Dienstag, 12. August 2014

Neulich auf dem Spielplatz

Also mir ist da was passiert… Ich weiß jetzt nicht, ob ich da lachen oder heulen soll.

Aber von vorn:
Neulich auf dem Spielplatz lernte ich eine junge Mutter kennen. Ihre Tochter ist seit 3 Monaten in unserer Kita und ich hatte sie schon mal gesehen. Allerdings selten, da sie andere Bring- und Abholzeiten hat. 

Nun trafen wir uns also nach der Kita auf dem Spielplatz und sie sprach mich auch direkt an. Total nett, etwas jünger als ich, ein 2jähriges süßes Töchterchen. 

Wir haben uns also gut unterhalten, die Kinder auf der Schaukel angeschubst. Ich hab mich schon gefreut jemanden kennen gelernt zu haben. 

Sie erzählte, sie seien erst aus China hergezogen. Also dachte ich, sie suche wohl Anschluss und sah darin kein Problem. Ich fragte sie aus über China, bis…


…ja bis sie fragte: 'Und was arbeitest du so?'

Eigentlich eine ganz normale Frage, die zwangsläufig irgendwann im Gespräch gestellt wird. 
So erzählte ich, dass ich den PhD in Basel gemacht hätte in Neurobiologie und ich eher so der Biochemiker/Genetiker sei… 

Darauf sie: 'Oh bei wem denn? Ich mach auch Neuroentwicklung. Hab in Göttingen promoviert…'

Ja, sie erzählte dann so und war offensichtlich froh mal auf Verständnis zu treffen. Sie erzählte dann auch, wie sie bei ihrer Nobelpreis-Doktormutter mit 25 die Promotion abschloss und dann eben nach China ging, um dort für einen amerikanischen Nobelpreis-Neuro-Guru ein Labor aufzubauen an einer renommierten Uni, dann ein Baby bekam und wie sie dann jetzt zu ihrer Nobelpreis-Doktormutter zurück gekehrt ist um ihren zweiten PostDoc zu machen (übrigens über ein Thema, womit ich auch schon zu tun hatte). Und ihr Mann arbeitet in einer anderen Stadt und sie wuppt ja jetzt mal Kind und Nobelpreis-PostDoc am MPI alleine. Und es gefalle ihr total hier. Und so…

Ja und dann fragte sie noch, in welcher Gruppe ich denn jetzt arbeite?


Tja, liebe Leute. Da war er also, mein Spiegel. Und mein Spiegelbild schreit mir entgegen: VVVVVeeeeerrrrrssssaaaggggeeeerrrr!

Nee ist klar. Sie wird ja dieses Jahr bestimmt auch schon 30. Sie hat nicht die letzten Monate mit Selbstvorwürfen und Bewerbungsschreiben und nicht-wissen-was-man-mal-werden-will-wenn-man-groß-ist verbracht. 

Zu allem Übel ist sie groß, schlank, mit perfekter Haut und so unglaublich sympathischer Ausstrahlung, dass ich allein deshalb vor Neid erstarren könnte. 

Jaja, ich hab 2 wundervolle Kinder, alle sind gesund und ich bin glücklich verheiratet und ich klage auf hohem Niveau. Ich weiß. 

Aber verdammt! Die macht das, was ich immer machen wollte! Ich wollte auch mal Wissenschaftler werden! Als ich noch jung war… Und als ich noch nicht so ein paar schwerwiegende Fehlentscheidungen getroffen hatte, die eindeutig NICHT zu einer derartigen Karriere führen. Und ja, vielleicht bin ich auch einfach nicht gut genug für eine Nobelpreis-Karriere. VERDAMMT!

Tja, und so lag ich gestern Abend im Bett und war neidisch und hab diese Frau leidenschaftlich gehasst. Dann hab ich beschlossen mich mit ihr anzufreunden, denn sie kann ja nix dafür, dass sie's drauf hat und ich nicht. 
Sie sucht Anschluss und kennt nur wenige Leute hier. Und wahrscheinlich sucht sie nur ne nette Mami zum Quatschen auf dem Spielplatz. Und sie ist nett. Und hat vielleicht niemanden, mit dem sie auch mal Kindersachen besprechen kann. Denn in der Regel haben Wissenschaftler kaum Bekannte mit Kindern. Ihr Leben besteht vielleicht aus Arbeiten, abends Heim kommen, Kind ins Bett bringen und dann noch Paper lesen und warten, bis der Mann Heim kommt. Egal.

Sie ist nett. Also los.

Dafür hat meine Große die hübschere Kindergartentasche! Ätsch!

Kommentare:

  1. Ich lese Dein Blog sehr gerne. Und ich kann Dich gut verstehen. Mir gefällt besonders dieser Abschnitt: "Denn in der Regel haben Wissenschaftler kaum Bekannte mit Kindern. Ihr Leben besteht vielleicht aus Arbeiten, abends Heim kommen, Kind ins Bett bringen und dann noch Paper lesen und warten, bis der Mann Heim kommt." Das glaube ich sofort. Und genau deshalb würde ich niemals tauschen wollen. Dafür bekommen wir eines Tages den Nobelpreis von unseren Kindern für "liebende Eltern mit einer anderen Meinung".

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    1. Nun, das mag schon sein. Aber ich erinnere mich sehr gut an die Zeit als die Große noch ganz klein war. Es war total klasse. Morgens um neun hab ich sie in die Kita gebracht, dann im Labor hab ich eigentlich nie an sie gedacht, sondern mich total in mein Projekt vertieft, um 17 Uhr hab ich sie abgeholt und wir hatten noch 4-5 Stunden, bis sie ins Bett ging. Das lief super und ich hab abends nicht einmal an die Arbeit gedacht. Ich konnte also jeden Tag 2 ganz unterschiedliche Sachen mit vollem Einsatz erleben und das war ungeheuer befriedigend. Es hat Spaß gemacht, denn ich fand es schon richtig gut, wenn es im Labor lief, ich tatsächlich was herausfand… Das vermisse ich momentan. Ich hatte im Labor oftmals einen stundenlangen Flow.
      Und ich muss auch ganz klar sagen, dass meine Familie zwar das Wichtigste für mich ist, aber das keinesfalls alles gewesen sein kann.
      Klar will ich auch nicht auf Nobelpreis-Niveau arbeiten. Da ist der Druck viel zu hoch für mich. So genial bin ich eben nicht. Aber auch weit unter diesem Niveau ist der Wissenschaftleralltag wie oben beschrieben. Es gibt da kein Arbeiten nach Vorschrift und zu einer bestimmten Zeit den Stift fallen lassen. Ob das allerdings zwingend so sein muss möchte ich offiziell bezweifeln...

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  2. Liebe Rosalie, ich kann das so gut nachvollziehen.
    Aber wir alle, die mit Wissenschaft und an der Uni zu tun haben, wissen doch auch, es geht nicht allein um die Qualifikation und wie gut du als Einzelne bist, es geht auch und vor allem darum, in welchem Labor man arbeitet, wie stark dich deine Doktormutter, dein Doktorvater protegiert und empfiehlt, um Beziehungen und Lobbyarbeit und Empfehlungen.... auch in der Wissenschaft

    Gönn ihr einfach das Glück, erklär dich solidarisch, eine Frau mit Kind, die es geschafft hat - aber streiche unbedingt diesen Satz aus deinem Kopf: "Und ja, vielleicht bin ich auch einfach nicht gut genug für eine Nobelpreis-Karriere. VERDAMMT!" - genau darum geht es eben nicht!

    Und ganz ehrlich - zwei Kinder sind auch nochmal was anderes als ein Kind. Aber das weißt du am besten.

    LG Petra

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    1. Danke liebe Petra! Ich weiß ja, meine Reaktion sagt mehr über mich aus, als mir lieb ist. Es ist schon so, wenn man zu viel zu Hause sitzt und nachdenkt (was bei mir leider jetzt der Fall war), dann macht sich häufig Enttäuschung breit. Ich hab dadurch vor allem das Gefühl dafür eingebüßt, was ich wirklich kann. Rein formal hab ich ne super Karriere neben meiner supersuper Familie gemacht. Aber es fühlt sich eben nicht so an. Da kam mir eben als erstes der Gedanke: verdammt…

      Ich schätze, ich muss mir nun sowas wie 'Charakter' zulegen ;-D

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