Mittwoch, 4. Juni 2014

Wie mich meine Kinder davon abhielten Amok zu laufen - oder: wie mich meine Töchter zu einer guten Mutter gemacht haben

Warnung, dieser Post kann beim Leser spontanen Ärger oder Unverständnis auslösen. Also bitte nicht persönlich nehmen. Ich möchte hier meine höchst subjektiven Erlebnisse und die daraus gezogenen Erkenntnisse darstellen.

Vorwort
Ich bin kein Opfer geworden. Nicht von Gewalt, nicht von Kindesmissbrauch, nicht von einer schlimmer Krankheit. Ich bin nicht traumarisiert oder kriegsversehrt. Ich litt nie unter Armut, schwierigen Familienverhältnissen (oder vielleicht doch ein bisschen, aber nichts, was man nicht mit der Zeit aufarbeiten könnte). Ich bin nie dem wirklich Bösen begegnet.

Und doch bin ich auf gewisse Weise versehrt, krank vielleicht. Zumindest spüre ich seit früher Kindheit einen gewissen Leidensdruck, etwas, dass sich mit den Jahren akkumulieren konnte.

Kapitel 1
Ich leide an unserer Gesellschaft, dem Systemzwang, der Repression. 
Es fing bereits in der ersten Schulzeit an. Von Anfang an konnte ich mich mit Benotung nicht anfreunden. Das war in der Grundschule noch egal, denn ich war immer Klassenbeste. Ich hatte es nicht darauf angelegt und ich interessierte mich nicht dafür. Ich wurde sehr frei erzogen und verknüpfte mein Streben nach Autonomie ganz automatisch mit meiner Würde. Es war mir egal, welche Noten meine Freunde hatten, Hauptsache wir konnten nachmittags alle gemeinsam im Bach an der Wiese spielen. 

Ich wurde älter und es wurde schlimmer. Lehrer versuchten Druck zu machen, Klassenkameraden fragten ständig 'Und was hast du für eine Note bekommen?' Das ärgerte mich zuerst, dann kränkte es mich. Ich wollte nicht mit einer Note gebrandmarkt werden, auch wenn es eine gute Note war. Ich wollte nicht, dass eine Zahl von 1 bis 6 irgendetwas über mich aussagte. Ohne es richtig benennen zu können, lehnte ich diese Art des Umgangs ab und zog mich zurück. Das gipfelte in Totalverweigerung. Ich verbrannte alle meine Unterlagen und Bücher der Oberstufe und grillte mit der frei gewordenen Energie ein Steak, just als der erste Lehrer uns anhielt so langsam mit dem Lernen anzufangen. Ich schrieb trotzdem ein gutes Abitur und bekam meinen Wunschstudienplatz an der Wunschuni.
Das wird nicht jedem zu Teil und es ist sehr ungerecht. Ich weiß das. Ich hatte keinen Druck von zu Hause. Also konnte ich es mir leisten.

Das Studium verlief sehr gut. Damals gab es noch das Diplom. Mein Studiengang war sehr klein, fast völlig umreglementiert und keiner fühlte sich so wirklich für uns verantwortlich. Die Profs nicht, das Dekanat kümmerte es wenig, welche Vorlesungen wir besuchten, mein Autonomiebedürfnis und mein Verantwortungsgefühl gingen Hand in Hand.

Ich verbrachte danach einige Zeit an der Uni in einer sehr guten freien Gruppe, um heraus zu finden, was mich wirklich interessierte. Das fand ich auch heraus.

Dann fing ich den ersten PhD an. Und es war schrecklich. Ich kam mit den Leuten dort nicht zurecht. Sie funktionierten prächtig in einem sehr regieden System, dass einem ständig mit Repressalien droht, wenn man nicht die Leistungserwartungen noch übertrifft. Diese Leistungserwartungen werden von Menschen gesetzt, die selbst in einem Bereich gut, aber in allen oder vielen anderen echte Nieten sind. Alle kochen nur mit Wasser, aber keiner will es zugeben. 
Ich war dort nicht glücklich. Es funktionierte nicht mit meiner Chefin. Ich beendete den PhD.

Das hätte mir eine Lehre sein sollen - war es aber nicht. Ich hatte mein Thema gefunden. 

Also der zweite PhD an einer anderen Uni. Das Thema stimmte, aber das Rest war eine Zumutung. Meine Chefin hat alle ihre Mitarbeiter krank gemacht. Eine Doktorandin verfiel in Depression, der andere sprach über 2 Jahre einfach nicht mehr, kam nur, setzte sich in seinen Raum im Keller und ging abends wieder. Eine Doktorandin hörte auf, weil ihr Mann aufgrund ihres psychischen Zustandes gedroht hatte, sie einweisen zu lassen. Eine Postdoc lehnte höflich ab, als sie nach der Schwangerschaft wieder zurück kommen sollte. Sie hat immer noch keinen Job und könnte nach über 2 Jahren immer noch zu ihren Konditionen zurück kommen. Tut sie aber nicht.

Und ich? Ich habe zum ersten Mal erlebt, was es heißt von einem Menschen vollkommen abhängig zu sein, der nur auf sein eigenes Wohl bedacht ist und seine Macht voll ausspielt. Und es geht mir schlecht dabei. All die kleinen Demütigungen, die offene Respektlosigkeit, das entwürdigende Katzbuckelnmüssen - all das macht mich unglücklich. Und wütend. So wütend, dass ich den Gedanken genieße, mit einem Baseballschläger dieser Frau einmal meine Meinung kund zu tun. 
Dabei ist diese Frau kein böser Mensch. Sie erlebte nur genau das Gleiche wie ich. Sie wuchs ebenso in einer Gesellschaft auf, die meint ihre Mitglieder mit Strafe und Konkurrenzdruck unter Kontrolle halten zu müssen. Sie reagiert nur, wie sie es gelernt hat. Sie ist sich keiner Schuld bewusst. 

Ich bin aber ein sehr selbstständiger Mensch. Ich will respektiert und nicht gedemütigt werden. Ich will lernen dürfen und nicht Angst vor Strafe haben müssen. Ich will entscheiden dürfen und nicht durch Angst konditioniert werden wie eine Laborratte. Ich will keine Befehle ausführen, die für mich keinen Sinn ergeben. Ich will nicht gehorchen, nur weil ein anderer zufällig mehr Macht hat. 

Ich will meine Würde behalten dürfen, denn ich tue keinem weh, ich bin nicht gewalttätig, ich bin nicht verantwortungslos und ich bin nicht dumm!

Was ich fordere ist nicht Selbstverwirklichung um jeden Preis, weil es mir zustünde. Ich will nur in Ruhe gelassen werden. Ich will nur nicht Prellbock für die Frustration oder den Narzissmus anderer Leute sein. 

Ich schätze, so geht es Milliarden Menschen auf der Welt. Nein, ich bin keine Näherin in Bangladesh und darüber bin ich sehr froh. Ich hatte unglaublich viel Glück und ein sehr privilegiertes Leben bisher. Und es mach mich so unglaublich wütend, dass Menschen einfach nicht freundlich zu einander sein können. Ich sehe überall, wie sie sich gegenseitig nicht respektieren und ich bin so wütend, dass ich Amok laufen könnte deswegen! 
Der Kunde, der die Wurstverkäuferin zur Sau macht. Die überforderte Mutter, die ihr quengeliges Kind auf dem Spielplatz zusammenstaucht, obwohl dieses nur total müde ist. Die Autofahrer, die drängeln und Fahrradfahrer gefährden aus Rücksichtslosigkeit. Der Nachbar, der mich blöd anmacht, weil ich den Papiermüll in die leere Tonne geworfen hab, statt ihn in die fast volle daneben zu quetschen. Die Kita-Leiterin, die blödsinnige Regeln aufstellt, denen mein Nicht-Roboter-Kind nicht folgen kann. 

1000 Beispiele jeden Tag. 1000 mal am Tag schlucke ich, wie jeder von uns, den Ärger runter. Und manchmal sage ich etwas. Wenn ich das Gefühl habe, die Explosion klein halten zu können. Dann führe ich sinnlose Diskussionen, bei denen sich keiner für die Argumente interessiert. Weil jeder anscheinend kurz vor dem Platzen steht. Weil niemand offen bleiben kann, wenn man mit kleinen oder größeren Demütigungen bombardiert wird. Wenn man bedroht wird, wenn Strafen angedroht werden, wo es um nichts geht, wo es keinem weh täte, wenn man's anders macht als im Handbuch beschrieben. Umso mehr schmerzt die Respektlosigkeit - jeden. 

Bei mir führten diese Erfahrungen zum Rückzug. Ich habe nur wenig engen Kontakt zu Aussenstehnden und bin generell eher vorsichtig. So konnte ich viel von meiner Offenheit erhalten.

Kapitel 2
Und dann bin ich abends mit meinen Kindern zu Hause. Und ich bin frei. Ich bin zufrieden und glücklich und frei. Ich möchte meine Kinder nicht instrumentalisieren. Ich habe das erst im Nachhinein reflektieren können, dass mich meine Kinder retten. Sie retten mich vor dieser Welt und vor mir selbst. 

Sie machen mich zu einer guten Mutter, zu einem guten Menschen. Sie lassen mich vergessen, wie gemein die Menschen zu einander sein können, obwohl sie alles haben und es ihnen sehr gut geht. 

Aber all die Kränkungen und Erfahrungen der letzten Jahre halfen mir, zu erkennen, was ich besser machen kann. 

Auch meine Kinder sind vollkommen von mir abhängig. Sie lieben mich - bedingungslos. Und so ist es meine Aufgabe, sie bedingungslos wiederzulieben.
Und meine Kinder geben mir die Freiheit, sie erlauben mir quasi, sie bedingungslos zu lieben. Sie gehen nicht einfach los oder drohen mir, sich an der nächsten Strassenecke eine neue, bessere Mutter zu suchen. Nein. Ich bin ihre Mama. Ohne wenn und aber. Alles andere wäre absurd und bescheuert und meine Kinder sind nicht bescheuert. Im Gegenteil. Sie vertrauen mir. Sie lieben und akzeptieren mich, einfach so wie ich bin. Sie können das, was 'die da draußen', die Menschen außerhalb meiner Familie nicht können. Und Kinder können das viel besser, als jeder Erwachsene, der schon Demütigungen einstecken musste. 

Und so ist es meine höchste und wichtigste Aufgabe, ihnen eine gute Mutter zu sein, sie ebenso bedingungslos zu lieben und respektvoll zu behandeln. 
Es ist meine Aufgabe, sie nicht unter Druck zu setzten, sie nicht zu strafen, sie nicht zu demütigen, ihnen nicht einfach zu befehlen und meinen Willen aufzudrängen, sie nicht zu übergehen, ihnen nicht zu drohen, sie nicht zu bestechen, sie nicht gefügig zu machen und ihnen keine Angst zu machen. Es liegt an mir, meinen Kinder ihre Würde zu lassen. Ich darf sie nicht demütigen, nur weil ich gedemütigt wurde. Ich darf ihnen nicht die Hilfe verweigern, nur weil ich mich hilflos fühle. Ich darf ihnen nicht meine Macht aufzwingen, nur weil ich in so vielen anderen Bereichen keine Möglichkeit habe, Macht auszuüben.

Es ist meine Pflicht, nicht einfach Bedingungen an sie zu stellen, sondern mit ihnen zusammen unser Leben zu gestalten. Es ist meine Pflicht, sie zu respektieren, und ihnen beizubringen, wie man andere Menschen respektiert. Allzu viele Menschen scheinen gar nicht wirklich zu wissen, oder vergessen zu haben, wie das geht. 

Und es wird ihre eigene Leistung sein, Empathie und Liebe anderen Menschen zu empfinden, wenn sie in ein Alter kommen, in denen ihnen Macht in ihrer brutalen Absolutheit, begegnen wird. Ich fürchte mich vor diesem Tag. An dem mein Kind Heim kommt und zum ersten Mal bewusst begreift, dass es gedemütigt wurde und sich nicht dagegen wehren kann. An diesem Tag werde ich mit meiner Tochter gemeinsam weinen. Weil ich diese Demütigung nicht verhindern konnte. Und zukünftige Demütigungen nicht werde verhindern können.

Und so versuche ich jeden Tag mein Bestes, meinen Töchter die Entscheidungsfreiheit über ihr Leben und ihre Bedürfnisse zu gewährleisten. Ich erkläre ihnen viel, sage so selten wie möglich 'nein' und handle mit ihnen zusammen den Tagesablauf aus. 

Zum Glück mache ich das recht gut. Ich habe auch schon 20 Jahre darüber reflektiert, wie ich behandelt werden möchte und so behandle ich nun meine Kinder. Das Buch von Alfie Kohn hat mich nur noch darin bestätigt.

Und so verläuft unser Zusammenleben bisher äußerst erfreulich. Meine Kinder geben mir die Kraft, mit dem Alltag zurecht zu kommen, nicht durchzudrehen und nicht zu resignieren. 
Natürlich gibt es noch den einen oder anderen Menschen sonst in meiner Welt, dem ich vertraue und mit dem ich gerne meine Zeit verbringe. Aber die Unbedingtheit der Liebe zwischen meinen Kindern und mir ist schon besonders. 

Und noch etwas haben meine Kinder mir gezeigt. Sie haben mich daran erinnert, dass auch meine Eltern so fühlten und fühlen wie ich jetzt. Zum Glück hatte ich keine Eltern, die mich nur lieb hatten, wenn ich funktionierte und alles 'richtig' gemacht habe. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar. Sie haben mir meine Freiheit geschenkt. Auch wenn ich sie nicht immer zu 100% verteidigen konnte. Aber dank ihnen bin ich heute frei genug, meine Kinder zu lieben und zu respektieren, wie sie sind. 
Ich musste mir tatsächlich noch nie Gedanken machen, wie ich sie lieber hätte.

Ich wünsche und hoffe, Euch geht es genau so.

Da werden sich einige vielleicht angegriffen fühlen. Weil sie ihre Kinder anders erziehen. Oder weil sie sich eben sehr schwer tun mit der Umsetzung der Erziehungsziele. Warum auch immer. Ich würde tatsächlich das Buch von Alfie Kohn empfehlen. Vielleicht hilft das.

Ich bin da Zwiegestalten, denn ich stehe selber vor dem Problem der Erziehungsstilstreitigkeiten. Der Trüffel ist ein wunderbarer Mensch. Er leidet sehr unter dem alltäglichen Druck. Aber er hat selbst sehr regiede Vorstellungen. Er wurde von einer überforderten Familie streng mit Leistungsdruck und klaren Vorstellungen, wie ein Kind zu sein hat, erzogen. Er leidet noch heute stark darunter und doch kann er nicht aus seiner Haut. Für ihn ist alles, was nicht seinen Ansprüchen an Perfektion entspricht 'Mangelware'. Das macht mich sehr traurig, denn er kennt diese Freiheit, die ich habe und meinen Kindern weitergebe, nicht. Noch sind die Kinder klein. Der Streit hält sich in Grenzen. Das Problem aber wird nicht verschwinden. Wir werden sehen, wie wir uns entwickeln.

Und auch meine Offenheit hat manchmal Grenzen. Allzu oft fühle ich mich vorschnell angegriffen, wenn mir etwas vorgestellt wird, dass vielleicht als Kritik gemeint sein könnte. Einer anderen Mutter, die etwas anders, vielleicht sogar besser macht, kann ich nur schwer vorurteilsfrei begegnen. Ich habe Angst mich und meine Position zu vertreten und eventuell zu korrigieren. Denn damit böte ich eine schöne Angriffsfläche für jeden, der mal seinen Frust los werden will. Natürlich wollen mich nicht alle anderen Mütter per se angreifen. Aber es gibt doch einige, die dann überzogen ihre Meinung propagieren, weil sie wahrscheinlich denken, dass sie mit Vehemenz ihre eigene Unsicherheit und Verletzlichkeit übertünchen können. 
So haben wir letztlich alle Angst voreinander, weil jeder Angst hat, der andere könne ihn kritisieren oder demütigen. Wir sind alle empfindlich und vorsichtig geworden. So bleiben viele allein mit ihren Fragen und Sorgen, weil keiner ein dickes Fell hat. Weil es 'ein dickes Fell' gar nicht gibt. Weil wir alle nicht wissen, wie man seine Würde effektiv gegen 'die anderen' verteidigt. 

Dabei liegt es in unseren Händen, dass unsere Kinder eine andere Gesellschaft, eine offenere und respektvolle Gesellschaft aufbauen können. Wir müssen nur zulassen, dass sie ihre Mitmenschen respektvoll behandeln.

Kommentare:

  1. Das berührt mich sehr...ich hab grade Alfie Kohn gelesen und auch wenn Vieles bekannt erscheint, bin ich froh gewisse Dinge nochmal reflektieren zu können. Die Wahrheit ist plötzlich so klar und offensichtlich. Urvertrauen wächst eben nicht nach...das gibts nur gleich oder gar nicht.

    Deine Texte inspirieren mich sehr, ich mag deine Klarheit.

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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