Montag, 29. September 2014

Weil niemand sagt: 'Du schaffst das.'

Ich habe in den letzten Monaten immer wieder merkwürdige Dinge in Blogs gelesen. Es dauerte ein bisschen, bis ich ein wages Bild vom Großen Ganzen bekommen habe und sehr viel weiter bin ich in meinen Überlegungen bisher nicht gekommen. Darum verzeiht mir, wenn ich meine Gedanken so zum Besten gebe.

Ich möchte nämlich ein neues Label aufmachen und darin zum Thema schreiben - mehrere Posts mit je unterschiedlichen Aspekten.

Aber worum geht es? Nun, ich las von:
Mommy Wars
Attachment Parenting und Kindererziehung generell
BLW und windelfreie Aufzucht
selbstbestimmter Geburt
schlafen lernen
Stillen und Abstillen
Tragen und Nichttragen
Kita oder Mami - und grundsätzlich ein schlechtes Gewissen
Junge oder alte Mami
Mami vs. kinderlose Frauen

Viele Themen, die ganz dicht zusammen hängen. Eigentlich ging es bei diesen Posts immer um ein einziges Thema: Angst und Unsicherheit und Leistungsdruck von allen Seiten.

Die eigentlichen Fragen, die dahinter stehen sind:
Mache ich alles richtig?
Was ich richtig, was ist Falsch?
Bin ich eine gute Mutter? 
Wenn ich etwas falsch mache, hat mein Kind dann einen bleibenden Schaden?
Stimmt, was in den Ratgebern steht?
Welcher Ratgeber ist der Richtige?
Streng oder sanft?
Konsequent und wenn ja, wie sehr? (Sehr dumme Frage übrigens.)
Was ist das Beste für mein Kind?

Ein weites Feld, dass sich da auftut.
Nun bin ich kein Philosoph und auch kein Kinderpsychologe. Ich kenne keine Fachliteratur zum Thema. Ich wollte mir nur mal meine eigenen Gedanken machen und vielleicht bekomme ich ja auch von der geneigten Leserschaft weitere Denkanstöße.

Was mir als erstes dazu einfiel: Woher kommt diese Angst? Was ist da los? Und warum dieser Druck? Alles nur Gesellschaft? Alles nur schlecht? Kann ja nicht sein.

Mein zweiter Gedanke war: Warum hab ich keine Angst? Meine Kinder, deren Erziehung und mein Werdegang machen mir weit weniger Sorgen, als die Vorstellung, ob meine Kinder dereinst schlimme Dinge sehen und erleben werden. Warum ist das so?

Mein dritter Gedanke: Es muss mit meiner Geschichte zusammen hängen. Und damit meine ich nicht nur meine, sondern mit der Geschichte meiner gesamten Familie. Woher komme ich und was konnten meine Eltern und insbesondere die Frauen der vorherigen Generationen mir mitgeben? Wie hat mich meine Familie geprägt? Und wie habe ich mich selbst über die Jahre entwickelt, in denen ich nicht nur mit meiner Familie, sondern zunehmend mit der Gesellschaft konfrontiert wurde?

Kurz:
Woher komme ich und wohin gehe ich - in Bezug auf Familie. (Die anderen Facetten des Lebens möchte ich mal ausblenden. Das hier ist ja ein Mamablog.)

Es wird mehrerer Posts bedürfen, meine bisherigen Gedanken dazu verständlich darzulegen.

Einen Anfang möchte ich in der Gegenwart machen. Eine junge Frau, nach dem Studium, Ende 20, Anfang 30, verliebt. Wie geht es weiter?

Die Frage 'möchte ich Kinder?' steht ja quasi im Raum. Kann die Frau sie beantworten? Ein spontanes JA!, oder ein zögerliches 'ich hatte mir schon immer vorgestellt, dass…' 

Bei mir war es das spontane JA (zugegeben in einer ziemlich verfänglichen Situation) und ich hab es bis jetzt nicht bereut. Mein Umfeld (außer meiner Mutter) war damit ein wenig überfordert, denn die gehörten eher zur zögerlichen Sorte Menschen. 
Kollegen, Freunde, Bekannte fragten: Stimmt der Mann? Stimmt der Zeitpunkt (mitten im PhD)? Stimmen die Finanzen? Stimmt alles? 

Ich war etwas verdattert, denn ich hatte mich nichts von alle dem gefragt. Der Trüffel sagte: Kind? Ich sagte: ja. Fertig. 3 Wochen später war ich schwanger. Für mich war da alles klar. Da kamen gar keine Fragen auf. Passt doch bestens.

Jetzt mag man mich für sehr naiv halten oder sogar blöd, aber ich sehe bis heute keine Veranlassung mich zu fragen, ob das 'richtig' war, mitten im PhD ein Kind zu bekommen. Im Gegenteil, kaum war ich schwanger, war mir klar: ich will derer viele! Vier bis fünf sollten es schon werden. Warum? Keine Ahnung. Ist einfach so. Hinterfrag ich nicht, ob das richtig ist. Wozu auch?
(Ich hab übrigens auch nie hinterfragt, ob ich das richtige studiere, ob es richtig ist, einen PhD zu machen, ob es richtig ist zu heiraten etc… ich hab das entschieden und es fühlte sich immer gut an.)

Was mich allerdings an diesen Fragen meines Umfeldes enorm störte war, dass nicht mehr kam. Es kamen genau diese Fragen. Kaum einer gratulierte mir. Und niemand sagte: 'Das ist toll! PhD und Familie - das schaffst du!' Alle sahen von Anfang an nur Probleme, wo ich keine sah. Und jetzt muss ich mal alle enttäuschen, problematisch an meinem PhD waren zu genau 0% die Kinder, meine Ehe oder irgendwas Familiäres. Das lief immer super. Klar, ich wünsch mir schon mal so richtig auszuschlafen. Und nach einer ganz schlechten Nacht, muss ich mich mit viel Kaffee zusammen reißen, meine Arbeit zu schaffen und nicht jeden anzuschnauzen. Aber das ist nur eine Nebensächlichkeit, an die werd ich mich in ein paar Jahren noch nicht mal mehr richtig erinnern können. Gehört halt dazu, muss man durch. War ja als Kind auch nicht anders. Schule musste man auch durch, samt langweiligem Unterricht bei Freibadwetter. 

Aber ich denke, das ist ein wichtiger Punkt, dass niemand sagt: Das schaffst du! Trau dich! Probier's doch einfach!

Ich bin jetzt wirklich kein ausgesprochener Optimist, aber immer nur den Finger in die Wunde zu legen, immer nur die vielleicht auftretenden Probleme oder Fallen zu sehen, immer nur warnend den Zeigefinger zu heben - das versaut einem doch den Tag!

Wer immer nur versucht alle Probleme aus dem Weg zu räumen, alles perfekt vorzubereiten, alles 'richtig' zu machen, der ist doch kein bisschen besser dran. Statt das Leben zu genießen, ist man dann nur mit den Problemen beschäftigt, oder?
Nun, ich habe durchaus Phasen voller Zweifel. Ich kenne das. Aber mittlerweile bin ich da opportunistisch geworden und denke mir: Wenn alle anderen es schaffen Kinder zu bekommen und die groß zu ziehen, dann kann ich das doch wohl auch. Ganz blöd bin ich ja nun nicht.

Das fing in der Schule an. Abitur als Arbeiterkind? Wenn der Typ neben mir das kann, dann schaff ich das auch. Studium? Hey, wenn die Niete in der Reihe vor mir das kann, dann kann ich das schon zweimal. Kinder? Na bitte, wenn Milliarden Frauen vor mir unter viel widrigeren Umständen Kinder bekommen haben, dann schaff ich das mit Links.

Jaja, ich weiß, das Menschenbild, das hinter dieser Einstellung steht ist nicht gerade freundlich. Aber das Menschenbild, das hinter den Ich-will-alles-perfekt-machen-Menschen steht, ist auch nicht besser. Das ist kein Grund, andere abzuwerten. Ich weiß. Dennoch hilft es mir. wenn alle anderen das können, warum ich dann nicht auch? Wozu zweifeln? Macht doch keinen Sinn.

Und so sage ich mir eben selber: Das schaffst du. Stell dich halt nicht allzu blöd an, dann geht das. Und bisher hab ich damit gute Erfahrungen gemacht.

Wenn sich also einer fragt: Soll ich? Dann sag ich nur: Ja mach doch. Einfach mal machen und sehen was passiert.

Die Zeigerfinger werden jetzt in die Höhe schnellen und warnen: Aber mit Kindern, da hat man doch Verantwortung! Die kann man nicht zurück geben, wenn's nicht so gut klappt. Das muss man vorher bedenken. Ja stimmt schon, aber von Zurückgeben ist auch nicht die Rede. 
Aber ob eine Familie in einer festen Konstellation bleibt, oder sich verändert, ob Probleme auftauchen und die Finanzen stimmen, das ist nie sicher, das kann so vielfältige Wege gehen, dass ich bezweifle, dass etwas mehr Motivation und Leichtigkeit da schaden würden. So lange sich Eltern sagen: Wir schaffen das, so lange gibt es immer eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass alles gut kommt. 

Somit bleibt mir nur eines zu sagen: Wenn ihr alle es schafft mit Familie und glücklichen Momenten, dann schaff ich das auch!

Kommentare:

  1. Oh ja, ich kann dir gut nachempfinden, was du meinst! Die andauernde Skepsis. Die macht einen richtig unsicher, zumindest, wenn man von den Meinungen anderer abhängig ist und nicht vor Selbstbewusstsein strotzt! Ich glaube aber auch, dass das typisch deutsch ist. Sich immer doppelt und dreifach absichern zu wollen und Neuem gegenüber skeptisch zu sein. Hier in Schweden ist das anders. Wenn du einen Szenenwechsel brauchst, eine berufliche Veränderung oder eine neue Idee hast, heißt es: "Klar, warum nicht? Mach doch!" Das finde ich gut.
    Ich denke, man sollte seinem Herzen folgen und gerade das tun, was sich richtig anfühlt und sich nicht von anderen Meinungen beirren lassen. Klar, ist manchmal leichter gesagt, als getan aber ansonsten lebt man ein unglückliches Leben gelenkt von anderen Meinungen.

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  2. Interessanter Artikel, der mich wirklich zum Nachdenken gebracht hat. Super!

    Grüße

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    1. Die Frage ist doch, wann haben wir zuletzt jemandem gesagt: 'Das machst du echt gut und wenn du nicht mehr kannst oder weiter weisst, dann lass mich helfen oder Hilfe suchen. Dann schaffen wir das gemeinsam!'
      Und das Problem ist doch, wenn man mal etwas nicht schafft, dann heißt es ganz schnell: Ja biste halt selber Schuld.
      Das ist meist aber nicht zutreffend und außerdem saublöd und gemein!

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