hallo Rosalie,
    ganz am Ende sprichst du das an, was mir am wichtigsten in dem ganzen Post vorkommt: Gelassenheit
    Gelassenheit gegenüber denen mit anderer Meinung
    Gelassenheit statt Panik im Umgang mit dem Kind
    Gelassenheit im Sinne von Geduld, aber auch im Sinne von "wird schon werden"
    Bei mir ist es so, dass es mir gut geht, solange ich Gelassen bleiben kann: ich lache über die "Aufreger", die nur meckern können, kann jede Entscheidung ohne Zwang und Angst treffen und habe keinen Stress.
    Deshalb ist Gelassenheit für mich ein Synonym für einen wünschenswerten Lebensstil ;)

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