Donnerstag, 4. Juli 2013

Vorsorge

Mir passierte da etwas - letzte Woche. Das beschäftigt mich.

Ich muss zugeben, ich bin von vorne herein skeptisch gegenüber Schwangerschaftsvorsorge. Nicht, weil ich es falsch oder überflüssig finde. Nein, im Gegenteil. Ich trete entschieden für schulmedizinische Massnahmen ein. Ich erkenne klar den Vorteil von Vorsorgeuntersuchungen.

Was mich aber enorm stört ist, dass ich als gesunde Schwangere zum Arzt gehe und dort als potentiell Kranke behandelt werde. Nicht als Gesunde, nicht als Erwartende. Es ist immer das Gefühl, man will mir etwas anhängen.

Nun, in der Schweiz, wird Anfang des 7. Monats ein Diabetestest gemacht bei allen Schwangeren. An sich eine gute Sache. 
In der Klinik gibt es dabei verschiede Abwägungen zu machen. Man braucht ein Screening, dass alle Betroffenen erfasst, wenig Organisation und Personal benötigt und nicht belastet. Allein daraus ergibt sich ein gewisses statistisches Problem. Man braucht einen Kompromiss, der eine haltbare Zahl falsch negativer Ergebnisse einer gewissen Zahl falsch positiv Diagnostizierter gegenüber stellt. 
Als Wissenschaftlerin ist mir das mehr als klar. 

Noch vor Jahren wurde routinemässig ein OGT75 gemacht. Das fanden weder die Schwangeren, noch die niedergelassenen Ärzte gut. Also misst man nun den Nüchternglukosewert, setzt Grenzwerte fest und diagnostiziert. Das ist absolut legitim, wenn auch statistisch durchaus diskutabel.
So wurde auch bei mir GDM diagnostiziert.

Nun weiß ich nicht nur einiges über Statistik und wissenschaftliche Studien, sondern auch über Diabetes. Und ich war mir sicher, ich bin gesund. Keine Risikofaktoren, sowieso unglaublich gesunde Ernährung, dafür aber durchaus Stress und kleinere Infektionen. 

Mein Gespräch mit der Assistenzärztin war zudem hochinteressant. Ich musste mit ihr noch so einiges weiteres diskutieren, weil ich mit einigem nicht einverstanden war. Dann sagte sie mir in genau diesen Worten: Frau Rosalie, sie haben GDM, aber wenn wir das behandeln, können sie vielleicht eine normale Geburt haben. Kommen Sie dann bitte in 4 Wochen wieder. Haben sie noch Fragen? 
Äh, nein danke.

Ich ging nach Hause und als ich mich beruhigt hatte, mit einigen Leuten gesprochen und über das Ganze nachgedacht hatte, wendete ich mich nochmals an die Klinik, um mal ein ernstes Wort mit einem der Oberärzte zu reden.
Das erwies sich als nicht ganz so einfach. Klar, die haben auch viel zu tun. 

In der Zwischenzeit erhielt ich per Telefon einen Termin bei der Diabetesberatung. Dort teilte man mir auf Nachfrage mit, es werde keine weiteren Tests geben, ich werde instruiert, wie man Blutzucker misst und Tagebuch führt und Diät hält. Ich hab dann nachgelesen - die wollen 6 Messwerte am Tag! Find ich persönlich jetzt ein ganz klein bisschen übertrieben...
Die Dame fing ihre Sätze im Übrigen mit 'Sie müssen dann...' an. 

Über Umwege saß ich dann doch irgendwann vor einem Oberarzt. Der konnte meine Argumentation verstehen und man schob mich zu einem OGT75 zwischen 2 Termine rein.

Das Resultat: natürlich bin ich kerngesund. Jedenfalls ist das für mich natürlich. Ich kenne meinen Körper extrem gut und bin auch kein bisschen verblendet. 

Das ist bei mir der Fall. Ich weiß das. Ein Arzt, der viele 100 Schwangere im Jahr sieht, mag sich aus gegebenem Anlass nicht daran orientieren. 

Dennoch, ich mag es nicht so behandelt zu werden. Ich muss nämlich gar nichts, auch nicht zur Vorsorge. Ich muss auch mit GDM nicht Blutzuckermessen, wenn ich nicht will. Ich kann das alles in Anspruch nehmen, aber ich muss nicht. Das geht gern vergessen in einer Situation, in der sich medizinisches Personal über den Patienten stellt. 

Das ist kein Vorwurf, denn die Assistenzärztin mag damit nur ihre Unsicherheit kaschieren. Oder sie meint, sie hätte den Durchblick, weil sie Medizin studiert hat. Aber ihr mag einfach die Erfahrung gefehlt haben. 
Jedenfalls steht ganz klar viel zu wenig die Aufklärung im Vordergrund, dafür werden viel zu viele Untersuchungen gemacht, weil die Kasse sie halt zahlt. 

Bei der Durchsicht meiner Akten fiel mir so auf, dass für 2 Schwangerschaften insgesamt 3x Antigentests gemacht wurden zur Bestimmung der Blutgruppe. Ob mir ein Mediziner erklären kann, weshalb sie vermuten, meine Blutgruppe würde sich alle 5 Minuten ändern? Wohl kaum.

Hinzu kommen ständig Blutuntersuchungen, die bei mir echt nicht nötig sind und die ich dementsprechend ablehne. Ich muss das jedesmal rechtfertigen, weil ich von den Ärzten regelrecht angegangen werde. Dabei sollte die mich erstmal überzeugend aufklären, weshalb ich diese Untersuchungen machen lassen soll. Ich rede hier von ständigen HIV Tests, Clamydien, Papilloma, Titterbestimmungen aller möglichen Krankheiten, gegen die ich aber sämtlich geimpft bin und auch nicht zu einer Risikogruppe gehöre. Sie wollen mit Eisentabletten geben, dabei ist mein HB super gut, genauso Magnesium, dabei hab ich weder Beschwerden und mein Muttermund ist geradezu vorbildlich. 

Nun das alles gibt Geld. Klar. Aber ich bekomme alle Rechnungen zu Gesicht. Möchte einer wissen, was so eine PCR kostet? Nein? Besser so. Ich jedenfalls kann das in meinem Labor um ein Viertel dessen machen...

Es ärgert mich einfach. Denn ich bin gesund und möchte auch nicht als Risiko behandelt werden. Mein Kind ist auch gesund. Ich weiß das. Es ist in meinem Bauch und ich weiß sehr genau, was da so vor sich geht. Ärzte sollten das respektieren. 
Und sie sollten sich zur Abwechslung mal darüber freuen, wenn keine Menschen mit echt gravierenden Probleme vor ihnen sitzen. Das ist ja gerade das schöne an der Geburtsheilkunde. Auch wenn dieses Fachgebiet noch so unberechenbar ist, man hat doch auch kerngesunde Schwangere, die einfach guter Hoffnung sind, vor sich sitzen. Kein anderer Arzt (ausser vielleicht ein Kinderarzt z.T.) kommt in diese Situation.

Und abgesehen von falschen Diagnosen, wie reagieren wohl andere Frauen? Sie machen sich Sorgen, verlieren das Gefühl für ihren Körper, fokussieren auf das Risiko, statt vernünftig mit ihrer Schwangerschaft umzugehen. Es entsteht ein Hype und dann eine Gegenbewegung. 
Verunsicherung medizinischer Laien hat fatale Auswirkungen auf das Gesundheitssystem und dann auf die Gesellschaft. 
Da diskutieren dann Leute dogmatisch über PDAs, Geburtshäuser, Kaiserschnitte, Stillen, Impfen etc. Nicht-Aufklärung ist gar keine schöne Sache. 

Dabei ist eine Schwangerschaft erstmal kein Grund zur Sorge, sondern zur Freude. Diese pathologisierende Sorgenkultur führt zu einer Absicherungsindustrie, die mir reichlich suspekt ist. Ein klarer Fall von 'gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht'. Dabei wollen Ärzte einem eigentlich nichts Böses. 

So versuche ich mich so weit es geht aus dem System zurückzuziehen. Ich mache, was mir vernünftig erscheint, denn man braucht nicht alle 2 Wochen einen US, Zusatztabletten, und Schnickschnack. 

Medizinischer Fortschritt, so wie viele andere Dinge scheinen die Menschen enorm zu überfordern. Und als Gegenbewegung zelebriert man dann Natürlichkeit, die genauso überfordert. So hat nichts mehr Ziel und Maß, alles ist überbordend. Und keiner mehr von Herzen frei und glücklich. 
Sehr schade. Wo wir hier auf diesem kleinen Flecken Erde so ein gutes Leben haben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen