Dienstag, 20. Mai 2014

Kinder haben ist schön

Das ist jetzt erstmal so ein Statement, bei dem jeder sagt: Klar, die liebt ja ihre Kinder. 

Aber lassen wir das 'es ist so schön, wenn sie einen zum ersten Mal anlächeln' und 'Kinder geben so viel zurück' weg. Das ist nämlich sehr oberflächlich und so gar nicht das, was ich meine.

Also, von vorne. 
Immer wieder lese ich Artikel von jungen Frauen, die zwar gerne mal Kinder hätten, aber sich nicht trauen und eine lange Liste aufzählen können, warum man eventuell jetzt oder auch gleich noch keine Kinder oder überhaupt keine Kinder bekommen will. Eines der Beispiele ist hier, aber es ist bei Weitem nicht das einzige.
Einerseits wird Mutterschaft oft als 'das Natürlichste' der Welt verklärt. Anderseits bekommen junge Frauen Angst davor. Sehr verwirrend und - wie ich finde - sehr unnötig.

Um das eine mal abzuhandeln. Ja, Kinder kriegen ist für die meisten Menschen keine Kunst. Es ist auch Aufgabe der Frauen ein Kind zu bekommen. Das Kinderaufziehen hingegen ist eine große Kunst und die geht alle was an, vor allem beide Elternteile. Das alles hat aber wenig mit Schicksal, Geschlecht oder Zauberei zu tun. In einer halbwegs aufgeklärten Gesellschaft kann sich wirklich jeder in die Kindererziehung mit einbringen (was viele durch Bücher und Blogs auch tun) und vor allem könnte die Kindererziehung so aufgeteilt werden, dass alle damit glücklich sind. Heute besteht in Deutschland die Möglichkeit, verschiede Familien- und Arbeitsmodelle zu leben. Die fallen zwar nicht vom Himmel, sondern man muss sie sich erarbeiten, aber grundsätzlich ist so einiges möglich.

Nun, woher kommt die Angst? 
Ich sehe viele Gründe. 

Zum einen das Gejammer. Mütter sind immer übermüdet, immer gestresst, immer verplant, immer am Organisieren, immer Schuld, wenn mal was nicht perfekt ist, immer verantwortlich, immer erreichbar. Sie machen immer alles falsch, oder alles richtig und gehen anderen Müttern auf die Nerven, weil sie die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führen. Mütter müssen beruflich zurückstecken und streiten oft mit dem Kindsvater.
Genau dieses Bild muss eine junge Frau bekommen, wenn sie Zeitung und viele Blogs liest und evtl. dann noch irgend ne blöde TV Sendung zum Thema sieht. 
Mal ehrlich, nichts davon ist wahr. Jedenfalls nicht so, wie es dargestellt wird.

Um das zu untermauern kommt jetzt ein höchst subjektiver Erfahrungsbericht, der zeigt, es ist alles eine Frage der Einstellung.

1. Ich kenne 5 Leute mit offiziellem Burn-out, die in Therapie sind/waren und Medikamente nehmen: Keiner davon hat Kinder. Alle haben sich ihre Krankheit auf der Arbeit geholt.

2. Ja, man ist manchmal müde, aber nicht so fertig wie mit nem Kater.

3. Ein Chef, dem man's nicht recht machen kann und deshalb Angst hat bei der Arbeit erzeugt Stress. Kinder erzeugen keinen Stress. Man muss keine Angst vor ihnen haben, denn die beißen nicht, bellen aber manchmal. Jedenfalls feuern sie einen garantiert nicht, sondern lieben einen immer.

4. Verplant ist nur, wer verplant sein will. Das schaffen auch Menschen ohne Kinder und Verpflichtungen sehr gut. Man kann auch einfach nichts planen und morgens mal die Kinder fragen: Hey, was machen wir heut? Wer meint, dies und das muss aber noch gemacht werden, oder wer unbedingt jeden Abend mit seinen Freunden ein diesen Grillfest aufziehen will, der kann das machen. Für Stress sind dann aber nicht die Kinder verantwortlich. Die sitzen auch gern mal zu Hause und spielen den ganzen Abend Karten. Generell gibt es relativ wenige Sachen, die wirklich gemacht werden müssen.

5. Organisieren muss man, das stimmt. Je besser, umso einfach wird der Alltag. Allerdings gilt: Es kommt immer anders als man denkt. Also reicht ein 'grober' Plan und ein paar feste Eckdaten.

6. Schuld ist so eine Sache. Man meint ja, es müsse immer jemand an irgendwas Schuld sein. So lange nix gravierend schlimmes passiert, kann man die Schuld getrost untern Tisch fallen lassen. Die braucht man nicht unbedingt zum Leben.

7. Perfektionismus. Wer darunter leidet hat vielleicht noch ganz andere Probleme als seine Kinder… Auch den kann man sich abgewöhnen. Zu Hause schaut's aus wie Sau? Kein Problem, das soll der Mann machen, oder die Kids, wenn sie alt genug sind. Keine saubere Wäsche? Bei Kindern eigentlich egal. Die haben 5 Minuten lang was sauberes an, dann hat sich das eh erledigt.

8. Verantwortung, ja die hat man. 

9. Erreichbarkeit. Einer schreit - Mama springt. Oder auch nicht. 

10. Der Beruf. Ja, es ändert sich schon was. Was und wie viel, bestimmt man aber zu einem guten Teil selber. Streit gibt es, aber man muss mit dem anderen Elternteil die Rahmenbedingungen aushandeln. Das ist so. Man muss seine Bedürfnisse artikulieren und dem anderen genau zuhören. Man muss teilen wollen und können und sich auf einander einlassen. Man muss vertrauen. Und man muss Handeln und Entscheiden und darf das nicht auf die lange Bank schieben. Übrigens, wer Entscheidungen treffen kann und will, der hat's im Leben generell leichter seinen Weg zu finden. Man darf eben nur nicht denken, der Weg würde von selbst mit Gold gepflastert vor einem erscheinen und einem ein sorgenfreies Leben ermöglichen. Man muss auch mit dem Chef Dinge neu aushandeln. Das ist so. Das kann auch schief gehen. Man sollte es in jedem Fall probieren.

Natürlich sind es nicht die einzelnen Punkte, die Angst machen. Es ist die Angst vor der Überforderung. Denn all das trifft ja auch auf den Job zu. Man bekommt also einen 2. Job dazu. Aber man muss sich mal eines klar machen: Wie frei bin ich denn, auch wenn ich keine Kinder habe? 
Auch hier meine Erfahrung: Ohne Kinder hab ich einfach immer gearbeitet. Ich war genauso fremdbestimmt. Frei war ich nicht sonderlich. Ja, ich konnte Sonntags ausschlafen und den ganzen Tag aufm Sofa lümmeln. Das kann ich jetzt nimmer. 
Wenn ich das aber will, kann ich immer noch abends schön Essen gehen, spontan mittags beschliessen ins Freibad zu gehen, ich kann wohnen wo ich will, ich kann fast jeden Urlaub machen, Freunde treffen. Jedenfalls kann ich das. Und ich mach das auch - mit Kindern und Ehemann. Ich besuche mal kurz Freunde an einem Nachmittag in einer anderen Stadt. Ich muss nur eine zusätzliche Tasche mit Wickelzeug, Lätzchen und Milchpulver mitnehmen. Die ist nicht groß.

All das muss man nur tun - jedenfalls wenn man nicht mit jedem Cent rechnen muss.
Denn Kinder kosten Geld. Aber wenn man ein Kind bekommt, muss man auch nicht schon vor der Geburt Unsummen in Ausstattung investieren. Das mal nur so nebenbei. Die laufenden Kosten für Kinder sind allerdings nicht zu unterschätzen. Wenn man jedoch 2 Elternteile zur Verfügung hat, die beide in der Lage sind, Geld zu verdienen und die staatliche Unterstützung hinzu rechnet, dann kann man schon überleben. Man geht halt eher zur Kindertauschbörse, als in die Stadt shoppen.

Man sieht durchaus, mit Kinder ändert sich einiges. Aber nicht grundsätzlich zum Schlechten. Und Zeit wird zu einem kostbaren Gut, das stimmt. Ist sie aber vorher schon, auch wenn man das mit Anfang 20 noch nicht so aufm Schirm hat.

Ich möchte auch erwähnen, dass der einzige Punkt, den ich 'gegen' Kinder gelten lassen würde gar nicht in der Liste vorkommt. Wer ein Kind bekommt, braucht Mut und einen funktionierenden Verdrängungsmechanismus. Zum Glück weiß man das nicht wirklich, wenn man noch keine wirkliche Beziehung zu seinem Kind hat: Man braucht den Mut so unglaublich viel gewinnen zu können, dass es einen zerbricht, wenn man es verliert. Die Angst vor dem Verlust, wäre wirklich das einzige Argument, das ich gelten lassen würde. 

Und nun möchte ich auch noch hinzu fügen, weshalb ich meine Kinder uneingeschränkt als Bereicherung empfinde und sie mich wirklich glücklich machen.

Natürlich sind meine Kinder die wunderbarsten und süssesten Kinder der Welt. Abgesehen davon habe ich mich noch nie so unglaublich tief und frei auf jemanden eingelassen, wie auf meine Kinder. Noch nicht einmal auf den Trüffel. Meine Kinder lieben mich uneingeschränkt, so wie ich sie liebe. Sie müssen nichts dafür tun, nicht artig sein, nicht hübsch, nicht hochbegabt. Meine Kinder lieben mich, weil ich ihre Mama bin und nicht weil ich attraktiv, smart, erfolgreich, reich oder sonstwas bin. Das unterscheidet die Beziehung zu meinen Kindern von allen anderen. Wir lieben uns, egal wer was 'falsch' macht, wer wie laut schreit. 
Es ist nicht einfach ihr Lächeln, oder das Kuscheln, sondern das tiefe Gefühl in mir: Das ist mein Kind und wir gehören zusammen für immer. Und es ist das Gefühl, dass ich meinen Kindern vermitteln kann: Ich bin deine Mama und ich bin da, für immer, egal was passiert. Ich beschütze dich und helfe dir und liebe dich - immer, bedingungslos.
Diese Nähe habe ich nur mit meinen Kindern. Die Unbedingtheit. Und die Freiheit, sie so zu lassen, wie sie sind. Ihnen zuzuschauen, wie sie ihr Leben beginnen. Wie sie ihr Leben gestalten. Ihnen zuzuhören, was sie brauchen, was sie erleben, wie sie alles erleben. Ich habe diese Freiheit, weil ich weiß, dass meine Kinder mich nicht verlassen, weil irgendwo anders eine bessere Mutter ist, eine tollere Perspektive. Ich kann meine Kinder so lassen und lieben, wie sie sind, weil nur ich ihre Mutter bin. Ich bin nicht austauschbar.

Trotz meines manchmal recht naiven Vertrauens in andere Menschen, habe ich dort diese Freiheit nicht. Wenn ich mich anderen öffne, dann werde ich angreifbar. Es entsteht eine Art einseitige Abhängigkeit, die die meisten Menschen als gefährlich einstufen. Auch wenn mir kaum einer was böses will, würde ich nie derart absolutes Vertrauen und so absolutes Einlassen an andere Menschen einfach so herantragen. Ich würde gewisse Sicherheiten verlangen, Konditionen aushandeln. 
Weil das bei meinen Kindern nicht so ist, achte ich besonders darauf, dass ich meine Liebe nicht an Bedingungen knüpfe. Sie ist nicht verhandelbar, sondern das Fundament unserer Beziehung. Keine Konditionen. Darum kann ich sie in Ruhe lassen, muss sie nicht gängeln, hab genug Geduld, auch wenn's mal laut wird, muss selten 'nein' sagen. Darum kann ich meine Bedürfnisse zurück nehmen und mir ihre anhören. Dann kann man immer noch entscheiden, wer wem auf dem Weg folgt (mit Ausnahmen, wie Verkehr etc.). Ich kann fragen: Was willst du? Ohne das Gefühl zu haben zurückstecken zu müssen. Ich kann erkennen was sie wirklich brauchen, ohne abgelenkt zu werden.

Man verändert sich, wenn man Kinder hat. Man lernt viel dazu. Man wird großzügiger und aufmerksamer, gelassener und fröhlicher. Zufriedener. Ich jedenfalls. Und das sind doch keine schlechten Eigenschaften, oder?

Und noch etwas. Ich habe entdeckt, dass diese Beziehung, die ich zu meinen Kindern habe, sich kaum unterscheidet, von der Beziehung zu meinen Eltern. Speziell zu meiner Mutter. Trotz aller Pubertätskonflikte und 'ich mach später mal alles anders' Argumente. Das ist vergessen, wenn man versteht, weshalb es heißt: Blut ist dicker als Wasser. 


Kommentare:

  1. Der wichtigste Grund ist aber wohl eher, dass diese Frauen, die nicht wissen, ob sie sich Kinder zutrauen - wohl auch nicht den richtigen Partner an ihrer Seite haben.
    Der sie in einem Maße unterstützt, dass nicht alles alleine an ihnen hängen bleibt. Der Sachen sagt wie "Wir schaffen das gemeinsam" oder sich wirklich kümmern will und die Erziehung gerecht aufteilen.
    Man bekommt Kinder ja nicht im luftleeren Raum - aber diese Überlegungen, dass Frau sich das "selbst nicht zutraut", nicht sicher ist, ob "sie" bereit ist... das klingt eben nicht danach, als ob man das gemeinsam entscheiden und zusammen tragen würde.
    Und dann ist so eine Skepsis vielleicht auch was Gutes.

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    1. Ja, das stimmt. Alleine kann man ein Kind nicht machen. Und die meisten wollen ein Kind nicht alleine groß ziehen.
      Wie man seine Partnerschaft gestaltet ist jedem selbst überlassen. Aber auch ohne Kinder finde ich eine gleichberechtigte Partnerschaft angenehmer.

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  2. Da stimme ich absolut zu.
    Aber den Partner muss man erstmal finden - und selbst da verfallen trotzdem viele Paare in alte Rollenmuster.
    Interessant fand ich den Artikel bei Das Nuf über das Elterngeld und die Kommentare dazu:
    http://dasnuf.de/zeug/elterngeld/

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