Montag, 31. März 2014

Selbstgebärend

Nachdem ich mich nun durch so manchen Blogbeitrag gelesen habe, den der Hashtag #selbstgeboren zur Folge hatte, bin ich erschüttert. 
Nicht, weil ich mich ausgeschlossen fühle auf Grund eines Kaiserschnitts. Nicht weil schon wieder zwischen guten und bösen Müttern unterschieden wird. 
Ich bin erschüttert davon wie schnell sich so viele Frauen - offenbar geht es ja nur um Frauen - ideologisch verblendet sein müssen oder wenn nicht, wie viele auf die Ideologie anderer Leute so verbissen reagieren. 

Dass dieses geplante Buch besagter Hebamme und die Bedingungen für die Einreichung von Geburtsberichten unterste Schublade ist, versteht sich für mich von selbst. Es ist auch in meinen Augen völlig wurscht, ob es um Schwangerschaft, Geburt, Stillen, Beikost, Schlafen, Erziehung zum Tyrannen oder sonst irgendwas im Zusammenhang mit Familiengründng und Familienleben geht. Wenn ein Mensch - aus welchem Grund auch immer - einer gewissen Idee so sehr verfällt, dass er sie zur Wahrheit erhebt, dann hat das, unabhängig vom Inhalt dieser Idee, nichts mehr mit Vernunft, Verstand oder Logik zu tun. Eine fixe Idee wird zur Ideologie, wenn sich alle Sinnhaftigkeit nur noch auf diese Idee gründet und zu diesem Zeitpunkt ist die Idee für den betreffenden Menschen bereits zur Realität geworden. Es ist für eine Diskussion, für Argumente oder Rücksichtnahme zu spät. 

Zu Recht beschweren sich Mütter, die den Kriterien ihren Geburtsbericht einzureichen 'nicht genügen'. Und doch lassen sich diese Frauen auf eine Scheindebatte ein. Meine Küchenpsychologie sagt mir, dass sie sich verletzt fühlen. Nur, wie kommt es, dass sich so viele Frauen von einer einzigen Hebamme derart verletzen lassen können? Wie kommt diese Hebamme zu so viel Macht?
Doch nur, weil die Frauen sich schon vorher an die Kandare nehmen liessen. Von ebendieser Ideologie. Das erschüttert mich, denn ich denke, es gibt nur wenige Mütter, die umfassende Unterstützung in Bezug auf ihre Kinder brauchen. Wenige im Vergleich dazu, wie viele Frauen Kinder bekommen. Die meisten sind schwanger, bekommen ein Kind und ziehen es groß. Mit allen Ängsten und Problemen, die diese Frauen meistern, ohne dass dabei jemand zu Schaden kommt. Die meisten machen das gut und brauchen sich darum gar nicht erst zu fragen, ob sie etwas 'falsch' gemacht haben. Sie brauchen sich nicht angesprochen zu fühlen und sich damit auseinanderzusetzen.

Nun mag es sein, dass ich ein sehr ausgeprägtes 'ihr-könnt-mich-alle-mal-Bewusstsein' habe, dass ich sehr arrogant bin oder einfach nur ignorant. Denn schon in der in der 5. Klasse dachte ich mir so manches Mal  bei meinem Klassenlehrer 'der schätzt auch viel Sch*** wenn der Tag lang ist'. Ich hab sehr schnell auf Durchzug geschaltet und dass tu ich heute auch noch, wenn mir jemand irgendwas erklären will, ohne, dass ich eine Frage gestellt hätte. Bei Leuten, in deren Sätze 'man muss', ' man sollte' etc vorkommen, versteh ich nur blablablabla… (besonders viel Freude daran hat meine Schwiegermutter, eine pensionierte Lehrerin).

Mag sein, dass andere Leute da nicht so reagieren. 
Fakt ist, dass ich mich dem ganzen Kinderzeugs auch nicht grundsätzlich entziehe. V. a. in der ersten Schwangerschaft, war ich ebenso empfindlich und unsicher. Ich habe mich jedoch dank meiner Eigenart schnell zurückziehen können, wenn ich bei etwas auch nur ein ungutes Gefühl hatte. Freiwillige Isolation braucht aber leider ein gewisses Maß an Selbstvertrauen. Mein Motto war schon seit der Grundschule: Wenn all die anderen Knalltüten das schaffen, dann kann ich das dreimal. Aber das hat auch Konsequenzen. Die muss man erstmal ertragen können.

Ich würde also allen Frauen, die sich angegriffen fühlen, wünschen, dass sie die Kraft und Zeit, die sie in ideologische Scheindebatten stecken, für etwas nutzen, dass ihnen Freude bereitet.

Nun zum Thema 'selbstbestimmte Geburt'. 
HÄÄÄ? 
1. Woher kommt eigentlich die blöde Idee, eine Geburt sei etwas Schönes, Erstrebenswertes, ein besonderer Moment? Geburten waren schon immer ein Risiko im Leben einer Frau und im Leben des Kindes. Ein echt heikler Moment. Und gar nicht lustig. 
Ein gesundes Kind im Arm zu halten, DAS ist etwas Schönes, Erstrebenswertes und ein besonderer Moment!
2. Trotz moderner Medizin, gibt es seeeeeehr viele Frauen, die etwas unter einem Hashtag #selbstgestorben posten könnten. Um ein Haar, wäre es bei mir auch so weit gewesen. 
3. Bei beiden Geburten wäre ich nicht in der Lage gewesen, auch nur zu entscheiden, ob ich Wasser oder Saft trinken will. Ich war total benebelt und rechne meinem Mann hoch an, dass er in diesen Momenten ganz hervorragend die Führung übernahm.
4. Ärzte. Die machen Fehler, vor allem im Auftreten und Vertreten ihrer Meinung. Genauso, wie ich einer Chefärztin schon um den Hals gefallen bin, bin ich schon aufgestanden und hab einem Oberarzt gesagt, er solle mal den Mund halten und mich mit seinem Geschwätz verschonen und bin dann gegangen. Ich hab auch schon eine Nachsorgehebamme rausgeschmissen mit dem Kommentar, sie sei medizinisch unfähig und solle sich erstmal eine geeignete Ausbildung antun, bevor sie über medizinische Befunde nachdenke. 

Sowas ist nicht nett, aber es geht. Auch wenn diejenigen dann beleidigt sind. Man muss es nur tun. 
Mein Körper, mein Kind, meine Schwangerschaft, mein Leben. 

Sicher hätte man das alles diplomatischer ausdrücken können - was die meisten Menschen Dank vermeintlich guter Kinderstube auch tun. Allerdings wird man umso ernster genommen, je deutlicher man sich ausdrückt. Wer sich durchsetzen will, muss den Mund aufmachen - am besten als erstes, bevor jemand anders mit 'man sollte' anfängt. 

Mediziner und Hebammen machen einen tollen Job, und während der Geburt sind sie die Verantwortlichen, WEIL ich nicht zurechnungsfähig bin. Die wollen einem nix Böses, die wollen, dass hinterher alle gesund und munter sind. Dennoch kann ich etwas ablehnen, warum auch immer. Ich muss es nur tun. Vor allem aber kann ich mich, so es die Situation zulässt mit meinem Partner oder einer anderen Person beraten. Geht das nicht, muss ich vertrauen. Wenn ich das eh nicht tue, gehe ich gar nicht erst dorthin, wo man Ärzte findet. 

Für viele Menschen ist es ein Problem, eine Entscheidung zu fällen. Zumal eine wichtige. Agnostiker haben solche Probleme oft. Es ist der Weg der goldenen Mitte, der im Alltag gut funktionieren mag, aber in Extremsituationen oftmals nicht weiter hilft. Wenn eine Entscheidung her muss, dann muss eine Entscheidung gefällt werden und wenn ich mich nicht traue, dann tut es jemand anders. Bei der Geburt in der Klinik eben das medizinische Personal 'in meinem Sinne'. 
Das Problem ist wie immer: Das Kind steckt in mir drin, also muss ich die Konsequenzen tragen. Ich muss damit leben. Egal welche Entscheidung getroffen wurde. 

ABER, das gilt für jede Frau unter Geburt und für jede, die keine Kinder bekommt und für jeden Mann und überhaupt für alle Entscheidungen. So ist das, wenn man erwachsen ist. Darum unterscheidet man ja auch zwischen Erwachesenen und Kindern. 

Mein Fazit war schon vor der ersten Geburt klar: Ich mag Geburten nicht. Ich bin gern schwanger und ich habe gern Kinder, aber ich mag Geburten nicht. Geburten sind nicht lustig. Geburten sind anstrengend und manchmal gefährlich und höllisch schmerzhaft. Ich habe eine Geburt erlebt ohne Eingriffe, ganz ohne Medikamente. Ich hatte keine Kontrolle, konnte keine Pause machen, sondern nur schreien. So laut, dass man mich 2 Stockwerke drüber noch hörte. Die Wehen kamen einfach und ich war allem vollkommen ausgeliefert. Meine einzigen klaren Gedanken waren, dass sich so ein angeschossenes Tier fühlen muss, oder jemand, der schwerverletzt nach einem Unfall im Strassengraben liegt. 
Ich habe auch eine Geburt erlebt mit erheblichen Komplikationen, einem so genannten Trauma. Allerdings war es nicht traumatisch, denn ich konnte ja gar nicht mehr klar denken. Ich lag da und fragte mich nach 15 Stunden, warum die Oberärztin reinkam und dann wieder raus rannte. Und auf einmal war der Raum voller Menschen und die Chefärztin der Klinik hebelte mit bloßen Händen mein Kind aus mir raus und keiner zeigte mir mein Kind. Ich konnte auch nix sehen, weil 5 Leute sich um mein Kind auf dem Wickeltisch scharrten. Und mein Mann ging auch weg und ich lag da und fragte mich, warum denn jetzt alle weg waren und ich da allein lag und sich keiner um mich kümmerte. Welch ein Glück, hab ich nix kapiert. Welch ein Glück, haben alle anderen kapiert, was los war. 

Ich mag Geburten nicht und ich kann auch gut damit leben, wenn andere für mich entscheiden, wenn's sein muss. Und ich werde noch weitere Kinder gebären, auch wenn ich dabei keinen Spaß habe. Ich habe Spaß am Ergebnis.

Warum geht es anderen Frauen nicht so?

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