Samstag, 4. Mai 2013

Der Name

Es steht nun bald der zweite Geburtstag an und das Ferkelchen plappert seit einiger Zeit in allen möglichen Sprachen vor sich hin. 
Das ist sehr schön anzuhören, auch wenn sie sehr wütend wird, wenn ich nicht gleich verstehe, was sie meint. Eigentlich ist ihre Aussprache recht gut, aber sie lässt ja noch oft Buchstaben und Silben weg. Da kann's bei ganzen Sätzen schon mal kompliziert werden. 

Das alles fing an mit der Papageinphase. Egal was man sagte, sie plapperte es nach. Jetzt sind wir schon bei einfachen frei gesprochenen Sätzen und sie fängt an von mir zu erfragen, wie dies oder jenes heißt.
Schön finde ich das, dieses den Dingen einen Namen geben. Sie wird sich nun erst bewusst, dass alles einen Namen hat und es Wörter für alles und jeden gibt. 

Ich bin ja gerade in der gegenteiligen Phase. Ich tendiere mit höherem Alter und Bildungsstand dazu, immer mehr unbenannt zu lassen, keinen Begriff zu verwenden, keine definierenden Worthülsen und vor allem keine Abkürzungen.
Das ist irgendwie komisch. 
Im Berufsleben benutze ich ja eine Fachsprache, meist sogar in einer Fremdsprache. Da sitzt jedes Wort und man sagt klar und deutlich, was man sagen will.

Mit der Einführung in ein neues 'Berufsfeld' (Elternschaft) kamen ja eigentlich zahlreiche Fachbegriffe hinzu. Das biologische Zeugs aus der Entwicklung und den Ärzteslang versteh ich ja nun problemlos - berufsbedingt. Der Rest ist mir komischerweise egal. 
Immer wieder jedoch stoße ich auf 'Fachbegriffe' aus dem Elternslang. Nicht, dass ich mit dem Gemeinten nicht vertraut wäre, aber ich würde selbst nie von Windeldermatitis reden. Bei uns ist ein wunder Po ein wunder Po. Und wenn's schlimm kommt, ist es halt ein Pavianärschle.
Gut eine Dermatitis ist kein gutes Beispiel, medizinische Begriffe sind mir ja geläufig...

Anders war es, als ich von BLW las. Da ich nur BWL kenne und ganz clever kombinierte, dass DAS wohl nicht gemeint sei, googelte ich. Und siehe da, ich lernte hinzu. Allerdings ein Jahr zu spät. Da ass mein Ferkelchen eh schon, was es denn wollte. Erstaunt war ich, dass da ein ganzes Konzept dahinter steckt. Blöd wie ich war, hab ich dem Ferkelchen halt mit 5 Monaten immer wieder was angeboten. Bevorzugt, was ich auch essen würde, also Kartoffelbrei, Apfelbrei etc. Dann irgendwann Nudeln und Reis. 
Mir war eh klar, dass sie sich an den Eltern orientieren würde. So gehörte auch 'Nitsel' zu den ersten Worten meines Kindes. Sie isst von Anfang an eh nur, was ihr schmeckt. Und wenn sie keine Lust auf das eine hatte, hab ich ihr immer schon was anderes angeboten. Obst und Gemüse und Fleisch...

Als wir mit dem 10-monats-Ferkel in Italien waren, bestellten wir eine Käse-Platte. Ganz widerlich stinkender Peccorino blieb übrig, den haben wir ihr zum Spass vor die Nase gehalten. Sie schnappte danach, wie ein Hund nach der Wurst. Seither geht nix ohne Stinkekäse am Tisch. Also von mir hat sie das nicht... 

Jedenfalls war mir gar nicht klar, dass man das auch anders machen könnte und es deshalb ein Konzept namens BLW gibt. Ich kam nie auf die Idee das zu benennen. Ich ess ja auch nur, wann ich will und was mir schmeckt.

Ich hab auch nie einen Erziehungsratgeber gelesen (schon gar nicht von der Spiegel-Bestseller-Liste), aber ich werde immer mal wieder damit konfrontiert, dass man die eine oder andere meiner Methoden in größere Konzepte einfügen kann. 
Das ist mir ja auch durchaus klar, denn Pädogogik ist ja nun auch eine Wissenschaft für sich. Nur, dass Nichtwissenschaftler mich danach fragen, ob ich denn diesen Stil, oder jene Schule oder welches Pädagogikkonzept bevorzugt anwende - das ist neu für mich. Ich oute mich da jedesmal offensichtlich als Idiot. 
Wenn ich sage, ich mach's halt so, wie ich es für Richtig halte und dem keinen Namen gebe, bin ich auch schon komisch angeschaut worden. Von einer Akademikerin erwartet man offenbar anderes. 
Aber ich interessiere mich nicht mehr für Fachbegriffe. Dieses Thema hab ich ausführlich abgehandelt in meinem Leben. 

Nun bekam ich bei einer Vorsorgeuntersuchung eine Einladung zu einem Vortrag mit Diskussion zum Thema 'Stillkompetenz'. Da musste ich herzhaft lachen. Ich persönlich kann einfach nicht mehr darauf anspringen. 

Ich weiß aber, dass Fachbegriffe und Schlagwörter den meisten Menschen helfen Themen einzuordnen und zu kategorisieren. Was einen Namen hat, kann beurteilt werden und gegebenenfalls bekämpft oder favorisiert werden. Man nennt das Kind beim Namen. 

Ich hab da wohl den klassischen Freud meiner Tochter übernommen. Wie fast alle Kinder antwortet sie auf die Frage: 'Wer ist das Ferkelchen?' 'DU!'
So ist das eben mit der Kategorisierung... Aber Personalpronomen sind auch inhaltlich nicht so eine einfache Angelegenheit.

Im Grunde denke ich auch nicht weiter darüber nach. Ich hör lieber meinem Ferkelchen zu, wenn sie mir auf dem 'Pielpatz' von der Rutsche papagienartig zuruft, was die türkische Mama ihrem Kleinkind gerade versuchte klarzumachen. Ob da auch Fachbegriffe dabei sind, kann ich leider nicht beurteilen...

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