Dienstag, 26. August 2014

Mutter Natur und ihr IQ

Ich ärgere mich. Immer häufiger lese ich in Blogs, aber auch in den sonstigen Medien, von irgendwelchen 'natürlichen' Sachen/Fähigkeiten etc, die Mutter Natur da total schlau eingerichtet hat.

Beliebt sind diese Begriffsverdrehungen in Bezug auf Geburt, Stillen, Nicht-Impfen gegen Kinderkrankheiten, Zufüttermethoden, Lernverhalten und am besten: die Mutter-Kind-Beziehung.

Ja, ist das nicht toll, wie super toll die Natur das gemacht hat? Und dass das alles so toll natürlich ist? Sowieso ist natürlich gut und der Rest ist dann ja wohl künstlich und eher skeptisch zu betrachten…

Jaja, das ist der Tenor der naturbelassenen Aufzucht der Jungen.

Wäre Darwin nicht schon seit 100 Jahren tot, er würde spätestens jetzt tot mit einem spontanen Herzanfall zusammen brechen. Denn Darwin war ein sehr kluger und aufmerksamer Mann und hätte es sicher nicht gerne gesehen, wenn seine Theorie derart verdreht würde.

Ich muss nun ein wenig ausholen, denn das Thema ist extrem schwierig. Evolutionstheorie ist ein komplexes Fachgebiet, das viel Genetik und Statistik beinhaltet. Schon allein bei einer dieser 2 Disziplinen braucht man Jahre harter Arbeit am Thema, um ein einigermaßen grundlegendes Verständnis davon zu erlangen.

Nun möchte ich aber dem geneigten Leser keinesfalls die Intelligenz absprechen, sich eine durch Informationen argumentativ logische oder nachvollziehbare Meinung dazu zu bilden.
Nein, ich möchte eigentlich einen Rant schreiben über die viel gepriesene schlaue Mutter Natur, die das doch ach so toll eingerichtet hat - egal was.

Man mag mir nun glauben oder nicht und ich möchte auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass Darwins ursprüngliche Theorie von der Zuchtwahl - das berühmte 'Survival of the fittest' - heute nur einen kleinen, oft korrigierten Teil der Evolutionstheorie ausmacht. Im Übrigen hat nicht Darwin, sondern ein ziemlich menschenverachtender Philosoph diesen Ausdruck geprägt.

Die Natur ist nämlich leider keine Person, schon gar keine Mutter, und hat darum leider weder einen IQ, noch die Möglichkeit sich den Naturgesetzen zu entziehen. Das mal so nebenbei.

1. Die Selektion
Ja, die ist ein Argument. Ein sehr starkes sogar, nur was Selektion genau heißt, das ist schon etwas schwieriger. Selektion heißt Auswahl. Darwin nannte sie in Bezug auf evolutionäre Prozesse Zuchtwahl, denn sie funktioniert letztlich über die Weitergabe und Kombination der Gene von Eltern auf ihre Nachkommen. 
Das beinhaltet, dass sich nur Individuen fortpflanzen und ihre Gene weitergeben können, die überleben. Zum Überleben brauchen die Individuen Eigenschaften, die sie in der jeweils aktuellen Umgebung überleben lassen. Und nicht nur das, statistisch haben die Individuen z.B. besonders viele Nachkommen, die besonders vorteilhafte Eigenschaften haben. 
Ein Beispiel: Ein Tier überlebt so grad, frisst gerade genug, will sich fortpflanzen… Ein Reptil vielleicht. Es paart sich und legt ein Ei. Es bekommt einen Nachkommen und somit ist die Selektion positiv. Ein anderes Tier jedoch, hat viel zu fressen, ist rund und mollig und paart sich und legt 5 Eier, weil es mehr körperliche Ressourcen hat. Auch hier ist die Selektion positiv, aber Tier 2 hat seine Gene statistisch wesentlich effektiver weitergegeben, als Tier1. 
Hier sieht man, dass Selektion keineswegs bedeutet, das nur der Fitteste überlebt. Es gibt einen großen Graubereich. Auch kranke Tiere überleben, missgebildete Tiere, die pflanzen sich evtl. sogar fort. Aber eben nur in geringem Masse und beeinflussen so die Population nur, wenn sie in großer Zahl auftreten. 
So wie bei uns westlichen Menschen. Bei uns kriegen die Leute nur 1,2 Kinder im Schnitt. Da ist keine evolutionär effektive Selektion möglich. Das geschieht eher langsam und wenig differenziert. Bei uns können auch kranke Menschen Kinder bekommen. Da könnte man meinen, die Selektion funktioniere gar nicht.

2. Die gerichtete Selektion
Das ist aber so nicht wahr, denn auch unter den westlichen Menschen findet Selektion statt. Nur nicht als Totschlagargument. Denn für gerichtete Selektion braucht es Selektionsdruck, der von der Umgebung auf das Individuum ausgeübt wird. 
Der ist nur in Ausnahmefällen so hoch, dass wirklich Tiere aussortiert werden, z.B. in Extremlagen. Am Meeresboden, in der Wüste, im Gebirge etc. Bei uns, in Mittellagen, im gemäßigten, warmen oder kalten Klima, ist der Druck eher mild. Daraus ergibt sich, dass Selektion ein verflucht langsamer und langwieriger Prozess ist.
Und es gibt auch noch eine 2. Folge von mildem/geringem Selektionsdruck: Die Richtung der gerichteten Selektion ist offen. Es gibt keineswegs nur eine Lösung für ein Problem (in diesem Fall ist das der Druck). Das darf man nicht vergessen. Ein schönes Beispiel bei vielen Säugern ist die Adoption/Familienbande. Viele Tierarten lassen Kinder nicht verhungern oder sichern von vorne herein die Aufzucht aller Nachkommen einer Herde, in dem diese von mehreren Mitgliedern versorgt werden.

3. Dem Druck ausweichen
Nicht das Individuum versucht also in langen evolutionären Prozessen dem Druck auszuweichen, sondern die Population. Für Individuum ist der Druck nämlich nur ein spürbares Problem, wenn sich die Umweltbedingungen kurzfristig radikal ändern durch (Natur)Katastrophen. Allerdings sind Individuen kaum in der Lage sich an die Veränderungen anzupassen. Manche überleben kurzfristig nur mit Glück und sterben dann langfristig an den Folgen der Veränderung wie ihre Artgenossen. Das hat man gut nach Tschernobyl beobachten können.

4. Individuum vs. Population
Es gibt also zwei Größen, die für Evolution wichtig sind. Das Individuum und die Gesamtheit aller Individuen auf einem bestimmten Gebiet - die Population. Die Population ist eine wichtige Größe und das 2. wichtige Argument. Sie ist definiert durch die Summe aller Gene und deren Varianten in Bezug auf ein begrenztes Gebiet/ eine Region. Nur die Population kann auf Selektionsdruck und Veränderung  langfristig und populationserhaltend (also durch Anpassung) reagieren. Das hat natürlich positive Auswirkungen auf die Individuen der Population. Es bedeutet z.B., dass wir als Deutsche als Population unseren kranken, fortpflanzungsunfähigen, behinderten Mitmenschen ermöglichen, dennoch Nachkommen groß zu ziehen. 
Statistisch sind die Population und das Individuum also Kenngrößen, die differenziert betrachtet werden müssen. Dabei ist die Rolle der Population wichtiger als die des Individuums. 

5. Zufall
Der Zufall spielt als drittes Argument auch eine wichtige Rolle. Wie schon erwähnt, die Richtung der Selektion ist offen. Und zwar grundsätzlich auch, wenn bereits ein bestimmter Weg von der Population eingeschlagen wurde. 
Ein krankes Baby in Deutschland überlebt und ein gesundes Baby im Kongo wird erschossen oder verhungert. Völlig sinnfrei und doch Selektion. Und mitnichten künstliche Selektion, weil von Menschenhand gemacht. Die Natur hat uns ermöglicht durch unser Hirnwachstum so zu handeln, Waffen zu erfinden, freie Märkte und medizinische Versorgung. All das wird langfristig unsere Evolution beeinflussen und ihr eine Richtung geben. Ganz im Sinne der Natur. Vielleicht leben in 5000 Jahren nur noch Nachkommen von Eltern, die besonders skrupellos auf alles geschossen haben, was sich bewegt. Oder nur solche, die zufällig dort geboren wurden, wo es gute medizinische Versorgung gab. Am wahrscheinlichsten ist, dass in 5000 Jahren nur Nachkommen von Menschen überlebt haben, die immer genug zu essen hatten, medizinische Versorgung gewährleisten konnten und auf Bedrohungen mit technischen Lösungen reagieren konnten. Alles im Sinne der Natur. Alles ganz eingebettet in natürliche Selektionsmechanismen.

6. Tod
Der Tod ist das vierte wichtige Argument. Da die Population wichtig ist und nicht das Individuum, ist es egal, ob es jetzt stirbt oder nachher. Hauptsache ausreichend fortpflanzungsfähige Individuen überleben und sichern die Population bis zur nächsten Generation. Ausreichend - ist dabei aber ein weitgefächerter Begriff.
In der Zucht reichen ein dutzend Zuchttiere (2 Männchen und 10 Weibchen) um eine riesige Population zu erstellen und zu erhalten. Im Labor fängt man einen Stammbaum oft mit 2-5 Foundertieren an. Die 1. Zuchtgeneration wird dabei konsequent durch ausgewählte Nachkommen ersetzt. Eine Bienenkönigin, wenige Männchen - riessen Bienenvolk - fertig. 
Je nach Fortpflanzungsstrategie kann die Natur also das Fortbestehen der Tierart, Rasse, Population sichern. 
Oder auch nicht. Denn was juckt es die Natur, ob Dinosaurier aussterben, Menschen den ganzen Erdball überrennen und zerstören, oder der Mischwald von Fichtenmonokulturen ersetzt wird? 
Die Natur rechnet auch nicht in Ressourcen und ob etwas Verschwendung wäre oder Sinn macht. Entstanden ist alles durch zufällige Genkombinationen, die eine mögliche Entwicklungsrichtung begünstigten. 
Die Natur 'verschwendet' sehr viel, denn sie ist nicht auf Effizienz getrimmt, auf Gewinn. Das ist unser menschliches Denken. Wenn etwas in der Natur mal funktioniert, wird es lediglich weiter verfeinert und optimiert durch den Selektionsdruck. Und zwar nicht, bis es perfekt ist, sondern bis es untergeht, ausstirbt, oder sich in etwas Neues verwandelt.

Und hierin liegt der Grund, weshalb ich mich so ärgere, wenn behauptet wird, Mutter Natur hätte das alles so toll eingefädelt.
Mutter Natur ist keine Mutter, keine reale Person. Wir Menschen sind emphatisch, die Natur nicht. Der Natur ist es sogar egal, wenn nichtmal Bakterien überleben würden. Es ist ihr nicht nur egal, es ist schlicht belanglos. Die Natur kann nicht fühlen, nicht denken und darum auch nicht für uns oder sonstwen sorgen.

Entweder etwas überlebt, oder nicht. Eine Tierart kann sich durchsetzen, wenn die Individuen es schaffen unter den gegebenen Umständen Nachkommen zu produzieren. Wie sie das machen ist völlig belanglos für die Natur, aber wichtig für das Individuum.
Und die bereits etablierten Strategien können dabei auch immer wieder verworfen werden.

Dazu 2 Beispiele:

Kaiserschnitt: Die Hauptsache ist, die Nachkommen kommen auf die Welt, überleben und sind fortpflanzungsfähig. Wir Menschen würden wunderbar überleben, wenn wir alle nur durch Kaiserschnitt geboren würden. Die langfristige Selektion würde dadurch vielleicht gar nicht, positiv oder negativ beeinflusst werden. Das kann keiner sagen. Ob das 'natürlich' ist? Völlig wurschtegal! Millionen Jahre hatten die Säuger schlicht nicht die medizinischen Möglichkeiten dazu. Darum hat sich eine andere Geburtsart durchgesetzt. Und das - nur so am Rande - bei vergleichsweise wenigen Arten. Die meisten Tierarten legen Eier in Nester und kommen damit sehr gut zurecht. 

Beispiel Stillen: Wir haben heute technische Möglichkeiten, die durch die menschliche Evolution entstanden sind. Wir können heute Muttermilch durch Kuhmilch ersetzen und die Babys überleben und können sich später fortpflanzen. Zufällig läuft die Ernährung der Nachkommen bei Säugern über Muttermilch. Aber das ist nun nicht mehr zwingend, also weshalb sollte Muttermilch besser sein als Pulvermilch? Nachgewiesene Nachteile, die eine negative Selektion durch Pulvermilch verursachen würden, gibt es nicht. Wir können ab sofort auf Pulvermilch umstellen und in 50 000 Jahren gäbe es vielleicht eine neue Klasse. Menschen würden fortan nicht mehr zu den Säugern gehören. Was wäre daran falsch? Oder schlecht?

Es geht mir nicht darum, die Argumente anderer klein zu reden. Wer wie gebärt und sein Kind ernährt interessiert mich eigentlich gar nicht. Es geht darum, wie das Argument 'Mutter Natur' eingesetzt wird. Wer damit argumentiert will sein Gegenüber mit einem Totschlagargument zu Schweigen bringen. Und das ärgert mich.

Das Bild von der Mutter Natur, erinnert mich sehr an unsere Vorstellung von dem einen Gott, der uns nach seinem Vorbilde geschaffen hat. Er war ja allwissend und hat darum  - wie Mutter Natur - alles sinnvoll und gut gestaltet. Sollen sich alle religiösen Menschen gerne an dieser Vorstellung erfreuen und Gott als Argument anführen. Da widerspreche ich gar nicht, weil die jeweiligen Weltbilder offensichtlich derart weit voneinander entfernt sind, dass eine Diskussion völlig überflüssig wäre. Es sei denn mein Gegenüber will mich missionieren.

Wenn jedoch minimal-religöse Menschen mit der Natur argumentieren, weil sie offensichtlich nicht mit Gott argumentieren wollen oder können - dann werde ich sauer. Denn Mutter Natur ist eine fadenscheinige Ausrede für: Ich finde das so und so und ich hab recht und ich will, dass du das genauso siehst wie ich, sonst hätte ich ja nicht recht! Mutter Natur heranzuziehen um andere von der eigenen Ideologie zu überzeugen, ist menschlich, aber erzeugt bei mir leider keinerlei Verständnis. 

Bei sowas reagiere ich gereizt. Das ist mein natürlicher Beitrag zur ideologischen Diskussion.

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