Montag, 8. Juli 2013

Von der Abhängigkeit

Zunehmend konfrontiert mit den Mama-Themen, die in Deutschland so die Runde zu machen scheinen, hab ich mir mal so meine eigenen Gedanken gemacht, was Kinder bedeuten und wie sie heute offensichtlich wahr genommen werden.

Zeitungen, Blogs, Mitschüler, die ich wieder treffe... sie alle vermitteln mir ein Bild von Familie, das ich nicht einfach übernehmen kann. Bekommt frau ein Kind ist dieses auf einmal der Nabel der Welt. Das geht mir nicht runter. 

So sehr ich jede Minute mit Kind genieße, das Kindeswohl steht nicht grundsätzlich über meinem oder dem des Trüffels. Die Wünsche meines Kindes sind nicht wichtiger als meine Wünsche. Es ist nicht meine Intention mich ausschliesslich mit meinem Kind zu beschäftigen, so wie es nicht seine Intension ist, nur mir seine Aufmerksamkeit zu widmen.
Wir sind ein Team - ein sehr gutes - wie ich sagen muss. 
So lange wir alle gesund sind, hat jeder ein gewiesenes Maß an persönlichem Freiraum in dem der andere nichts zu suchen hat.

Mir wurde sehr bestimmt gesagt, dass ich das nicht so sehen könne, weil doch mein Kind so sehr abhängig sei von mir. Weil es doch Schaden nehme, wenn ich diese Abhängigkeit ausnutze oder ignoriere.

Da kam bei mir die Frage auf, wer hier in welchem Maße von wem abhängig ist? 

Nun, kommt das Kind auf die Welt ist es erstmal relativ stark von meiner Hilfe abhängig. Es ist aber nicht einfach ein hilfloses Bündel. Ein Baby so zu sehen, würde seine Kompetenzen, mit denen es geboren wird, glatt negieren.
Klar, es würde verhungern, wenn ich es nicht füttern würde. Aber es kann sich zumindest klar und deutlich mitteilen. 

Diese Phase dauert nur wenige Wochen. Etwa nach zwei Monaten erkennt das Kind: Da ist eine Mama und ein Papa und da bin ich. Ist dieser Schalter umgelegt, fehlt ihm vielleicht noch zunächst für einige Wochen die Muskelkraft, um die Welt zu erkunden, aber klar ist: Von diesem Augenblick an rutsche ich als Mama auf Platz zwei der wichtigsten Personen im Leben des Kindes. 
Auf Platz eins steht das Kind selbst. 

Und genau da beginnt der für Eltern so schwierige Prozess des Loslassens. Mein Kind strebt auf einmal ganz deutlich von mir weg. Hin in sein eigenes Leben mit eigenem Willen, eigenen Vorlieben, eigenen Bedürfnissen. Jeden Tag ein bisschen mehr. 
Mein Kind arbeitet mit Hochdruck daran, seine Abhängigkeit von mir zu lösen.

Natürlich, zu Beginn trifft das nur auf Kleinigkeiten zu. Auch ein Halbjähriges würde verhungern, würde ich es nicht füttern. Aber wer schon mal ein 6monatiges Baby daran hindern musste irgendwo hin zu robben, oder seine Hand wo reinzustecken, der weiß, dass Mamas Wort schon lang nicht mehr das Maß aller Dinge ist.

Von Woche zu Woche interessiert sich mein Kind weniger für mich. Alles andere auf dieser Welt ist interessanter als die Mama. Die Mama ist der sichere Hafen, sie ist da um Kraft zu geben, zu trösten, zu kuscheln, Grundbedürfnisse zu stillen etc. Aber mein Kind würde nie auf die Idee kommen, dass sich alles nur um Mama dreht. 
Wieso sollte es da Sinn machen, wenn sich im Leben der Mama nur noch alles um das Kind dreht?
Die Mama bietet Sicherheit, aber sie steht nicht im Mittelpunkt.

So häufen sich die Situationen, in denen das emotionale und psychische Abhängigkeitsverhältnis in Schieflage gerät. Nur wenige Monate nach der Geburt ist auf einmal faktisch die Mutter in höherem Maße vom Kind abhängig, als das Kind von ihr. 
Je ideologisierter und mystifizierter das Mutter-Kind-Verhältnis aufgeladen wird, desto stärker die Schieflage des Abhängigkeitsverhältnisses.
Mein Kind interessiert sich von Jahr zu Jahr weniger für mich, aber ich soll mich als gute Mutter für den Rest meines Lebens hauptsächlich für mein Kind interessieren? In der Realität gar nicht möglich und wie ich finde nicht wünschenswert. 
Mein Kind ist mein Kind, nicht mein Herr und Meister. Im Gegenteil - ich soll es ja erziehen, also MUSS ich oft genug meine Meinung über seine stellen. Im besten Falle kann ich dem Kind seine Meinung als gleichberechtigt zugestehen. Bei ungefährlichen Sachen und Kleinigkeiten.

All das leuchtet wahrscheinlich den meisten Menschen noch ein. Warum dann der Muttermythos? Warum diese Debatten? Warum soll die Mutter zum Kind gehören?

Ich kann mir zwei Hauptgründe vorstellen. 
Zum einen gibt es für Eltern wohl nur zwei wichtige Dinge im Leben mit Kind die unsägliche emotionale Schmerzen verursachen: Sein Kind zu verlieren und sein Kind erwachsen werden zu sehen. Die Eltern verlieren in beiden Fällen, auch wenn der Tod eines Kindes ungleich schlimmer ist. Ich sehe aber genügend Frauen, die schwer unter dem Schmerz leiden, dass ihre Kinder groß werden und sich nicht für sie interessieren. Vielleicht schmerzt es auch einfach, wenn man merkt, wie sehr man als Mutter von seinem Kind abhängig ist. Das dürfte ein ernsthaftes Problem für jedes Ego darstellen.
Zum anderen scheint es auf den ersten Blick tatsächlich eine Summe von Fehleinschätzungen auf Grund von Abhängigkeitsverhältnissen innerhalb der Familie zu sein. Die Annahme, dass Kinder hilflos sind, dass klare Rollenbilder das Leben vereinfachen, dass klare Hierarchien zu klaren und effizienten Verhaltensweisen führen, dass Machtstrukturen das Zusammenleben sinnvoll regeln können. 
Selbst wenn jeder eine klar definierte Aufgabe haben mag, so ist doch kein Mensch eine Maschine. Und individuelle Bedürfnisse einfach zu ignorieren kann nicht funktionieren  Tut es offensichtlich auch nicht, sonst gäbe es keine Debatten, Gewalttaten, Scheidungen etc.

Ich tu mir auch schwer damit, dass meine Tochter immer weniger meiner Fürsorge bedarf und ich warten muss, bis sie auf mich zu kommt und etwas von mir will. Und doch überwiegt bei mir eindeutig der unbändige Stolz auf dieses Kind, dass ohne Angst und mit voller Neugier alles hinterfragt und bestaunt. Mein Kind kennt noch keine Scham und auch keine Angst. Das ist verdammt gut und bisher haben sich meine Anstrengungen als Mutter wohl gelohnt - auch ohne Glorifizierung meiner Aufgabe.
Zudem halte ich es für unabdingbar mein Kind grundsätzlich als Person zu respektieren und von ihm respektiert zu werden. Wie aber relativ starke Abhängigkeitsverhältnisse mit Respektverhältnissen zu kombinieren sind, ist mir ein Rätsel. Ich kann mir schlicht keine vernünftige Lösung dieses Problems vorstellen.

Ich möchte noch anfügen, dass ich zwar absichtlich aus meiner Sicht als Mutter formuliert habe, ich aber das 'Mutter' ohne weiteres durch das 'Vater' ersetzen würde. 

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